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Betrachtung von Suchtverhalten aus systemisch-konstruktivistischer Sicht

Betrachtung von Suchtverhalten aus systemisch-konstruktivistischer Sicht
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Anja Spallek
  • Abgabedatum: August 2003
  • Umfang: 173 Seiten
  • Dateigröße: 590,9 KB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Universität Erfurt Deutschland
  • Bibliografie: ca. 178
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0901-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Spallek, Anja August 2003: Betrachtung von Suchtverhalten aus systemisch-konstruktivistischer Sicht, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Sucht, Konstruktivismus, Systemisches Denken, Sozialpädagogik, Radikaler Konstruktivismus

Diplomarbeit von Anja Spallek

Einleitung:

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Stellen wir Wirklichkeit selbst her? Wie kommen wir zu Erkenntnissen? Diese Fragen begleiteten mich unter anderen im Verlauf meines Studiums im Zusammenhang mit verschiedenen Themen wie z.B. Verhaltensstörung, Hochbegabung, Co-Abhängigkeit und Geschlecht. Antworten auf diese Fragen versuchte ich mit Hilfe der konstruktivistischen Erkenntnistheorie zu finden. Das Interessante dieser Sichtweise beschreibt Heinz VON FOERSTER prägnant: ‘Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung’.

Aus der Anwendung des konstruktivistischen Denkens auf die unterschiedlichsten Phänomene können sich verschiedene Innovationen ergeben. Aus diesem Erkenntnisinteresse möchte ich in der vorliegenden Arbeit, Suchtverhalten aus konstruktivistischer Perspektive betrachten.

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema erfordert eine nähere Bestimmung des Konstruktivismus. Doch ‘geht es weniger um das »richtige« Verständnis des Konstruktivismus als darum, seine möglichen Implikationen zu verdeutlichen’.

Diese Erkenntnistheorie gilt nicht als ein einheitliches Konzept, sondern es bestehen unterschiedliche konstruktivistische Theorien. Um die konstruktivistische Perspektive zu präzisieren, wird zu Anfang eine Einführung in den Konstruktivismus vorgenommen.

Ich greife aus den verschiedenen Theorien einzelne, mir wichtig erscheinende, Schwerpunkte heraus. Dazu führe ich das Konzept der Autopoiese, der trivialen und nicht-trivialen Maschine, der Konstruktivität des Gehirns, das Phänomen der sich selbsterfüllende Prophezeiung und den Begriff der Viabilität an. Weiterhin setze ich mich mit der Erzeugung von Informationen und Erklärungsprinzipien im Sinne BATESONs auseinander. Im Mittelpunkt dieser Ansätze steht die subjektive Konstruktion von Wirklichkeit, doch auch der Herstellung von Wirklichkeit innerhalb der sozialen Interaktion und Kommunikation wird Beachtung geschenkt.

Daraufhin untersuche ich den Suchtbegriff auf seine Implikationen. Ich stelle dessen Bedeutungsgeschichte im historischen Kontext dar und zeige die verschiedenen Bedeutungen auf, die der Begriff beinhalten kann.

Im Folgenden setze ich mich mit Theorien über Sucht aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen auseinander. Dieser Abschnitt und die darin angestrebte Darstellung verschiedener Theorien, erscheinen mir wichtig, um die vielfältigen Betrachtungsweisen zu verdeutlichen.

Ausgehend von den erkenntnistheoretischen Grundlagen greife ich die verschiedenen konstruktivistischen Konzepte auf und betrachte unter deren Blickwinkel Suchtverhalten. Ein Vergleich der beiden Erklärungsprinzipien Sucht und Autonomie im Sinne BATESONs schließt das Kapitel zur Konstruktion von Sucht ab.

Aus der Gegenüberstellung der beiden Modelle sich ergebende Schlußfolgerungen werden im praktischen Teil der Diplomarbeit aufgegriffen und bilden die Grundlage qualitativer Interviews mit Beratern aus ambulanten Suchtberatungsstellen. Ziel ist es, herauszufinden, welchen Unterschied es in der Zusammenarbeit mit Betroffenen macht, wenn Beratungskonzepte auf konstruktivistischen Annahmen aufbauen. Insbesondere untersuche ich die Frage, wie die Wirklichkeitsvorstellungen von Betroffenen in die Beratung einbezogen werden.

