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Behavioral Finance

Psychologische Einflüsse an Kapitalmärkten

Behavioral Finance
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Thomas Friedrichs

Einleitung:

Die Aktienanlage ist in den letzten Jahren zu einer etablierten und beliebten Anlageform geworden. Maßgeblich dazu beigetragen hat zweifellos der Börsengang der Deutschen Telekom im November 1996, den viele Privatanleger dazu genutzt haben, sich mit der Anlage in Beteiligungswerten zu beschäftigen. Auch die Einführung des Neuen Marktes, ein Marktsegment der Deutschen Börse AG für junge und wachstumsstarke Unternehmen, führte viele Anleger an die Börse.

Für einen Anleger, der bislang keine Erfahrungen an den Finanzmärkten gesammelt hat, scheint die Börse ein anonymer Markt zu sein, dessen Steigen oder Fallen eher zufällig bedingt ist. Allerdings vergisst man häufig, dass die Börse als institutionalisierte Kapitalumschlagstelle zwar eine anonyme und immer lautloser werdende Einrichtung ist – man denke an den stetig wachsenden Anteil der Aktienumsätze im vollelektronischen Handelssystem XETRA, jedoch die Börse eine aggregierte Form ständiger Entscheidungen zum Kauf bzw. Verkauf von Aktien darstellt. Letztlich sind diese Entscheidungen Ausfluss menschlicher Denkprozesse, die sich dann in den Aktienkursen niederschlagen. Verfolgt man das historische Börsengeschehen, so lassen sich zahlreiche Phasen ausmachen, in denen die Aktienmärkte euphorisch und ohne ein Halten neue Höchststände erreichen, oder aber die Aktienkurse fallen mit immer größer werdender Geschwindigkeit, scheinbar ohne einen Boden zu finden. Die Stimmung der Marktteilnehmer ist typischerweise im ersten Fall geprägt von unerschütterlichem Optimismus, im zweiten Fall scheint es keinen Marktteilnehmer zu geben, der nur eine Spur Optimismus zeigt.

Die Wirtschaftswissenschaft, die allen Marktteilnehmern rationales Verhalten unterstellt, lässt menschlich-psychologische Aspekte unberücksichtigt, erklärt diese Phänomene zu einer Residualgröße, die aber das theoretische Modell in ihrer Aussagekraft nicht entkräftet. Der Berufsspekulant und Buchautor André Kostolany hingegen behauptete, dass die Börse zu 90 Prozent aus Psychologie bestünde – zumindest kurz- bis mittelfristig, wie er einschränkte.

Die Tatsache, dass das Börsengeschehen oftmals von Psychologie und Irrationalität geprägt ist, wurde lange Zeit mit einfachen Merksätzen wie Buy on bad news oder Sell on good news stark vereinfacht. Der Rat, zu handeln, wenn alles dagegen spricht, wenn „die Kanonen donnern“ – also gerade die dominierende Stimmung als Kontraindikator zu nutzen – fand aber irgendwann doch den Weg in die Aktienanalyse. Die Grundlagen für die Übernahme psychologischen Wissens in die technische Analyse schaffte im Jahre 1954 Humphrey B. Neill, der die Geschehnisse während des Crashs der amerikanischen Börse im Jahre 1946 beobachtete. Mit seinem Buch The Art of Contrary Thinking prägte er den Begriff der gegensätzlichen Meinung und stellte diese Theorie als Anlagephilosophie vor.

Diese Theorie brachte den Durchbruch der technischen Analyse in Amerika. Bislang hatte man sich hauptsächlich auf fundamentale Marktdaten gestützt und einen langfristigen Trend betrachtet, doch nun kamen bereits die ersten Ansätze, die Verhaltensweisen von Marktteilnehmern zu beobachten und diese mit Regelmäßigkeiten in Kursverläufen zu verknüpfen.

Wurden somit erste Grundlagen für eine weitergehende Betrachtung der Finanzmärkte geschaffen, gelang es jedoch bisher nicht, das Spannungsverhältnis zwischen Ökonomie und Psychologie schlüssig zu verarbeiten. Erst in jüngster Vergangenheit entstand mit der Behavioral Finance ein Wissenschaftsgebiet der Kapitalmarktforschung, das dieses Spannungsverhältnis systematisch aufarbeitet und Ansätze darstellt, die weit über die technische und fundamentale Aktienanalyse hinausgehen, gerade die technische Analyse aber in einer neuen Weise erklärt und unterstützt.

