Die Bedeutung der Sprache hinsichtlich der Ethnizität
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Melanie Hüsener
- Abgabedatum: April 1999
- Umfang: 110 Seiten
- Dateigröße: 865,2 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8199-5
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8199-5 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8199-5 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hüsener, Melanie April 1999: Die Bedeutung der Sprache hinsichtlich der Ethnizität, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Ethnologie, Ethnolinguistik, Altamerikanistik, Maya-Kultur, Mittelamerika
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Magisterarbeit von Melanie Hüsener
Einleitung:
„Un pueblo que descuida su lengua es como un pueblo que descuida su historia, no están distantes de perder el sentimiento de si mismos y dejar disolverse y anularse su personalidad.“ (Rodó 1995) Der guatemaltekische Linguist José Enrique Rodó formuliert mit dieser Aussage eine der wohl am heftigst diskutiertesten Thesen der Ethnolinguistik, nämlich die, inwiefern Sprache und Ethnizität, bzw. Sprache und Kultur zusammenhängen respektive einander bedingen.
Oberflächlich betrachtet erscheint eine Verbindung zwischen einer bestimmten ethnokulturellen Identität und der dazugehörigen Sprache nur allzu natürlich, sei es das Französische für Franzosen oder das Spanische für Spanier (Fishman 1989).
Auf der anderen Seite stehen weltweit mehr als 5000-8000 noch existierende Sprachen ungefähr 160 Nationalstaaten gegenüber, so dass die Diskrepanz zwischen einem Staatsvolk und einer ethnischen bzw. sprachlichen Gruppe unübersehbar wird: Nur wenige Menschen in dieser Welt leben in einer Gemeinschaft, deren territoriale Grenzen sowohl sprachlich als auch staatlich übereinstimmen. Monolinguale Staaten sind daher sehr selten und bilden eine Ausnahme. In der überwiegenden Mehrheit aller Staaten leben eine oder mehrere Minderheitengruppen, die eine andere Sprache als die Nationalsprache verwenden und über eigenständige Traditionen verfügen. Die Mehrzahl aller weltweit existierenden Sprachen wird von einer Gruppe verwendet, die als Minderheit in einem Staat mit einer dominierenden Amtssprache wie z. B. Englisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch, Hindi etc., lebt (Coulmas 1983).
In den Ideen von Nationalstaatlichkeit und Nationalismus, die in Europa während der Renaissance ihre Blütezeit erlebten und sich seitdem global verbreitet haben, wurden linguistische und kulturelle Verschiedenartigkeit als Bedrohung für die nationale Identität betrachtet und unterdrückt. Das Ideal von nationaler Einheit und Gleichheit auf Kosten kultureller Vielfalt hat sich inzwischen in fast allen Teilen der Welt durchgesetzt, besonders in den ehemaligen Kolonialstaaten Europas, in denen die Nationalstaatlichkeit als Symbol und Wegbereiter der Moderne gilt. Ethnische Vielfalt wird gerade in diesen Ländern als Blockade betrachtet, die eine rasche Anpassung an die kulturellen und technischen Standards an die Länder der sogenannten ‘Ersten Welt’ verhindert. Repressionen gegen ethnische Minderheiten im Staat waren und sind in vielen Ländern an der Tagesordnung; die Benutzung der sogenannten ‘Regionalsprachen’ wurde von Amts wegen untersagt und mit hohen Strafen versehen. Auf diese Weise verringerte sich die Anzahl der Sprecher einer Minderheitensprache von Generation zu Generation zunehmend zugunsten der dominierenden Amtssprache. Dies geschah nicht zuletzt auch aufgrund der ihnen vermittelten Ideologie der Minderwertigkeit und Rückständigkeit der eigenen Sprache und Kultur.
In neuerer Zeit wird diese Ideologie jedoch mehr und mehr in Frage gestellt. Immer mehr Ethnien besinnen sich auf die Werte und Traditionen ihres Volkes und vor allem auf die dazugehörige Sprache, die von vielen als das Symbol ihrer kulturellen und ethnischen Identität betrachtet wird.