Abschließend möchte ich mögliche Konsequenzen für Sozialpädagogen und deren Handlungsorientierungen ableiten.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 6
2. Erkenntnistheoretische Grundlagen 8
2.1 Einführung in den Konstruktivismus 8
2.2 Erkenntnistheoretische Standpunkte 12
2.3 Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus 15
2.3.1 Theorie der Autopoiese (MATURANA/VARELA) 15
2.3.2 Triviale und nicht-triviale Maschinen (VON FOERSTER) 19
2.3.3 Konstruktivität des Gehirns (ROTH) 21
2.3.4 Ein Unterschied, der einen Unterschied macht (BATESON) 24
2.3.5 Sich selbsterfüllende Prophezeiung (WATZLAWICK) 25
2.3.6 Viabilität (VON GLASERSFELD) 27
2.4 Kommunikative Wirklichkeit 29
2.4.1 Deutungsmusterkonzept 29
2.4.2 Sozialer Konstruktionismus (GERGEN) 32
2.5 Konstruktivismus und Wissenschaftstheorie 34
2.5.1 Traditionelles Wissenschaftsverständnis 34
2.5.2 Konstruktivistisches Wissenschaftsverständnis 35
2.5.3 Zum Umgang mit Theorien 36
2.6 Zusammenfassung 38
3. Der Begriff Sucht und dessen Betrachtung im historischen Kontext 40
3.1 Zur Begriffsbestimmung 40
3.2 Einblick in die Bedeutungsgeschichte des Begriffs 45
4. Zur herkömmlichen Sicht von Suchtverhalten 54
4.1 Diagnose von Sucht und Abhängigkeit 55
4.2 Sucht als Krankheit 57
4.3 Neurobiologische Sicht von Suchtverhalten 58
4.4 Verbreitung und Auswirkungen des Suchtphänomens 62
4.5 Zur Sucht als Sozialem Problem 64
4.6 Verschiedene Erklärungsansätze von Suchtverhalten 70
4.6.1 Modelle zur Orientierung als Überbau 71
4.6.2 Der Person-Droge-Umwelt-Kultur-Ansatz 73
4.6.3 Die psychoanalytische Erklärung 74
4.6.4 Der lerntheoretische Ansatz 75
4.6.5 Der Labeling-Approach 76
4.6.6 Die systemische Perspektive 78
4.7 Zusammenfassung 81
5. Konstruktion von Sucht - Eine alternative Sicht 84
5.1 Kritische Betrachtung der Diagnose von Sucht und Abhängigkeit 84
5.2 Triviale und nicht-triviale Beschreibungen von Sucht 88
5.3 Sucht als Konstrukt des Beobachters 90
5.3.1 Der Beobachter und seine Unterscheidungen 90
5.3.2 Der Einfluß von Wertungen 93
5.4 Sucht als sprachliches Konstrukt 94
5.5 Vom normalen zum süchtigen Verhalten 96
5.5.1 Wann beginnt Sucht? 96
5.5.2 Normalität und Suchtverhalten 98
5.6 Wirklichkeitskonstruktionen von Betroffenen und Experten 101
5.7 Suchtverhalten und sich selbsterfüllende Prophezeiungen 105
5.8 Erklärungsprinzip Autonomie - Eine nützliche Alternative? 107
5.8.1 Gegenüberstellung der Erklärungsprinzipien Sucht und Autonomie 108
5.8.2 Schlußfolgerungen 113
6. Qualitative Interviews zur Perspektive von Beratern in ambulanten Suchtberatungsstellen 117
6.1 Forschungsanliegen 117
6.2 Methodisches Vorgehen 118
6.2.1 Wahl der Untersuchungsmethode 118
6.2.2 Auswahl der Interviewpartner und Kontaktaufnahme 119
6.2.3 Interviewleitfaden 121
6.3 Durchführung der Interviews 122
6.4 Transkription und Auswertungsschritte 123
7. Darstellung und Interpretation der Ergebnisse 127
7.0 Vorbemerkungen 128
7.1 Die Betrachtung von Suchtverhalten 129
7.1.1 Definition von Sucht 129
7.1.2 Unterscheidungen 130
7.1.3 Merkmale von Suchtverhalten 131
7.1.4 Sucht als Problem 132
7.1.5 Suchtverhalten als Prozeß 132
7.2 Beschreibung der Betroffenen 133
7.2.1 Beobachtete Verhaltensweisen Betroffener 133
7.2.2 Familie des Betroffenen 134
7.3 Merkmale der Arbeitsweise der Experten 135
7.3.1 Angebote der Experten an den Klienten 135
7.3.2 Vorgehensweise der Experten 136
7.3.3 Suche nach Ursachen 140
7.3.4 Diagnosestellung 140
7.4 Ziele in der Zusammenarbeit mit Betroffenen 142
7.4.1 Erfassen des Auftrags 142
7.4.2 Krankheitseinsicht 142
7.4.3 Abstinenz 143
7.4.4 Kontrollierter Konsum 144
7.5 Zum Umgang mit den Wirklichkeitskonstruktionen der Betroffenen 145
7.5.1 Wahl zwischen Abstinenz oder Konsum 145
7.5.2 Einbezug der Wirklichkeitskonstruktionen 147
7.6 Erklärungsprinzip der Autonomie 149
7.7 Zusammenfassende Betrachtung 150
8. Konsequenzen für Sozialpädagogen 154
9. Schlußwort 156
Literaturverzeichnis 157
Anhang 168

