Die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung in der neueren Wissenschaftstheorie
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Carolin Köhne
- Abgabedatum: Mai 2007
- Umfang: 121 Seiten
- Dateigröße: 661,6 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
- Bibliografie: ca. 51
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1481-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Köhne, Carolin Mai 2007: Die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung in der neueren Wissenschaftstheorie, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung, Realismus-Antirealismus-Debatte, Kostruktiver Empirismus, Bas van Fraassen, Beobachtungsbegriff
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Staatsexamensarbeit von Carolin Köhne
Einleitung:
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung in der neueren Wissenschaftstheorie. Mit dieser Unterscheidung wird eindeutiger Bezug auf eine Debatte genommen, die seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter der Bezeichnung Realismus-Antirealismus-Debatte bekannt ist. Das Anliegen dieser Arbeit ist systematischer Natur. Es wird eine Aufarbeitung der zentralen Positionen und Argumente der Kontroverse um die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung vorgenommen werden, die der zentrale Ausgangs- und Streitpunkt (des epistemologischen Aspekts) der Realismus-Antirealismus-Debatte ist.
Ziel der Arbeit ist eine möglichst genaue Analyse von van Fraassens Thesen, um auf dieser Grundlage eine ausführliche Diskussion gegnerischer Positionen und Einwände durchzuführen. Es sollen die zentralen Einwände und Kritikpunkte an van Fraassens Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung diskutiert werden, um so zu einer systematischen Aufarbeitung der Kontroverse um diese Unterscheidung zu gelangen. Während der Diskussion der einzelnen Kritiken sollen die Einwände gegen van Fraassens Position auf ihre Stichhaltigkeit überprüft werden, bzw. eine Untersuchung der Plausibilität von van Fraassens Entgegnungen durchgeführt werden. Somit werden eigene Überlegungen und Stellungnahmen zum Konzept der Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung und ihrer Kritik mit in diese Arbeit einfließen. Allerdings kann im Rahmen dieser Untersuchung keine Strategie zur endgültigen Verteidigung einer der Positionen in der Realismus-Antirealismus-Debatte vorgelegt werden, sondern es wird lediglich das weniger weit reichende Ziel ins Auge gefasst, die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung als das inhaltliche Scharniergelenk der Realismus-Antirealismus-Debatte einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
Gang der Untersuchung:
Ich möchte an dieser Stelle kurz die einzelnen Etappen nennen, die ich innerhalb dieser Untersuchung zurücklegen möchte. In Kapitel 2 wird, als Grundlage für die weitere Diskussion, die Position des wissenschaftlichen Realismus erarbeitet werden, von der der Antirealismus abgegrenzt werden soll.
In Kapitel 3 wird anhand der im vorigen Kapitel erarbeiteten Folie die antirealistische Position van Fraassens, der konstruktive Empirismus, vorgestellt. Seine Position ist für die Untersuchung dieser Arbeit zentral, da in ihr van Fraassens Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung eingeführt wird.
Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Frage, was unter einer Beobachtung bzw. unter Beobachtbarkeit zu verstehen ist. Dies ist für die Darstellung der Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung van Fraassens, die ich in Kapitel 5 vornehmen möchte, eine unerlässliche Voraussetzung.
Mit Kapitel 5 schließt der erste Teil dieser Arbeit, in dem die Grundlagen für eine kritische Diskussion der Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung gelegt worden sind, ab. Nach einer kurzen Rekapitulation des ersten Teils der Arbeit, die in Kapitel 6 durch die Erarbeitung eines Zwischenstandes geschehen soll, widmet sich der zweite Teil meiner Untersuchung den Einwänden, die gegen die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung vorgebracht werden; diese werden in Kapitel 7 ausführlich dargestellt sowie einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.
Kapitel 8 beschäftigt sich mit der zentralen Frage, ob es einen epistemisch relevanten Unterschied zwischen beobachtbaren und unbeobachtbaren Entitäten bzw. zwischen Beobachtungen mittels unserer Sinnesorgane und Beobachtungen (oder Messungen) mittels technischer Hilfsmittel gibt. Auf diese prinzipielle Frage läuft ein Großteil der Einwände gegen van Fraasen hinaus, so dass sich eine endgültige Stellungnahme zu seinem Konzept erst vor dem Hintergrund der Beantwortung dieser Frage abgeben lässt. Nachdem die Argumente für und gegen einen epistemisch relevanten Unterschied diskutiert wurden, sollen die Schlussfolgerungen betrachtet werden, die sich daraus für die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung ergeben.
