Erstellung und Analyse einer Doppelübersetzung am Beispiel einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Valerie Gast
- Abgabedatum: Juli 2009
- Umfang: 115 Seiten
- Dateigröße: 578,1 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Flensburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 48
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4578-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Gast, Valerie Juli 2009: Erstellung und Analyse einer Doppelübersetzung am Beispiel einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Übersetzung, Literatur, Japan, Murakami, Doppelübersetzung
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Bachelorarbeit von Valerie Gast
Einleitung:
Haruki Murakami gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der japanischen Gegenwartsliteratur. Seit 1979 hat er elf Romane, mehr als dreißig Kurzgeschichten, mehrere Sachbücher und zahlreiche japanische Übersetzungen amerikanischer Literatur veröffentlicht. Seine Texte werden in mehr als fünfunddreißig Ländern veröffentlicht und in ebenso viele Sprachen übersetzt. Obwohl mit dem Roman Wilde Schafsjagd bereits 1991 die erste deutsche Murakami-Übersetzung auf dem Buchmarkt erschien, erlangte er im deutschsprachigen Raum erst ein Jahrzehnt später durch ein öffentlichkeitswirksames Ereignis große Bekanntheit. Gleichzeitig wurde die Öffentlichkeit durch diesen Streit auf eine wenig bekannte Praxis in der Übersetzung von Literatur aufmerksam.
Während der Besprechung des Murakami-Romans Gefährliche Geliebte in der TV-Literatur-Sendung Das Literarische Quartett (ZDF) entbrannte im Juli 2000 ein heftiger Streit zwischen den Kritikern Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler (u. a. Feuilletonchefin der ZEIT 1996-1999). Löffler behauptete, das Buch ‘hätte keine Sprache’ und wäre ‘literarisches Fastfood’, während Reich-Ranicki es als ‘von ungewöhnlicher Zartheit’ beschrieb. Nur in einem Nebensatz wurde gemutmaßt, dass die Sprache des Textes durch die Übersetzung mögliche Verluste davongetragen haben könnte. Der Streit wurde schnell persönlich und führte nach zwölf Jahren Mitgliedschaft zum Ausstieg Löfflers aus der Sendung, was eine umfangreiche Medienberichterstattung nach sich zog. Diese verhalf Murakami zum Sprung auf die deutschen Bestsellerlisten, machte aber auch öffentlich, dass das Buch Gefährliche Geliebte keine direkte Übersetzung aus dem Japanischen ist. Gefährliche Geliebte basiert auf der englischen Übersetzung des Originals (engl. 1998 als South of the Border, West of the Sun; jap. 1992 als kokkyo no minami, taiyo no nishi) und ist demnach eine Doppelübersetzung. Kurz darauf wurde bekannt, dass auch Murakamis Opus Magnum Mister Aufziehvogel (dt. 1998) eine Doppelübersetzung via der englischen Fassung ist (engl. 1997 als The Wind-Up Bird Chronicle; jap. 1994-95 als nejimakidori kuronikuru).
Japanisches Original> Englische Übersetzung> Deutsche Übersetzung a) kokkyo no minami, taiyo no nishi> South of the Border, West of the Sun> Gefährliche Geliebte.
b) neijimakidori kuronikuru> The Wind-Up Bird Chronicle> Mr. Aufziehvogel.
In seinem Sachbuch Murakami und die Melodie des Lebens (2004) widmete der Übersetzer von The Wind-Up Bird Chronicle, der Amerikaner Jay Rubin, der Doppelübersetzung einige Absätze. Beim Lesen des Buches weckte das Thema meine Aufmerksamkeit und ich recherchierte einen Großteil der Kontroverse in den entsprechenden Essays und Artikeln.
