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Das Bild Mexikos im Werk Graham Greenes

Das Bild Mexikos im Werk Graham Greenes
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Nathalie Fulfs
  • Abgabedatum: November 1998
  • Umfang: 142 Seiten
  • Dateigröße: 1,8 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5802-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5802-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5802-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Fulfs, Nathalie November 1998: Das Bild Mexikos im Werk Graham Greenes, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Greeneland, Reiseliteratur, Katholizismus, Lateinamerika, Uwe Böker

Magisterarbeit von Nathalie Fulfs

Einleitung:

Diese Arbeit untersucht das Bild Mexikos im Werk Graham Greenes anhand seiner journalistischen Essays und Kurzgeschichten, seines Reiseberichts The Lawless Roads (1939) und des Romans The Power and the Glory (1940).

Obwohl die Relation zwischen den großepischen Werken hinsichtlich der Quellenfunktion des Reiseberichts für den Roman eine bereits von der Literaturwissenschaft vielfach diskutierte und in den Ergebnissen redundante Fragestellung darstellt, bemühen sich nur wenige Forschungsarbeiten um eine umfangreichere Analyse der Darstellung Mexikos und berücksichtigen selten Greenes gesamten mexikanischen Textkorpus. Dieser Tendenz versucht diese Arbeit entgegenzuwirken, indem der Reisebericht vor allem wegen des Milieus und der historischen Argumentation sowie der autobiographischen Bedeutung berücksichtigt wird, während der Roman auf einer symbolischen Ebene die Transformation dieser Reiseeindrücke darstellt. Aufgrund der Essays und Kurzgeschichten wird eine eindeutige Aussage über Greenes Darstellung des mexikanischen Landes erwartet.

Diese Arbeit unterstützt den von der jüngeren Literaturwissenschaft verfolgten mehrdimensionalen Interpretationsansatz und strebt an, diesen hinsichtlich der Mexikothematik zu konkretisieren. Graham Greene wird zu Recht als ein bedeutender katholischer Schriftsteller bezeichnet, der in seinen großen Romanen, zu denen auch das in dieser Arbeit berücksichtigte Werk zu zählen ist, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Dogmen und der katholischen Frömmigkeit verfolgt. Der zunehmende Abstand von der religiös dominierten Deutung des Werkes ist dennoch als zweckmäßig zu erachten, da bereits in der mexikanischen Thematik religiöse und politische Aspekte miteinander verflochten sind. Gerade hinsichtlich der expliziten Fragestellung dieser Arbeit erweist sich ein ausschließlich religiöser Deutungsansatz als zu restriktiv und könnte nur einen Teil des mexikanischen Gesamtbildes berücksichtigen. Diese Arbeit wird zeigen, daß sich Greene neben religiösen Fragestellungen auch mit anderen gesellschaftlichen Themen konfrontiert sah und die eindimensionale Interpretation Greenes Ideologie mißachtet.

Darüber hinaus wird diese Arbeit beweisen, daß Greenes Mexikobild sehr stark selbstprojektiv verzerrt ist. Mit dieser Selbstprojektion ist gemeint, inwiefern der Schriftsteller die äußeren Umstände der Reise auf seine eigene Vor- und Einstellung bezieht und wie er so die Umgebung ordnet und bewertet. In diesem Zusammenhang verhilft besonders die Untersuchung der Natur (vgl. 4) zu einer ausdrucksstarken Analyse.

Die selbstprojektive Mexikokonzeption macht gleichermaßen den Einblick in Greenes Beurteilung des post-revolutionären Mexiko als Mikrokosmos globaler Konstellationen möglich: „The world is all of a piece, of course; it is engaged everywhere in the same subterranean struggle, [...]” (LR, 29). Zum Zweck der Verifikation dieser Hypothese werden schließlich Kategorien gebildet, die einerseits die Rechtmäßigkeit der argumentativen Tendenz der Sekundärliteratur hinsichtlich des mehrdimensionalen Interpretationsansatzes bestätigen und andererseits das Sezieren des Mexikobildes in Greenes Werk und somit die Analyse des mexikanischen Totalitarismus ermöglichen. Diese Arbeit strebt an, die diesbezüglich vorhandene Forschungslücke ein wenig zu füllen.

