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Barrierefreiheit im World Wide Web

Analysen zu Bedarf und Umsetzbarkeit

Barrierefreiheit im World Wide Web
Über dieses Buch
  • Art: Dissertation / Doktorarbeit
  • Autor: Michael Meron
  • Abgabedatum: Juli 2007
  • Umfang: 255 Seiten
  • Dateigröße: 8,0 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 70
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3590-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Meron, Michael Juli 2007: Barrierefreiheit im World Wide Web, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Accessibility, Trichter-Test, Pyramide, Barrierefreiheit, WWW

Dissertation / Doktorarbeit von Michael Meron

Einleitung:

‘Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind’.

In der Öffentlichkeit ist der Begriff der Barrierefreiheit (BF) spätestens seit In-Kraft-Treten des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) im April 2002 allgemein bekannt. Jedoch ist die Vorstellung davon, was er bedeutet, offenbar noch recht diffus. Jede Person, die der Autor bislang über Barrierefreiheit befragte, antwortete mit vagen Beispiele, die lediglich die Stichworte ‘Rollstuhlfahrer” und ‘Blinde’ gemeinsam hatten.

Dabei hat der Gesetzgeber das BGG recht unmissverständlich formuliert. Die Definitionen der Begriffe Behinderung (§ 3), Barrierefreiheit (wie vor) sowie Barrierefreie Informationstechnik (§ 11) sind erfreulich kurz und klar. Das deutet darauf hin, dass der Gesetzgeber eben nicht besondere Maßnahmen für Randgruppen vorschreiben will. Vielmehr möchte er sozusagen ‘mit sanftem Druck’ darauf hinwirken, dass alle Einrichtungen für alle Menschen gleich gut zugänglich gemacht werden.

Ein Beispiel: Ein Hauseingang, zu dem man von der Straße aus nur über drei Stufen gelangt, ist für einen Rollstuhlfahrer nicht erreichbar. Der Hauseigentümer weigert sich aus Kostengründen, die Barriere zu beseitigen. Schließlich überredet man ihn, wenigstens eine einfache, preiswerte Rampe anzulegen, die die Straße mit dem obersten Treppenabsatz verbindet. Nun kann der Rollstuhlfalirer die Tür aus eigener Kraft erreichen ó und bleibt nicht der Einzige, der sich freut: Auch der Postbote kommt jetzt mit seiner schweren Sackkarre viel besser ins Haus. Der Vertriebschef muss seinen Rollkoffer nicht mehr anheben. Der Buchhalter kann sein Fahrrad besser in den Hinterhof bringen. Ein Mehrwert für viele Menschen ist entstanden, den es ohne Barrierefreiheit nicht gegeben hätte.

Ähnlich verhält es sich mit der Barrierefreiheit im World Wide Web (kurz: Web). Der Autor kann sich an die Anfänge dieses Internet-Dienstes erinnern. Die ersten Webseiten sollten einfach nur Inhalte transportieren und bestanden nur aus Textpassagen und Überschriften zur Strukturierung. Durch Anpassung der Schriftgröße oder -farbe waren diese Dokumente für sehbehinderte Menschen problemlos zugänglich. Leider ging dieser Zustand im Laufe der Kommerzialisierung des Web verloren. Screen Designer setzten Tabellen zweckfremd zur Layoutgestaltung ein, verwendeten feste Schriftgrößen und versahen Grafiken nicht mit den sog. Alternativ-Texten, welche sich Sehbehinderte vorlesen lassen können. Dabei müssen ein ansprechendes Layout und Barrierefreiheit keine Widersprüche sein. Im Grunde genommen ist eine barrierefreie Website ja nur eine solche, die (a) syntaktisch korrekt ist und (b) ausschließlich mit den dafür vorgesehenen Mitteln strukturiert wurde.

Im Herbst 2006 ist es immer noch so, dass sich die Erkenntnis der im vorangegangenen Absatz beschriebenen ‘Win-Win-Situation’, in der alle Beteiligten von der Barrierefreiheit im Web profitieren, noch nicht durchgesetzt hat. In der Praxis bedeutet das: Wer seine Websites nicht umstellen muss, der tut es auch nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Das möchte der Autor, der wiederholt Erfahrungen mit Behinderungen machen musste, ändern.