Nach dem öffentlichkeitswirksamen Streit im Literarischen Quartett wurde die Doppelübersetzung in den Feuilletons von Philologen, Kritikern und Übersetzern diskutiert und von den meisten Seiten scharf verurteilt. Von einem ‘Skandal’ und ‘einer Vergewaltigung des Originals’ war die Rede; auch eine erneute, direkte Übersetzung beider Romane ins Deutsche wurde gefordert. Der Übersetzer Rubin war bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal über die Weiterverwendung seiner Übersetzungen informiert und nannte die Doppelübersetzung ‘absurd’. Die einhellige Meinung lautete: ein solches ‘Stille Post’-Spiel kann unmöglich zu einer dem Original angemessenen deutschen Fassung führen und muss unweigerlich in der Verfälschung des Inhalts und Verlust des autoreneigenen Stils resultieren.
Die meisten deutschsprachigen Leser sind auf dt. Übersetzungen von fremdsprachiger Literatur angewiesen, so dass man bei diesen überwiegend negativen Reaktionen den Eindruck hat, man würde durch die Doppelübersetzung um die ‘wahre Geschichte’ betrogen und hätte einen ganz anderen Text gelesen, hätte man die Direktübersetzung in den Händen gehalten. Sowohl für Gefährliche Geliebte und Mr. Aufziehvogel existieren die geforderten deutschen Direktübersetzungen bis heute nicht, so dass ein Abgleich nicht möglich ist.
Ich stellte mir die Frage, weshalb Doppelübersetzungen überhaupt angefertigt werden, obwohl es die Möglichkeit der direkten Übersetzung gibt. Weiterhin fragte ich mich, wie sehr sich der Inhalt einer Doppelübersetzung von der Direktübersetzung des selben Originals unterscheiden kann und ob es möglich ist, per Doppelübersetzung einen Text zu erstellen, der zumindest in Bezug auf die erzählte Geschichte gegenüber einer Direktübersetzung äquivalent sein kann. Deshalb beschloss ich, eine Doppelübersetzung eines englischen Murakami-Textes anzufertigen, für die bereits eine direkte deutsche Übersetzung aus dem Japanischen existiert, und die Texte im Vergleich zu betrachten.
Im ersten Teil dieser Arbeit wird der Vorgang der Doppelübersetzung zunächst theoretisch insbesondere auf seine ‘Daseinsberechtigung’ untersucht. Es werden mögliche Gründe für ihre Anwendung sowie die spezifische Problematik in der Literaturübersetzung und für den ausführenden Übersetzer erläutert.
Im zweiten Teil wird eine kommentierte Doppelübersetzung der Kurzgeschichte A 'Poor Aunt' Story von Haruki Murakami (übersetzt von Jay Rubin) angefertigt und das Ergebnis im Vergleich mit der im deutschsprachigen Raum veröffentlichten Direktübersetzung auf Abweichungen in der Wiedergabe des Textgegenstands analysiert. Das Hauptinteresse lag dabei besonders auf szenischen ‘Details’ wie Realia sowie auf den für die Interpretation der Geschichte wichtigen Elementen und Unterschieden in der sprachlichen Wirkung.
