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Der Beitrag der Frau zum literarischen Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Der Beitrag der Frau zum literarischen Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Gerhard Grubeck
  • Abgabedatum: Juli 1985
  • Umfang: 139 Seiten
  • Dateigröße: 697,7 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
  • Bibliografie: ca. 38
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1211-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Grubeck, Gerhard Juli 1985: Der Beitrag der Frau zum literarischen Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Frauen und Literatur, Literaturepochen, Emanzipation, Vormärz, Romantik

Magisterarbeit von Gerhard Grubeck

Einleitung:

Eine männlich dominierte Gesellschaft – und als solche möchte ich auch die heutige (noch) bezeichnen – hat keine geschlechtsneutrale Literaturgeschichte, -wissenschaft und –Kritik. Ihre Ansichten und Interessen sichert sie sich mittels literarischen Rangvorstellungen und Wertungen. Ergo ist ihrem Literaturkanon und den Kriterien, die den Zugang hiezu ermöglichen, zunächst und bis auf weiteres zu misstrauen.

Um die Literatur von Frauen angemessen und möglichst wertfrei beurteilen zu können, ist es unumgänglich, die Bedingungen zu studieren, unter denen sie geschrieben haben und unter denen sie gelesen wurden. Man muss die Bildungs- und Sozialgeschichte ebenso berücksichtigen wie die Struktur des literarischen Lebens. So hatten es die in dieser Arbeit besprochenen Frauen (Dichterinnen) in den Institutionen des literarischen Lebens fast ausschließlich mit Männern zu tun, die ‘selbstherrlich’ nach ihren’ Maßstäben entschieden, ob ein Werk überhaupt gedruckt, verlegt und tradiert wurde.

„In den vergangenen Jahrhunderten gab es eine umfangreiche literarische Produktion von Frauen, über die in Literaturgeschichten nur wenig nachzulesen ist. Verantwortlich dafür sind zunächst die bestehenden Herrschaftsverhältnisse im gesellschaftlichen Ganzen. Literaturgeschichte ist ein Teil der Geschichte des gesellschaftlichen Ganzen, und so wie diese als Geschichte einer männlich strukturierten Gesellschaft die Beiträge der Frauen nicht objektiv darstellt, so auch nicht die Literaturgeschichte.“ Wie Recht die Schreiberin dieser Zeilen hat, wurde mir klar, als ich mich erstmals ernsthaft mit dem Thema dieser Arbeit auseinanderzusetzen begann.

Wäre ich nach den herkömmlichen Literaturlexika und –geschichten gegangen, das heißt, hätte ich nur die Dichterinnen bearbeitet und besprochen, die dort namentlich erwähnt werden – geschweige den behandelt – könnte diese Arbeit nach wenigen Seiten beendet sein. Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff und eventuell Karoline von Günderode blieben mir zur Auseinandersetzung. Von der männlichen Eitelkeit oder Ignoranz der Literaturgeschichtsschreiber unter den Tisch gekehrt oder erst gar nicht hervorgeholt werden so bedeutende Frauen wie Rahel Varnhagen, Caroline Schlegel-Schelling, Dorothea Veit-Schlegel, Malwida von Meysenbug, Ida von Reinsberg-Düringsfeld, Louise von Plönnies, Louise Aston, Louise Dittmar, Louise Otto-Peters oder Ida Gräfin von Hahn-Hahn. Erst in den Letzten Monaten und Jahren sind uns einige Werke der zuletzt erwähnten Schriftstellerinnen dank einiger Verlage wie Fischer, dtv, Insel-Verlag und Luchterhand wieder zugänglich. Spät aber doch erfahren so diese Frauen die ihnen schon längst zustehende Beachtung und Ehrung.

Wie sehr die Dichterinnen zu ihrer Zeit verachtet wurden, beweist uns Georg Gottfried Gervinus, der als Vater der deutschen Literaturgeschichtsschreibung gilt. Er war der Ansicht, dass Kreativität und Genie Männersache seien – nachzulesen im V. Band seines Werkes. Nach biologisch und auch ökonomisch gültigem Gesetz, so meinte Gervinus, fällt Frauen die passive und Männern die aktive Rolle zu. Für die Literatur bedeutet das also, dass Frauen die geborenen Leserinnen sind, während Männer zum Schreiben prädestiniert waren und sind.

