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Berliner Konfektion und Mode in den 1920er Jahren

Neue Kleider für Neue Frauen?

Berliner Konfektion und Mode in den 1920er Jahren
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Nora Fiege
  • Abgabedatum: Oktober 2008
  • Umfang: 73 Seiten
  • Dateigröße: 3,1 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Kunsthochschule Berlin-Weißensee Hochschule für Gestaltung Deutschland
  • Bibliografie: ca. 70
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3740-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Fiege, Nora Oktober 2008: Berliner Konfektion und Mode in den 1920er Jahren, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Konfektionsgeschichte, Neue Frau, Berlin, Mode, 1920

Diplomarbeit von Nora Fiege

Einleitung:

Die vorliegende Arbeit wurde als theoretische Diplomarbeit im Fachbereich Modedesign an der Kunsthochschule Berlin Weißensee verfasst. Betreuende Professoren waren Gabriele Jaenecke und Rolf Rautenberg.

Entscheidend für die Wahl des Themas waren ein persönliches Interesse an Frauengeschichte und der Mode der 1920er Jahre, die Lektüre des Romans ‘Das kunstseidene Mädchen’ von Irmgard Keun und nicht zuletzt der zufällige Fund eines kleinen Stilratgebers mit dem Titel ‘Die perfekte Dame’, der 1928 von der Autorin Paula von Reznicek verfasst wurde. Die Autorin stammte offenbar aus so genannten ‘besseren Kreisen’, dies erschließt sich zum einen aus ihrem Adelstitel, zum anderen aus ihren Texten, in denen zum Beispiel kostspielige Freizeitaktivitäten wie Opern- und Theaterbesuche, Fernreisen und Autofahren als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Auch wenn Rezniceks Ratschläge nur für eine verschwindend kleine, vermögende Schicht von Frauen umsetzbar gewesen sein mögen, spiegeln sie doch die erfrischend ironische Sicht einer Augenzeugin auf die Zeitumstände wieder. Ich habe sie daher mehrfach zitiert.

Ziel der Arbeit sollte es sein, nicht nur ein Stück Berliner Stadtgeschichte zu dokumentieren, sondern auch die ‘neuen’ Formen der Damenmode der Zwanziger Jahre im Zusammenhang mit der speziellen Berliner Situation zu betrachten. Zentrale Fragen waren dabei:

Welche Wurzeln hat die Berliner Konfektionsbranche und wie war ihre Produktionsweise? Inwiefern kann man von einem speziell Berliner Modestil sprechen? Welche Schnittstellen bestanden zu anderen wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen? Welche Zusammenhänge bestanden zwischen modischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, speziell in Bezug auf das Alltags- und Arbeitsleben von Frauen? Was bedeutet der Begriff ‘Neue Frau’ und in wie fern trifft dieses vielfach überlieferte Klischee auf die reelle Situation von Frauen zu?

Die Recherche gestaltete sich nicht immer einfach. Zum einen, weil sich bis heute wenige originale Kleidungsstücke aus Berliner Konfektionsbetrieben erhalten haben, zum anderen weil im Zuge der politischen Entwicklungen seit 1933 offenbar nur sehr wenig Interesse an einer Aufarbeitung des Themas bestand. Was nicht durch Arisierung und Krieg verloren ging, verschwand im geteilten Berlin auf andere Weise. Qualifizierte Literatur zu dem Thema liegt eher begrenzt vor, ebenso verhält es sich mit Abbildungen, die eindeutig Berliner Mode zeigen. Bei der Wahl der Abbildungen habe ich vorausgesetzt, dass Schönheitsideal und Modestil der zwanziger Jahre dem Leser im Allgemeinen bekannt sind. Es war mir wichtig, möglichst nur Stücke aus der Berliner Konfektionsbranche zu zeigen. Ich habe zu einem großen Teil auf Abbildungen aus dem Bestandskatalog der Kostümsammlung des Berlin Museums zurückgegriffen, da diese Abbildungen wohl am besten einen Eindruck von der hohen Qualität der Berliner Bekleidungsherstellung vermitteln. Ergänzend wurden Illustrationen verwendet, die von Künstlerinnen stammen, die in den Zwanziger Jahren in Berlin lebten und arbeiteten.