Diesbezüglich ist festzustellen, daß die natürlichen und zivilisatorischen Elemente Mexikos durch zahlreiche Symbole und Leitmotive verbunden werden. Greenes Schauplätzen wird daher häufig eine verfremdete Darstellung unterstellt, da sein Oeuvre von moralischer Leere, Haß, Mißtrauen, Verantwortungs- und Hoffnungslosigkeit, Schäbigkeit, Gefahr, der Frage nach Schuld und menschlicher Schlechtigkeit durchzogen wird. Kritiker bewerten die in diesem Sinne konzipierte Landschaft als einen erheblichen Beitrag zur Textaussage und fassen das Konglomerat dieser Elemente unter der Bezeichnung ‘Greeneland’ zusammen. Greene wehrte sich gegen den Begriff und die damit verbundene Vorstellung, daß ein solches Territorium künstlich konzipiert werde, da dieses seinem Anspruch an die realistische Darstellung seiner Schauplätze widerspricht: „[...] I have sometimes wondered whether they go round the world blinkered.” Tatsächlich vermittelt Greene das Lokalkolorit Mexikos außerordentlich genau und anschaulich.

Detailliert werden nachfolgend die Forschungsergebnisse bezüglich des Oeuvres sowie der Mexikothematik dargestellt. Anschließend werden einige theoretische Bemerkungen über die englische Reiseliteratur die Grundlage für die autobiographische Bedeutung des Reiseberichts schaffen. In dieser Auseinandersetzung ist es außerdem erforderlich, soweit es im Rahmen einer literaturwissenschaftlichen Arbeit möglich ist, anhand von möglichst objektiven historischen Untersuchungen, Elemente der mexikanischen Geschichte zu erfassen und somit eine Folie zu erstellen, anhand derer Greenes Aussagen zu beurteilen sind. Außerdem werden andere ‘mexikanische’ Reiseberichte von D.H. Lawrence, Aldous Huxley und Evelyn Waugh berücksichtigt um eindeutige Ergebnisse, hinsichtlich der Wahrnehmung Mexikos in der englischen Literatur sowie der Einordnung Greenes zu erhalten.

Zu diesem Zweck wird auch der Mexikoexperte George Woodcock berücksichtigt. Abschließend wird Greenes Darstellung des mexikanischen Staates komprimiert dargestellt, so daß die Relevanz der Reise sowie die von der Mexikothematik ausgehende Beeinflussung seines Oeuvres formuliert werden kann.

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG 1
1. FORSCHUNGSSTAND 3
2. ENGLISCHE LITERARISCHE REISEBERICHTE 10
2.1 Theoretische Bemerkungen 10
2.2 Mexiko in der englischen Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre 12
3. MEXIKO - DAS "GREENELAND" 18
3.1 Vorbereitung und Durchführung der Reise 18
3.2 Transtextualität 22
3.3 Beurteilung der mexikanischen Revolution 24
4. NATUR - VERIFIKATION DER SELBSTPROJEKTION 35
4.1 Wetter 41
4.2 Berge und "barrancas" 43
4.3 Grenzen 44
4.4 Fluá und Meer 47
4.5 Fauna 49
4.6 Resümee 55
5. ZIVILISATION - VERIFIKATION DES MEHRDIMENSIONALEN INTERPRETATIONSANSATZES 56
5.1 Das mexikanische Stadtbild 56
5.1.1 Gastronomie und Freizeiteinrichtungen 58
5.1.2 Privatbesitz 62
5.1.3 Straßenverkehr 63
5.1.4 plaza ' und Monumente 65
5.1.5 Gebäude der religiösen Weltanschauung 67
5.1.6 Gebäude der staatlichen Befehlsgewalt 71
5.1.7 Gefängnisgebäude 72
5.2 Mexikanische Regionen und Städte 74
5.2.1 Am Rio Grande 74
5.2.2 Mexico City 76
5.2.3 Tabasco 78
5.2.4 Chiapas 80
5.3 Resümee 80
6. AUSWIRKUNGEN DES TOTALITARISMUS - VERIFIKATION DES MEXIKANISCHEN MIKROKOSMOS 81
6.1 Staatliche Agenten 82
6.1.1 Bildung 82
6.1.2 Politik 83
6.1.3 Militär und Polizei 84
6.1.4 Greenes sozialistischer Leutnant 85
6.1.5 Greenes katholischer Whisky Priester 85
6.1.6 Der Dialog zwischen dem Leutnant und Whisky Priester 87
6.2 Die Exilierten 89
6.2.1 Religiöser Glaube 90
6.2.2 Gründe für das mexikanische Exil 90
6.2.3 Enttäuschung 91
6.2.4 Heimatlosigkeit 92
6.2.5 Menschlichkeit 94
6.2.6 Arrogante Ignoranz 94
6.2.7 Anti-Amerikanismus 96
6.3 Die Einheimischen 98
6.3.1 Der mexikanische Nationalcharakter 102
6.3.1.1 Unzuverlässigkeit 102
6.3.1.2 Dummheit und Naivität 103
6.3.1.3 Gewaltbereitschaft und Fremdenfeindlichkeit 104
6.3.1.4 Verhältnis zum Tod 105
6.3.1.5 Korruption 106
6.4 Konsequenzen der Repression 107
6.4.1 Misstrauen und Unaufrichtigkeit 107
6.4.2 Isolation 108
6.4.3 Verantwortungslosigkeit 111
6.4.4 Depression 113
6.4.5 Depravation 115
6.5 Resümee 117
7. ERGEBNISSE UND AUSBLICK 119
8. ANHANG
8.1 Literaturverzeichnis I
8.2 Mexikokarte XIV
8.3 Illustration der Reiseroute Graham Greenes in Mexiko XV