Ganz so unrichtig war Gervinus‘ Schluss nicht, jedoch verhinderte vor allem die gesellschaftlich fixierte Rolle der Frau, ihre Einzwängung in Haus und Familie eine eigenständige schöpferische Leistung. Die gesellschaftliche Rolleneinteilung, die damals ausdrücklich mit moralischen Gründen gerechtfertigt wurde, war in Wahrheit ein wohldurchdachter ideologischer Schachzug zur Sicherung bestehender Herrschaftsstrukturen.

„Die Erwartungen gegenüber Literatur waren mit einer Vorstellung vom Künstler verbunden, wie sie bereits Goethe und Schiller in ihrem Schema über den Dilettantismus zum Ausdruck brachten. Der eigentliche Künstler hat demnach folgende Voraussetzungen zu erfüllen: 1. Beruf und Profession, 2. Ausübung der Kunst nach Wissenschaft, 3. schulgerechte Folge und Steigerung und 4. Anschluß an eine Kunst und Künstlerwelt.“ Es ist beinahe selbstverständlich, dass Frauen jener Zeit diese Erwartungen aufgrund ihrer gesellschaftlich fixierten Rolle kaum erfüllen konnten, es sei denn, dass sie die Rolle verletzten.

Gang der Untersuchung:

Diese Einleitung abschließen soll der Hinweis, dass die vorliegende Arbeit in drei Teile geteilt ist, nämlich in ‚die Dichterinnen der Romantik’, Annette von Droste- Hülshoff’, die sich schwer einer Literaturepoche zuschreiben lässt - manche zählen sie zur Romantik, manche zum Biedermeier und wieder andere nennen sie Heimatdichterin -, und in ‘die Dichterinnen im deutschen Vormärz’.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 3
2. DIE DICHTERINNEN DER ROMANTIK 6
2.1 CAROLINE BÖHMER-SCHLEGEL-SCHELLING 6
2.2 DOROTHEA VEIT-SCHLEGEL 11
2.3 CAROLINE VON GÜNDERODE 18
2.4 BETTINA VON ARNIM 39
2.5 RAHEL VARNHAGEN VON ENSE 67
2.6 SUSETTE GONTARD 71
2.7 SOPHIE MEREAU-BRENTANO 72
2.8 MARIANNE VON WILLEMER. 74
2.9 LOUISE BRACHMANN 75
3. ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF: 76
4. DIE DICHTERINNEN IM DEUTSCHEN VORMÄRZ 98
4.1 AMALIE HOLST UND BETTY GLEIM 102
4.2 KATHINKA ZITZ-HALEIN 104
4.3 LOUISE VON PLÖNNIES 104
4.4 IDA GRÄFIN VON HAHN-HAHN 105
4.5 FANNY LEWALD 107
4.6 LOUISE ASTON 109
4.7 LOUISE DITTMAR 115
4.8 LOUISE OTTO-PETERS 117
4.9 LOUISE MÜHLBACH 123
4.10 BETTY PAOLI 124
4.11 IDA VON REINSBERG-DÜRINGSFELD 125
4.12 MALVIDA VON MEYSENBUG 126
4.13 MATHILDE FRANZISKA ANNEKE 128
4.14 HEDWIG DOHM. 131
5. RESÜMEE 134
6. LITERATURVERZEICHNIS 138

Textprobe:

Kapitel 3, DIE DICHTERINNEN IM DEUTSCHEN VORMÄRZ:

Die Dichterinnen, die in diesem Kapitel zu behandeln sein werden, sind meiner Meinung nach bei weitem nicht von diesem literarischen und literaturhistorischen Wert wie die in den vorigen Kapiteln besprochenen Schriftstellerinnen. Ihr unbestrittener Wert aber liegt darin, dass sie die ersten sind, die in den verschiedensten Frauengesellschaften für ihre Emanzipation streiten und kämpfen. Und als Zeitgenossinnen der 48er Revolution scheitern sie zwar, doch sind für den Geist der Emanzipation die ersten wichtigen Wurzeln geschlagen. Zugegeben, auch vorher schon wurden Keimlinge gesetzt und Samen verstreut, doch:

„Die solipsisitischen Aufbegehrerinnen der Romantik, wie Rahel Varnhagen von Ense, Caroline Schlegel-Schelling und Bettina von Arnim, deren Wirken sich zumeist auf die Berliner Salons konzentrierte, blieben Einzelstimmen, die sich weniger den Frauen im allgemeinen als vielmehr ihrem höchst persönlichen ‚Ich’ gegenüber verpflichtet fühlten. Das änderte sich erst um die Wende der dreißiger zu den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts.“ Vorerst jedoch ein kurzer historischer Diskurs, der zum weiteren Verständnis dieser Emanzipationsströmungen und -bestrebungen dienen soll.

