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Beratung von Stalkingopfern

Ein sozialpädagogischer Leitfaden

Beratung von Stalkingopfern
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Maja Wolfgramm
  • Abgabedatum: August 2008
  • Umfang: 194 Seiten
  • Dateigröße: 1.013,4 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Eberhard Karls Universität Tübingen Deutschland
  • Bibliografie: ca. 65
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2805-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wolfgramm, Maja August 2008: Beratung von Stalkingopfern, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Stalking, Beratung, Opfer, Handlungsstrategie, Verfolgung

Diplomarbeit von Maja Wolfgramm

Einleitung:

Das Thema der Diplomarbeit hat sich aus meiner Tätigkeit im Hauptpraktikum ergeben. Dieses absolvierte ich im Bewährungshilfeverein Stuttgart e.V. in einer Hospitationsphase im Fachbereich der Zeugenbegleitung. Hier werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Opfer eines Sexual- und Gewaltverbrechens geworden sind, betreut, indem sie adäquat über die Rahmenbedingungen eines Strafverfahrens und die Möglichkeiten des Opferschutzes aufgeklärt und bei der psychischen Bewältigung des Gerichtsverfahrens unterstützt werden. Hierdurch wurde mein Interesse für Stalking und die Beratung von Betroffenen geweckt. Nicht selten waren nämlich die (Opfer-) Zeugen nicht nur Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt sondern auch Opfer von Stalking. Die Betroffenen baten dann häufig, sie in Bezug auf den richtigen Umgang mit ihren Peinigern – in vielen Fällen waren dies Expartner – zu beraten. Dies war jedoch aus Gründen einer unrechtmäßigen Zeugenbeeinflussung nicht zulässig, da eine Zeugenbegleitung im Sinne einer Beratung und dementsprechend auch einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Tat, nicht stattfinden darf. Die Betroffenen mussten daher an andere Beratungsstellen verwiesen werden und schilderten damit verbunden immer wieder das Problem der fehlenden separaten Beratungsangebote für Stalkingopfer, insbesondere im sozialpädagogischen Bereich. Es werden beispielsweise Opfer von Sexual- und Gewaltstraftaten, sowie die Geschädigten von häuslicher Gewalt durch den ‘Weißen Ring’ betreut, während ein adäquates Beratungsangebot für Stalkingopfer nicht gesondert aufgeführt wird.

Dieses Problem schilderte auch eine Klientin aus meinem Hauptpraktikum, die von der Opferzeugenbegleitung betreut wurde, da eine Gerichtsverhandlung wegen Sachbeschädigung gegen ihren Expartner anstand. Sie, die durch ihren Expartner schon seit Monaten belästigt und verfolgt wurde, fühlte sich weder von der Polizei, noch durch ihren Anwalt ausreichend in Bezug auf ihr Stalkingproblem unterstützt. Auch die Suche nach anderen speziellen Hilfsangeboten bei diversen Institutionen verlief wenig erfolgreich. Diese aus ihrer Sicht unzureichende Betreuung von Stalkingopfern hierzulande thematisierte sie immer wieder in der Zeugenbegleitung und später auch bei Gericht. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich anhand ihres Beispiels meine Überlegungen für eine sozialpädagogische Stalkingberatung spezifizieren.

Das Thema Stalking wird seit Jahren immer wieder in den Medien aufgegriffen und diskutiert. Im juristischen Bereich wurden zum Schutz von Stalkingopfern bereits einige Veränderungen durchgeführt. So hat man beispielsweise erkannt, dass das 2002 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz nicht ausreicht. Das Manko dieser Gesetzregelung bestand vor allem darin, dass die Strafbarkeitsschwelle durch die Stalker häufig nicht überschritten wurde. Belästigung durch Telefon oder E-Mails sowie das Auflauern vor der Haustür etc. galten damals nicht als strafbar und konnten nur über ein zivilrechtliches Verfahren abgewickelt werden. Seit 2007 stellt Stalking nun jedoch einen eigenen Straftatbestand dar, der mit erheblichen Geld- und Freiheitsstrafen sanktioniert werden kann, sodass Stalkingopfer heute durch den Gesetzgeber besser geschützt werden.

Auch im Bereich der polizeilichen Beratung von Stalkingopfern sind Fortschritte dahingehend zu verzeichnen, dass es speziell geschulte Beamte gibt, die sich um Stalkingfälle kümmern.