Die Entstehung zahlreicher Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen der ethnischen Minderheiten in den letzten Jahren geht auf dieses zunehmende Bewusstsein der eigenen Kultur zurück. Nationales und staatliches Zusammengehörigkeitsgefühl fallen mehr und mehr auseinander und führen zu Konflikten, die teils mit Gewalttaten verbunden sind. (Crystal 1995). Eine der Hauptforderungen dieser ethnischen Gruppen ist die offizielle Anerkennung ihrer Sprache und deren Verbreitung innerhalb des Staates.
Im ersten, eher theoretischen Teil dieser Arbeit, werden die Zusammenhänge von Sprache, Kultur und Identität diskutiert. Hierbei geht es besonders um die unterschiedlichen Denkweisen, die Sprachwissenschaftler in den letzten zwei Jahrhunderten in Bezug auf das Verhältnis zwischen Sprachstruktur und Gedankenwelt oder auch dem Weltbild einer Sprachgemeinschaft entwickelten.
Im zweiten Kapitel werden zunächst verschiedene, für diese Arbeit wichtige Begriffe näher erläutert, besonders der Ethnizitätsbegriff, der erst in den letzten Jahrzehnten entstanden ist. Zuvor wurden für diesen Ausdruck vor allem in der älteren wissenschaftlichen Literatur Begriffe wie ‘Volk’ und ‘Kultur’ synonym verwendet.
Die Frage, inwieweit eine Sprache das Denken beeinflusst oder gar bestimmt, und in welchem Ausmaß sie eine bestimmte Kultur und Lebensweise bedingt, wird im dritten Kapitel mittels der Thesen Wilhelm von Humboldts sowie derer von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf, die zwar mittlerweile als überholt, jedoch noch heute als richtungsweisend für die moderne Linguistik gelten, präzisiert. Anhand verschiedener Veröffentlichungen moderner Linguisten werden ferner überarbeitete Varianten der oben genannten Thesen vorgestellt.
In Kapitel 4 wird die Bedeutung und Funktion der Sprache hinsichtlich der ethnischen und sozialen Identität hinterfragt. Hierbei wird die Sprache als kulturelles und individuelles Sozialisationsinstrument sowohl inter- als auch intraethnisch betrachtet.
Der zweite Teil der Arbeit untersucht die Bedeutung der indianischen Sprachen im Zusammenhang mit dem zunehmenden ethnischen Bewusstsein der Maya-Gruppen im Hochland von Mexiko (Chiapas) und Guatemala. Es werden u. a. Veröffentlichungen verschiedener Linguisten aus der Region zitiert, um sowohl einen gewissen Kontrast als auch eine Bestätigung zu den Thesen des ersten Teils aufzuzeigen. Aus diesem Grund habe ich mich für eine Gliederung der Arbeit in zwei Teile entschieden: Teil 1 beinhaltet eine Übersicht der historischen und aktuellen Standpunkte bezüglich der Verbindung zwischen Sprache, Ethnizität bzw. Kultur; der zweite Teil erörtert dieses Thema anhand der Problematik der indianischen Gemeinschaften in Mittelamerika, die dort (und kontinentweit) zu ethnischen Minderheiten geworden sind.
Besonders in Lateinamerika weisen ethnische Spannungen seit einigen Jahren wieder eine vermehrte Sprengkraft auf. Zurückzuführen ist diese erneut aufgeflammte Ethnizitätsdiskussion sowohl auf den zum einen weltweit stattfindenden Paradigmenwechsel, der dem Ethnischen und Nationalen zu einer Art Renaissance verholfen hat, zum anderen aber auch auf die äußerst prekäre Lage, in der sich die indianischen Gruppen Lateinamerikas befinden. Nicht zuletzt deshalb erhoben sich am Neujahrstag 1994 nach jahrelangen geheimen Vorbereitungen Teile der Maya-Bevölkerung im mexikanischen Bundesstaat Chiapas unter der Anleitung von Subcomandante Marcos, um ihren Mißstand auszudrücken und um ihre Rechte zu proklamieren (Bernecker 1997).
