Beobachtung aus dritter Reihe. Medienjournalismus am Beispiel der Fachzeitschrift 'message'
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Christina Vejr
- Abgabedatum: Dezember 2003
- Umfang: 163 Seiten
- Dateigröße: 589,0 KB
- Note: 1,1
- Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
- Originaltitel: Beobachtung aus dritter Reihe. Medienjournalismus am Beispiel der Fachzeitschrift 'message'
- Bibliografie: ca. 198
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0887-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Vejr, Christina Dezember 2003: Beobachtung aus dritter Reihe. Medienjournalismus am Beispiel der Fachzeitschrift 'message', Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Journalismus, Medien, Fachzeitschrift, message, Medienjournalismus
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Magisterarbeit von Christina Vejr
Einleitung:
Wahlkampf im Fernsehen, Schröder als Medienkanzler und Dieter Bohlen als Kultobjekt - Wer wäre was ohne die Medien und woher würden wir das alles wissen? Die Medien haben mehr Platz und Sendezeit denn je. Die Zeitungen sind dicker, die Vielfalt der Illustrierten ist größer und die Sendeplätze in Funk und Fernsehen zahlreicher. Medien bestimmen nicht nur den größten Teil unserer freien Zeit und begleiten uns im Alltag, sie sind Informationsquelle Nummer Eins. Sie wählen Informationen aus, bearbeiten sie und stellen sie der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die dafür nötige Komplexitätsreduktion der Umwelt ist nur eine Grundfunktion des Journalismus. Medien sollen durch die Vermittlung von Informationen und Wissen sowie durch Selbstbeobachtung und Selbstverständigung der gesellschaftlichen Teilsysteme zur Mündigkeit jedes Einzelnen befähigen. Dadurch schaffen sie als so genannte ‚vierte Gewalt’ nicht nur Orientierung, sondern bilden einen wichtigen Bestandteil einer funktionierenden Demokratie.
Doch der Bedeutungszuwachs der Medien ist auch an den Medien selbst nicht spurlos vorüber gegangen. Unzählige Fernsehkanäle, undurchschaubare Konzernverflechtungen und unübersichtliche Marktverhältnisse lassen die deutsche Medienlandschaft zu einem ‚Mediendschungel’ werden. Dabei sind die Medien selbst auch von Trends und Strukturen abhängig. Eine immer stärker voranschreitende Kommerzialisierung, Globalisierung, Technisierung, Hybridisierung und Deprofessionalisierung bestimmt den Medienmarkt und erzeugt somit neue Marktansprüche. Insgesamt betrachtet verändern sich also nicht nur die Rahmenbedingungen im Mediensektor, sondern es werden als Folge daraus auch neue Strategien und Steuerungsmaßnahmen erforderlich. Da es aufgrund der erwähnten Megatrends zu Spannungen, Undurchsichtigkeiten und Beeinflussungen kommen kann, ist eine intensive Beobachtung der Medien selbst, eine verstärkte Selbstreflexion und eine Analyse von Chancen und Risiken sowie Fehlern und Fortschritten notwendig. In Anbetracht der Tatsache, dass Medien eine gesellschaftliche Schlüsselrolle für das Funktionieren gesellschaftlicher, kultureller, politischer und wirtschaftlicher Prozesse einnehmen, ist die Beobachtung der Medien selbst und ihrer Umgebung umso erforderlicher. Wer aber befindet sich in der Position Transparenz zu schaffen, Strukturen zu erklären und Zusammenhänge darzustellen? Lediglich die Medien selbst haben sowohl den ungefilterten Einblick als auch die Möglichkeit darüber zu informieren. Deshalb wird der über Medien informierende Journalismus Medienjournalismus genannt. Eine weitaus höher entwickelte Form des Medienjournalismus stellt die Berichterstattung über die Eigengesetze des Journalismus dar. Diese Art des Medienjournalismus wird in Anlehnung an Ruß-Mohl Journalismus-Journalismus genannt.
Ein unabhängiger und qualitativ hochwertiger Medienjournalismus beziehungsweise ein ‚Journalismus-Journalismus’ ist allerdings schwer zu realisieren, da die Medien und Journalisten von komplexen Strukturen, Beteiligungen und Einflüssen abhängig sind. Medienjournalisten sind sowohl Mitglieder als auch Beobachter des Systems, wodurch sich medienübergreifende Probleme und Gefahren ergeben. Sie berichten eventuell über das eigene Haus, eine Tochterfirma, einen Kollegen oder potenziellen Arbeitgeber. Ferner müssen sie über ressortübergreifende Kompetenzen verfügen, um über ein Thema adäquat berichten zu können und Zusammenhänge und Motive zu durchschauen. Dies ist auch ein Grund dafür, warum Medienthemen immer noch häufig den bisher bestehenden klassischen Ressorts zugeteilt werden.
