Faktoren der Straffälligkeit
Biographische Fallanalysen zu den Hintergründen delinquenter Karrieren
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Daniel Bergers
- Abgabedatum: März 2011
- Umfang: 162 Seiten
- Dateigröße: 950,1 KB
- Note: 1,6
- Institution / Hochschule: Duale Hochschule Baden-Württemberg Deutschland
- Bibliografie: ca. 58
- ISBN (eBook): 978-3-8428-2089-0
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Bergers, Daniel März 2011: Faktoren der Straffälligkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kriminalität, Kriminalitätstheorie, Qualitative Sozialforschung, Narratives Interview, Kriminalitätskriterien
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Bachelorarbeit von Daniel Bergers
Einleitung:
‘Was wir heute nicht in Erziehung, Schulen und Familien investieren, zahlen wir morgen doppelt bei der Kriminalitätsbekämpfung; dann ist das Kind aber schon in den Brunnen gefallen.’ Dieses Zitat von Heiner Geissler zeigt, dass das Thema Kriminalität in der heutigen Gesellschaft als Problem wahrgenommen und vielseitig diskutiert wird.
‘Der Begriff K. [Kriminalität, Anm. d. Verf.] bezeichnet die Gesamtheit der in einer Gesellschaft vorkommenden Verstöße gegen Normen des Strafrechts (Straftaten).’ Dementsprechend bezeichnet der Begriff kriminelles Verhalten den unter Strafe gestellten Verstoß gegen bestehende Rechtsnormen auf der Einzelfallebene. Ein solches Verhalten wird auch als Delinquenz bezeichnet.
Seit drei Jahren arbeite ich in einer vollstationären sozialtherapeutischen Wohngruppe für Haftentlassene. In diesem Zeitraum betreute ich über 100 Klienten in unserer Einrichtung. Basierend auf dem Konzept der konfrontativen Pädagogik steht dabei die Beziehungsarbeit im Mittelpunkt. Ein umfassendes Angebot von der Unterstützung bei der Arbeitssuche, über die Vermittlung von Tagesstruktur und einer sinnvollen Freizeitgestaltung, bis hin zur Koordination zwischen Bewährungshilfe, Psychologen und Ärzten, soll den Klienten helfen, in ihrer Zukunft ein straffreies Leben führen zu können. Schon mit Beginn meiner Tätigkeit in der sozialtherapeutischen Wohngruppe stellte ich mir die Frage, warum Menschen überhaupt straffällig werden. Liegt es an ihnen selbst? Liegt es an gesellschaftlichen Umständen, oder war es Zufall, dass sie kriminell geworden sind? Im Laufe der Arbeit in der Wohngruppe konkretisierte sich die Fragestellung aufgrund praktischer Erfahrungen für mich immer mehr, und der Versuch, die Bedingungsfaktoren für das kriminelle Verhalten meiner Klienten zu verstehen, rückte für mich in den Vordergrund. Bedingt durch die intensive Arbeit mit dem Klientel in der Wohngruppe gewann dieser Aspekt immer mehr Bedeutung für mich. Aus diesem Grund soll sich diese Arbeit mit der Frage beschäftigen: Welche Faktoren haben bei meinem Klientel zu kriminellem Verhalten geführt?
Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst theoretisch dargestellt werden, welche Faktoren zu einem kriminellen Verhalten führen. Hierfür werden zu Beginn unterschiedliche Kriminalitätstheorien vorgestellt, um zu verdeutlichen, mit welchen Ansatzpunkten die Wissenschaft der Kriminologie versucht, kriminelles Verhalten zu deuten und zu erklären. Im Anschluss wird der Versuch unternommen, einen Einblick in den sehr weitreichenden Forschungsstand der Kriminologie zu geben. Um näher auf die forschungsleitende Frage einzugehen, sollen im Folgenden zwei Klienten der sozialtherapeutischen Wohngruppe im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Mittels narrativer Interviews soll dabei herausgefiltert werden, was bei den Bewohnern der Wohngruppe dazu geführt hat, dass sie straffällig geworden sind. Um nun die Ergebnisse der Erzählung der Klienten wissenschaftlich aus- und bewerten zu können, werden die Antworten der Probanden in drei Schritten untersucht, um im Anschluss daran die Resultate miteinander vergleichen zu können. Nach Abschluss dieser vergleichenden Untersuchung soll ein Rückbezug zu den bestehen Theorien der Kriminologie erfolgen, um zu überprüfen, welche Aussagekraft diese haben, beziehungsweise ob sie auf das Klientel der Wohngruppe zutreffen. Zum Abschluss dieser Arbeit sollen die Ergebnisse der empirischen Untersuchung genutzt werden, um deren Bedeutung und Konsequenz für die Soziale Arbeit daraus abzuleiten.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Kriminalitätstheorien | 6 |
| 2.1 | Personenbezogene Theorien | 7 |
| 2.2 | Sozialstrukturelle Theorien | 15 |
| 2.3 | Kriminalisierungstheorie (labeling approach) | 21 |
| 2.4 | Integrationskonzepte/Mehrfaktorenansätze | 24 |
| 2.5 | Neue ‘postmoderne’ Ansätze | 32 |
| 3. | Forschungsstand | 35 |
| 4. | Wissenschaftlicher Ansatz | 45 |
| 4.1 | Empirische Sozialforschung | 47 |
| 4.2 | Qualitative Sozialforschung | 48 |
| 4.3 | Das narrative Interview | 51 |
| 4.3.1 | Probandenvorstellung | 51 |
| 4.3.2 | Ablauf der Interviews | 53 |
| 4.4 | Auswertung der Ergebnisse | 55 |
| 4.5 | Auswertung und Interpretation | 59 |
| 4.5.1 | Quantitative Auswertung | 59 |
| 4.5.2 | Qualitative Interpretation | 61 |
| 4.5.2.1 | Kriminalitätskriterien | 82 |
| 4.5.2.2 | Vergleichende Untersuchung | 88 |
| 5. | Diskussion im fachlichen Kontext | 91 |
| 5.1 | Gegenüberstellung der Ergebnisse und bestehender Theorien | 91 |
| 5.2 | Bedeutung und Konsequenz für die SA | 97 |
| 6. | Schluss/Ausblick | 100 |
| 7. | Literaturverzeichnis | 102 |
| Anhang | 1 | |
| 1. | Kategorien und Kriterien für Kriminalität nach der Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung | 2 |
| 2. | Interview 1 | 9 |
| 3. | Übersicht der Bemerkungen nach Kategorien geordnet – Interview 1 | 25 |
| 4. | Häufigkeitsverteilung nach Kategorien – Interview 1 | 34 |
| 5. | Interview 2 | 36 |
| 6. | Übersicht der Bemerkungen nach Kategorien geordnet – Interview 2 | 47 |
| 7. | Häufigkeitsverteilung nach Kategorien – Interview 2 | 53 |
Textprobe:
Kapitel 2.2, Sozialstrukturelle Theorien:
Nachdem in einem ersten Abschnitt die Persönlichkeitstheorien dargestellt wurden, soll sich dieser Abschnitt mit den sozialstrukturellen, beziehungsweise gesellschaftsbezogenen Theorien und Ansätzen befassen. Im Zentrum dieser Theorien steht, dass sie, im Gegensatz zu den Persönlichkeitstheorien, nicht das Verhalten einzelner Individuen erklären wollen, sondern auf gesellschaftlicher Ebene Einflüsse beschreiben, die Kriminalität oder abweichendes Verhalten beeinflussen und begünstigen. Folglich wird die kulturelle Prägung von Menschen betrachtet, welche eine Basis für deren Verhalten bildet. Wichtig ist hierbei, dass kriminalsoziologische Theorien sich hauptsächlich auf Ergebnisse aus Gruppen- oder Massenuntersuchungen stützen.