Textprobe:

Kapitel 5, Konstruktion von Sucht – Eine alternative Sicht:

5.1, Kritisch Betrachtung der Diagnose von Sucht und Abhängigkeit:

Die Diagnose von Sucht und Abhängigkeit besitzt in der traditionellen Suchtkrankenhilfe eine große Bedeutung. Aus alternativer Sicht wird die Diagnosestellung kritisiert und andere Möglichkeiten des Umgangs mit dem Verhalten beschrieben. Das herkömmliche Verständnis von Sucht als Krankheit oder Störung wird von vielen Seiten kritisiert. Das klassische Krankheitsmodell der medizinisch-psychiatrischen Diagnostik ‘legt eine Selbststeuerungsunfähigkeit der abhängigen Person nahe, indem es besagt, daß man sich Abhängigkeit bzw. Sucht als einen regelwidrigen Körper- und Geisteszustand vorzustellen hat, der durch Kontrollverlust, einen progressiv chronischen Verlauf und Unheilbarkeit gekennzeichnet ist’. Kontrollverlust wird im DSM-VI beschrieben als ‘erfolglose Versuche, den Substanzkonsum zu verringern oder zu kontrollieren’. Mit Sucht oder Abhängigkeit etikettiertes Verhalten eines Menschen gilt als regelwidrig und wird als chronischer Defekt angesehen. Aus Sicht des Konstruktivismus konstruiert die Medizin und Psychiatrie die Wirklichkeit des pathologischen, unheilbaren Suchtverhaltens.

Damit stehen die medizinische Auffassung und besonders das Kriterium des Kontrollverlusts im Gegensatz zur Autopoiese-Theorie, in der die Autonomie und Selbstreferenz des Menschen betont wird. Die herkömmliche medizinische Sicht hält die Suchtkrankheit für nahezu unkontrollierbar. Deswegen gilt lebenslange Abstinenz als höchstes Ziel. Wer diese bricht, erscheint der Sucht völlig ausgeliefert. Nach SZASZ forciert das Krankheitskonzept der Sucht den Verlust der Autonomie und die Tendenz zur Passivität, in dem Problemlösungen anderen überlassen werden. Für einige Betroffene mag es wichtig sein, sich an die Erklärung der Krankheit zu halten und ständigen Verlockungen zu widerstehen, doch bei anderen sollte deren Selbststeuerungsfähigkeit unterstützt werden, die sie eigenverantwortlich Hilfseinrichtungen aufsuchen läßt.

Laut TRETTNER, FEUERLEIN und LADEWIG kommt es zur Verminderung der Kontrolle, die sich neurobiologisch erklären läßt, doch sollte der Kontrollverlust als eine mögliche Erklärung, als ein Unterschied der einen Unterschied macht, angesehen werden und nicht als ‘Charaktereigenschaft schlechthin’.

