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Die Ballin-Stadt auf der Veddel

Ein sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Beitrag zur Erforschung der Entstehung und Funktion der Auswandererhallen

Die Ballin-Stadt auf der Veddel
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Styliani Tsaniou
  • Abgabedatum: Mai 2006
  • Umfang: 174 Seiten
  • Dateigröße: 10,0 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 140
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0480-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Tsaniou, Styliani Mai 2006: Die Ballin-Stadt auf der Veddel, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Hamburg, BallinStadt, Auswanderung, Auswanderer, Betreuung

Magisterarbeit von Styliani Tsaniou

Einleitung:

Am 18. Dezember 2004 hat der Hamburger Senat im Rahmen des städtebaulichen Konzepts „Sprung über die Elbe“1 die Realisierung des Auswanderermuseums „BallinStadt“ beschlossen. Mit seiner Eröffnung im Jahr 2007 soll im Wesentlichen die Geschichte der europäischen Auswanderung über Hamburg im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verarbeitet und vermittelt werden. Damit wird Hamburg in eine Museumsszene einsteigen, die in den letzten Jahren die Relevanz der Geschichte der europäischen Migration in einer musealen Präsentation signalisiert. Die Grundlage und den entscheidenden Ort für die Entstehung des Auswanderermuseums bildet die historische Fläche auf dem Veddeler Bogen, dort wo es einst eine der wichtigsten historischen Einrichtungen der Hansestadt residierte: die „Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie“. Hierbei handelte es sich um eine besondere „Kleinstadt in der Stadt“, die unter Beachtung aller damals als avanciert geltenden humanitären, hygienischen und technischen Gesichtspunkte die „vergleichsweise beste europäische Unterbringungsanlage für Migranten um die Jahrhundertwende“ bildete. Damit richtet sich die Aufmerksamkeit auf einen relevanten Bestandteil der hamburgischen Geschichte, der bisher am Rande der öffentlichen Wahrnehmung und der sozialhistorischen Betrachtung geblieben ist: die Geschichte einer Institution, die einst mit ihrem technokratisch durchdachten und für die damaligen Verhältnisse überaus modernen Konzept die Grundlage des Auswandererverkehrs in Hamburg bildete und in der Folge die Stadt zum bedeutendsten Auswandererhafen Deutschlands machte.

Zwischen 1896 und 1913 ließen sich über die Hansestadt ca. 1.707.953 EmigrantInnen nach Übersee befördern.5 Im Rahmen der Beförderung stellte die Unterbringung dieser Menschen zunächst eine staatliche Aufgabe dar, die im Laufe der Jahre jedoch von den Reedereien übernommen und kommerzialisiert wurde. Durch die Initiative von Albert Ballin (1857-1918), dem Generaldirektor des damals weltweit führenden Schifffahrtsunternehmens der deutschen Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Aktiengesellschaft (kurz „HAPAG“ genannt) wurden die Auswandererhallen im Jahr 1901 errichtet. Sein Anliegen war es, die osteuropäische Massenauswanderung über Hamburg zu organisieren und eine reibungslose und zugleich profitable Abwicklung derselben zu gewährleisten. Der leitende Gedanke bei der Konzeption dieser Einrichtung war jedoch nicht so sehr die Fürsorge für die EmigrantInnen, sondern vielmehr der Schutz der hamburgischen Bevölkerung vor „der Einschleppung ansteckender Krankheiten durch die durchreisenden Menschen“. Deswegen wurde die Auswandererstadt isoliert von der Innenstadt Hamburgs errichtet, nämlich auf der Elbinsel Veddel. Die Funktion der Auswandererhallen bestand in der strengen Gesundheitskontrolle und ständigen polizeilichen Überwachung der EmigrantInnen, was wiederum im geschäftlichen Interesse der HAPAG war. Die Reederei war nämlich verpflichtet, jeden in amerikanischen Einwanderungshäfen festgestellten „Kranken“ auf eigene Kosten in dessen Heimat zurückzubefördern.