Dazu muss ergründet werden, warum selbst so bekannte Werke der Fachliteratur wie z. B. Homepage Usability, Barrierefreies Webdesign oder Cost-Justzfying Usability bislang so relativ wenig ausrichten konnten. Eventuell senden die Barrierefreiheit-Befürworter zwar die richtigen Botschaften, aber in die falschen Ohren? Es wird ein Schwerpunkt dieser Arbeit sein, die gewohnte technische Sicht um die kaufmännische Sicht zu erweitern, um daraus Argumente abzuleiten, die die Entscheider in der Wirtschaft von der Investition in Barrierefreiheit überzeugen können.

Aber auch die Betriebswirtschaftslehre hilft nicht allein. Auch der Stand der Politik, manifestiert durch Gesetze und Verordnungen in Bund und Ländern, ist genau zu dokumentieren, um die gültigen Vorschriften zu kennen.

Sobald die Vorschriften bekannt sind, sind sie auch zu hinterfragen. Wird denn das BGG wirklich allen Behinderten gleichermaßen gerecht? Beispiel: Forderung nach kontrastreicher Darstellung. Eine Bildschirmdarstellung mit grünen Zeichen auf schwarzem Grund behagt dem Glaukom~Patienten sehr, ist aber für den depressiven Patienten kontraindiziert. Viele ähnliche Beispiele existieren. Ein medizinisches Klassifikationsschema, mit dessen Hilfe Maßnahmen zur Barrierefreiheit nach medizinischer Andikation abgegrenzt werden können, existiert bislang nicht. Das ist zu ändern.

Die Barrierefreiheit im Web ist ein interdisziplinäres Projekt. Es ist von Informatikern, Kaufleuten, Medizinern oder Politikern, jeweils auf sich alleine gestellt, nicht voranzutreiben, aber ein ganzheitlicher Ansatz verspricht Erfolg.

Aufgrund der beschriebenen Motivation soll die vorliegende Arbeit die folgenden wissenschaftlichen Fragestellungen beantworten:

1. Vollständige Zusammenstellung der Daten und Fakten zum Thema Barrierefreiheit in Deutschland, mit Schwerpunkt Barrierefreiheit im Web. Vom historischen Überblick über die aktuelle Lage der Gesetze und Verordnungen in Bund und Ländern bis hin zu Organisationen, Statistiken und Zertifizierung.

2. Untersuchung, warum große kommerzielle Organisationen der Barrierefreiheit im Web vorwiegend reserviert gegenüberstehen. Herausarbeitung von Lösungsansätzen zur Verbesserung der Situation.

3. Entwicklung einer neuen, effizienten Methode zur Analyse der Barrierefreiheit gegebener Websites. Verifikation dieser Methode im Vergleich mit konkurrierenden Methoden. Implementierung der neuen Methode in Form von Software zur freien Benutzung durch Jedermann.

4. Definition von Prädikaten für den Grad der Barrierefreiheit einer gegebenen Website: Barrierebehaftet, barrierereduziert, barrierearm bzw. barrierefrei.

5. Entwicklung eines Modells, an dem sich (a) die einzelnen Beiträge der an der Barrierefreiheit im Web beteiligten Wissenschaften, sowie (b) eine übergeordnete (Meta-) Sicht auf das gesamte Thema veranschaulichen lassen.

Gang der Untersuchung:

Zu Beginn wird das Basiswissen aufbereitet, welches im weiteren Verlauf benötigt und vorausgesetzt wird. Betrachtet werden nacheinander Historie und aktueller Stand der Barrierefreiheit im Web, Methoden der Betriebswirtschaftslehre (BWL) zur Anwendung auf die Barrierefreiheit im Web, sowie weitere zu berücksichtigende Beteiligte und Gesichtspunkte. Insbesondere soll das BWLorientierte Kapitel einen Eindruck davon vermitteln, wie die Manager in den Chefetagen von Großfirmen und Konzernen ‘funktionieren’, woraus folgt, warum so manch rein technisches Argument fehl geht. Trotz der Erkenntnis des Ist-Zustands, der Vorschriften und der Wirtschaftlichkeit wird aber nicht, wie es viele Interessensund Projektgruppen tun, gleich nach operativen Lösungen oder Vorschriften gesucht oder verlangt, sondern es wird erst eine medizinische sowie statistische Grundlage erarbeitet.