Diese Problematik und eine teilnehmende Beobachtung weckte das Interesse an diesem Thema. Um es in seiner Gesamtheit darzustellen, wurde aufbauend auf der Historie und einer Darstellung der Funktion und Zielgruppen von Medienjournalismus auf Medienfachtitel im Speziellen eingegangen. Der empirische Teil rückt die Medienfachzeitschrift „message“ in den Vordergrund und versucht die forschungsleitende Frage, ob „message“ einen ‚Journalismus-Journalismus’ betreibt, zu beantworten.
Das erste Kapitel versucht zunächst den Bedeutungszuwachs und die Relevanz der Medien zu verdeutlichen, um im Folgenden den Begriff Medienjournalismus näher zu definieren und einzugrenzen. Da der Medienjournalismus ein junges Forschungsfeld ist, werden die bis heute wenigen, aber wichtigen Werke beziehungsweise Autoren vorgestellt. Um den heutigen Medienjournalismus einzuordnen und seinen Ursprung zu erkennen, skizziert das erste Kapitel außerdem die historische Entwicklung des Medienjournalismus. Von den Wurzeln des Medienjournalismus über die Etablierung der Radio- und Fernsehkritik bis hin zum Medienjournalismus im Zeitalter des dualen Rundfunks verdeutlicht dieses Kapitel anfängliche Schwierigkeiten und spätere Antriebskräfte zur Etablierung. Bevor eine praxisnahe Beschreibung des Medienjournalismus im zweiten Kapitel erfolgt, findet die Einordnung des Themas in einen systemtheoretischen Kontext statt. Der Systemtheorie von Niklas Luhmann folgend, wird der Journalismus als System erklärt und seine Verbindung zur Umwelt verdeutlicht. Im weiteren Verlauf ergänzt das Zwiebelmodell von Siegfried Weischenberg die klassische Systemtheorie Luhmanns und der Medienjournalismus und seine Akteure werden als Teil des Systems thematisiert.
Das Kapitel „Funktion und Zielgruppen des Medienjournalismus“ bezieht sich in erster Linie auf die Medienberichterstattung in Printmedien. Es werden hier nicht nur die unterschiedlichen Zielgruppen und Funktionen des Medienjournalismus, sondern auch die Potenziale, Gefahren und Probleme angesprochen. Da Medienjournalismus zur Qualitätssicherung beitragen kann, stellt dieses Kapitel unter anderem das in diesem Rahmen wichtige Modell von Stephan Ruß-Mohl dar. Medienjournalismus und Medienjournalisten bewegen sich in einem Feld voller Abhängigkeiten, wirtschaftlichen Verflechtungen und Beeinflussungen. Aufgrund dieser Problematik werden nicht nur die Defizite und Gefahren diskutiert, sondern wird auch näher auf das Selbst- und Fremdbild der Medienjournalisten eingegangen, ihre Funktion als ‚Watch Dogs’ problematisiert und die dafür nötigen Kompetenzen dargestellt. Um das Bild abzurunden, wird der eher stiefmütterlich behandelte Medienjournalismus in Hörfunk und Fernsehen beschrieben und im weiteren Verlauf das Vorbild USA thematisiert. Ziel ist es, aufzuzeigen inwieweit der amerikanische Medienjournalismus dem deutschen voraus ist und somit deutlicht wird, an welchen Stellen in Deutschland noch Lernpotenzial besteht.
Bevor auf „message“ als Untersuchungsgegenstand eingegangen wird, erschien es notwendig den Medienfachtiteln als solche nähere Beachtung zu schenken. Sie stellen quasi die ‚Insider’ der Branche dar und können durch ihre Berichterstattung als Korrektiv wirken und Qualitätsstandards setzen. Obwohl sie ebenfalls zur Gattung Print gehören, bedienen sie eine spezielle Zielgruppe und erfüllen besondere Erwartungen. Da es keine allgemeingültige Definition von Medienfachtitel gibt, wird in diesem Kapitel anhand einer Begriffsdefinition der Gattung Fachzeitschrift versucht, sich diesem anzunähern. Die Bedeutung und Funktion von Fachzeitschriften wird dargestellt und im weiteren Verlauf nicht nur ein kurzer historischer Exkurs unternommen, sondern auch eine kategorische Einteilung der Medienfachperiodika herausgearbeitet. Hierbei unterscheiden sich die Medienfachzeitschriften von den Medieninformationsdiensten, wobei die Darstellung der Leserschaft verdeutlicht, dass sich die Medienfachtitel vor allem an die Multiplikatoren in der Medienbranche richten.