Viele Menschen erlebten diese kleine abgegrenzte Kolonie als die letzte Durchgangsstation zwischen Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft und als das letzte Bild von Deutschland und Europa, das sie auf ihren Weg in die Neue Welt mitnahmen. Für die HAPAG war die Einrichtung von klarem wirtschaftlichen Vorteil, da sie mittelbar zur öffentlichen und internationalen Anerkennung sowohl der Reederei als auch Hamburgs beitrug. Aus dem existierenden Quellenmaterial lässt sich darauf schließen, dass es sich dabei um die europaweit beste Unterbringungsanlage ihrer Zeit gehandelt hat. In Bremen, dem neben Hamburg zweiten wichtigen Auswandererhafen, wurden zwar beachtliche Auswandererhallen errichtet, dennoch fehlte ihnen „an der Geräumigkeit der Hamburger Anlage mit ihren großen Gartenanlagen, Ruheplätzen, eigenen Kranken- und Gotteshäusern“. Wer aber weiß heute noch Näheres über die Entstehungsgeschichte dieser legendären Einrichtung? Obwohl die „Ballin-Stadt“ einen unschätzbaren Beitrag zur Geschichte Hamburgs als Auswandererstadt geleistet hat, ist die Erinnerung daran beinahe erlöscht:

Der zentrale Ort des Geschehens, der erst mit dem Aufbau des Museums wieder aufgewertet wird, war seit langem in Vergessenheit geraten. Selbst das erinnerungspolitische Potential der damaligen Einwanderungsstation und die Möglichkeit ihrer musealen Nutzung wurden erst spät entdeckt. Die vorliegende Magisterarbeit greift damit ein Thema von bedeutender geschichtlicher Geltung auf, dessen Aktualität für die Gegenwart jedoch noch zu entwickeln ist. Die Entstehungsgeschichte und Funktion der Auswandererhallen war bislang noch nicht Gegenstand einer speziellen wissenschaftlichen Untersuchung. Die Forschungslage ist daher dürftig. In Bezug auf frühere Publikationen lässt sich konstatieren, dass die Ballin-Stadt nur beiläufig Erwähnung findet. Ein allgemein gehaltener, knapper Überblick über ihre Gestaltung und Organisation wurde im Jahr 1901 unter dem Gesichtspunkt der sozialen Hygiene in der Stadt bzw. der gesundheitspolizeilichen Überwachung des Auswandererverkehrs in Hamburg veröffentlicht. Nur am Rande wurde auch die Anlage im Jahr 1914 dargestellt, als der Architekten- und Ingenieurverein zu Hamburg die wichtigsten Bauten der Hansestadt publizistisch darbieten wollte.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
1.1 Themenstellung und Forschungsüberblick 1
1.2 Quellenlage/Quellenkritik 6
1.3 Aufbau der Arbeit 9
2. Überseeische Auswanderung über Hamburg im 19. und frühen 20. Jahrhundert 12
2.1 Soziale und wirtschaftliche Faktoren der Auswanderung 14
2.2 Osteuropäische Auswanderung über Hamburg 17
2.3 Schifffahrtsinteresse und Auswanderung 21
2.4 Die Hamburg-Amerika-Linie- Ein kurzer geschichtlicher Abriss 23
2.4.1 Albert Ballin 26
3. Die Entstehungsgeschichte der Auswandererstadt auf der Veddel 28
3.1 Die Cholera in Hamburg: Von den Auswandererbaracken zu den Kontrollstationen: Der Beginn für die Auswandererstadt auf der Veddel 28
3.2 Das Konzept Ballins 31
3.3 Die Lage der neuen Anstalt – warum auf der Veddel? 35
3.4 Die Erbauung der Auswandererhallen auf der Veddel 37
3.5 Die Gestaltung der Auswandererhallen 39
3.5.1 Die alte Anlage zwischen 901 und 1905. Der erste Bauabschnitt 40
3.5.1.1 Die „unreine Seite“ 40
3.5.1.2 Die „reine Seite“ 42
3.6 Bau provisorischer Auswandererbaracken 47
3.7 Die Erweiterung der Auswandererstadt 48
4. Das Leben in der Auswandererstadt 53
4.1 Die Ankunft 53
4.2 Aufenthaltsbedingungen 56
4.2.1 Internierung und Verkehrsbeschränkungen 56
4.2.2 Isolierung der russischen EmigrantInnen 58
4.2.3 Aufhebung der Isolierung 59
4.3 Alltag in der Auswandererstadt 60
4.4 Zustände der Versorgung 62
4.4.1 Unterbringung, Verpflegung und Ernährung 62
4.4.2 Preise für Unterbringung und Verköstigung in den Auswandererhallen 65
4.5 Fürsorge 66
4.5.1 Auswanderervereine 66
4.6 Die Abreise 68
5. Die Überwachung der Anstalt 70
5.1 Polizeiliche Überwachung 70
5.2 Sanitäre Überwachung 73
5.3 Zweck der Überwachung 74
6. Vorkommnisse, Beschwerden in der Auswandererstadt 76
7. Die Auswandererhallen und die HAPAG in der damaligen öffentlichen Diskussion 85
8. Die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Relevanz der Auswandererhallen 93
9. Das „Marinelazarett“ und das „Überseeheim der Hamburg-Amerika-Linie“ 102
10. Ausblick 107
Quellen- und Literaturverzeichnis 110
Anhang 111

