Kinderarbeit in Bolivien - Eine Notwendigkeit und Chance?
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Melanie Leiz
- Abgabedatum: August 2009
- Umfang: 103 Seiten
- Dateigröße: 915,0 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Ravensburg-Weingarten Deutschland
- Bibliografie: ca. 59
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3748-0
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Leiz, Melanie August 2009: Kinderarbeit in Bolivien - Eine Notwendigkeit und Chance?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Lateinamerika, Soziale Arbeit, Straßenkinder, Arbeitsorganisation, Präventionsarbeit
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Bachelorarbeit von Melanie Leiz
Einleitung:
Mein Praxissemester leistete ich bei der Organisation ‘Vida Nueva’ in San Isidro de El General im Süden Costa Ricas. Der Verein ‘Vida Nueva’ ist eine NGO, die sich zur Aufgabe gestellt hat, in der Region von Pèrez Zeledón, mit den sozial schwächsten Bevölkerungsgruppen ökonomische, kulturelle und soziale Projekte zu organisieren. Die zwei Einsatzgebiete umfassen zum einen die Hilfestellung für sozial gefährdete Kinder und Jugendliche in den marginalen Stadtaußenvierteln, zum anderen die Beratung und Begleitung von Frauen, die mit dem Problem von Gewalt in der Familie konfrontiert werden.
Durch mein Praxissemester, meine Erlebnisse in der Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika, entwickelte ich ein großes Interesse an der dortigen Sozialen Arbeit. Durch weitere Reisen und Kontakte zu Hilfsorganisationen konnte ich vor Ort meine Erfahrungen ausbauen.
Bereits vor Beginn meines Studiums der Sozialen Arbeit absolvierte ich ein Praktikum in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, was mich schlussendlich davon überzeugte, Soziale Arbeit zu studieren.
Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen begleitete mich also sowohl vor, als auch während des Studiums, so dass ich mich dazu entschlossen habe, meine Bachelorarbeit diesem Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit zu widmen: der Kinder- und Jugendarbeit.
Kinder und Jugendliche sind weltweit unterschiedlichsten Sozialisationsinstanzen ausgesetzt und gehören den verschiedensten Kulturen an. Und doch ist ihnen allen etwas gemeinsam: den Wunsch sich frei und selbstbestimmt entwickeln und leben zu dürfen und die Befriedigung ihrer biologischen, biopsychischen und biopsychosozialen Bedürfnisse, der universalen Grundbedürfnisse. Diese Befriedigung kann aufgrund der Kultur und der, die Kinder und Jugendlichen umgebenen familiären und regionalen Bedingungen, der sie umgebenden Lebenswelten, unterschiedlich aussehen, doch jeder Mensch strebt ein für sich tragbares und für ihn sinngebendes Leben an. Und jeder Mensch besitzt Kräfte zur Selbstverwirklichung, die er einsetzen kann.
Besonders Kinder und Jugendliche sind in sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern oftmals Lebensbedingungen ausgesetzt, die sie daran hindern, Kräfte zur Selbstverwirklichung einzusetzen und ihre körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse dahingehend zu befriedigen, dass sie sich frei entwickeln und nach ihren Vorstellungen ein unbeschwertes Leben mit glücklichen Momenten führen können. Dies hat verschiedene Ursachen; es kann an unzureichenden Wohnverhältnissen liegen, an mangelnder Hygiene, Hunger, Armut, Krieg oder aber auch an fehlenden Möglichkeiten Bildung und Gesundheit zu erlangen. Hierzu gehört auch die Tatsache, dass viele Kinder und Jugendliche weltweit von ausbeuterischer Kinderarbeit betroffen, oder darauf angewiesen sind zu arbeiten, was aus Sicht der meisten Organisationen und Menschen aus Industrienationen negativ bewertet wird.
Kinderarbeit ist ein kontroverses globales Thema voller Emotionen, was, wie bereits erwähnt, besonders von Industrienationen stark kritisiert und denunziert wird. Auch in unserer deutschen Gesellschaft ist der Begriff ‘KINDERARBEIT’ stark negativ belegt und wird unmittelbar mit negativen Assoziationen in Verbindung gebracht.
Ich möchte in dieser Bachelorarbeit anhand von arbeitenden Kindern und Jugendlichen in Bolivien aufzeigen, dass Arbeit für diese auch positive Wirkungen und viele Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten kann.