Als erste Theorie in diesem Bereich ist die ,Kulturkonflikttheorie‘ von Sellin zu nennen, welche auf dem amerikanischen Einwanderungsphänomen beruht. Sellin ging vom dem Standpunkt aus, dass sich Menschen im Laufe ihrer Sozialisation mit unterschiedlichen sozialen Gruppen identifizieren, welche dann auch das eigene Verhalten prägen. Demzufolge, so die Hypothese, kann es bei Einwanderern zu Kriminalität kommen, wenn unterschiedliche Normen im Herkunftsland und im Einreiseland existieren. Näher soll auf diese Theorie auch nicht eingegangen werden, da sie sich im Wesentlichen auf amerikanische Verhältnisse stützt, und in europäischen Untersuchungen kein Zusammenhang zwischen Kriminalität und Zuwanderung gefunden werden konnte.
Als weitaus bedeutendere Theorie im Bereich der sozialstrukturellen Theorien werden die ,Theorien der Subkultur‘ angesehen. ‘Ausgangspunkt der Subkulturtheorien waren die kriminalökologischen Studien der so genannten Chicago-Schule.’ In unterschiedlichen Studien kamen deren Vertreter Trasher und Shaw zu der Erkenntnis, dass es in Randgebieten verschiedener amerikanischer Städte zu einer Häufung von Bandenbildung und somit zu einer erhöhten Kriminalitätsrate kommt. Ausgehend von dieser Erkenntnis wurden zwei Annahmen entwickelt. Zum einen, dass in solchen Bezirken, unabhängig von der Kultur und den Wertvorstellungen, Jugendliche immer wieder kriminell angesteckt werden, und zum anderen, dass ein solcher Bezirk Kriminelle anzieht.
Aufbauend auf den Inhalten der Chicago-Schule entwickelten J.O. Wilson und G.L. Kelling die ,broken-windows-Theorie‘. Die Theorie setzt sich aus folgenden Thesen zusammen: Sie stellten fest, dass Unordnung und städtischer Verfall Anzeichen dafür sind, dass eine bestimmte Region nicht mehr kontrolliert wird. Diese Zustände wiederum würden sich dann auf das Sicherheitsgefühl der Allgemeinheit auswirken, Straftäter anziehen und auch die äußeren Voraussetzungen für Straftaten verbessern. Denn es wird davon ausgegangen, dass die Bevölkerung auf entsprechende Zustände vermehrt mit Angst reagiert, welche wiederum weniger Gegenwehr zulässt und einer adäquaten Strafverfolgung häufig entgegensteht.
Ebenfalls mit dem Problem der Häufung von Kriminalität in bestimmten Stadtvierteln beschäftigten sich William F. Whyte und Albert K. Cohen in ihrer ,Theorie der delinquenten Subkultur‘. Sie stellten die These auf, dass Banden keineswegs unorganisiert und auch nicht durch fehlende soziale Kontrolle gekennzeichnet sind. Sie gehen im Gegenteil davon aus, dass gerade innerhalb von Gangs ein gut wirksames Netz von Normen besteht. Diese Normen und auch die Ziele der Gangs, als Mitglieder der Unterschicht, stehen jedoch in einem Widerspruch zu den Normen und Zielen der Oberschicht. Die untere Schicht hat jedoch keine Möglichkeit die Ziele der oberen Schicht mit legalen Mitteln zu erreichen. Hieraus entwickeln sich dann neue Normen und Werte, mit denen es möglich ist einen Statuserwerb zu erlangen. Dies ist jedoch in den meisten Fällen mit einem kriminellen Verhalten verbunden.
Der wissenschaftlichen Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle die ,Theorie der Unterschichtskultur‘ von Miller und das ,Konzept der Neutralisationstechniken‘ nur erwähnt werden. Auf eine nähere Darstellung wird verzichtet, da diese für den Fortlauf dieser Arbeit keine Bedeutung haben.