Das letzte Kapitel beinhaltet den empirischen Teil dieser Arbeit. Die Medienfachzeitschrift „message“ hebt sich durch den Anspruch, Vermittler von Wissenschaft und Praxis sein zu wollen, von anderen Medienfachtiteln ab. Der Herausgeber Michael Haller will mit seiner Zeitschrift für einen qualitativ hochwertigen Medienjournalismus stehen, was aufgrund der angesprochenen Bedeutung und Problematik dieses Bereichs ein ehrgeiziges Ziel ist. Umso interessanter schien es, herauszufinden, ob „message“ diesem Ziel gerecht wird. Im Hinblick auf die forschungsleitende Frage, ob „message“ einen ‚Journalismus-Journalismus’ betreibt, wurden Hypothesen gebildet, die anhand einer quantitativ-qualitativen Inhaltsanalyse einer Falsifikation unterzogen wurden. Bevor jedoch die Ergebnisse präsentiert werden, wird in diesem Kapitel „message“ charakterisiert und die Inhaltsanalyse als empirisches Forschungsinstrument vorgestellt. Da sich das Codebuch und der Codebogen im Anhang befinden, wird hier zur Verdeutlichung der Untersuchung lediglich die methodische Durchführung aufgezeigt. Im Rahmen der Korrektur und/oder Ergänzung der Hypothesen sollte ein Leitfadeninterview mit dem Herausgeber als qualitative Ergänzung dienen. Aus diesem Grund werden die Ergebnisse der Inhaltsanalyse nicht nur präsentiert und interpretiert, sondern auch die Aussagen von Michael Haller berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Die Grundlagen des Medienjournalismus | |
| 2.1 | Die Relevanz der Medien für die Gesellschaft | 8 |
| 2.2 | Medienjournalismus – eine Begriffsbestimmung | 11 |
| 2.3 | Der aktuelle Forschungsstand zum Medienjournalismus | 13 |
| 2.4 | Die historische Entwicklung des deutschen Medienjournalismus | 15 |
| 2.4.1 | Die Wurzeln des Medienjournalismus | 15 |
| 2.4.2 | Die Etablierung der Radio- und Fernsehkritik | 16 |
| 2.4.3 | Der „neue“ Medienjournalismus im Zeitalter des dualen Rundfunks | 18 |
| 2.5 | Systemtheoretischer Kontext des Medienjournalismus | 19 |
| 2.5.1 | Journalismus als soziales System | 19 |
| 2.5.2 | Medienjournalismus und seine Akteure als Teil des Systems | 23 |
| 3. | Funktion und Zielgruppen des Medienjournalismus | |
| 3.1 | Medienjournalismus in deutschen Printmedien | 26 |
| 3.1.1 | Medienjournalismus für eine Fachöffentlichkeit | 27 |
| 3.1.2 | Medienjournalismus für die breite Öffentlichkeit | 28 |
| 3.1.3 | Medienjournalisten als ‚Watch Dogs’? | 32 |
| 3.1.4 | Potenziale des Medienjournalismus | 35 |
| 3.1.5 | Die Probleme, Defizite und Gefahren des Medienjournalismus | 41 |
| 3.2 | Exkurs: Medienjournalismus im Rundfunk | 44 |
| 3.3 | Vorbild USA | 47 |
| 4. | Die Bedeutung der Medienfachtitel | |
| 4.1 | Die Fachzeitschrift | 50 |
| 4.2 | Medienfachzeitschriften und Medieninformationsdienste | 52 |
| 4.2.1 | Ein historischer Abriss | 53 |
| 4.2.2 | Eine kategorische Einteilung der Medienfachperiodika | 55 |
| 4.2.3 | Medienfachtitel und ihre Leser | 61 |
| 5. | Die Medienfachzeitschrift „message“ als Untersuchungsgegenstand | |
| 5.1 | „message“ – Eine Charakterisierung | 63 |
| 5.2 | Die Untersuchung | 70 |
| 5.2.1 | Die Forschungshypothesen | 70 |
| 5.2.2 | Die Inhaltsanalyse als empirisches Forschungsinstrument | 72 |
| 5.2.3 | Die methodische Durchführung | 76 |
| 5.2.4 | Das Leitfadeninterview als qualitative Ergänzung | 78 |
| 5.3 | Ergebnisse der Untersuchung | 79 |
| 5.3.1. | Hypothese 1 | 79 |
| 5.3.2. | Hypothese 2 | 82 |
| 5.3.3. | Hypothese 3 | 85 |
| 5.3.4. | Hypothese 4 | 88 |
| 5.3.5 | Hypothese 5 | 91 |
| 5.3.6. | Hypothese 6 | 92 |
| Zusammenfassung | 97 | |
| Literaturverzeichnis | ||
| Primärquellen | 102 | |