Seit der Französischen Revolution existierte das Schlagwort von der Emanzipation des dritten Standes, der Juden, der amerikanischen Negersklaven und – noch nicht so stark – der Frauen. 1791 erstellte Olympe de Gouge das Manifest der ‚Verkündigung der Frauen – und Bürgerinnenrechte’ in Frankreich. Ein Jahr später erschien in England Mary Wollstonecrafts „Verteidigung der Rechte der Frauen“. Um 1814 gewannen die Saint-Simonisten, Vorläufer der sozialistischen Bewegung, an Einfluss und Bedeutung.

Aufgrund einer fehlenden Revolution war die politische Entwicklung in Deutschland jedoch anders verlaufen, was sich auch auf die Frauen auswirkte. Erst durch Impulse aus Frankreich, der Julirevolution und der Bewegung des Saint-Simonismus kamen gewisse Veränderungen in Bewegung, fand ein Umdenken statt. Der Schlachtruf von der ‚Emanzipation des Fleisches’ wurde hörbar, die bis dahin übliche Konvenienzehe verpönt und die ‚freie Wahlumarmung’ propagiert.

„Die Emanzipationsdiskussion in Deutschland wurde von Männern wie Heine, Gutzkow, Laube und Mundt in Gang gesetzt, die sich für eine ganz bestimmte Seite des Saint-Simonistischen Befreiungsprogramms begeisterten. Sie interessierte weniger das sozial-utopische Konzept einer gerechteren Güterverteilung als vielmehr die Aussicht auf die ‚Rehabilitation der Materie’, das heißt die offenkundige Aufwertung der Sinneslust. Sie wollten die ‚femme libre’ und träumten vom unbegrenzten Sexualgenuß. Das hatte zu Folge, daß der Emanzipationsbegriff ambivalent, ja geradezu zwielichtig wurde. Nur vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, wenn Louise Otto-Peters, die ihr ganzes Leben in den Dienst der Frauenemanzipation gestellt hat, von sich behauptet, ‚nicht zu den Emanzipierten zu gehören’, und Karl Gutzkow in seiner ‚Philosophie der Geschichte’ (1836) die Emanzipation der Frauen ‚als die albernste Idee des Jahrhunderts’ verwirft. Sie meinten beide etwas anderes.“ Nicht alle aber verstanden – wie die im Zitat erwähnten vier ‚Herren der Schöpfung’ – unter Emanzipation „Aufwertung der Sinneslust“. Viele Romantiker wie etwa Friedrich Schlegel (1772 – 1829) oder auch sein Freund Schleiermacher (1768 – 1834) verstanden darunter die gleiche Bestimmung beider Geschlechter. Und sie traten gleichzeitig auf gegen die These Rousseaus von der geistigen Inferiorität der Frau. Schlegel untermauert seine Theorie im Roman „Lucinde“ (1799).

Schlegel geht auf weite Strecken mit der Auffassung Fichtes konform, doch beharrte letzterer auf die Unmündigkeit der Frau – und hier trennen sich die gedanklichen Wege der beiden Philosophen -, wenn er meint: „Im Begriff der Ehe liegt die unbegrenzteste Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes.“ „Beide Geschlechter haben die gleiche Bestimmung: ‚die Weiblichkeit soll wie die Männlichkeit zur höheren Menschlichkeit gereinigt werden.’ Von daher muß sich Schlegel von Weiblichkeitsbestimmungen, wie sie etwa Schiller in seinen Gedichten ‚Würde der Frauen’ und ‚Das Lied von der Glocke’ vertreten hat, distanzieren: ‚Männer wie diese, müßten an Händen und Beinen gebunden werden; solchen Frauen ziemte Gängelband und Fallhut.’“.