Eine anschließende große Fallstudie illustriert alle vorbenannten Grundlagen in der Praxis. Die deutsche Niederlassung eines weltweiten Pharmakonzerns erkennt die Möglichkeiten der Integration der Barrierefreiheit in den Marketing Mix. Die Vorgehensweise ist systematisch, aber aufwändig. Viele Erkenntnisse werden gewonnen.

Es folgt ein Überblick über aktuelle Tools zur Barrierefreiheit-Analyse im Web, sowie der wissenschaftliche Hauptbeitrag dieser Arbeit, der Trichter-Test. Auf diese neue Methode, mit der sich vorhandene Websites wesentlich effizienter hinsichtlich Barrierefreiheit analysieren lassen als bisher, wird sehr ausführlich eingegangen.

Im Anschluss wird das bis dahin Erarbeitete wieder in der Praxis angewandt. Eine Kleinstfirma hat sich bereits um Barrierefreiheit bemüht und sucht für weitere Operationen nach einer schnellen, zuverlässigen und preiswerten Methode zur Barrierefreiheit Analyse. Es folgt die Implementierung des Trichter-Tests in Form des Expertensystems ESRA (Expert System for Rating Accessibility).

Abschließend werden alle Fäden wieder zusammengeführt: die theoretische Basis, die projektbegleitend vorgestellten Erkenntnisse und Methoden, die Ergebnisse und verbleibenden Aufgaben des Expertensystems. Was war alles neu, was war anders als bisher, wo stehen die Benutzer und wo der Gesetzgeber, was kann man mitnehmen in den alltäglichen Umgang mit der Barrierefreiheit? Was bleibt offen und noch zu tun?

Im Anhang befindet sich unter Anderem ein Glossar, gedacht für den Informatiker zum Nachschlagen fachfremder Begriffe und Themen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
1.1 Barrierefreiheit 1
1.2 Motivation 3
1.3 Ziele 4
1.4 Aufbau der Arbeit 5
1.5 Hinweise 6
2. Bestandsaufnahme: Barrierefreiheit 8
2.1 Überblick 8
2.2 Medizinische Basis 11
2.3 Gesetze und Verordnungen 12
2.4 Selbsthilfegruppen, Initiativen und Stiftungen 22
2.5 Kommerzielle Angebote 28
2.6 Zertifizierung nach DIN CERTCO 30
2.7 Statistische Basis 32
2.8 Zusammenfassung 35
3. Bestandsaufnahme: Betriebswirtschaftslehre 38
3.1 Betriebswirtschaftliche Basis 38
3.2 Typische Erfolgsmessung - allgemein 46
3.3 Typische Erfolgsmessung - Web 48
3.4 Zusammenfassung 51
4. Fallstudie: PharmaCorp 52
4.1 Vorstellung und Umfeld 52
4.2 Spezielle Rahmenbedingungen 62
4.3 Projektphasen zur Umstellung auf Barrierefreiheit 64
4.4 Zusammenfassung 83
5. Tools zur Analyse der Barrierefreiheit 86
5.1 Bobby 87
5.2 LIFT 90
5.3 BIK-Kurztest 92
5.4 BIENE Award 94
5.5 Zusammenfassung 95
6. Der Trichter-Test 96
6.1 Überblick 96
6.2 Filter-Stufen 97
6.3 Vollständigkeit 105
6.4 Zusammenfassung 107
7. Weitere Fallstudien 108
7.1 Manchester Guitar Tech 108
7.2 Vergleich: Trichter- vs. BIK-Kurztest 120
7.3 Zusammenfassung 125
8. Exkurs: Expertensysteme 128
8.1 Einführung 128
8.2 Datenstrukturen und Inferenz 132
8.3 Umgang mit unsicherem Wissen 138
8.4 Zusammenfassung 140
9. ESRA - Ein Expertensystem zur Bewertung von Barrierefreiheit im Web 142
9.1 Auswahl der Entwicklungsumgebung 142
9.2 Implementierung 144
9.3 Test: Analyse ausgewählter Sites 164
9.4 Zusammenfassung 173
10. Zusammenfassung und Ausblick 176
10.1 Barrierefreiheit/BITV Korrelationen 176
10.2 Die Barrierefreiheit-Pyramide 180
10.3 Leitsätze 182
10.4 Ausblick 185
11. Quellenverzeichnis 188
Anhang 198
A Abkürzungen 198
B Glossar 202
C Abbildungsverzeichnis 210
D Tabellen- u. Listenverzeichnis 213
E Formulare 216
F Fragebogen 233
G Sitzungsprotokolle 235
H e2glite Dokumentation 247

Textprobe:

Kapitel 9, ESRA – Ein Expertensystem zur Bewertung von Barrierefreiheit im Web:

In diesem Kapitel wird ein ES zur Bewertung von Barrierefreiheit im Web entwickelt und implementiert: ESRA (an Expert System for Rating Accessibility).