| Sekundärliteratur | 103 | |
| 8. | Anhang | |
| I. | Codebuch | 120 |
| II. | Codebuch: Kurzversion | 131 |
| III. | Codebogen | 135 |
| IV. | Ergebnisse der Inhaltsanalyse in Tabellen | 136 |
| V. | Leitfadeninterview mit Michael Haller | 145 |
Textprobe:
Kapitel 2.4.1, Die Wurzeln des Medienjournalismus: Ursprünglich diente die Zeitung der reinen Nachrichtenübermittlung. Aber durch die Aufnahme „raisonierter Formen“ löste sich diese starre Form mehr und mehr auf. Kritik, vornehmlich in Form von Buchrezensionen oder Theater- und Konzertkritik, gehörte zum Inhalt der Presse des späten 17. und des 18. Jahrhunderts. Was für die Zeitung neu war, gehörte für die Zeitschriften bereits zum täglichen Geschäft. Im französischen Raum nahm das „Journal des Savants“ eine Vorreiterrolle ein. In Deutschland machte um 1682 Otto Mencke mit den „Acta eduritorium“ und später Gotthold Ephraim Lessing mit seinen Buchkritiken in der „Berlinischen Privilegierten Zeitung“ von sich reden.
Die Hereinnahme rezensierender und populärwissenschaftlicher Beiträge führte nicht nur zu einer Auflösung der ausschließlichen Nachrichtenübermittlung der Zeitung, sondern auch zur Herausbildung des späteren Feuilletons. Die medienkritischen Beiträge wurden zwar im Hauptblatt platziert, aber grafisch mit einem Strich vom politischen Teil abgegrenzt. Deshalb wurde das Feuilleton auch als Ressort „unter dem Strich“ bezeichnet. Obwohl besagte Medienkritik den feuilletonistischen Teil einer Zeitung beherrschte, gab es durchaus auch Publizisten, die sich nicht nur mit Aufführungen, Büchern und später Sendungen beschäftigten, sondern auch mit den Auswirkungen von Journalismus und Medien auf die Gesellschaft. Zu nennen wären hier beispielsweise Ludwig Börne, Friedrich Nietzsche, Karl Kraus und Theodor Adorno. In Anlehnung an Emil Dovifat, kann von ‚publizistischen Persönlichkeiten’ gesprochen werden, die literarisch-kritische Texte in den Medien und über die Medien veröffentlichen. Die Historie des Feuilletons und seine Kritik zeigen, dass die sich daraus entwickelnde Film- und Fernsehkritik auf der Tradition der Kunstkritik basiert.
Kapitel 2.4.2, Die Etablierung der Radio- und Fernsehkritik: In der Weimarer Republik etablierte sich erstmals der Hörfunk als ein neues Medium, und mit ihm die erste Hörfunk-Programmzeitschrift „Der Deutsche Rundfunk“, in der nicht nur Programmankündigungen abgedruckt, sondern auch technische Fragen zum Radio beantwortet wurden. Die Nationalsozialisten erkannten das neue Medium als ideales Propaganda-Verbreitungsmittel und instrumentalisierten sowohl den Hörfunk als auch die Presse dahingehend. Aufgrund der medialen Gleichschaltung unter dem Propagandaminister Goebbels ist die Medienkritik zur Zeit des Nazi-Regimes dementsprechend gefärbt und kritisch zu betrachten. Unter Ausklammerung der propagandistischen Ausrichtung kann aber gesagt werden, dass Kritik weiterhin stattfand und sich inhaltlich weiterentwickelte. 1935 eröffnete der „Fernseh-Versuchsdienst“, der nur in wenigen ausgewählten Städten zu empfangen war. Trotz der Vorbehalte und der Angst vor einer neuen Konkurrenz druckten einige Radiozeitungen Fernsehkritiken ab. In diesem Zusammenhang erachtet der Fernsehkritiker Kurt Wagenführ die Aufgabe der damaligen Journalisten als sehr umfassend, da sie über technisches Wissen, deren kritische Anmerkungen bis hin zu der Kenntnis über Finanzierungsmöglichkeiten verfügen mussten. In der Tagespresse kam die Sachkompetenz der Journalisten allerdings kaum zum Einsatz, denn in den meisten Fällen wurden lediglich Programmvorschauen abgedruckt.