Es wird so versucht, zu einer Einschätzung darüber zu gelangen, ob durch die Doppelübersetzung ein Text entstanden ist, der dem Leser eine andere Geschichte erzählt als die Direktübersetzung oder ob beide Texte im Bezug auf die dargestellten Sachverhalte und die Interpretation als adäquate, wenn nicht äquivalente Entsprechungen zueinander bestehen können. Die Hypothese der Untersuchung geht dabei analog zum Prinzip des ‘Stille Post’-Spiels davon aus, dass in der Doppelübersetzung stellenweise klar erkennbare, signifikante Abweichungen von der deutschen Direktübersetzung auftreten müssen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Definition: Doppelübersetzung | 4 |
| 2.1 | Gründe und Anwendungsgebiete für Doppelübersetzung | 5 |
| 2.2 | Generelle Problematik der Doppelübersetzung | 6 |
| 2.3 | Äquivalenz und Doppelübersetzung | 7 |
| 2.3.1 | Denotative Äquivalenz | 8 |
| 2.3.2 | Konnotative Äquivalenz | 9 |
| 2.3.3 | Textnormative und pragmatische Äquivalenz | 10 |
| 2.3.4 | Formal-ästhetische Äquivalenz | 10 |
| 2.3.5 | Äquivalenzbewertung einer Doppelübersetzung | 11 |
| 2.4 | Doppelte Literaturübersetzung | 13 |
| 2.5 | Das Problem der Übersetzbarkeit | 14 |
| 3. | Zur Murakami-Doppelübersetzung | 15 |
| 3.1 | Zur Übersetzbarkeit des Japanischen | 16 |
| 4. | Erstellung und Analyse einer Doppelübersetzung | 19 |
| 4.1 | Der Autor Haruki Murakami | 19 |
| 4.2 | Kulturelle Referenz in seinem Werk | 20 |
| 4.3 | A 'Poor Aunt' Story von Haruki Murakami: Textexterne Faktoren | 21 |
| 4.3.1 | Handlung | 22 |
| 4.3.2 | Interpretation und Wirkungsabsicht | 23 |
| 4.3.3 | Sprachliche Merkmale des englischen Ausgangstextes | 23 |
| 4.3.4 | Textexterne und -interne Faktoren des Zieltextes | 24 |
| 5. | Präsentation der Doppelübersetzung mit Kommentar und Analyse | 25 |
| 5.1 | Zur Analyse gegenüber der Direktübersetzung | 26 |
| 5.2 | Kennzeichnende Formatierung und Abkürzungen | 26 |
| 5.3 | Darstellung der Doppelübersetzung und Analyse in Texteinheiten | 27 |
| 5.4 | Nachbemerkung zur Doppelübersetzung | 98 |
| 5.5 | Zusammenfassung der Vergleichsergebnisse | 98 |
| 5.5.1 | Abweichend dargestellte außersprachliche Sachverhalte | 100 |
| 5.5.2 | Schlüsselszenen | 101 |
| 5.5.3 | Darstellung der japanischen Textwelt | 102 |
| 5.5.4 | Auf das Japanische zurückführbare Abweichungen | 104 |
| 5.5.5 | Stilistische Abweichungen | 104 |
| 6. | Schlussbetrachtung | 106 |
| Literaturverzeichnis | 109 | |
| Abbildungsverzeichnis | 114 |
Textprobe:
Kapitel 5.3, Darstellung der Doppelübersetzung und Analyse in Texteinheiten:
6) The portable radio started playing a different tune, much like the first one, but this I didn't recognize at all.
’You don't have a single poor aunt in your family, but still you want to write a ‘poor aunt’ story . Meanwhile, I do have a real live poor aunt, but I don’t want to write about her. Sort of strange, don't you think?’ I nodded. ‘I wonder why.’ She just tipped her head a little and said nothing. With her back to me, she allowed her slender fingers to trail in the water. It seemed as if my questions were coursing through her fingers to be conducted to the ruined city beneath the water. It's still down there, I'm sure, the question mark glittering at the bottom of the pond like a polished metal fragment. For all I know, it's showering the cola cans around it with that same question.
I wonder why. I wonder why. I wonder why.
From the tip of her crumpled cigarette, she dropped her crumpled ashes on the ground. ‘To tell the truth,’ she said, ‘I do have some things I’d like to say about my poor aunt. But it's impossible for me to come up with the right words. I just can't do it – because I know a real poor aunt.’ She bit her lip. ‘It's hard – a lot harder than you seem to think’.
Aus dem Transistorradio ertönte ein neuer Song. Die Melodie ähnelte der davor, aber diesmal war sie mir trotzdem völlig neu.
‘Du hast keine einzige arme Tante’, fuhr sie fort, ‘möchtest aber etwas über eine arme Tante schreiben. Ich habe wirklich eine arme Tante, will aber nichts über sie schreiben. Findest du das nicht ein bisschen merkwürdig’?