Automatisiert erstellter Textauszug:

5.1.4 ‘plaza’und Monumente Das traditionelle auf Mexiko1 zutreffende lateinamerikanische Stadtbild kennzeichnen Salter/Lloyd präzise anhand der “[...] Catholic church standing out as the dominant structure of the plaza. [...].“2 Ein örtliches und soziales Zentrum stellt die ‘plaza’ auch im Mexikowerk dar. Greenes Plätze kontrastieren jedoch die gängige Auffassung des pulsierenden Lebensmittelpunkts. Sie sind Mikrokosmen der deprimierenden menschlichen Existenz, da sie das pervertierte Leben in Folge der post-revolutionären mexikanischen Politik illustrieren. Fetrows Ausführung “He saw in a baked squalor and torrential terror a confirmation of his own world view”3 ist daher uneingeschränkt zuzustimmen. Greenes ‘plazas’ zeigen, entsprechend ihrer Bedeutung als Mikrokosmos, vielzählige Aspekte des mexikanischen Lebens. Diese beinhalten seine Kritik an der gesellschaftlichen Passivität und Verantwortungslosigkeit, z.B. anhand der ‘plaza’ in Orizaba (LR, 111), wo der Mensch sein Schicksal inmitten von Fliegen und Kot verschläft. Gleichermaßen wird die ‘plaza’ als erster Ort durch die sich von den geschlossenen Kirchen in Chiapas ausdehnenden Apathie und Lethargie betroffen, urteilte Greene in Villahermosa, bevor er Chiapas erreichte. Noch konstatiert er, die Kirchen müssen zerstört werden, um dem Menschen die säkulare Bedrohung zu veranschaulichen: “There is a kind of cattle-tick in Chiapas, which fastens its head in the flesh; you have to burn it out, otherwise the head remains embedded and festers” (LR, 152). Andere ‘plazas’ veranschaulichen die menschliche Isolation in Mexiko (AB, 79) sowie die Leblosigkeit Tabascos (PG, 7). In Taxco zeigt die ‘plaza’ das vergebliche Bemühen des jungen Dorfschullehrers, die Rolle des vertriebenen Priesters zu erfüllen (LR, 268). Diese Darstellung verdeutlicht Greenes Beurteilung des sozialistischen Bildungssystems und der damit verbundenen Umgestaltung der mexikanischen Schulen. Von dem Marktplatz in Salto geht eine bedrückende Atmosphäre aus, die Greenes Stimmung zu diesem Zeitpunkt der Reise unterstützt: “I had a sense of being marooned [...]” (LR, 163). Dieser ursprüngliche Mittelpunkt des Ortes ist ebenso verlassen wie der Schriftsteller und sogar das Geschäft, in das sein Gepäck gebracht wird, kehrt der leblosen (LR, 164) ‘plaza’ den Rücken zu (LR, 163). Greene vergleicht den rituellen Tanz auf der ‘plaza’ in Villahermosa mit einer religiösen Zeremonie (LR, 118, 137 f. LT, 82. PG, 20, 103) und wird diesbezüglich von dem mexi1 op. cit. Gormsen: 73. „Das heutige Erscheinungsbild fast aller mexikanischen Städte läßt erkennen, daß die Spanier hier, [...], einem einheitlichen Konzept gefolgt sind. Tatsächlich hat Philipp II im Jahr 1573 ein umfassendes Gesetzeswerk zur Stadtplanung erlassen: Die Ordenanzas de Descubrimiento y Población [...] sollten der Universalmonarchie eine gültige Form verleihen. [...] Die ‘plaza’ sollte einen Straßenblock (‘manzana’) im Zentrum einnehmen. Hier sollten die Kirche, der weitgehend unabhängige Stadtrat (‘cabildo’) sowie andere zentrale Funktionen und die städtische Oberschicht ihren Standort finden.“ 2 op. cit. Salter/Lloyd: 16. 3 op. cit. Fetrow: 40. [...]