Die Fernsehkritik, und mit ihr Kurt Wagenführ und Barbara Krieg, stellten einen entscheidenden historischen Abschnitt auf dem Weg zum Medienjournalismus dar. Wagenführ war nicht nur der erste Fernsehkritiker Deutschlands, sondern auch Leiter des rundfunkwissenschaftlichen Instituts am zeitungswissenschaftlichen Lehrstuhl Emil Dovifats und Rundfunkkritiker für das „Berliner Tageblatt“, in dem sich ab Mitte der Dreißiger die ersten Fernsehkritiken von ihm lesen ließen. Die erste nicht propagandistisch gefärbte Fernsehkritik in einer Tageszeitung, initiiert und geschrieben von Wagenführ, erschien am 9.März 1950 im „Hamburger Echo“. Mit dem Start des Fernsehens kam es auch zur allmählichen Etablierung der Fernsehkritik. Zunächst schrieben Fernsehkritiker für Fachdienste wie „Kirche und Rundfunk“ oder die „FUNK Korrespondenz“. In der Tagespresse hatten es die Fernsehkritiker schwerer, ihre Tätigkeit ging häufig nicht über profane Programmankündigungen oder Einzelkritiken hinaus. Das lag vor allem an der anfangs geringen Verbreitung des Mediums Fernsehen und an dem schlechten Ruf, welchen das neue Medium in den Kulturredaktionen genoss. Fernsehkritiker hatten derzeit mit Missachtung und Hohn zu kämpfen, denn die Theater- und Kunstkritiker sahen in dem Medium lediglich eine Möglichkeit, die Massen zu unterhalten und somit keinerlei Grund, ihren Kollegen einen angemessenen Raum im Feuilleton zur Verfügung zu stellen. Mit der zunehmenden Verbreitung des Fernsehens etablierte sich auch dessen Kritik zusehends. So hat beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ ihre erste Fernsehkritik bereits im Jahre 1955 abgedruckt, aber erst 1969 ihre Seite „Fernsehen und Hörfunk“ eingerichtet. Barbara Krieg legte in diesem Zusammenhang 1959 eine Untersuchung von 53 Tageszeitungen vor, wovon 34 regelmäßig oder unregelmäßig Fernsehkritiken druckten.
Während in der ersten Hälfte der Fünfziger hauptsächlich einzelne Sendungen besprochen beziehungsweise kritisiert wurden, kam es in der zweiten Hälfte zu Sammelkritiken und in Folge der Entwicklung des Fernsehens als Leitmedium Anfang der Sechziger zu täglich erscheinenden Fernsehkritiken. Im Feuilleton kam es somit auch zu einer Spezialisierung der Journalisten - aus den Generalisten wurden Spezialisten für einzelne Medien. Der medienkritische Umgang fiel den Fernsehjournalisten anfangs schwer, da sie an die klassische Kunst- oder Theaterkritik gewöhnt waren. Sie versuchten das Fernsehen auf eine Stufe mit der vorher da gewesenen Hochkultur zu stellen, wobei der spezifische Charakter des Fernsehens als Massenunterhaltungsmedium oftmals verloren ging. Wilmont Haacke beschreibt diese Art der Medienkritik im Jahre 1969 als „eine neue, noch selten geübte Form des Bewertens von Fernsehdarbietungen“.
Trotz oder gerade wegen der rasanten Entwicklung des Fernsehens und seinem zunehmenden Erfolg, befanden sich des Weiteren die Verleger in einer Art Zwickmühle. Auf der einen Seite mussten und wollten sie ihren Lesern, die ebenfalls Fernsehzuschauer waren, mit ihrer Berichterstattung gerecht werden, auf der anderen Seite sahen sie in dem neuen Medium eine Konkurrenz, die sie nicht mit zusätzlicher Berichterstattung fördern wollten. Anfang der Siebziger waren diese Ängste verschwunden, ein Bewusstseinswandel hatte sich laut Elisabeth Noelle-Neumann bei den Chefredakteuren der Tageszeitungen vollzogen. Sie erkannten, dass „ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, sich mit dem Fernsehen auseinander zusetzen, und erfolgreicher Entwicklung der Auflage“ besteht. Durch die Professionalisierung der Journalisten etablierte sich nicht nur eine Fernsehkritik mit erkennbarem Profil, sondern auch der Grundstein des zukünftigen Medienjournalismus. Im Zuge dieser Entwicklung kam es allerdings aus medienkritischer Perspektive zu einer starken Vernachlässigung des Hörfunks und der Presse.