Meine These lautet demnach, ob Kinderarbeit, am Beispiel von Bolivien, eine Notwendigkeit und Chance sein kann.
Vorab werden im ersten Teil der Bachelorarbeit in der Begriffsklärung verschiedene Grundlagen zum Thema Kinderarbeit dargestellt und erläutert. Im Anschluss werde ich den Protagonismus der Kinder und die menschlichen Bedürfnisse nach Obrecht aufzeigen.
Außerdem werde ich in Kapitel 4 konkret die Situation von arbeitenden Kindern und Jugendlichen in Lateinamerika, am Beispiel von Bolivien, beschreiben. Wie sieht Kinderarbeit in Lateinamerika, speziell in Bolivien, aus? Wie sollte sie aussehen, um menschenwürdig zu sein?
Auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Bolivien, wie auch das Gesundheits- und Bildungssystem werden angesprochen.
Ich werde in der vorliegenden Arbeit, verstärkt in Kapitel 5, aufzeigen, dass die heutige Kinderarbeit ein breites Spektrum von Formen umfasst, die von selbstbestimmten Tätigkeiten, die von den Kindern aus eigenem Willen und unter menschenwürdigen Bedingungen ausgeübt werden, bis hin zu extrem ausgebeuteten Arbeiten, die die Würde der Kinder verletzen und ihre persönliche Entwicklung gefährden, reicht. Je nachdem, welche Kriterien für Dauer, Häufigkeit und Ort der Tätigkeit herangezogen werden, unterscheiden sich Daten und Einschätzungen zur Verbreitung der Kinderarbeit weltweit. NGO´s, die sich weltweit mit den Rechten von Kindern und dem Phänomen Kinderarbeit beschäftigen, verstärkt gegen Kinderarbeit kämpfen und einen großen Einfluss ausüben, wie UNICEF und ILO, orientieren ihren Begriff der Kinderarbeit an Erwerbsverhältnissen erwachsener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, was der besonderen Situation von Kindern als Arbeitende nicht gerecht wird.
Wie setzen sich diese weltweitvertretenen NGO´s auf welche Weise für, beziehungsweise gegen Kinderarbeit ein? Ist deren Vorgehen sinnvoll?
Hinzu kommt: Welche gesellschaftliche Verantwortung besitzen die Politik und wirtschaftliche Unternehmen? Darauf werde ich gesondert in Kapitel 6 eingehen.
Auch Soziale Arbeit findet, genau wie Kinderarbeit, weltweit unter den unterschiedlichsten Rahmenbedingungen statt und hat nach Wolf Rainer Wendt zum Ziel, die Lebensverhältnisse von notleidenden Menschen in einer Gesellschaft zu verbessern. Sozialarbeiterinnen sollen für gerechte soziale Verhältnisse sorgen und den Menschen Entfaltungsmöglichkeiten bieten, während sie Hilfe zur Selbsthilfe geben. Das gestaltet sich je nach kulturellen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen unterschiedlich. Soziale Arbeit ist demnach eine Menschenrechtsprofession, die sich den unterschiedlichsten Verhältnissen anpassen und dementsprechend im Sinne des hilfebedürftigen Menschen handeln muss. Gerade in der Entwicklungszusammenarbeit spielt die interkulturelle und kultursensible Soziale Arbeit eine herausragende Rolle. In Kapitel 7 wird die Herausforderung und Aufgabe der Sozialen Arbeit im Kampf GEGEN ausbeuterische Kinderarbeit und FÜR menschenwürdige Kinderarbeit dargestellt.
Ein zentrales wichtiges Thema hierbei ist die Aufgabe und Verantwortung der Sozialen Arbeit in Bolivien mit arbeitenden Kindern und Jugendlichen. Wie agieren Sozialarbeiterinnen in der Entwicklungszusammenarbeit und als Fachkraft vor Ort? Welche Herausforderungen erwarten diese? Durch die Globalisierung sind viele Länder von einer Multikulturalität betroffen. Dies stellt völlig neue Anforderungen an Sozialarbeiterinnen im Bereich der kultursensiblen Arbeit. Wie kann Soziale Arbeit aussehen und stattfinden ohne unter einer ethnozentrischen und westlichen Blickweise zu stehen und Kinderarbeit vorab pauschal negativ zu bewerten?