Diese Arbeit versucht, das Arbeitsfeld der Behavioral Finance zu vertiefen und Grenzbereiche aufzuzeigen, da auch die Investmentpsychologie nicht ein alles erklärendes Anlagekonzept sein kann.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 3
2. BEHAVIORAL FINANCE IN ABGRENZUNG ZUR KAPITALMARKTTHEORIE 5
2.1 THEORIE EFFIZIENTER MÄRKTE 5
2.2 CAPITAL ASSET PRICING MODEL (CAPM) 12
2.3 INPUTPARAMETER DES CAPM 15
2.3.1 Betafaktor 15
2.3.2 Aktienrenditen 16
3. ANLEGERVERHALTEN UND PSYCHOLOGIE 20
3.1 INFORMATIONSVERARBEITUNG UND -WAHRNEHMUNG 20
3.1.1 Komplexitätsreduzierung 23
3.1.2 Repräsentativitäts-Heuristik 24
3.1.3 Verankerungsheuristik 25
3.1.4 Orientierung an Expertenmeinungen 26
3.1.5 Selektive Wahrnehmung 31
3.1.6 Einfluss von Stimmungen 32
3.2 ENTSCHEIDUNGSVERHALTEN 34
3.2.1 Kognitive Dissonanz 34
3.2.2 Dispositionseffekt 35
3.2.3 Mental Accounting 40
3.2.4 Einfluss von Stimmungen 41
3.2.5 Kontrollphänomene 43
3.2.6 Emotionales Handeln 45
4. MARKTVERHALTEN UND PSYCHOLOGIE 46
4.1 BETRACHTUNG EINES IDEALTYPISCHEN AKTIENKURSVERLAUFES 48
4.2 MARKTPHASENBETRACHTUNG 64
5. EINBINDUNG IN DIE KLASSISCHE AKTIENANALYSE 68
5.1 FUNDAMENTALE ANALYSE 68
5.2 TECHNISCHE ANALYSE 73
5.2.1 Sentimentindikatoren 74
5.2.2 Bedeutung der Sentimentindikatoren 81
6. ABSCHLIEßENDE BEWERTUNG 82
7. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 84
8. ABBILDUNGSVERZEICHNIS 85
9. TABELLENVERZEICHNIS 86
10. ANHANG 86
11. LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS 87

Automatisiert erstellter Textauszug:

Dieser Bereich kann noch weitgehender analysiert werden. Man stelle sich vor, dass Kursverluste bei anhaltender Kursschwäche eine Größenordnung erreichen, die dem Anleger materiell empfindlich schaden. Beispielsweise haben sich Kursverluste akkumuliert, die ein oder zwei Monatsgehälter entsprechen. Oder das Geld für die geplante Hausrenovierung ist durch Börsenverluste drastisch verringert worden. Dieser Vergleich soll zeigen, dass emotional handelnde Anleger ihre Kursgewinne bzw. –verluste ständig in materiellen Werten messen. Steht das Geld des Weiteren nur kurzfristig zur Verfügung, ist die Sensitivität des Anlegers besonders hoch. Erreichen die Kursverluste ein für den Anleger beunruhigendes Niveau, so wird sein Verlustempfinden stark steigen, er versucht „zu retten, was zu retten ist“. Ebenso ist es möglich, dass nach dem Kauf des Aktienpaketes negative Nachrichten bekannt werden, die einerseits unverzüglich in den Aktienkurs einfließen und nachfolgend keinen Einfluss mehr auf den Aktienkurs ausüben, andererseits aber im Unterbewusstsein des Anlegers gespeichert bleiben. Steigt aufgrund einer negativen Börsenstimmung die Nervosität des Anlegers, so könnte er möglicherweise in einem Höhepunkt der Abwärtsbewegung intuitiv zum Verkauf neigen, da die negativen Nachrichten immer noch unbewusst Einfluss auf seine Einschätzung des Aktienmarktes ausüben – obwohl sie nunmehr unbedeutend sind. Die Wertfunktion kann also bei vielen Investoren nach einem flacher werdenden Bereich wieder in eine steilere Kurve übergehen. Für professionelle Börsenakteure kann das Obige ebenfalls zutreffen. Man denke an einen Berufshändler, der von der Geschäftsleitung ein Positionslimit und ein maximales Verlustlimit erhält, welches bei Erreichen ein Konsultieren des Vorgesetzten fordert. Nähern sich die Verluste einer Position diesem Verlustlimit, wird der Händler möglicherweise nervös werden, da er bereits eine berufliche Blamage vor Augen sieht.56 Seine Sensitivität steigt also vor Erreichen des Verlustlimits stark an. Die Wertfunktion könnte in einer derartigen Konstellation wie in Abbildung 15 dargestellt verlaufen. [...]