Des Weiteren bin ich bei meinen Recherchen auf eine allgemeine Handreichung für die Beratung von Stalkingbetroffenen gestoßen. Sie wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend herausgegeben und spricht Berater und Beraterinnen aus verschiedenen Berufssparten an (Hausärzte, Psychologen, Rechtsanwälte, Sozialarbeiter etc.) Trotz dieser Bemühungen scheint die Beratungspraxis jedoch noch nicht zufriedenstellend zu sein. Besonders für den sozialpädagogischen Bereich lässt sich feststellen, dass weder Leitfäden erarbeitet wurden, noch ausreichende Beratungsangebote, sowohl in Opferschutzeinrichtungen, wie dem ‘Weißem Ring’, als auch in Frauenhäusern und sonstigen Beratungseinrichtungen den Stalkingopfern zur Verfügung stehen.

Aufgrund dieser Defizite und dem persönlichen Wunsch, einmal sehr gerne im Bereich der Beratung tätig zu sein, sah ich die Herausforderung darin, einen spezifischen Leitfadenkatalog zum Thema Stalking für den sozialpädagogischen Bereich zu erstellen.

Ziel meiner Arbeit ist es daher, die vor dem Hintergrund der theoretischen Grundlagen für eine sozialpädagogische Stalkingberatung gewonnenen Erkenntnisse für einen adäquaten Umgang mit den Klienten nutzbar zu machen. Anhand des Leitfadens soll zielgenau auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingegangen und die praktische Umsetzung in der sozialpädagogischen Beratung somit erleichtert werden.

Gang der Untersuchung:

Um bei der Vielzahl von möglichen Handlungen und Motiven von Stalkern den betroffenen Opfern in einer sozialpädagogischen Stalkingberatung und auch der damit verbundenen Verantwortung gerecht werden zu können, sind unbedingt entsprechende Kenntnisse bezüglich des Phänomens Stalking im Speziellen und bezüglich der Beratungspraxis im Allgemeinen notwendig. Nur so können die Klienten vor möglichen Gewaltrisiken von Seiten des Stalkers gewarnt und geschützt werden.

Hierzu möchte ich in meiner Arbeit unter anderem folgenden Fragestellungen nachgehen:

Welche Klassifikationssysteme von Stalkern für eine sozialpädagogische Beratung geeignet sind, um möglichst frühzeitig im Stalkingprozess intervenieren und das fortdauernde Verfolgen unterbrechen zu können.

- Wie das Gewaltrisiko von Stalkern besser erkannt und eingeschätzt werden kann.

- Was helfen kann, Stalking und Gewalt im Stalkingprozess zu vermeiden.

- Welcher Zusammenhang zwischen Stalking und häuslicher Gewalt besteht.

- Welche Auswirkungen das Stalking auf die Betroffenen hat und wie dem entgegengewirkt werden kann.

- Welche grundlegenden Interventionsstrategien geeignet sind, das Stalking zu beenden.

- Welche Aufgaben und Ziele eine sozialpädagogische Beratung im Gegensatz zu anderen Beratungsangeboten – beispielsweise juristischen oder psychologischen Beratungsangeboten – hat.

- Wann und inwiefern ein interdisziplinäres Vorgehen sinnvoll ist.

- Wie eine individuelle Beratung aussehen und in der Praxis realisiert werden kann.

Dabei gliedert sich die Arbeit thematisch in folgende Abschnitte:

Nach den Begriffsdefinitionen und Abgrenzung von Alltagsberatung und professioneller Beratung mit ihren Merkmalen im zweiten Kapitel, widme ich mich im dritten Teil speziell der sozialpädagogischen Beratung. Dabei werde ich zunächst auf die Soziale Arbeit allgemein eingehen.

Anschließend möchte ich ausführlicher das Konzept der Lebensweltorientierung mit seinem theoretischen Hintergrund, seinen Intentionen und seinen Struktur- und Handlungsmaximen beschreiben, da diesem Konzept eine zentrale Bedeutung in der Sozialen Arbeit und in einer sozialpädagogischen Beratung zukommt. Im Hinblick auf das spezifische methodische Handeln in einer sozialpädagogischen Stalkingberatung skizziere ich außerdem das von mir gewählte Handlungsmodell, das von seiner Struktur her an das sozialpädagogische Coaching-Prozessmodell von Bernd R. Birgmeier angelehnt ist, sowie weitere, für eine Stalkingberatung wichtige Beratungskonzepte und ihre Methoden. Dabei handelt es sich um die lösungs- und ressourcenorientierte Beratung sowie um Netzwerkorientierung im Kontext der Unterstützung und Beratung von Selbsthilfegruppen.