In vielen Veröffentlichungen wird das Gebot lebenslanger Abstinenz hinterfragt. Zum ‘Kontrollverlust’ gibt es Studien, die besagen, daß Betroffene zu wesentlich mehr Kontrolle fähig sind, als die Annahme eines seiner Krankheit ausgelieferten ‘Abhängigen’ impliziert. SCHMIDT erwähnt zahlreiche Studien über kontrolliertes Trinken, die ebenso erfolgreiche Resultate aufweisen wie Studien über Abstinenzler. Für kontrollierten Heroinkonsum gibt es auch empirische Belege. Zwanghaftes süchtiges Verlangen resultiert nicht unbedingt aus der Droge selbst, sondern kann auch eine Einstellung oder Grundhaltung des Konsumenten sein. Kontrollierte Heroinkonsumenten unterscheiden sich von Nicht-kontrollierten, in dem sie z.B. nach rituellen Regeln konsumieren. Wie oft, wann, mit wem, wo die Droge genommen wird, wird kontrolliert ausgewählt.

Beobachter stellen Diagnosen und konstruieren dadurch eine pathologische Wirklichkeit. Innerhalb der Medizin findet sich ein binäres Verständnis der Auffassung von Verhalten wieder. Man ist entweder ‘krank’ oder man ist ‘gesund’. Das Gegensatzpaar vermittelt eine scheinbar ‘unmißverständliche Realität’, doch der Code verweist nicht auf Objekte sondern auf den Beobachter und dessen Unterscheidungen.

Laut PSCHYREMBEL werden Diagnose und Diagnostik wie folgt definiert:

Diagnose (griechisch diagnosis, Entscheidung) für Erkennung und Benennung.

Diagnostik (griechisch diagnostikos, fähig zu unterscheiden) für Untersuchungsgang zur Erkennung von Krankheiten’.

Der griechische Wortstamm betont die Entscheidung oder die Fähigkeit zur Unterscheidung. Dabei wird das Objekt der Diagnose nicht definiert, sondern der Diagnostiker und seine Unterscheidungen stehen im Mittelpunkt. Die ins Deutsche übernommenen Begriffe Diagnose und Diagnostik bezeichnen hingegen das Erkennen und Benennen von Krankheiten. In dieser Hinsicht wird die wahrgenommene Krankheit als gegeben angesehen und erweckt den Anschein des Losgelöstseins vom Unterscheidungsprozeß selbst.

Betrachtet man den Erkenntnisprozeß als permanente Bildung von Unterschieden, dann ist die Unterteilung in Krankheit und Nicht-Krankheit bzw. Krankheit und Gesundheit Teile einer Unterscheidung. Damit wird auf den unterscheidenden Beobachter verwiesen, ohne den es keine Unterscheidung und Diagnostik geben kann. Dieser Beobachter ist in den Diagnosevorgang involviert. Auch spielt bei der Erstellung der Diagnose stets auch die Bildung von Werten eine Rolle. ‘Ein Beobachter unterscheidet (= diagnostiziert) aufgrund seiner eigenen Prämissen, die konsensuell verbunden sind mit Prämissen seiner Zeit, seines Berufsstandes, seines geographischen Lebensraumes und vieles mehr’. Die Annahme des Unbeteiligtseins eines objektiven Beobachters bei der Diagnosestellung ist nicht haltbar. Prägnant bestätigt dies eine Aussage Heinz VON FOERSTER: ‘Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden’.

In traditioneller Suchtkrankenhilfe gibt es viele Gründe für die Diagnosestellung. Der Experte entscheidet über Gesundheit oder Krankheit, stellt die Diagnose und kann Therapieprogramme für Betroffene entwerfen. Nach AßFALG ist die Diagnose notwendig für die Therapie. Sie dient der Entscheidung für eine ambulante oder stationäre Behandlung. ‘Diagnose ohne Therapie ist leer, Therapie ohne Diagnose ist blind’. Trotz kritisierter Etikettierung der Personen setzen bestimmte Hilfemaßnahme eine überprüfbare Bestimmung des Verhaltens voraus, denn Maßnahmen werden teilweise finanziell durch den Kranken- und Rentenversicherungsträger unterstützt. Fehlt die nachvollziehbare Definition von sogenannten Problemen und Störungen können entsprechende Behandlungen nicht eingeleitet werden. Aus dieser Sicht kann eine Behandlung ohne Diagnose nicht ausgewertet werden. Therapieerfolge könnten nicht auf ihre Effektivität hin geprüft werden. Es wird davon ausgegangen, daß ohne professionelle Diagnose keine angemessene therapeutische Hilfe geleistet werden kann. FUCHTMANN ist der Meinung, ‘die Diagnose der Sucht dient nicht dazu, den Süchtigen zu katalogisieren oder zu etikettieren. Sie ist die gemeinsame Rekonstruktion der »Realität« des Klienten’.