Ich nickte. ‘Wie das wohl kommt’?
Sie neigte den Kopf ganz leicht zur Seite und antwortete nicht. Mit dem Rücken zu mir saß sie da und ließ ihre schlanken Finger durchs Wasser gleiten. Mir war, als würde meine Frage durch ihre Fingerspitzen geleitet und von den Ruinen auf dem Grund des Gewässers geschluckt. Ich zweifle nicht daran, das mein Fragezeichen noch immer auf dem Grund glitzert wie ein poliertes Stück Metall. Und vielleicht bedrängt es die umliegenden Coladosen mit der gleichen Frage.
Wie das wohl kommt? Wie das wohl kommt? Wie das wohl kommt?
Sie ließ die Asche ihrer zerdrückten Zigarette auf den Boden fallen.
‘Ehrlich gesagt, es gibt da vieles, das ich gerne über meine arme Tante sagen würde, aber ich finde nicht die richtigen Worte dafür. Ich würde mir die Zähne daran ausbeißen. Eben weil ich eine echte arme Tante kenne.’ Sie biss sich auf die Lippe. ‘Das ist nämlich hart – viel härter, als du dir anscheinend vorstellen kannst’.
Das Kofferradio spielte nun ein anderes Lied, das so ähnlich war wie das erste, aber diesmal war mir die Melodie unbekannt.
‘Du hast keine einzige arme Tante in deiner Familie, aber willst dennoch über eine ‘arme Tante’ schreiben. Ich hab eine echte, lebendige arme Tante, will aber nicht über sie schreiben. Seltsam, findest du nicht?’ ‘Ich frage mich auch, wieso’, nickte ich.
Sie legte ihren Kopf leicht schräg und sagte nichts. Mir den Rücken zugewandt ließ sie ihre schlanken Finger über die Wasseroberfläche streifen. Es war, als würden meine Fragen von ihren Fingerspitzen zu der verfallenen Unterwasserstadt geleitet (1) werden. Ich bin mir sicher, dass die Stadt (2) noch immer dort unten ist. Das Fragezeichen glitzerte noch immer auf dem Grund des Teiches wie ein blank poliertes Stück Metall (3). Und soviel ich weiß, regnet es auf die Coladosen rund herum immer die gleiche Frage.
Ich frag' mich wieso. Ich frag' mich wieso. Ich frag' mich wieso.
Sie ließ die Asche ihrer zerdrückten Zigarette auf den Boden fallen. ‘Um ehrlich zu sein, gibt es einige Dinge, die ich über meine arme Tante erzählen möchte. Aber es ist unmöglich, die richtigen Worte zu finden. Ich kann es einfach nicht - weil ich eine arme Tante kenne.’ Sie biss sich auf die Lippe. ‘Es ist schwer. Viel schwerer als du zu denken scheinst’.
a) (1) In diesem Abschnitts bereiteten einige uneindeutige Formulierungen Probleme in der Übersetzung: Eine gefundenen Entsprechung für ‘to course through’ als ‘durch etwas fließen’ schien an der Stelle nicht passend (‘als würden meine Fragen durch ihre Finger fließen’, so dass es zugunsten einer einfachen Formulierung als ‘durch ihre Fingerspitzen geleitet’ ausgelassen wurde.