Der Ethnizitätsbegriff selbst hat sich in den letzten Jahren in Lateinamerika stark verwandelt; wurde früher das Indianische im allgemeinen darunter verstanden, so rückt heute die Betrachtung der strukturellen Vielfalt aller ethnischen Gemeinschaften in den Vordergrund.
Während es sich bei den ethnischen Minderheiten in Europa meistens um Einwanderer in ein für sie ursprünglich fremdes Territorium handelt, bestehen die Minderheiten in Mexiko, Guatemala und vielen anderen Ländern Amerikas hauptsächlich aus „Eingeborenen“, „...deren zahlreichere Vorfahren von denen der heutigen Mehrheiten entweder biologisch dezimiert oder regional verdrängt und dadurch zu wirtschaftlicher Isolation und demographischen Rückgang gebracht oder durch fortschreitende Vermischung und soziokulturelle Anpassung in die Mehrheitsgesellschaft integriert worden sind.“ (Mendoza 1992) In Kapitel 5 werden daher sowohl geographische, historische, kulturelle und linguistische Gegebenheiten der Maya -Völker dargestellt, die den Rahmen für den bestehenden ethnischen und linguistischen Konflikt bilden. Die sprachliche Situation im Hochland beider Länder ist durch die gleichzeitige Existenz der Sprachen Spanisch und der jeweiligen regionalen Maya - Sprache gekennzeichnet. Das Spanische gilt dabei als offizielle Amtssprache, wird jedoch von großen Teilen der Bevölkerung nicht verstanden. Der Weg in die Gesellschaft führt allerdings bislang in beiden Ländern ausschließlich über die spanische Sprache und Kultur. Besondere Gewichtung liegt in diesem Kapitel auf der Darstellung von Kultur und dem Weltbild der Maya-Gruppen, die - so die Thesen zahlreicher Linguisten - in mehr oder minder engem Zusammenhang zur Sprache stehen. Als ausführliche Ergänzung hierzu dient eine Zeittafel im Anhang.
Das sechste Kapitel erläutert die desolate Situation der heutigen Maya -Bevölkerung. Zunächst werden die Strukturen der heutigen Gesellschaften Südmexikos und Guatemalas näher untersucht, im Vordergrund steht hier die (Selbst-) Klassifizierung der Bevölkerung in die Kategorien „Indio“, „Mestize“ und „Ladino“. Beruhte die Einteilung in diese Kategorien in den ersten Jahrhunderten nach der spanischen Eroberung ausschließlich auf objektiven Merkmalen wie Herkunft, Sprache etc., so hat sich diese Auffassung in der letzten Zeit, wenn auch in Mexiko und Guatemala auf recht unterschiedliche Art und Weise, grundlegend geändert: Entscheidend ist heute die innere Überzeugung eben zu dieser und nicht zu jener Gruppe zu gehören. Natürlich spielen dabei auch praktizierte kulturelle Eigenarten wie zum Beispiel der Gebrauch einer Sprache, die Ausübung bestimmter kultureller Riten und Traditionen eine elementare Rolle.
Deutlich wird in diesem Kapitel die immer noch vorhandene Diskriminierung des Indianischen, besonders wenn es darum geht, das in beiden staatlichen Konstitutionen festgelegte Ideal einer ‘multilingualen’ und ‘pluriethnischen’ Gesellschaft in die Realität umzusetzen. Am Beispiel der ausführlich untersuchten Erziehungssysteme beider Länder wird verdeutlicht, wie sehr die politische Unterdrückung bestimmter ethnischer Gruppen besonders durch die Sprachpolitik stattfindet. Mit subtilen Methoden werden auch heute noch, 5 Jahre nach dem Zapatistenaufstand nach Beginn der Gesprächsrunden zwischen der mexikanischen Regierung und den Vertretern der EZLN, sowie 2 Jahre nach dem Friedensschluss zwischen Guerilla und Regierung in Guatemala, jegliche Versuche einer qualifizierten bilingualen und bikulturellen Schulbildung, die der Maya - Bevölkerung einen sozial gleichrangigen Status in der Gesellschaft erteilen würde, unterminiert. Vertreter der Maya-Organisationen betrachten das Schulsystem, dessen bisherige pädagogische Perspektive ausschließlich auf die Ladino- bzw. Mestizenbevölkerung ausgerichtet ist, als das „ausführende Organ schlechthin, wenn es darum geht, den Ethnozid der Maya herbeizuführen“ (Cotjí Cuxil 1997).