Bei den Subkulturtheorien kritisch anzumerken ist, dass sie sich ausschließlich auf großstädtische Verhältnisse beschränken, und dass sie Straßenbanden voraussetzen, die es nicht in jeder Stadt oder in jedem Land gibt. Jedoch erleben gerade die Ansätze der Chicago-Schule zurzeit eine Wiederbelebung, da sich aktuell viele Untersuchungen mit den Phänomenen der informellen Sozialkontrolle und der Kriminalitätsfurcht beschäftigen. Dies geschieht auf Grund der wieder wachsenden subkulturellen Orientierung von Jugendlichen, wodurch die Ansätze der Subkulturtheorien wieder an Bedeutung gewinnen.
Der im 20. Jahrhundert am meisten diskutierte sozialstrukturelle Ansatz war der Ansatz der ,Anomie-Theorie‘. Diese Theorie wird zunächst mit dem Name Emile Durkheim in Verbindung gebracht, der mit seiner ,Theorie der strukturell-funktionalen Bedingtheit‘ der Kriminalität als Vater der modernen Soziologie gilt. ‘Laut Durkheim führen anomische Zustände der Gesellschaft wie das Fehlen von Regeln und gestörte Ordnungen, die durch einen gesellschaftlichen Wandel bedingt werden, zum Anstieg von Gewalttaten.’ Einen Schritt weiter als Durkheim, der die Regellosigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse als zentral ansieht, geht Robert K. Merton. Dieser vertritt die Ansicht, dass Anomie dadurch entsteht, dass es ein Spannungsfeld zwischen anerkannten gesellschaftlichen Zielen, der Möglichkeit der Erreichung dieser Ziele und den zur Verfügung stehenden Mitteln zur Erreichung dieser Ziele gibt. ‘Anders ausgedrückt: die Chancen, mit den eigenen Mitteln (Geld, Arbeitskraft, Vermögen) ein wohlständiges Leben (Prosperität, soziale Sicherheit, Status, Anerkennung) führen zu können, sind ungleich verteilt.’ Aus der Konstellation heraus, dass Ziele, aus welchen Gründen auch immer, nicht erreicht werden können, entstehen nach Merton Stress und Druck, welche fünf mögliche Verhaltensformen nach sich ziehen, erstens: Konformität, welche kriminologisch keine Bedeutung hat, da die kulturellen Ziele anerkannt werden, den Mitteln zur Erreichung dieser Ziele wird zugestimmt und im Zweifel schränken sich die Personen in Hinblick auf die Erreichung dieser Ziele ein. Als zweites wird die Innovation genannt. Hier werden die kulturellen Ziele zwar anerkannt, jedoch es wird versucht, diese mit nicht legalen Mitteln zu erreichen, sprich mit Kriminalität. Als dritte Verhaltensweise ist der Ritualismus zu nennen. Hierbei werden die Ziele abgeschwächt oder komplett aufgegeben, die anerkannten Mittel zur Erreichung der Ziele jedoch beibehalten, wodurch es zu keiner kriminologischen Relevanz kommt. Die vierte Verhaltensweise ist der Rückzug. Bei diesem werden sowohl die Ziele, wie auch die Mittel um diese Ziele zu erreichen, abgelehnt. Charakteristisch für diesen Verhaltenstyp ist die Flucht in Drogen, Alkohol oder Sekten. Als letzter Verhaltenstyp steht der der Rebellion, welcher versucht, sowohl die kulturellen Ziele, wie auch die dafür benötigten legalen Mittel zu bekämpfen. Durch kriminelles Verhalten versuchen diese Personen bestehende Sozialstrukturen zu bekämpfen. Relevanz findet dies zumeist bei Terrorismus und politisch motivierter Kriminalität. Festgehalten werden sollte, dass Merton davon ausgeht, dass anomische Reaktionen vor allem in unteren Schichten auftreten, da bei diesem Personenkreis der Druck am höchsten ist und oftmals die Mittel, wie z.B. Bildungschancen und Verdienstmöglichkeiten fehlen, um gesellschaftlich anerkannte Ziele zu erreichen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842820890
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Bergers, Daniel März 2011: Faktoren der Straffälligkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kriminalität, Kriminalitätstheorie, Qualitative Sozialforschung, Narratives Interview, Kriminalitätskriterien