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
1.1 Themenstellung und Forschungsüberblick 1
1.2 Quellenlage/Quellenkritik 6
1.3 Aufbau der Arbeit 9
2. Überseeische Auswanderung über Hamburg im 19. und frühen 20. Jahrhundert 12
2.1 Soziale und wirtschaftliche Faktoren der Auswanderung 14
2.2 Osteuropäische Auswanderung über Hamburg 17
2.3 Schifffahrtsinteresse und Auswanderung 21
2.4 Die Hamburg-Amerika-Linie- Ein kurzer geschichtlicher Abriss 23
2.4.1 Albert Ballin 26
3. Die Entstehungsgeschichte der Auswandererstadt auf der Veddel 28
3.1 Die Cholera in Hamburg: Von den Auswandererbaracken zu den Kontrollstationen: Der Beginn für die Auswandererstadt auf der Veddel 28
3.2 Das Konzept Ballins 31
3.3 Die Lage der neuen Anstalt – warum auf der Veddel? 35
3.4 Die Erbauung der Auswandererhallen auf der Veddel 37
3.5 Die Gestaltung der Auswandererhallen 39
3.5.1 Die alte Anlage zwischen 901 und 1905. Der erste Bauabschnitt 40
3.5.1.1 Die „unreine Seite“ 40
3.5.1.2 Die „reine Seite“ 42
3.6 Bau provisorischer Auswandererbaracken 47
3.7 Die Erweiterung der Auswandererstadt 48
4. Das Leben in der Auswandererstadt 53
4.1 Die Ankunft 53
4.2 Aufenthaltsbedingungen 56
4.2.1 Internierung und Verkehrsbeschränkungen 56
4.2.2 Isolierung der russischen EmigrantInnen 58
4.2.3 Aufhebung der Isolierung 59
4.3 Alltag in der Auswandererstadt 60
4.4 Zustände der Versorgung 62
4.4.1 Unterbringung, Verpflegung und Ernährung 62
4.4.2 Preise für Unterbringung und Verköstigung in den Auswandererhallen 65
4.5 Fürsorge 66
4.5.1 Auswanderervereine 66
4.6 Die Abreise 68
5. Die Überwachung der Anstalt 70
5.1 Polizeiliche Überwachung 70
5.2 Sanitäre Überwachung 73
5.3 Zweck der Überwachung 74
6. Vorkommnisse, Beschwerden in der Auswandererstadt 76
7. Die Auswandererhallen und die HAPAG in der damaligen öffentlichen Diskussion 85
8. Die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Relevanz der Auswandererhallen 93
9. Das „Marinelazarett“ und das „Überseeheim der Hamburg-Amerika-Linie“ 102
10. Ausblick 107
Quellen- und Literaturverzeichnis 110
Anhang 111

Textprobe:

Kapitel 3.1, Die Cholera in Hamburg: Von den Auswandererbaracken zu den Kontrollstationen: Der Beginn für die Auswandererstadt auf der Veddel:

Im Zusammenhang mit der osteuropäischen „Durchwanderung“ über Hamburg gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird die aktive Rolle der Reeder bzw. der HAPAG bei der staatlichen Organisation des Auswandererverkehrs besonders deutlich. Entscheidendes Ereignis dafür war die Choleraepidemie des Jahres 1892, die die Diskussion über die wirtschaftliche Bedeutung der Transitmigration außerordentlich intensivierte. Was den Anlass für den Ausbruch der Epidemie betrifft, so ließe sich diese mithilfe verschiedener zeitgenössischer Theorien erklären: Es wurde erstens behauptet, dass die Krankheit mit einem Schiff aus Le Havre in die Stadt gekommen sei. Es war eventuell die damalige Globalisierung, da Hamburg einen der größten Häfen Deutschlands besaß, die den Ausbruch der Seuche auslöste. Die herrschende öffentliche Meinung war aber davon überzeugt, dass die Seuche von den osteuropäischen EmigrantInnen, die über Hamburg nach Amerika fuhren, eingeschleppt wurde. Andere hielten sich an Robert Koch Theorie, derzufolge die Krankheit durch das Wasser und dessen Leitungssystem übertragen wurde. Spätere Untersuchungen bestätigten mehr oder weniger Kochs Theorie. Die Epidemie breitete sich schnell aus, was höchstwahrscheinlich auf die schlechten hygienischen Zustände in der Stadt zurückzuführen war. Auf Anordnung des hamburgischen Senats wurden die folgenden Einschränkungen beschlossen; die aus choleraverdächtigten Ländern kommenden EmigrantInnen, d.h. jene aus Ungarn, Galizien, Rumänien, Dalmatien, Serbien sowie auch Italien musste sich einer fünftägigen Quarantäne und Desinfektion im Auswandererquartier am Amerika-Kai unterwerfen.