In der Abbildung ist auf der waagerechten Achse der relative Verlust bzw. Gewinn eines Engagements dargestellt, abhängig vom Einstandspreis des Anlegers, der die Position möglichst mit Gewinn wieder veräußern will und daher diese Gewinnschwelle als Bezugspunkt hat. Die senkrechte Achse gibt das Maß des subjektiven Gewinn- bzw. Verlustempfindens wieder. Anfängliche Verluste sind emotional stärker belastend als die Freude über anfängliche Gewinne, im Koordinatensystem ist dies durch die zwei Kurvenpunkte, rechts und links neben dem Bezugspunkt liegend, dargestellt. Ein Verlust von beispielsweise 1.000 Euro wiegt subjektiv schwerer als ein Gewinn in gleicher Höhe. Je weiter sich der Kurs vom Bezugspunkt entfernt, desto geringer wird die Veränderung seiner Sensitivität gegenüber weiteren Kursgewinnen bzw. Kursverlusten. Dazu ein Beispiel: Der Einstandspreis eines Engagements beträgt 125 Euro. Steigt der Kurs nachfolgend auf 135 Euro, so befindet sich der Anleger erstmals im Gewinnbereich. Ein weiterer Kursanstieg auf 145 Euro würde noch mit relativ hoher Sensitivität aufgenommen werden. Jedoch wird ein Kursgewinn von weiteren acht Prozent, beispielsweise von 250 auf 270 Euro, den Anleger nicht mehr in gleichem Maße freuen, da sich das Engagement bereits weit im Gewinnbereich befindet. Er hat eine Bestätigung seiner Kaufentscheidung erhalten und ist vielleicht mit dem erzielten Kursgewinn bereits zufrieden. Durch die Gewöhnung an die Kursanstiege tritt auch ein Konditionierungseffekt ein. Die grafische Darstellung des Dispositionseffektes lässt darüber hinaus weiteren Spielraum zu einer Interpretation. Hierzu ein Beispiel: Ein Anleger mit einem Gesamtvermögen von 100.000 Euro möchte 10.000 Euro in die Aktie der X-AG investieren. Der aktuelle Kurs notiert bei 100 Euro, der Anleger ordert also 100 XAktien. Im Laufe der nächsten Börsentage fällt die Aktie um zehn Prozent auf 90 Euro, der Anleger verzeichnet einen Buchverlust von 1.000 Euro, sein Gesamtvermögen hat sich ceteris paribus um ein Prozent vermindert. Ein weiterer Kursverfall würde für den Anleger emotional nicht mehr so stark belastend sein, da zum einen seine Hoffnung auf einen Kursanstieg nach den starken Kursverlusten steigt. Zum anderen wirken sich gleiche prozentuale Verluste der Aktie nicht mehr in gleichem Maße materiell aus. Fällt in obigem Beispiel die Aktie von einem nochmals niedrigeren Kursniveau von 80 Euro um zehn Prozent auf 72 Euro, so sind dies für den Anleger „nur noch“ 800 Euro Vermögensverlust, im Vergleich zu 1.000 Euro, die er bei dem zehnprozentigen Kursverlust mit einer Aktienkursbasis von 100 Euro erlitten hatte. [...]

Der Grenznutzen eines Zusatzgewinnes wird immer geringer, je weiter man im Gewinnbereich liegt. Im Verlustbereich gilt das Gleiche, je weiter das Engagement im Verlustbereich liegt, desto weniger sensitiv reagiert der Anleger auf weitere Verluste. Des Weiteren könnte er ein emotionales Hemmnis haben, eine Position aufzulösen. Vielleicht befürchtet er, dass er im Tiefpunkt einer Kursbewegung verkauft und der Aktienkurs nachfolgend wieder steigt. Er hat eine finanzielle Niederlage erlitten und spürt, dass der Markt gegen ihn arbeitet. Beim Tausch in einen anderen Wert wäre die neue Position gedanklich vorbelastet, der Anleger befürchtet, einfach ein unglückliches Händchen zu haben und hält somit lieber an seiner Verlustposition fest. Viele Anleger sind zudem bereit, Verluste einfach zu akzeptieren, da sie diese als Normalität ansehen. Vielleicht möchte man einfach „dabei sein“ beim großen Spiel der Börse. Eine Berücksichtigung möglicher Verluste ist zwar für eine Chance/Risiko-Kalkulation unentbehrlich. Wenn kalkulierte Verluste jedoch auch tatsächlich eintreten, ist der emotional handelnde Anleger geneigt, die Position innerlich abzuschreiben und einfach zu vergessen.54 Die nachfolgende Abbildung 14 zeigt grafisch den Dispositionseffekt in einem Koordinatensystem. [...]

Arbeit zitieren:
Friedrichs, Thomas April 2000: Behavioral Finance, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Verhaltensorientierte Kapitalmarktforschung, Technische Analyse, Fundamentalanalyse, Sentimentindikatoren, Dispositionseffekt

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