Mein Ziel ist es, mit dieser Arbeit am Beispiel von Bolivien zu zeigen, dass Kinderarbeit auch sinnvoll und sogar lebensnotwendig sein kann und welche Voraussetzungen vorliegen müssen, um die Arbeit, die Kinder verrichten, als positiv bewerten zu können. Denn Kindheit und Arbeit schließen sich nicht grundsätzlich aus.
Weiterhin möchte ich aufzeigen, welche Rolle die Soziale Arbeit und Organisationen weltweit, am Beispiel von Bolivien und global betrachtet, innehaben, um die Rechte der arbeitenden Kinder zu sichern und gegen die ausbeuterische Kinderarbeit vorzugehen. Meine Beispiele und Studien werden sich zwar hauptsächlich auf Bolivien, aufgrund mangelnden Datenmaterials jedoch zum Teil auch auf Lateinamerika beziehen.
Im Anhang stelle ich vier Organisationen, bzw. Einrichtungen in Bolivien vor, die sich der Zielgruppe der arbeitenden und/oder auf der Straße lebenden Kinder angenommen haben.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Begriffsklärungen | 5 |
| 3. | Protagonismus der Kinder | 8 |
| 3.1 | Kulturen der Kinderarbeit | 10 |
| 3.1.1 | Solidarische Ökonomie von Kindern | 13 |
| 3.1.2 | Die menschlichen Bedürfnisse nach Obrecht | 15 |
| 4. | Zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Lateinamerika | 17 |
| 4.1 | Bolivien | 19 |
| 4.1.1 | Der wirtschaftliche und soziale Kontext | 21 |
| 4.1.2 | Bildung und Gesundheit | 22 |
| 5. | Kinderarbeit und deren Ursachen | 24 |
| 5.1 | Kinderarbeit in Bolivien | 28 |
| 5.2 | Definitionen von ausbeuterischer Kinderarbeit | 30 |
| 5.2.1 | Mögliche Folgen von ausbeuterischer Kinderarbeit | 33 |
| 5.2.2 | Die gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaft und Politik | 34 |
| 5.2.3 | Subjektorientierte Zugänge zur Arbeit der Kinder | 36 |
| 5.2.4 | Kinderbewegungen | 37 |
| 5.2.5 | Kinderarbeit als Notwendigkeit und Chance | 42 |
| 6. | Der globale Kampf gegen die ausbeuterische Kinderarbeit | 44 |
| 6.1 | Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) | 45 |
| 6.2 | Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) | 48 |
| 6.3 | Die Aufgabe und Verpflichtung der Sozialen Arbeit | 50 |
| 6.3.1 | International Federation of Social Work (IFSW) | 51 |
| 7. | Soziale Arbeit in Bolivien | 53 |
| 7.1 | Zielgruppe | 54 |
| 7.2 | Die Herausforderung an die Sozialarbeiterinnen | 55 |
| 7.2.1 | Empowerment | 56 |
| 7.2.2 | Präventionsarbeit | 57 |
| 8. | Arbeitende Kinder in Deutschland | 58 |
| 8.1 | PRONATS – eine deutsche Initiative - | 62 |
| 9. | Fazit/Ausblick | 63 |
| 10. | Anhang | 69 |
| 11. | „Alalay“ – Un hogar para los niños de la calle. Projekt zur Resozialisierung von (arbeitenden) Straßenkindern | 71 |
| 11.1 | Zielgruppe und Zielsetzung | 73 |
| 11.2 | Methodik | 74 |
| 11.3 | Prozess in vier Abschnitten | 75 |
| 11.4 | Soziale Arbeit innerhalb des Projektes | 77 |
| 12. | Das Projekt „Mi Tai“ in Santa Cruz | 79 |
| 12.1 | Soziale Gruppenarbeit bei „Mi Tai“ | 80 |
| 13. | Das Projekt „Chicalle“ in Cochabamba | 83 |
| 14. | Die Organisation „Inti Wara Yassi“ | 86 |
| 15. | La Ciudad Potosí (Die Stadt Potosí) | 89 |
| 15.1 | Die Minenkinder | 89 |
| 16. | Literaturverzeichnis | 93 |
Textprobe:
Kapitel 5, Kinderarbeit und deren Ursachen:
Die westlichen Industrieländer begannen vor etwa 160 Jahren die Kinderarbeit zu verurteilen und als ein soziales Problem anzusehen. Von da an gab es keine arbeitenden Kinder mehr, sondern lediglich Kinderarbeit. Kinder wurden nicht als selbstbestimmt und fähig, für ihre Anliegen in der Gesellschaft einzustehen, angesehen; sie waren Opfer.