Über die Berliner Konfektionsbranche kann man nicht sprechen, ohne die verheerenden Folgen der Arisierung und Vertreibung jüdischer Konfektionäre durch die Nationalsozialisten zu thematisieren. Dieser Themenbereich wird in meiner Arbeit zwar angeschnitten, ich habe meine Schwerpunkte aber anders gesetzt und erwähne ihn nur am Rande. Diesen Teil der Berliner Geschichte aufzuarbeiten ist für professionelle Autoren und Historiker ein mühevolles Stück Arbeit, das nicht immer mit Wohlwollen betrachtet wird. Die Brisanz der Thematik war mir bis zur Lektüre von Uwe Westphals Buch ‘ Berliner Konfektion und Mode’ nicht bewusst.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 3
2. Historische Ausgangspunkte 4
2.1 Preußische Uniformproduktion 4
2.2 Jüdische Textilhandelstradition 5
2.3 Anfänge der Serienproduktion von Bekleidung 3
2.4 Die ersten Berliner Konfektionshäuser im 19. Jahrhundert 7
2.3.1 Herrmann Gerson 8
2.3.2 Nathan Israel 10
2.3.3 Gebrüder Manheimer 11
2.3.4 Rudolph Hertzog 11
3. Die Berliner Modebranche in den Zwanziger Jahren 13
3.1 Industrie ohne Fabriken: Berliner Konfektionsfirmen in den zwanziger Jahren 13
3.2 Der Verband der deutschen Modenindustrie 17
3.3 Berlin - Paris 20
3.4 Die Berliner Durchreise 20
3.5 Mode, Bühne und Film 21
3.6 Berliner Modepresse 23
3.7 Warenhauskultur 25
3.7.1 Hermann Tietz (Hertie) 27
3.7.2 Wertheim 28
3.7.3 Das Kaufhaus des Westens 30
4. Die ‘Neue Frau’ 32
4.1 Weibliche Angestellte: Verkäuferinnen und Sekretärinnen 34
4.2 Arbeiterinnen 37
4.3 Frauenberufe in der Berliner Konfektions- und Modebranche 38
5. Die Berliner Damenmode der 1920er Jahre 42
5.1 Schönheitsideale 46
5.2 Wäsche 49
5.3 Tagesmode 52
5.4 Sportmode 55
5.5 Abendmode 57
5.7 Mäntel 59
5.8 Accessoires 61
5.9 Schmuck 66
6. Abschließende Bemerkungen 67
Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweis 70

Textprobe:

Kapitel 3.5, Konfektion, Bühne und Film:

‘Der Reiz des Bühnenbildes wird durch schöne und schön gekleidete Frauen gesteigert. Es ist daher selbstverständlich, dass die Darstellerinnen bemüht sind, in geeigneten Rollen Toiletten zu zeigen, die in jeder Beziehung allen Anforderungen gerecht werden’.

Stärker als männliche Schauspieler wurden Schauspielerinnen und Sängerinnen traditionell nach ihrer körperlichen Attraktivität und - damit untrennbar verbunden – ihrer Garderobe bewertet.

Anfang des 20. Jahrhunderts erweiterten sich die Inhalte der Theaterstücke und Frauenrollen vor dem Hintergrund der Frauenbewegung, Themen wie ungewollte Schwangerschaft, Scheidung, und weibliche Emanzipation wurden sowohl im Unterhaltungstheater als auch in intellektuellen Bühnenstücken aufgegriffen. Die Frauenrollen wurden differenzierter und ebneten Darstellerinnen den Weg, die nicht den zeitgenössischen Vorstellungen von weiblicher Schönheit entsprachen. Parallel zu den weiblichen Theaterrollen entwickelten sich auch die Bühnenkostüme zu einer neuen Vielfalt. Für die unzähligen Operetten, Revuen und Unterhaltungsstücke sowie für die Kinofilme im Unterhaltungsgenre blieben aber auch weiterhin prunkvolle Kostüme gefragt. Da Schauspielerinnen bis zur Einführung des Reichstheatergesetzes die Kosten für die Kostüme selbst zu tragen hatten, standen modisch aktuelle Kostüme nach Pariser Vorbild bei ihnen höher im Kurs als solche, die kostümgeschichtlich korrekt gewesen wären. Die Kostüme wurden häufig von Berliner Salons für Maß- oder Modellkleider entworfen und hergestellt. Diese Zusammenarbeit von Konfektion und Bühne erwies sich für beide Seiten als fruchtbar. Bereits die Gründergeneration der Konfektionäre förderte das kulturelle Leben in Berlin auf ihre Weise. Das Konfektionshaus Levin unterstützte beispielsweise den Komponisten Paul Lincke, in dem man ihn zu verschiedensten Gelegenheiten als Musiker engagierte; Rudolph Hertzog lud seine gesamte Belegschaft regelmäßig zu Theater- und Opernbesuchen ein. Einige Konfektionäre gaben Stücke in Auftrag, andere wurden selbst als Autoren oder Komponisten tätig. Schon um 1904 wurde von den Häusern Gerson, Prager und Hausdorff ein Theaterstück mit dem Titel ‘Die Dame mit den Tausend Toiletten’ initiiert, das im Grunde eine, in einen Handlungsverlauf eingebettete, Modenschau war. 1911 wurde der Admiralspalast an der Friedrichstraße mit dem Stück ‘Gerson von Pinne (Pinne = Berliner Dialekt für ‘Kneipe’, ‘Schlemmer’) und Hulda von Hausvogtei’ eröffnet. Der Strumpfwarenhersteller Harry Hauptmann von der Firma Gottgetreu und Hauptmann komponierte die komische Oper ‘Der süße Fratz’ mit Fritzi Massary in der Hauptrolle und Otto Haas Heye, Inhaber des Modehauses ‘Alfred-Marie’ schrieb im Auftrag mehrerer Konfektionsfirmen ein Stück mit dem Titel ‘Die östliche Göttin’. Der Konfektionär Christoph Baron von Drecoll übernahm 1916/17 in dem Film ‘Aus Liebe gefehlt’ unter der Regie von Carl Heinz Wolff sogar die männliche Hauptrolle und die Kosten für die Kostüme im Wert von 60.000 Mark. Die Hüte für diesen Film sponserte das renommierte Berliner Atelier Regina Friedländer. Neben den ‘normalen’ Konfektionsfirmen gab es in Berlin auch Firmen für Theaterkostümkonfektion, die bekannteste war die Firma Hugo Baruch, die Theater- und Filmproduktionen in ganz Europa ausstattete.