Obwohl mir bewusst ist, dass es nicht zum eigentlichen Thema dieser Arbeit gehört, möchte ich denn doch anhand kurzer Textproben darbringen, wie A. W. Schlegel mit Schillers Gedichten in Parodien verfährt; es ist dem Schreiber dieser Zeilen ein und dieser Arbeit ein notwendiges Bedürfnis und eine Genugtuung. Zuerst Schillers ‚Würde der Frauen’ von 1795:

„Ehret die Frauen! Sie flechten und weben/ Himmlische Rosen ins irdische Leben,/ Flechten der Liebe beglückendes Band,/ Und, in der Grazie züchtigem Schleier,/ Nähren sie wachsam das ewige Feuer/ Schöner Gefühle mit heiliger Hand.

Ewig aus der Wahrheit Schranken/ Schweift des Mannes wilde Kraft,/ Unstet treiben die Gedanken/ Auf dem Meer der Leidenschaft./ Gierig greift er in die Ferne,/ Nimmer wird sein Herz gestillt,/ Rastlos durch entlegene Sterne/ Jagt er seines Traumes Bild.“.

Nun die Parodie von August Wilhelm von Schlegel, also dem älteren Bruder Friedrichs, die zu diesem Thema in brüderlicher Eintracht Hand in Hand gehen:

„Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,/ Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,/ Flicken zerrissene Pantalons aus;/ Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,/ Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,/ Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.

Doch der Mann, der tölpelhafte/ Find’t am Zarten nicht Geschmack./ Zum gegornen Gerstensafte/ Raucht er immerfort Tabak;/ Brummt, wie Bären an der Kette,/ Knufft die Kinder spat und fruh;/ Und dem Weibchen, nachts im Bette,/ Kehrt er gleich den Rücken zu.“.

Nach diesem Exkurs in die Männerwelt und ihre verschiedensten Auffassungen zum Thema Frauenemanzipation noch ein Schritt zurück in der Geschichte. Gab es eigentlich schon vor dem deutschen Vormärz Emanzipationsbestrebungen von Seiten der Frauen? Dazu in aller gebotenen Kürze Renate Möhrmann:

„Solche Zeugnisse sind in der Tat vorhanden. Lange schon bevor sich eine Olympe de Gouge oder Mary Wollstonecraft frauenrechtlerisch zu Wort meldeten, konnte man Proteste gegen die Unterdrückung ihres Geschlechts z.B. bei Marie de Gournay nachlesen (Egalité des hommes et des femmes, 1622; Grief des dames, 1626). Für Deutschland wäre die Schrift von Dorothea Christina Leporin zu nennen, die ‚Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten, Darin deren Unerheblichkeit gezeiget, und wie möglich, nöthig und nützlich es sey, Daß dieses Geschlecht sich befleisse, umständlich dargelegt wird’ (1742).“.

Nun aber zum eigentlichen Thema dieses Kapitels, zu den Dichterinnen des Vormärz. Zwei Vorreiterinnen bzw. Vordenkerinnen der Vormärz-Literatinnen, die man nicht übergehen kann, sind die Pädagoginnen Amalie Holst (1758 – 1829) und Betty Gleim (1781 – 1827). Mit ihren Publikationen kann man sie getrost als Brückenschlägerinnen für die Vormärz-Generation bezeichnen.

Amalie Holst publizierte 1802 die Schrift „Über Bestimmung des Weibes zu höhern Geistesbildung“. Um die Wichtigkeit und Notwendigkeit dieses Werkes zu dokumentiere, seien hier einige Sätze daraus zitiert:

„Ehe wir, Mann oder Weib Staatsbürger oder Staatsbürgerin, Gatte oder Gattin sind, sind wir Menschen. … Der Mensch allein ist bloß Anlage, alles soll sich in ihm erst entwickeln, sein Verstand das Werk vollenden, er selbst soll sein moralischer und geistiger Schöpfer sein, soll sich zum humanen Menschen hinaufbilden. Sind wir von dieser Verbindlichkeit ausgeschlossen, sind wir es, weil wir Weiber sind? Und wenn nicht, wer will unsers Geistes Flügel lähmen? Oder uns durch irgend einen untergeordneten Zweck abhalten, Mensch im eigentlichsten Sinne des Worts zu sein? …“.

Vom heutigen Standpunkt aus lesen sich diese Zeilen als etwas Selbstverständliches, doch war es dies leider nicht immer. Deshalb war es ja so notwendig, dass dieses Buch geschrieben wurde. Und welcher Mut dazu gehörte, diese ‚Wahrheit’ zu sagen bzw. zu schreiben, können wir uns heute kaum noch vorstellen.