Seit den 1980-er Jahren erhalten arbeitende Kinder wieder vermehrt Aufmerksamkeit seitens der Politik der einzelnen Länder und ebenso gesellschaftlichen Einfluss. Sie stehen auf verschiedene Weise für ihre Rechte ein, die ich im Kapitel 5.2.4 näher erläutern möchte.
Kinderarbeit ist nur schwer statistisch zu erfassen, da die Dunkelziffer sehr hoch ist und viele Kinder, beispielsweise Mädchen die im Familienbetrieb oder in der Stadt in einem Haushalt angestellt sind und arbeiten, nicht erfasst werden. Es können fast ausschließlich legal beschäftige Kinder von der Statistik mitgezählt werden. Auch ist Kinderarbeit in manchen Ländern offiziell verboten, so auch in Bolivien, wird aber unter bestimmten Voraussetzungen geduldet. Heute ist der Begriff Kinderarbeit, den ich in Kapitel 5.2 definieren werde, von verschiedenen Organisationen klar festgelegt und abgegrenzt, wobei ‘gute’ und ‘schlechte’ Kinderarbeit unterschieden wird.
Die Vorstellung und die Dauer des Kindseins variieren zwar je nach Kultur, geographischen Gegebenheiten, sozialer Schicht und Geschlecht, doch haben die Vereinten Nationen und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Konventionen erlassen, was unter ‘schlechter’ Kinderarbeit verstanden werden soll, da diese sehr unterschiedliche Tätigkeiten umfassen kann, die unter Umständen auch ausbeuterisch und schädigend auf ein Kind einwirken können.
Es gibt verschiedene Gründe, warum Familien gezwungen sind ihre Kinder arbeiten zu lassen, beziehungsweise die Kinder selbst sich dazu gezwungen sehen. Je nach gesellschaftlichen und geographischen Gegebenheiten reicht das Familieneinkommen nur durch Mithilfe der Kinder aus, wenn zusätzlich von staatlicher Seite keine Hilfe zu erwarten ist. In diesen Gesellschaften besitzen die Menschen oftmals eine ökonomisch-utilitaristische Einstellung zu ihren Kindern. Kinderarbeit kann, besonders in Lateinamerika, durchaus mit Armut in Verbindung gebracht werden. Diese Armut ist häufig verstärkt auf dem Land vorzufinden, wo sowohl Möglichkeiten der Bildung und Ausbildung fehlen, als auch die Infrastruktur erhebliche Mängel aufweist. Immer häufiger müssen bäuerliche Familien, die ihr Land traditionell anbauen, der industriellen Landwirtschaft weichen, da diese mehr Profit abwirft. Diese modernen und hochtechnologisierten Anbaumethoden sind mit notwendigen technischen und chemischen Hilfsmitteln verbunden, die viele Bauern nicht bezahlen können. Ihre Erzeugnisse sind ohne diese Hilfsmittel jedoch nicht konkurrenzfähig gegenüber denen der großen Plantagenbesitzer, so dass viele Kinder in der eigenen Familie hart mitarbeiten müssen. Oftmals müssen Väter auf dem Acker ‘ersetzt’ werden, da sie als zusätzliche Einnahme gezwungen sind auf den Feldern der großen Plantagen zu arbeiten. Kinder, die in Entwicklungsländern aufwachsen, können als Folge davon nicht oder nur unzureichend die Schule besuchen oder Freizeit genießen. Manche Familien verkaufen aufgrund einer solchen Situation ihr Land an Großgrundbesitzer und begeben sich in deren Abhängigkeit als Tagelöhner. Nur selten erhalten landlos gewordene Menschen eine Anstellung als niedrig entlohnter Landarbeiter mit Arbeitsvertrag. Die meisten werden Wander- oder Saisonarbeiter mit unregelmäßigen Einkünften. Beispiele hierfür sind Teeplantagen in Indien und Sri Lanka, Blumenplantagen in Westafrika und Baumwoll-, Orangen-, Kaffee-, Bananen-, oder Zuckerrohrplantagen in Lateinamerika. In Lateinamerika arbeiten sogenannte Clandestinos ohne Arbeitserlaubnis und ohne angestellt zu sein. Hierzu gehören auch Kinder, die keinerlei Rechte besitzen und für einen Hungerlohn ausgebeutet werden, aber trotz allem eine unabdingbare Hilfe für ihre Familien sind. Die Großgrundbesitzer wiederum können durch die billigen und flinken Kinderarbeitskräfte höheren Profit erhalten und die Möglichkeit, weiteres Land von ärmeren Kleinbauern zu kaufen.