Ihnen war auch aus sanitärer Rücksicht der freie Verkehr in der Stadt nicht gestattet. Auf diese Weise konnte verhindert werden, dass ein Erkrankter von Hamburg befördert wird. Für die russischen EmigrantInnen war zudem das Betreten des hamburgischen Staatsgebietes verboten; beim Betreten der Stadt waren sie direkt auf preußisches Gebiet zurückzuschicken. Die vom Medizinalkollegium vorgeschlagene und von Senat und HAPAG finanzierte Massenunterkunft am Amerika-Kai bzw. am O’Swald-Kai wurde einen Monat vor dem Ausbruch der Epidemie eröffnet, d. h. am 20. Juli 1892. Zu deren Errichtung hat auch die Tatsache geführt, dass die Auswandererhäuser in der Stadt den Strom der „Durchwanderer“ nicht fassen konnten. Die dort gebauten Baracken, jede mit getrennten Schlafsälen mit je 140 Betten eingerichtet, boten Unterkunft für 1.400 Menschen und dienten hauptsächlich als sanitäre Einrichtungen zur Isolierung der EmigrantInnen von der Stadt. Der Preis für Unterbringung, Verpflegung, Desinfektion, ärztliche Behandlung inkl. Medikamente war auf 1 Mark pro Tag normiert. Diese als eine Art Massenquartier erbaute provisorische Anstalt war unter staatliche und ärztliche Oberaufsicht gestellt und mit nötigen Bade- und Desinfektionsräumen versehen.

Jedoch waren die Konsequenzen aus der Ausbreitung der Cholera-Epidemie sowohl für die Schifffahrt, den Handel und das Gewerbe in der Stadt als auch für die EmigrantInnen selbst beträchtlich. Die strengen Restriktionen des Hamburger Senats gegen die russischen EmigrantInnen, die Verschärfung des Einwanderungsgesetzes in Amerika und schließlich die Sperrung der deutsch-russischen Grenzen brachten die Geschäftsinteressen der HAPAG in Gefahr, erschütterten das Image des Hamburger Hafens und entmutigten schließlich alle EmigrantInnen, die jetzt mehrheitlich Bremen, Antwerpen und Rotterdam bevorzugten. Die HAPAG hatte unter Ballins Leitung versucht, die Bedenken der Regierungen abzuschwächen, die Aufhebung der Einschränkungen zu erreichen und sich somit das Auswanderergeschäft zu erhalten. Es folgte ein heftiger Kampf mit der Behörde und dem Senat, bis Ballin schließlich ohne Zögern dem Senat drohte, den Sitz der HAPAG nach Bremen zu übertragen, was für die Hamburger Wirtschaft, zu der die HAPAG schätzungsweise jährlich 60 Millionen Mark beisteuerte, einen offensiven Schlag bedeutete.

Nach der konkreten und deutlichen Drohung Ballins die HAPAG nach Bremen zu verlegen, nahm der Senat einen Teil der Restriktionen zurück. Man wollte die Durchwanderung nicht verbieten, sondern sie kontrollieren. Statt deren völliger Unterbindung wurde beschlossen, den Reedereien die Verantwortung für die Gesundheit der angekommenen EmigrantInnen zu übertragen. In Zusammenarbeit mit den preußischen Behörden und mit dem „Norddeutschen Lloyd“ in Bremen ließ die HAPAG ab 1894 an der deutsch-russischen Grenze „Kontrollstationen“ und später die so genannten „Registrierstationen“ auf eigene Kosten bauen.

Arbeit zitieren:
Tsaniou, Styliani Mai 2006: Die Ballin-Stadt auf der Veddel, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Hamburg, BallinStadt, Auswanderung, Auswanderer, Betreuung

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