(2) Die Stelle It's still down there, I'm sure, (.)’ war ebenfalls problematisch, da aus dem engl. AT nicht klar hervor ging, was genau bezeichnet wird: möglich wäre die im vorherigen Satz erwähnte versunkene Stadt, aber auch das nachfolgend erwähnte Fragezeichen. Die Wahl fiel schließlich auf die (versunkene) Stadt (2) und der Satz the question mark glittering. wurde aus Klarheitsgründen abgetrennt (3). Der Schwerpunkt des Satzes lag für mich in der Progressive-Form glittering als Ausdruck der Kontinuität, oder des ‘Jetzt-gerade-passierenden’.
b) Im Vergleich mit der GDÜ wurde klar, dass RDÜ falsch interpretiert wurde und sich die Aussage ‘It’s still down there.’ auf das Fragezeichen bezieht. Somit entstand in der DDÜ eine leicht veränderter Gedankengang des Erzählers, was auch die Übersetzung des folgenden Satzes beeinflusst: in der DDÜ liegt der Schwerpunkt nun auf der versunkenen Stadt, die sicherlich noch vorhanden ist, und in der es die Fragen regnet, die über der Stadt im Wasser kreisen. Die GDÜ sagt aus, dass das Fragezeichen noch da ist, und mit seiner zugehörigen Frage die Coladosen bedrängt, die wiederum wie eine versunkene Stadt aussehen. Die ‘Stadt’ wird ein wiederkehrendes Element in der Geschichte sein, seine Funktion wird aber durch die leichte inhaltliche Abweichung an dieser Stelle nicht berührt.
Graduell von GDÜ abweichend ist die Übersetzung von ‘It's hard – a lot harder than you might think’ als ‘Es ist schwer (.)’: Die DDÜ könnte anders als GDÜ den Eindruck erwecken, als wäre es so hart, über eine arme Tante zu schreiben, dass man sich die Zähne ausbeißt. Die GDÜ drückt dagegen durch den bestimmten Artikel als Subjekt und die weitere Erläuterung durch nämlich in Das ist nämlich hart klarer aus, dass es einfach nur hart ist, eine arme Tante zu kennen.
7) I looked up at the bronze unicorns again, their front hooves thrust out in protest against the flow of time for abandoning them in its wake.
She wiped the pond water from her fingers on the hem of her shirt, wiped them again, and then she turned to face me. ‘You're going to try to write about a poor aunt,’ she said. ‘You're going to take on this responsibility. And the way I see it, taking on the responsibility for something means offering it salvation. I wonder, though, whether you are capable of that just now. You don't even have a real poor aunt’.
I released a long, deep sigh.
‘Sorry,’ she said.
‘That's OK,’ I replied. ‘You're probably right’.
And she was. I didn't even have / A poor aunt of my own.
Huh. Like lines from a song.
Wieder schaute ich zu den bronzenen Einhörnern hinüber. Trotzig stemmten sie ihre Vorderhufe dem Fluss der Zeit entgegen, die sie irgendwann hinter sich gelassen hatte.
Meine Gefährtin trocknete sich die Finger am Saum ihrer Bluse ab und wandte sich mir zu. ‘Du willst also versuchen, etwas über eine arme Tante zu schreiben’; sagte sie. ‘Du willst diese Aufgabe übernehmen. Das heißt auch, du willst sie erlösen. Aber ich frage mich, ob du überhaupt dazu in der Lage bist. Wo du doch nicht einmal eine richtige arme Tante hast’.
Ich stieß einen tiefen Seufzer aus.
‘Tut mir leid’, sagte sie.
‘Macht doch nichts. Du hast bestimmt Recht’, sagte ich.
Oh nein, ich hatte nicht mal/ eine richtige arme Tante.
Das klang wie ein Klagelied.
Ich schaute wieder hinüber auf die bronzenen Einhörner, die mit ihren Vorderhufe ausschlugen, um gegen den Lauf der Zeit zu protestieren, die sie zurückgelassen hatte (1).
Sie wischte ihre Finger am Saum ihres Bluse trocken, trocknete sie erneut, und wandte sich mir zu. ‘Du willst versuchen, über eine arme Tante zu schreiben. Du willst diese Verantwortung übernehmen. Und meiner Meinung nach bedeutet Verantwortung für etwas zu übernehmen auch, dass man ihm Erlösung anbietet. Ich frage mich aber, ob du dazu überhaupt in der Lage bist. Du hast ja nicht einmal eine echte arme Tante.’ Ich stiess einen langen, tiefen Seufzer aus.