Auswahl der Entwicklungsumgebung:

Knowledge Engineering Projekte beginnen wie Programmier-Projekte mit der Auswahl einer geeigneten Entwicklungsumgebung. Nachfolgend werden die drei ES Entwicklungsumgebungen (‘Shells’) vorgestellt, die der Autor in die engere Wahl nahm.

CLIPS:

Das in Deutschland und international gängigste Expertensystem Shell geht zurück auf eine Entwicklung aus den 1980er Jahren. Der damalige Informatikstudent Gary Riley gründete mit seinem ‘C Language Integrated Production System’ (CLIPS) die Firma Intelligent Software Professionals in Texas, welche bis zum heutigen Tag diese Marktnische sehr erfolgreich bedient:

‘CLIPS is a productive development and delivery expert System tool which provides ci complete environment for the construction of rule andlor object based expert systems. Created in 1985, CLIPS is now widely used throughout the government, industry, and academia’.

Der Autor schätzt dieses Produkt, weil es Open Source ist und ‘State of the Art’. Andererseits ist CLIPS zu umfangreich für unsere Zwecke und setzt beim Benutzer eine Installation als EXE- und/oder DLL-Datei voraus. Das ist nicht akzeptabel.

d3web:

d3web ist weder so traditionsreich noch so verbreitet wie CLIPS, aber diese Entwicklung der Uni Würzburg ist ‘der Aufsteiger’ der letzten Jahre. Die Industrie schätzt die starke Unterstützung des Rapid Development. Ein Prototyp kann mit d3web oft innerhalb von nur wenigen Wochen oder gar Tagen vorgestellt werden.

d3web ist hinsichtlich der Anforderungen an Soft- und Hardware des Clients weit weniger anspruchsvoll als CLIPS. Ein Java-fähiger Browser genügt. Allerdings ist die Entwicklungsumgebung derart umfangreich, dass selbst eine knappe Beschreibung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Das ist nicht vertretbar.

e2glite:

e2glite besteht nur aus einem Java-Applet sehr geringer Größe (ca. 14 KB) und wird beim Öffnen der entsprechenden Webseite vom Client mit heruntergeladen. In diesem kleinen Applet sind die Inferenzmaschine, die Erklärungskomponente sowie ein Laufzeit-Debugger untergebracht. Auf eine Entwicklungsumgebung im herkömmlichen Sinne wurde komplett verzichtet. Die Wissensbasis (bestehend aus Regeln und sog. Prompts, vgl. Anhang H) ist vom Knowledge Engineer als einfache Textdatei beizusteuern.

Auch diese Lösung hat Vor- und Nachteile. Nachteile: (a) Zeitverzögerung beim ersten Seitenaufbau im Browser aufgrund des einmalig herunter zu ladenden Applets, (b) Die Wissensbasis steht in einer Textdatei und ist daher ungehindert einsehbar, (c) Eventuelle Browser-Inkompatibilitäten sind je nach verwendeter Laufzeitumgebung für Java nicht auszuschließen. Vorteile: (a) Geringe Ansprüche an den Webserver, denn Shell und Wissensbasis werden ja stets auf den Client übertragen und dort lokal verarbeitet, (b) Leichte Integration in die eigene Webseite, denn das fertige ES ist in einem einzigen Applet gekapselt und dadurch ist es auf der Seite praktisch genau so einfach zu platzieren wie eine Grafik.

Fazit: CLIPS und d3web sind die Mittel der Wahl zur Implementierung mittlerer bis größerer ES. Für ESRA ist jedoch e2glite aufgrund seiner Einfachheit besser geeignet.

Arbeit zitieren:
Meron, Michael Juli 2007: Barrierefreiheit im World Wide Web, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Accessibility, Trichter-Test, Pyramide, Barrierefreiheit, WWW

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