Die Bedeutung der Sprache als Wurzel einer nationalen und individuellen Identität aus der Sicht verschiedener indigener Linguisten und Vertretern der Bürgerrechtsbewegungen steht im siebten Kapitel im Vordergrund. Hierbei werden besonders die recht unterschiedlichen Forderungen nach sprachlicher und kultureller Autonomie in beiden Ländern verglichen und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Auswirkungen analysiert. Auch der Frage, wie eine - mexikanische wie guatemaltekische - Nation aussehen muss, mit der sich alle in ihr lebenden Bevölkerungsgruppen kulturell wie sprachlich identifizieren können, wird letztendlich nachgegangen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.2 | Erläuterung der Thematik | 1 |
| 1.3 | Beurteilung der Quellenlage | 5 |
| 2. | Erläuterung und Definitionen | 9 |
| 2.1 | Sprache | 9 |
| 2.1.1 | Amtssprachen und Minderheitensprachen | 9 |
| 2.1.2 | Multilingualismus und Diglossie | 10 |
| 2.2 | Ethnizität | 12 |
| 2.2.1 | Begriffsentwicklung und –diskussion | 12 |
| 2.2.2 | Definition des Begriffes „Ethnizität“ | 14 |
| 2.3 | Ethnische Minderheiten | 17 |
| 3. | Die Beziehung zwischen Sprache, Denken und Kultur | 17 |
| 3.1 | Die Theorien Wilhelm von Humboldts | 18 |
| 3.2 | Die Sapir - Whorf - Hypothese bzw. das „linguistische Relativitätsprinzip“ | 20 |
| 3.3 | Die Diskussion der Sapir - Whorf – Hypothese | 23 |
| 3.3.1 | Kritik am linguistischen Relativitätsprinzip | 24 |
| 3.3.2 | Neuere Überlegungen zur Sapir-Whorf-Hypothese aus der Sicht moderner Linguisten | 27 |
| 4. | Die Funktion der Sprache und ihre Bedeutung hinsichtlich der ethnischen Identität | 31 |
| 4.1 | Die Entwicklung von einer ethnischen zu einer sozialen Identität | 31 |
| 4.2 | Die Sprache als wichtigstes Symbol der Ethnizität | 32 |
| 5. | Die Mayasprachen im Hochland von Chiapas und Guatemala | 36 |
| 5.1 | Geographie und Siedlungsraum der Hochland-Maya | 36 |
| 5.2 | Die soziolinguistische und kulturelle Geschichte Mexikos und Guatemalas | 37 |
| 5.3 | Die Kultur der Maya | 41 |
| 5.3.1 | Religion und Kosmovision | 44 |
| 5.3.2 | Die Maya – Sprachen | 47 |
| 5.3.2.1 | Übersicht über die Maya – Sprachen | 48 |
| 5.3.2.2 | Geographische Verteilung der Sprecher | 49 |
| 6. | Die Ethnizitätsdiskussion der Maya-Bevölkerung | 50 |
| 6.1 | Die soziale Situation | 50 |
| 6.1.1 | Die Struktur der heutigen Gesellschaft Südmexikos und Guatemalas | 51 |
| 6.1.2 | Der Konflikt zwischen „Ladinos“, „Mestizen“ und „Indios“: Erläuterung und Begriffsgeschichte | 53 |
| 6.1.3 | Die Entwicklung eines neuen ethnischen Bewußtseins im 20. Jahrhundert | 56 |
| 6.2 | Die soziolinguistische Situation | 58 |
| 6.2.1 | Die multilinguale Realität | 59 |
| 6.2.2 | Die Bildungssysteme beider Länder im Vergleich oder: Das Schulwesen als Hauptkriterium der Sprachideologie | 63 |
| 6.2.2.1 | Aspekte der bilingualen Erziehung im guatemaltekischen Schulwesen | 65 |