Unter der Überschrift ‚Das Weib als Gattin betrachtet’ lesen wir für die damalige Zeit die revolutionären Sätze: „Das Weib ist nicht des Mannes, der Mann nicht des Weibes wegen da; sie sind eins um des andern willen erschaffen im völlig gleichen Verhältnis. Ist dies, so folgt, daß ihre Rechte in der Ehe völlig gleich sind. Die Ehe ist ein Kontrakt, den zwei gleich freie Wesen mit einander schließen, …“ „No na“ dachte ich, als ich diese Zeilen erstmals las. Aber (angeblich?!) gibt es heute noch eine relativ große Anzahl von Männern, für die das Alles nicht selbstverständlich ist, die diese Zeilen wie eine Fremdsprache lesen und verstehen (wollen!).

Holsts Kollegin und Mitstreiterin Betty Gleim veröffentlichte 1810 „Erzählungs- und Bilderbuch zum Gebrauch für Mütter“, im selben Jahr das zweibändige Werk „Erziehung und Unterricht des weiblichen Geschlechts“ um 1814 „Über die Bildung der Frauen“. In der Einleitung des zweiten Werkes lesen wir: „Jeder Mensch ist nun entweder Mensch, Mann und Erdenbürger; oder Mensch, Weib und Erdenbürger. In diese zwei Hauptäste teilt sich das Menschengeschlecht; bleiben wir bei dem zweiten stehen. Jedes Kind, das ein Mädchen ist, soll also werden, erstlich: Mensch; zweitens: Weib, drittens: Erdenbürger.“.

Wir erkennen daraus, dass beide, also Holst sowie Gleim, versuchen, Verbesserung und Gleichstellung für ihr Geschlecht vermittels neuer Erziehungsmethoden zu erlangen. Bei der Lektüre dieser beiden Pädagogen springt außerdem ins Auge, dass sie durch das Aufrücken oder Aufsteigen des weiblichen Geschlechts keinesfalls jedoch ein Absteigen des männlichen verlangen oder fordern; also nicht nach dem Grundsatz: wie du so einst mir, so heut’ ich dir. Und das war klug so. Uns beweist außerdem mehr Achtung für das andere Geschlecht, mehr Einfühlungsvermögen und weniger Präpotenz, als dies von Seiten der Männer jahrtausendelang zelebriert wurde.

Aber nun zu den eigentlichen ‚Vormärzlerinnen’. Durch die relativ große Anzahl an Dichterinnen, die hier zu erwähnen und mehr oder weniger zu besprechen sind, fiel es mir schwer, eine geeignete Reihenfolge – wie etwa bei den Romantikerinnen – zu finden. Ergo wählte ich die relativ einfachste und primitivste, die nach den Geburtsjahren – mit einer Ausnahme, nämlich der drei Louisen: Aston, Dittmar, Otto-Peters, die zusammen als ‚die Frauen von 1848’ in die Geschichte eingingen.

Zuerst aber nun zu Kathinka Zitz-Halein (1801 – 1877). Sie verlebte den größten Teil ihres Lebens in Mainz, Straßburg und Frankfurt. Sie veröffentlichte zwei Gedichtsammlungen, „Herbstrosen“ (1846) und „Dur- und Molltöne“ (1859) und noch zahlreiche unbekannte mehr. Auch schrieb sie einen sechsbändigen Roman über Rahel Varnhagen. Vieles veröffentlichte sie auch anonym. Ansonsten ist nicht allzu viel über sie bekannt. Eine progressive Aufbruchsstimmung fortschrittlicher Natur lässt sich aus vielen ihren Gedichten herauslesen. Als Beispiel dazu die letzten beiden Strophen des Gedichts „Vorwärts und Rückwärts“ aus der zweit genannten Gedichtsammlung: „V o r w ä r t s ! Die Geschichte beweist es, Freiheit sei das edelste Loos. R ü c k w ä r t s ! Nähret den Bauch statt des Geistes, und ihr ziehet eure Sklaven groß. V o r w ä r t s ! Aber belügen und trügen sollen unsre Lippen nie. R ü c k w ä r t s ! Wir werden dennoch siegen, es gibt noch gar viel Menschenvieh.“ Ich wage den Zusatz: Vielen Politikern gewidmet!

Arbeit zitieren:
Grubeck, Gerhard Juli 1985: Der Beitrag der Frau zum literarischen Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Frauen und Literatur, Literaturepochen, Emanzipation, Vormärz, Romantik

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