Im vierten Teil werde ich auf der Grundlage der aktuellen Stalkingforschung das feldspezifische Hintergrundwissen zum Phänomen Stalking, das sowohl die Täter als auch die Opfer betrifft, erläutern. Dies sind Voraussetzungen für eine erfolgsversprechende individuelle Beratung und ein angemessenes, auch interdisziplinäres Vorgehen. Nach der Betrachtung unterschiedlicher wissenschaftlicher und juristischer Definitionen sowie der neuen Rechtslage in Deutschland untersuche ich unterschiedliche Klassifikationssysteme zur Typologienbildung von Stalkern. Hierzu werde ich das integrative Bedingungs- und Erklärungsmodell von Peter Fiedler näher darstellen. Sein Klassifikationsmodell ermöglicht m.E. die Einordnung unterschiedlicher Stalkingphänomene, wie die Beurteilung der Beziehungsdynamik und des möglichen Gewaltrisikos besonders gut. Im Anschluss daran werde ich explizit auf die Gewaltrisiken- und Vorhersagefaktoren, sowie auf die Folgen von Stalking für die Opfer eingehen, da dies für die praktische Arbeit, d.h. für die Beratung der Betroffenen von zentraler Bedeutung ist. Des Weiteren werde ich erläutern, ob – und wenn ja, auf welche Weise – die Phänomene Stalking und häusliche Gewalt zusammenhängen, da dies für die Beratung, beispielsweise von möglichen Interventionsmaßnahmen, von entscheidender Bedeutung ist.

Im fünften Teil betrachte ich grundlegende offensive und defensive Handlungsstrategien für den Umgang mit Stalking, die in diversen Aufklärungsbroschüren – beispielsweise in denen der Polizei und dem Internet – zu finden sind und die durchaus auch für eine individuelle Stalkingberatung Relevanz haben. Kritisch beleuchten werde ich dabei aber auch dort vorgeschlagene Strategien, die in der Fachliteratur als umstrittene bzw. sogar als falsche Strategien gelten. Darauf Bezug nehmend möchte ich abschließend die Vorteile einer interdisziplinären Zusammenarbeit herausstellen.

Schließlich stellt Kapitel 6 den Hauptteil – und auch praktischen Teil – meiner Arbeit dar.

Unter Berücksichtigung der bislang theoretisch gewonnenen Erkenntnisse versuche ich, ein Modell für eine sozialpädagogische Beratung zu entwickeln, das sich auch praktisch umsetzen lässt. Ziel ist es, eine sozialpädagogische Stalkingberatung unter dem Gesichtspunkt einer möglichen methodischen Vorgehensweise zu beschreiben. Mit Hilfe eines Fallbeispiels aus der Praxis werde ich dann exemplarisch meine Überlegungen zu einer möglichen sozialpädagogischen Beratung präzisieren, indem ich auf den Fall Bezug nehmend einige methodische Vorgehensweisen an Beispielen erläutere.

Abschließend möchte ich meiner Arbeit noch formale Hinweise voranstellen:

Bei Verweisen auf Personengruppen habe ich mich sprachlich auf die maskuline Form eingeschränkt, da dies zur besseren Lesbarkeit beitragen kann. Es sind jedoch immer Personen beiderlei Geschlechts gemeint.

Zitate werden nicht der neuen Rechtschreibung angepasst, um die Authentizität von Originaltexten vor der Rechtsschreibreform zu wahren.

Die Fundstelle eines Zitats wird unmittelbar nach dem Zitat in Klammern angegeben.

Ebenso werden verkürzte Literaturhinweise nach Abschnitten in Klammern gesetzt aufgeführt und können in ausführlicher Form dem alphabetisch geordneten Literaturverzeichnis entnommen werden.