| 6.2.2.1 | Das mexikanische Schulwesen und dessen bilinguale Sprachprojekte | 69 |
| 7. | Der Zusammenhang von ethnischer Identität und Sprache in der Debatte der Bürgerrechtsbewegungen | 74 |
| 7.1 | Die Entstehung und Standortbestimmungen wichtiger Bürgerrechtsbewegungen und ihre Ziele im Bezug auf linguistische und soziale Veränderungen | 74 |
| 7.1.1 | Die Academia de Lenguas Mayas(ALMG) | 75 |
| 7.1.2 | Die Nationale Zapatistische Befreiungsarmee | 76 |
| 7.2 | Die Maya - Sprachen als wichtigstes Merkmal der ethnischen Zugehörigkeit | 78 |
| 7.3 | „Unsere erste Sprache ist unsere Wurzel“ - Reflexionen verschiedener Maya - Intellektueller über ihre Sprache und Kultur | 80 |
| 7.4 | Überlegungen bezüglich Forderungen nach offizieller Anerkennung der indianischen Sprachen und Kulturen und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Folgen | 82 |
| 8. | Ergebnisse und Schlussbetrachtung | 83 |
| Anhang | ||
| I. | Tabellarische Übersicht der Geschichte Mexikos und Guatemalas | 85 |
| II. | Karten | 94 |
| III. | Verzeichnis der Abkürzungen | 99 |
| IV. | Literaturverzeichnis | 100 |
Rituale, Weltanschauung, Sozialstruktur und Produktionsweisen (Grube 1997:62). Besonders durch die Volkstrachten mit ihrem Kombinationsreichtum in den verschiedensten Farben und Muster, werden sowohl ethnische, lokale und soziale Unterscheidungsmerkmale angezeigt als auch der Wunsch der Indígenas, sich durch diese kunstvolle Kleidung von den Mestizen abzusetzen (Münzel 1985:35). Auch hat sich die seit Jahrtausenden bewährte Form der Landwirtschaft bei den Maya-Gruppen des Hochlandes nicht wesentlich verändert: Als Grundnahrungsmittel dienen auch heute Mais und Bohnen, wobei dem Mais in der täglichen Diät wohl die zentrale Rolle zukommt. Seine Bedeutung war bereits in vorspanischer Zeit so beträchtlich, daß die Pflanze eine große religiöse Verehrung genoß und der Maisgott im Pantheon der Götter die wohl wichtigste Gestalt darstellte (Grube 1997:25). Da die Aufsplitterung der einzelnen Maya-Gruppen besonders im Hochland, in welchem sowohl unterschiedliche Höhenlagen als auch die Abgeschiedenheit ganzer Gebirgsregionen als Faktoren für die starke kulturelle und linguistische Differenzierung gelten, beträchtlich ist (Münzel 1985:26), konnten diese abseits der guatemaltekischen Nationalkultur, die sie jahrhundertelang ignorierte, ihre kulturellen Charakteristiken weitestgehend bewahren. Abseits der größeren Städte überlebte eine, für viele Ladinos verborgene, Kultur voller Bräuche und Symbole, religiöser Riten und sozialer Interaktionen (Allebrand 1997:120). Vieles verweist jedoch darauf, daß die kulturellen Erscheinungsmerkmale der Maya-Bevölkerung nicht als autochthones Erbe der vorspanischen Zeit betrachtet werden können, sondern das Resultat einer mittlerweile synkretistischen Kultur sind (ebd. 1997:129). Besonders in der Religion haben sich viele traditionelle Glaubensinhalte mit dem offiziellen Katholizismus vermischt (Möller 1997:16). [...]