vide, Meyers, Jeffrey: ‘Macabre Mexico’ in: National Review 38 (14.3.1986): 55-57. op. cit. Gormsen:100: „Er trägt auf Bürgersteigen, an Metrostationen und anderen Knotenpunkten [...] sowie in überfüllten Metrozügen zum zusätzlichen Gedränge bei und umfaßt ein unermeßliches Angebot: [...].“ 3 op. cit. Cunningham: 353: “[...] helpfully enclosed worlds, rich microcosms of the world or the class system, [...].” In Travels with my Aunt hatte Greene die Eisenbahn als einen solchen Schauplatz berücksichtigt. Auch die Eisenbahnpassage (LR, 109) ist entsprechend zu verstehen. 4 op. cit. Harmer: 177. 5 In der Kurzgeschichte heißt es “lifeboat” statt “boat”. Jedoch werden auch Details wie die Versicherung (5000 Pesos) übernommen. [...]

Mexiko, mit dem Greene von Puebla nach Mexico City fuhr, wird folgendermaßen beschrieben: “Every inch was taken. Three of us sat by the driver where there was really room for one. Two stood on the steps and clung to the windshield. We were like an overgrown fossil as we bumped at seven in the morning along the hideously familiar way to Istapa” (LR, 247). Trotz der entarteten Darstellung ähnelt das Bild einer Busfahrt an der südwestlichen Küste Mexikos, die Meyers beschrieben hat.1 Realistisch beschreibt Greene die Zugehörigkeit der mexikanischen Verkehrsmittel zum informellen Sektor des Handels2 (LR,116f.). Greene nutzt seine reale Schiffspassage von Mexiko nach Lissabon, um im Epilog seines Reiseberichts in diesem begrenzten Raum ein Abbild der Welt aufzubauen (LR, 280), wie hinsichtlich der Funktion von Cunningham untersucht wurde.3 Wie in Abschnitt 3.4.4 für die Flußdarstellungen festgestellt wurde, ähneln sich auch die im Mexikowerk Greenes genannten Schiffe. Die Barkasse ‘Ruiz Cano’, auf der Greene von Vera Cruz nach Frontera reiste, “a flat barge with a few feet of broken rail, an old funnel you could almost touch with your hand from the shore, an oil-lamp [...]. One little rotting boat dangled inadequately from the davits” (LR, 121-122) entspricht der im Roman dargestellten ‘General Obregón’ (PG, 8). Diese macht den ehemaligen Präsidenten Obregón lächerlich4, wie bereits in bezug auf die Monumente dargestellt wurde. Gleichzeitig entspricht die nur noch “two or three more Atlantic years, [...]” (PG, 8) nutzbare Barkasse ihrer absterbenden Umgebung in Frontera, deren Bewohner sie trotz dieses Zustands als “fine boat” (LR, 130) bezeichnen und deutet anhand der verbleibenden Nutzungsdauer auf den Zeitraum hin, der in etwa der Obregón verbleibenden Lebensdauer von Beginn der Cristero-Unruhen (1926) bis zu dessen Ermordung in einer solchen Unruhe (1929) entspricht. Die Barkasse findet sich auch in ‘Voyage to the Dark’ sowie ‘The Lottery Ticket’(LT, 80). Diese steht jedoch weniger im Handlungszentrum.5 Von den Barkassen geht eine identische Stimmung aus, die Greene dadurch erzeugt, daß er die Überfahrt in den Kurzgeschichten weniger neutral schildert als in seinem Reisebericht, der mehr Raum für den Aufbau der Atmosphäre zur Verfügung hat. Entsprechend heißt es im Reisebericht: “We sailed in almost complete darkness into the Golf” (LR, 125), während ‘to sail’ durch ‘to chug’ in ‘Voyage to the Dark’ ersetzt wird und die Barkasse in ‘The Lottery Ticket’ als “wallowing” (LT, 81) beschrieben wird. [...]

Arbeit zitieren:
Fulfs, Nathalie November 1998: Das Bild Mexikos im Werk Graham Greenes, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Greeneland, Reiseliteratur, Katholizismus, Lateinamerika, Uwe Böker

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