Im abschließenden Kapitel 9 werden die wesentlichen Ergebnisse dieser Arbeit in einem Resümee noch einmal rekapituliert, sowie an die Ausführungen zum wissenschaftlichen Realismus zurückgebunden, indem ich darauf eingehe, welche Konsequenzen sich aus meinen Erkenntnissen über die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung für die wissenschaftstheoretische Realismusdebatte ergeben.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Wissenschaftlicher Realismus | 8 |
| 2.1 | Die wissenschaftstheoretische Realismusdebatte im Kontext der allgemein-philosophischen Realismusdebatte | 8 |
| 2.2 | Die Thesen des wissenschaftlichen Realismus | 10 |
| 2.2.1 | Schematische Darstellung der Realismusthesen | 13 |
| 2.2.2 | Das Verhältnis der Thesen zueinander | 13 |
| 2.3 | Die Angriffe auf den wissenschaftlichen Realismus | 14 |
| 2.3.1 | Die Kritik an den ontologischen Thesen des Realismus | 15 |
| 2.3.2 | Die Kritik an den epistemologischen Thesen des Realismus | 18 |
| 3. | Der konstruktive Empirismus Bas van Fraassens | 24 |
| 3.1 | Das Ziel der Wissenschaften und das Verhältnis von Theorien zur Welt | 24 |
| 3.1.1 | Die empiristischen Vorgängertheorien | 25 |
| 3.1.2 | Die Minimalbestimmung des wissenschaftlichen Realismus | 26 |
| 3.2 | Die Hauptthese des konstruktiven Empirismus | 29 |
| 3.3 | Die semantische und die pragmatische Komponente wissenschaftlicher Theorien | 32 |
| 3.4 | Zusammenfassung | 34 |
| 4. | Beobachtung und Beobachtbarkeit | 36 |
| 4.1 | Alltagsweltliche Beobachtung | 36 |
| 4.2 | Wissenschaftliche Beobachtung | 39 |
| 4.3 | Die Theoriebeladenheit der Beobachtung | 41 |
| 4.4 | Begriffliche Klärungen | 43 |
| 5. | Die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung | 45 |
| 5.1 | Maxwells Kritik als Referenztext für van Fraassen | 45 |
| 5.2 | Die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung van Fraassens | 48 |
| 5.2.1 | Die epistemische Gemeinschaft | 50 |
| 5.2.2 | Beobachtbarkeit als objektive Eigenschaft | 53 |
| 5.3 | Zusammenfassung | 54 |
| 6. | Zwischenstand | 55 |
| 7. | Die Kritik an der Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung | 57 |
| 7.1 | Die Willkürlichkeit der Grenzziehung | 57 |
| 7.2 | Die vitiöse Zirkularität | 63 |
| 7.2.1 | Das internalistische Beobachtungskonzept | 64 |
| 7.2.2 | Der Zirkelvorwurf | 65 |
| 7.2.3 | Die Inkonsistenz der Unterscheidung | 69 |
| 7.3 | Der selektive Skeptizismus und die epistemische Gemeinschaft | 72 |
| 7.3.1 | Die Zirkularität des Konzeptes der epistemischen Gemeinschaft | 77 |
| 7.3.2 | Epistemische Eingemeindung | 79 |
| 7.4 | Die Daten/Phänomen-Unterscheidung | 86 |
| 7.5 | Die inadäquate Berücksichtigung der wissenschaftlichen Praxis | 92 |
| 7.5.1 | Die Erweiterung des Beobachtungsbegriffs | 93 |
| 7.5.2 | Die Unangemessenheit des van Fraassenschen Beobachtungsbegriffs | 95 |
| 7.6 | Zusammenfassung | 96 |
| 8. | Der epistemische Unterschied von Beobachtungen und Messungen | 99 |
| 8.1 | Realistische Strategien | 99 |
| 8.2 | Ein Verteidigungsversuch des van Fraassenschen Beobachtungsbegriffs | 105 |
| 8.2.1 | Ein wissenschaftshistorisches Argument | 108 |