5.3 Die Kultur der Maya Die auffälligsten Zeichen der alten Maya - Kultur, die religiös-politischen Zentren mit der Pyramidenarchitektur, einer hervorragenden Bildhauerkunst und Malerei, die Wissenschaft und die Hieroglyphenschrift, sind zwar der Kolonialisierung zum Opfer gefallen, dennoch hat sich das Fundament dieser Hochkultur, das Maya-Bauerntum, bis in die heutige Zeit erhalten (Münzel 1985:24). Wie einst ihre Vorfahren leben auch die heutigen Maya-Bauern im Hochland hauptsächlich vom Maisanbau und siedeln in Gemeinden mit einem zeremoniellen Zentrum in kleinen, außerhalb liegenden Weilern (Möller 1997:16). Trotz des Verschwindens der indianischen Oberschicht seit der Kolonialzeit ist die bäuerliche Bevölkerung nicht in die Primitivität zurückgesunken. Münzel (1985:24 f.) beschreibt die heutigen Maya als ein „Hochkultur-Volk, nur ohne Dach“, da die für die voreuropäische Kultur typische „Führungsschicht“ aus Priestern, Wissenschaftlern und Verwaltern von den Europäern eliminiert wurde. An ihrer Statt traten vor allem provinzielle Elemente der kolonial-europäischen Kultur, da sich die spanischen Kolonialherren an die Stelle der indianischen Oberschicht setzten. Zu diesen hochkulturlichen Charakteristika bei den Maya-Bauern zählt Münzel (1985:25) die politische Organisation in territorialen, nicht verwandtschaftlichen Einheiten, die geringe Ausbildung eines Verwandtschaftssystems über die Kernfamilie hinaus sowie deren Zusammenschluß mit anderen Kernfamilien im territorialen Rahmen unter eine gemeinsame politische und religiöse Hierarchie. Desweiteren sind besonders im Hochland von Guatemala kulturspezifische Eigenarten wie die teilweise noch heute bestehende Ansiedlung gesellschaftlicher Würdenträger in religiös-politischen Zentren, die Existenz von Märkten zum Austausch der Produkte, die hochgradige Formalisierung des gesellschaftlichen Lebens sowie der Hierarchisierung der höheren Wesen der Religion weit verbreitet. Zentrale Elemente der Maya-Kultur, die bis heute eine Kontinuität mit der vorspanischen Vergangenheit zum Ausdruck bringen, sind etwa Kleidung, Sprache, [...]
Erst in den neunziger Jahren wurden erste Verhandlungsgespräche zwischen Vertretern der Regierung und der Guerilla auf neutralem Boden geführt. Der langwierige Friedensprozeß, der 1996 seinen vorläufigen Abschluß fand, läßt nun neue Perspektiven in Bezug auf eine Demokratisierung und Veränderung der guatemaltekischen Gesellschaft erhoffen (Allebrand 1997:70). In Mexiko litt die indigene Bevölkerung derweil unter der zunehmenden Verarmung, forciert durch die liberale Wirtschaftspolitik der Regierung von Präsident Salinas de Gortari. Durch das am 1. Januar 1994 inkrafttretende Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada wurden die mexikanischen Grundnahrungsmittel wie Mais, Weizen und Bohnen Bestandteil des Vertrages, was bedeutete, daß sich die Bauern von nun an dem aussichtslosen Wettbewerb mit den US-amerikanischen Importen stellen mußten. Aufgrund dieser Benachteiligung wurde, zusammen mit denen der letzten 500 Jahre, das ‘Faß zum Überlaufen’ gebracht: Mit der Forderung nach Land, Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und nicht-manipulierten Wahlen erhoben sich am Neujahrstag 1994 [...]
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Hüsener, Melanie April 1999: Die Bedeutung der Sprache hinsichtlich der Ethnizität, Hamburg: Diplomica Verlag
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Ethnologie, Ethnolinguistik, Altamerikanistik, Maya-Kultur, Mittelamerika