Da Schauspielerinnen damals wie heute wichtige modische Vorbilder waren eigneten sich die Revuen, Operetten und Theaterstücke hervorragend um modische Neuheiten zu lancieren und für die jeweiligen Salons zu werben. Die Aussicht, die neuesten Trends in Augenschein nehmen zu können war für einen großen Teil des Publikums ein wichtiger Anziehungspunkt. Es wurde üblich zur Pausenunterhaltung kleine Modenschauen durchzuführen. Auch die Modepresse veröffentlichte mit Vorliebe Modefotos, bei denen die Kleider von Bühnen- und Filmstars vorgeführt wurden. Bühnenautoren und Komponisten nahmen ihrerseits in ihren Stücken Bezug auf die Konfektionsbranche.

Gefördert durch die Massenmedien Film und Fotographie entwickelte sich ein Starkult, der sich eigentlich von dem heutigen wenig unterschied. Das Image der Schauspielerinnen und anderer darstellender Künstlerinnen entwickelte sich zu eigenständigen Marken, die von der Werbeindustrie ausgiebig genutzt werden konnten. Stars wurden zu Identifikationsfiguren, ihnen ähnlich zu sein hob die Aussicht auf ein besseres, glamouröses, entbehrungsfreies Leben. Nicht nur die Garderobe, auch der Lebensstil der Stars wurde von unzähligen jungen Frauen nachgeahmt – soweit es eben ging – zumal er doch Abwechslung vom Alltag versprach und die Hoffnung barg, irgendwann könne man ja vielleicht doch noch entdeckt werden. Nicht nur die Konsumgüterindustrie profitierte vom Starkult sondern auch zahlreiche mehr oder weniger seriöse Schauspiel- und Tanzschulen, nicht zu vergessen die unzähligen ‘Unterhaltungsetablissements’, in denen ambitionierte junge Frauen anheuerten. Die kommerzielle Verwertung der Sehnsucht nach Glamour gipfelte in solch profanen Ereignissen wie der ‘Wahl zur schönsten Warenhausverkäuferin’ die als Werbeevents inszeniert wurden und bei den ‘Auserwählten’ den Rausch kurzfristiger Berühmtheit hervorriefen - wer fühlt sich da nicht an aktuelle Castingshows erinnert, die versprechen, jeder könne ein Star werden.

Als ‘bestangezogene Frau Berlins’, galt die Schauspielerin und Sopranistin Fritzi Massary. Sie trug privat wie auf der Bühne vorzugsweise Kreationen des Maßsalons Clara Schulz. Die lesbische Sängerin Claire Waldoff verkörperte eine freche Variante der Garconne. Ihr Kostüm bestand aus einem dunklen, schmalen, kniekurzen Rock, strenger weißer Bluse und Herrenjacke. Komplettiert wurde dieser maskuline Aufzug durch eine Krawatte. Weitere modische Vorbilder waren die Schauspielerinnen Henny Porten und Louise Brooks, die dänische Schauspielerin Asta Nielsen, die als eine der ersten Frauen einen Bubikopf getragen haben soll und die exzentrische Tänzerin Anita Berber, die etwas von einem ungezügelten, todgeweihten Mädchen hatte und immer wieder in Skandale verwickelt wurde.

Arbeit zitieren:
Fiege, Nora Oktober 2008: Berliner Konfektion und Mode in den 1920er Jahren, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Konfektionsgeschichte, Neue Frau, Berlin, Mode, 1920

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