Doch diese Sicht wird aus systemisch-konstruktivistischer Sicht kritisiert. Durch die Diagnose ‘Abhängigkeit’ findet eine Entmündigung der Menschen statt. Der Kontrollverlust als mögliches Indiz für Suchtverhalten impliziert Ausgeliefertsein und lädt zur Fremdbestimmung durch die Experten ein. Die Annahme des Kontrollverlusts schafft mehr Probleme als Lösungen, denn übernommene Definitionen müssen später abgearbeitet werden und Helfer sind verlockt, die Kontrolle statt dessen anzunehmen. Für eine genaue Diagnose muß der Betroffene sich offenbaren. Gefragt sind seine Fehler, seine Probleme und sein Leid. Den Fokus des Interesses bilden nicht Fähigkeiten, Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten. Die Wahrnehmung wird auf das Negative beschränkt, reduziert den Klienten und entmutigt ihn. Eine Diagnose laut der Diagnose-Handbücher kategorisiert den Betroffenen. Aus der diagnostischen Klassifizierung folgt die Etikettierung wenn z.B. aus einem Menschen mit zeitweilig süchtigem Verhalten ein Alkoholiker wird. Innerhalb der Therapie muß dann daran gearbeitet werden, mit der Diagnose und den Folgen zu leben.

Hierzu fordert GERGEN: ‘Vom postmodernen Standpunkt aus sollten wir (...) die Terminologie der Psychopathologie aufgeben und unsere Anstrengungen auf andere Ziele richten (...)’. Der Autor stellt sich die Frage, ob es heute noch notwendig ist, Defizite und Krankheiten zu suchen, um effektiv Hilfe zu leisten. Postmoderne Therapeuten sehen sich als Kooperationspartner der Betroffenen, deren Ziel es nicht ist, als Experten das Problem zu lösen, sondern sie wollen gemeinschaftlich mit dem Betroffenen den Sinn und die Funktion seiner Handlungen herausfinden sowie den Einfluß anderer Personen auf das Verhalten.

Im Sinne des Konstruktivismus und einer systemisch orientierten Diagnostik wäre es eine Möglichkeit, andere Zusammenhänge, verborgene Wirkungen und bisher nicht verbalisierte Regeln zwischen Symptom und System zu suchen und nicht durch Benennung bestimmte Zustände festzuschreiben. Wichtig ist hierbei, nicht zu vergessen, daß die gemeinsam mit dem Klienten gefundenen Zusammenhänge gleichzeitig auch als erfunden gelten. Die gemeinsamen Wirklichkeitskonstruktionen entstehen im dialogischen Prozeß, deren Dauer ‘abhängig [ist] von ihrer Nützlichkeit für den Moment und ihrer Tauglichkeit für zukünftige Anpassungs- und Verrechnungsleistungen’. Aus diesem Prozeß resultieren Erzählungen, die fortgesetzt, umgeschrieben oder völlig verändert werden können. Die Geschichten werden heute so erzählt, zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt eventuell anders. Dahinter steckt das konstruktivistische Menschenbild mit den zentralen Prämissen, daß es keine absolute Wahrheit oder objektive Realität gibt, und sich jeder seine Wirklichkeit aufgrund seiner autopoietischen Organisation, seiner inneren Landkarte mehr oder weniger nützlich konstruiert. Hierauf gehe ich insbesondere in Abschnitt 5.6 ein.

Arbeit zitieren:
Spallek, Anja August 2003: Betrachtung von Suchtverhalten aus systemisch-konstruktivistischer Sicht, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Sucht, Konstruktivismus, Systemisches Denken, Sozialpädagogik, Radikaler Konstruktivismus

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