| 8.2.2 | Das Argument der Rechtfertigung von Beobachtungsaussagen | 110 |
| 8.3 | Schlussfolgerungen | 112 |
| 9. | Resümee | 115 |
| 10. | Literaturverzeichnis | 118 |
Textprobe:
Kapitel 8.2, Ein Verteidigungsversuch des van Fraassenschen Beobachtungsbegriffs:
Wir haben im vorigen Abschnitt gesehen, wie Nixon und Brandom dafür argumentieren, dass es keinen epistemisch relevanten Unterschied zwischen Beobachtungen und Messungen gibt. Sie behaupten, dass es immer denkbar sei, dass sich einerseits unsere technischen Hilfsmittel derart weiterentwickeln, dass momentan unbeobachtbare Entitäten beobachtbar werden und es anderseits möglich sei, die nicht-inferentielle Beobachtung einer Entität zu erlernen. Ich möchte im Folgenden einen Versuch unternehmen, den Beobachtungsbegriff van Fraassens zu verteidigen und somit gegen die bereits vorgestellten Thesen Nixons und Brandoms argumentieren. Während innerhalb Kapitel 7 dieser Studie die Position van Fraassens einer ausführlichen Kritik unterzogen wurde, möchte ich es an dieser Stelle nicht versäumen, die Elemente seiner Position, die ich als durchaus plausibel empfinde, zu erwähnen. Zunächst einmal sei erwähnt, dass ich die Ansicht Brandoms, dass man Elementarteilchen wie Mesonen oder Elektronen in der gleichen Weise beobachten kann wie mittelgroße Alltagsgegenstände als äußerst kontraintuitiv empfinde. Dies allein ist sicher noch kein Argument dafür, dass es nicht möglich ist, Elektronen mit dem bloßen Auge zu beobachten, allerdings gehört es meiner Ansicht nach durchaus zu den Vorzügen einer Theorie, wenn sie unsere Intuitionen einfängt. Van Fraassen ist der Ansicht, dass man Elementarteilchen wie Elektronen nicht direkt, mit dem bloßen Auge (also nicht-inferentiell) beobachten, sondern auf ihre Existenz lediglich schließen kann. Elektronen werden laut van Fraassen nicht beobachtet, sondern mittels technischer Geräte detektiert oder gemessen. Man kann durch das Vorhandensein einer (in einer speziellen Weise beschaffenen) Blasenspur auf die Existenz des Elektrons schließen. Was man direkt, nicht-inferentiell beobachtet, ist - gemäß der Ansicht van Fraassens - die Blasenspur in der Nebelkammer, aber nicht das Elektron selbst. Er hält es unter keinen Umständen für möglich, das Elektron zu beobachten, sondern besteht darauf, dass nur die sichtbar gemachten Folgen der Existenz des Elektrons beobachtbar sind. Van Fraassen verdeutlicht dies anhand eines - meiner Ansicht nach - sehr einleuchtenden Beispiels. Wenn wir am Himmel den Kondensstreifen eines Flugzeugs sehen, ohne das Flugzeug selbst jedoch gesehen zu haben, so können wir auf die Existenz des Flugzeugs aufgrund des Kondensstreifens schließen. Im Falle des Elektrons können wir dies in der gleichen Weise tun. Wir schließen durch die (mittels technischer Hilfsmittel erzeugte) Blasenspur auf das Vorhandensein des Elektrons. Während es im Falle des Flugzeugs jedoch theoretisch möglich ist, sich von der Existenz desselben mit dem bloßen Auge zu überzeugen (wir können warten bis es gelandet ist), ist dies im Falle des Elektrons nicht möglich.