Kapitel 2.4.3, Der „neue“ Medienjournalismus im Zeitalter des dualen Rundfunks: Mit der Einführung des dualen Rundfunkssystems 1984 kam es zu einem ‚medienjournalistischen Ruck’ oder wie es Krüger/Müller-Sachse formulieren, zu einem „Urknall“. Die Zahl der Fernseh- und Radioprogramme stieg rapide an, und immer mehr Zeitungsverleger engagierten sich im privaten Rundfunkmarkt. Jeder wollte sich an diesem neuen Wirtschaftszweig beteiligen, woraus sich ein unüberschaubares Feld an Neugründungen und ökonomischen Verstrickungen ergab. Damals wusste keiner so recht, wo der Weg der neuen Generation Rundfunk hinführen wird, aber es war klar, dass jegliche Entwicklung beobachtet, dokumentiert und kritisiert werden musste. Dies erkannten auch die Redaktionen und so war es naheliegend, dass vorhandene Fernsehkritiker zu Medienjournalisten avancierten oder sich Politik- und Wirtschaftsjournalisten mit dem Schwerpunkt Medien auseinander setzten. Der duale Rundfunk wurde zur „alles entscheidenden Veränderung für den Medienjournalismus“ und veränderte auch die Presse nachhaltig. Bereits bestehende Fernsehseiten wurden zu Medienseiten umfunktioniert und Zeitungen, die eher eine geringe Programmberichterstattung betrieben, weiteten ihr Angebot aus.
Es wurden also zukünftig nicht nur Programmvorschauen abgedruckt und sich in der Berichterstattung auf das Fernsehen beschränkt, sondern auch alle anderen Medien und vor allem ihre politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge sowie Hintergründe und Motive ins Blickfeld gerückt. Durch diese strukturelle und inhaltliche Umwandlung änderte sich auch die Funktion des Medienjournalismus: „Das ganze System der Medien - Politik, Ökonomie, internationale Verstrickungen - dominieren nun die Analyse, die Kritik von Inhalten und Produkten spielt eine untergeordnete Rolle. Weit hat sich diese Medienkritik vom klassischen Feuilleton, vom Vorbild der Theater-, Film-, Buchkritiken gelöst.“ Beinhaltete der ‚alte’ Medienjournalismus in erster Linie eine Medienkritik, also die Beobachtung einzelner Produkte mit dem Ziel der Wertung und Rezeptionskontrolle, thematisiert der ‚neue’ Medienjournalismus vor allem das Mediensystem an sich. Aus einer ausschließlich fernsehkritischen Berichterstattung ist demnach ein Medienjournalismus entstanden, der versucht, neben der klassischen Programmbeobachtung auch ökonomische Verflechtungen, Konzentrationsprozesse und Hintergründe des Mediensystems darzustellen sowie das journalistische Handwerk, Motive und Qualität zu thematisieren. Es hat sich zwar viel im medienjournalistischen Sektor getan, aber noch scheint der Prozess nicht abgeschlossen, konstatiert Dieter Anschlag. Die richtige Mischung aus ‚altem’ und ‚neuem’ Medienjournalismus zu finden, sei so unmöglich wie einen „Intendanten aus Helmut Thoma und Dieter Stolte zu clonen“. Sicher kann anhand dieses historischen Abrisses nicht die gesamte Bandbreite der Entwicklung des Medienjournalismus nachgezeichnet werden, aber er kann verdeutlichen, wo der heutige Medienjournalismus seine Wurzeln und Motive hat. Momentan ist es noch nicht möglich, eine abschließende Geschichtsschreibung vorzunehmen, denn dafür ist dieses Feld noch zu jung, zu unerforscht und noch in einer zu starken Entwicklungs- und Umbruchphase.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836608879
Arbeit zitieren:
Vejr, Christina Dezember 2003: Beobachtung aus dritter Reihe. Medienjournalismus am Beispiel der Fachzeitschrift 'message', Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Journalismus, Medien, Fachzeitschrift, message, Medienjournalismus