Bei Schaubildern, Abbildungen und Tabellen stehen Bezeichnungen sowie verkürzte Literatuthinweise direkt darüber bzw. darunter und werden mit Literaturverweis in einem numerisch angeordneten Abbildungs- und Tabellenverzeichnis aufgelistet.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 7
1.1 Motivation und Problemstellung 7
1.2 Zielsetzung 8
1.3 Aufgabenstellung und Vorgehensweise 8
2. Beratung: Formen, Vorkommen, Merkmale 12
2.1 Zum Begriff ‘Beratung’ 12
2.2 Die Alltagsberatung 13
2.3 Die professionelle Beratung 14
2.3.1 Merkmale einer professionellen Beratung 17
3. Beratung in der Sozialen Arbeit 21
3.1 Ortsbestimmung und Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit 21
3.2 Lebensweltorientierung als ein zentrales Konzept der Sozialen Arbeit 25
3.2.1 Theoretischer Hintergrund des Konzeptes der Lebensweltorientierung 26
3.2.2 Intentionen Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit 27
3.2.3 Struktur- und Handlungsmaxime einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit 28
3.3 Beratung im Kontext des Konzepts der Lebensweltorientierung 30
3.3.1 Methodisches Handeln 34
3.3.1.1 Methodisches Handeln - Ein Handlungsmodell für eine Stalkingberatung 37
3.4 Weitere - für eine Stalkingberatung wichtige - Beratungskonzepte 41
3.4.1 Lösungsorientierte Beratung 41
3.4.2 Ressourcenorientierte Beratung 48
3.4.3 Netzwerkorientierung - im Kontext von Unterstützung und Beratung von Selbsthilfegruppen 53
4. Stalking - feldspezifische Grundlagen für eine Beratung 57
4.1 Begriff und Historie des ‘Stalkings’ 57
4.2 Wissenschaftliche und gesetzliche Definitionen 59
4.3 Die neue Rechtslage in Deutschland 63
4.4 Die Täter 65
4.4.1 Allgemeines 65
4.4.2 Unterschiedliche Klassifikationssysteme von Stalkern 66
4.4.2.1 Das Klassifikationssystem von Peter Fiedler 70
4.5 Stalking und Gewalt 78
4.5.1 Statische und dynamische Risiko- und Vorhersagefaktoren 79
4.5.2 Expartnerstalking und häusliche Gewalt 84
4.6 Die Opfer 87
4.6.1 Vulnerabilität 88
4.6.2 Auswirkung von Stalking auf die Opfer 90
5. Grundlegende Handlungsstrategien im Umgang mit Stalking 94
5.1 Gefahren durch falsche Handlungsstrategien 99
5.2 Interdisziplinäre Zusammenarbeit 102
6. Sozialpädagogische Beratung von Stalkingopfern - ein Leitfaden 104
6.1 Rahmenbedingungen 104
6.2 Ein Vorschlag für einen Beratungsprozess 106
6.2.1 Phase 1: Erstanalyse 109
6.2.2 Phase 2: Vereinbarungs- und Kontaktphase 113
6.2.3 Phase 3: Arbeitsphase 117
6.2.3.1 Vertiefte Analyse und Diagnose 118
6.2.3.2 Interventionen und Veränderungen 126
6.2.4 Phase 4: Evaluationsphase 132
6.2.5 Phase 5: Abschlussphase 134
6.3 Bausteine einer Stalkingberatung am Beispiel eines Falles aus der Praxis 134
6.3.1 Der ‘Fall’ der Frau D. 134
6.3.2 Phase 1: Erstanalyse 137
6.3.3 Phase 2: Vereinbarungs- und Kontraktphase 138
6.3.4 Zur Phase 3: Arbeitsphase 141
6.3.4.1 Vertiefte Analyse und Diagnose 141
6.3.4.2 Interventionen und Veränderungen 149
6.3.5 Phase 4: Evaluationsphase 160
6.3.6 Phase 5: Abschlussphase 160
7. Resümee 162
8. Literatur 165
Anhang 172
1. Was ist Stalking? 176
2. Was für Arten von Stalking gibt es? 177
3. Hilfsangebote 178
4. Strategien im Umgang mit Stalking 179
5. Vorhersagefaktoren für Gewalt im Stalkingprozess 179
6. Methodisches Vorgehen bei einer Beratung 181
7. Arbeitshilfen 185
7.1 Arbeitshilfen zur Vereinbarungs- und Kontraktphase 185
7.2 Arbeitshilfen zur Analyse- und Diagnosephase 186
7.3 Arbeitshilfen zur Interventionsphase 192
Literatur 19

Textprobe:

Kapitel 4.5, Stalking und Gewalt:

Nicht selten wird Stalking vorschnell mit physischer Gewalt gleichgesetzt. Jedoch gelten physische Übergriffe in wissenschaftlichen Begriffsbestimmungen des Stalking als eine mögliche, aber nicht zwingend auftretende Eskalationsstufe des Stalkings. So sind Stalkinghandlungen, wie das Auflauern oder der Telefonterror schlimmstenfalls als psychische, jedoch keinesfalls als physische Gewaltakte anzusehen. Nach Hoffmann herrscht bei Fachleuten allerdings Konsens darüber, dass physische Gewalt bei Stalkingvorfällen – unter bestimmten Umständen und in bestimmten Konstellationen – besorgniserregend häufig auftritt, auch wenn bislang nur wenige Untersuchungen zur Häufigkeit von psychischer Aggression in Stalkingfällen durchgeführt worden sind. Hoffmann beschreibt in seinem Buch ‘Stalking’ (aus dem Jahr 2006) sehr ausführlich die bis heute untersuchten unterschiedlichen Formen und Vorhersagefaktoren von Gewalt im Stalkingbereich. Außerordentliche Bedeutung für die Beratung und für den Opferschutz hat dabei m.E. das Wissen um das Vorkommen der katathymen Gewalt. Ihr geht eine lange Phase von unterdrückter Wut voraus, die sich dann unvermittelt und überraschend eruptiv entlädt. Stalker, die in dieser Form Gewalt ausüben, sind in der Regel sozial unauffällig und sprechen im Vorlauf der Tat nicht unbedingt Drohungen aus. Meist stammen die Opfer aus dem direkten persönlichen Umfeld, wie z.B. Expartner. Die Gefahr einer katathymen Gewalttat, gerade bei Exbeziehungsstalking, bringt daher für die Beratung und den Opferschutz beträchtliche Implikationen mit sich. Demzufolge kann man sich nicht mehr nur allein auf diejenigen Stalker konzentrieren, die schon in der Beziehung aggressiv und gewalttätig waren. Es sollte immer auch beachtet werden, dass eine Phase nicht aggressiver Stalkinghandlungen nach der Trennung nicht automatisch eine Risikominderung bedeuten muss. Es scheint – so Hoffmann –, ‘dass vor allem überkontrollierte, zu Depression neigende Personen, die vorher sozial unauffällig waren, ein Risiko für schwere Gewalttaten darstellen’.

Wenn es zur physischen Gewalt im Stalkingverlauf kommt, richtet sie sich nicht immer direkt gegen die Betroffenen. Regelmäßig werden auch andere Ziele attackiert.

Hoffmann unterscheidet dabei drei Gruppen:

- Gewalt gegen Dritte.

- Gewalt gegen Haustiere.

- Gewalt gegen Sachen.

Gewalt gegen Dritte geschieht offenbar am ehesten beim Stalking durch Verehrer oder ehemalige Partner.

Wie bei Fiedler sind auch nach Hoffmann ‘vor allem Personen gefährdet, die vom Stalker als zwischen sich und dem Opfer stehend wahrgenommen werden’. Dabei kann es sich beispielsweise um einen neuen Freund handeln, aber auch um Arbeitskollegen oder Verwandte, die den Betroffenen in der Stalkingsituation beistehen. Über Gewalt gegenüber Haustieren wird in Opferbefragungen, wie z.B. der des Zentralinstituts für seelische Gesundheit Mannheim, relativ selten berichtet. Es gibt sie aber dennoch. Vor allem, wenn der Stalker der ehemalige Partner ist. Hier geht es dem Täter hauptsächlich um Psychoterror und Kontrolle über den Partner. Sachbeschädigung ist eine relativ häufige Erfahrung von Stalkingbetroffenen. Sie kommt etwa in jedem vierten Fall vor. Neben Wohnungseinbrüchen, Zerstören von Eigentum innerhalb der Wohnung, oder das Beschmieren der Hauswand, eingeschlagene Fensterscheiben und dem Abreißen des Briefkastens wird sehr häufig das Auto beschädigt, indem z.B. Reifen zerstochen werden, Lack zerkratzt oder beschmiert oder am Fahrwerk manipuliert wird. Auch hier sind besonders häufig ehemalige Partner die Täter.

Für die Beratungspraxis und die Arbeit mit den Opfern bedeutet dies, dass man sich nicht nur alleine auf die Sicherheit der unmittelbaren Opfer konzentrieren darf, sondern immer auch mit bedenken muss, ob sich nicht Situationen ergeben, in denen sich die Wut des Stalkers auch gegen andere Personen (Sekundäropfer), Haustiere oder Sachgegenstände richten könnte. Dabei steht der Schutz von Personen selbstverständlich immer im Vordergrund. Um solche Situationen von möglicher Gewalteskalation besser einschätzen zu können, ist es für Berater hilfreich, bestimmte Risiko- und Gefahrensignale zu kennen und im jeweiligen Stalkingfall identifizieren zu können. Auf diese werde ich nun im Folgenden eingehen.

Arbeit zitieren:
Wolfgramm, Maja August 2008: Beratung von Stalkingopfern, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Stalking, Beratung, Opfer, Handlungsstrategie, Verfolgung

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