‘Entschuldige’, sagte sie.
‘Schon O.K.’, antwortete ich. ‘Du hast wahrscheinlich recht’.
Und sie hatte recht. Ich konnte nicht nennen / eine arme Tante mein eigen (2).
Hmm (3). Wie die Zeilen eines Lieds.
a) (1) Da wir schon wissen, welchen realen Statuen die Einhörner nachempfunden sind, können wir für die Aussage their front hooves thrust out in protest against the flow of time. überprüfen, wie die Einhörner dargestellt sind und uns dann eine entsprechende Übersetzung entscheiden. Auf Fotos der Statuen kann man erkennen, dass die Einhörner als mit beiden Vorderhufen weit nach vorne geworfen dargestellt sind. Für diese Bewegung gilt für Pferde das Verb ‘ausschlagen’.
(2) Murakami verwendet häufig Zeilen von Liedtexten bzw. Referenzen auf Musik finden sich überall in seinem Werk (z. B. den Klassiker ‘The Girl From Ipanema’ oder ‘Norwegian Wood’ von The Beatles). Würde die Liedzeile hier aus einem real existierendes Stück stammen, müssten die Zeilen unübersetzt bleiben. In diesem Fall ist dem nicht so und ich erachte es als wichtig, die dt. Übersetzung in eine rhythmisch angenäherte Form zu bringen.
(3) Die sprachlichen Bilder von Interjektionen unterscheiden sich je nach Sprache und Kultur, obwohl sie im Grunde das gleiche natürliche Geräusch bezeichnen und sich sprachübergreifend häufig ähneln (z. B. Lachen als hahaha oder hihihi). Da Interjektionen oft die physische Realität der Lautbildung imitieren (‘hatschi’ ist eine Imitation des Niesens), kann das Lautbild übertragen werden, wenn es nicht schon eine feste Entsprechung hat: das engl. ‘Huh’ bedeutet hier soviel wie ein nicht sehr enthusiastisches ‘Ich habe etwas festgestellt, was ich nicht erwartet hätte’. Eine Entsprechung im deutschen Sprachgebrauch ist ein ausatmendes ‘Hmm’.
b) Ein deskriptives, in der Wirkung leicht verändertes Bild liegt in Bezug auf die Einhornstatuen vor: Indem die GDÜ die Hufe der Einhörner als dem Fluss der Zeit entgegen gestemmt bezeichnet. (‘stemmen’ ist eine langsamere, kraftraubende Bewegung), gibt sie den ‘Kampf gegen die Zeit’, der im Laufe der Geschichte eine wiederkehrendes Thema sein wird, als ‘aussichtsloser’ wieder.
Außerdem wirkt der DDÜ-Ausdruck ‘Verantwortung’ gegenüber dem der GDÜ ‘Aufgabe’ etwas ‘bedeutungsschwangerer’, so als wäre es dadurch eine viel größere, schwerere Aufgabe.
Die abweichende Information Zeilen eines Lieds (DDÜ) und Klagelied (GDÜ) setzt unterschiedliche Schwerpunkte im Abschluss des Kapitels. Gleichzeitig wird die Erwartungshaltung des Lesers auf unterschiedliche Art und Weise beeinflusst. GDÜ Klagelied impliziert, dass es eine trauriges Schicksal sei, keine arme Tante zu kennen, während ein einfaches Lied neutral ist und lediglich eine für Murakami typische Referenz auf generelle Eigenschaft seiner Hauptpersonen, nämlich das Interesse für Musik, sein kann.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836645782
Arbeit zitieren:
Gast, Valerie Juli 2009: Erstellung und Analyse einer Doppelübersetzung am Beispiel einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Übersetzung, Literatur, Japan, Murakami, Doppelübersetzung