Gemäß dem Konzept des konstruktiven Empirismus ist van Fraassen daher der Ansicht, dass es zwischen Beobachtungen und Messungen einen epistemisch relevanten Unterschied gibt. Allerdings reicht die Ansicht, dass Elektronen nur inferentiell und mittels technischer Geräte "beobachtet" werden können, allein nicht aus, um zu der Behauptung, dass es einen epistemisch relevanten Unterschied zwischen Beobachtungen und Messungen gibt, zu gelangen. Zusätzlich benötigt man die Prämisse, dass "Beobachtungen" mittels technischer Hilfsmittel nicht wissenskonstitutiv sind. Ich bin der Meinung, dass - auch wenn für van Fraassens These diese Zusatzprämisse erforderlich ist - dieses Beispiel zunächst einmal sehr anschaulich verdeutlich, warum es nicht möglich ist, Elektronen nicht-inferentiell zu beobachten.
Ich erachte Brandoms Beobachtungsbegriff daher als inadäquat, da ich der Ansicht bin, dass er die wissenschaftliche Praxis nicht angemessen beschreibt. Wissenschaftler beobachten meiner Meinung nach Elektronen nicht direkt, sondern schließen aufgrund von anderen Umständen (die ein Indiz für das Vorhandensein des Elektrons sind) auf diese. Bevor ich zwei Argumente vorstelle, die diese Sichtweise und die damit verbundene These, dass es einen epistemisch relevanten Unterscheid zwischen Beobachtungen und Messungen gibt, stützen sollen, möchte ich im Folgenden einen Vorschlag unterbreiten, meine Sichtweise mit der Brandomschen zu vereinbaren. Damit leiste ich einem möglichen Gegenargument gegen meine Sichtweise Vorschub.
Brandom könnte zur Stärkung seiner Position die Tatsache ins Feld führen, dass Wissenschaftler so sprechen, als würden sie Elektronen direkt beobachten (so äußern sie z.B. den Satz "da ist ein Elektron"). Somit könnte er argumentieren, dass sein Beobachtungsbegriff (im Gegensatz zu dem van Fraassenschen) die Redeweise der Wissenschaftler adäquat beschreibt, was unter Umständen auch als Indiz dafür angesehen werden könnte, dass sein Beobachtungsbegriff auch der wissenschaftlichen Praxis angemessen ist. Ich möchte argumentieren, dass Wissenschaftler sicherlich so sprechen, als würden sie Elektronen direkt beobachten (und Brandoms Beobachtungsbegriff daher den wissenschaftlichen Sprachgebrauch adäquat beschreibt), allerdings bin ich keinesfalls der Meinung, dass er die wissenschaftliche Praxis ebenfalls angemessen wiedergibt. Meiner Ansicht nach benutzen Wissenschaftler einfach eine abkürzende Redeweise, wenn sie einen Satz wie "da ist ein Elektron" äußern. Wenn sie oft genug die Inferenz von der Spur in der Blasenkammer auf das Vorhandensein von Elektronen gezogen haben, sie sich also - mit Brandom gesprochen - einem geeigneten Training unterzogen haben, dann reden sie evt. so, als würden sie Elektronen direkt beobachten, obwohl sie unbewusst noch immer eine Inferenz ziehen. Ein analoger Fall tritt auf, wenn Wissenschaftler davon sprechen, dass sie ein Phänomen, wie beispielsweise den Schmelzpunkt von Blei beobachten. Wie die Betrachtungen zur Daten/Phänomen-Unterscheidung gezeigt haben, beobachten Wissenschaftler gemäß der Ansicht von Bogen und Woodward keine Phänomene, sondern lediglich Daten aus denen das Phänomen erschlossen werden kann. Trotzdem reden die Wissenschaftler aber so, als ob sie die Phänomene direkt beobachten könnten ohne sie erst aus den beobachtbaren Daten erschließen zu müssen. Diese Überlegungen zeigen meines Erachtens, dass die Tatsache, dass Wissenschaftler so sprechen, als könnten sie theoretische Entitäten beobachten und Brandoms Beobachtungsbegriff den wissenschaftlichen Sprachgebrauch somit adäquat beschreibt nicht auch zeigt, dass er der wissenschaftlichen Praxis angemessen ist.
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http://www.diplom.de/ean/9783836614818
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Köhne, Carolin Mai 2007: Die Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung in der neueren Wissenschaftstheorie, Hamburg: Diplomica Verlag
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Beobachtbar/unbeobachtbar-Unterscheidung, Realismus-Antirealismus-Debatte, Kostruktiver Empirismus, Bas van Fraassen, Beobachtungsbegriff