Auch die Städte wachsen in vielen Entwicklungsländern durch die steigende Zahl land- und arbeitsloser Familien, die auf dem Land keine Überlebensmöglichkeiten besitzen. Sie suchen Arbeitsstellen bei großen und modernen Betrieben in der Stadt, die von ausländischem Kapital kontrolliert werden; finden häufig jedoch lediglich eine Beschäftigung im informellen Sektor, der sich durch niedrige Verdienste, einfache Organisation und geringe Produktivität auszeichnet. Durch die auch hier niedrigen Löhne müssen Kinder durch Arbeit zum Unterhalt beitragen. Kinder helfen als Hausgemeinschaft in kleinen Unternehmen oder Fabriken mit, anstatt zur Schule zu gehen. Die so produzierten Billigprodukte setzen die ausländischen Konzerne in den Industriestaaten ab. Andere Familien arbeiten im Kunsthandwerk, in der Kleiderherstellung oder als Abfallsammler für die Recyclingindustrie. Kinder stellen in Werkstätten, Restaurants, Tankstellen und privaten Haushalten die billigen Arbeitskräfte. Die Arbeitsbedingungen sind teilweise katastrophal; die Kinder arbeiten bis zu 14 Stunden pro Tag und besitzen weder Anspruch auf Urlaub, noch eine Krankenversicherung. Verletzt sich ein Kind oder wird es krank, ist die Entlassung die häufigste Folge. Kinder, die keine Anstellung in einem solchen Betrieb finden, versuchen die Familie durch selbstständige Beschäftigungen zu unterstützen.
Hierzu gehören Zeitungs- oder Süssigkeitenverkäufer, Schuhputzer oder Lastenträger, Boten, Aufpasser und Autowäscher. Kinder, die keine dieser Verdienstmöglichkeiten finden oder ausüben können, stehlen, betteln und sammeln Müll auf den Straßen der Großstadt oder sind zur Prostitution gezwungen. Es existieren Netzwerke und Absprachen unter den Kindern, wer zu welcher Uhrzeit an welchem Ort stehen darf. Statistisch gesehen gehen Jungen hauptsächlich Beschäftigungen außerhalb des Hauses nach, während Mädchen oftmals den Haushalt übernehmen. Dies hat zur Folge, dass viele Mädchen nicht bezahlt werden und in Statistiken, die Kinderarbeit betreffen, häufig durchfallen, also zur Dunkelziffer gehören. Auch fangen sie durchschnittlich mit jüngeren Jahren an zu arbeiten, als Jungen, da sie bereits von klein auf mit in den Haushalt einbezogen und eingeplant werden; das heißt sie genießen in der Regel noch weniger Schulausbildung als Jungen. Die Mädchen schaffen auf diese Weise den anderen Familienmitgliedern die Möglichkeiten den Tätigkeiten außerhalb des Hauses nachgehen zu können, was einer enormen Leistung gleichkommt. Denn sie erhalten je nach kultureller und gesellschaftlicher Region wenig bis keine Wertschätzung, werden oftmals sogar, ganz im Gegenteil, ignoriert.
Landflucht, die Hoffnung auf Arbeit in den Städten, die oft zu Arbeitslosigkeit führt und das Fehlen staatlicher Sozialprogramme verwandeln viele Städte in Entwicklungsländern in Elendsgürtel.
Soziale Hilfen oder Unterstützung vom Staat gibt es in vielen Ländern des Südens nicht, da das Budget für Soziales zu gering ist. In Kapitel 4.1.1 bin ich bereits darauf eingegangen, dass diese Länder bei Internationalen Banken und beim Internationalen Währungsfond (IFW) stark verschuldet sind, Zinsen oder Zinsenzinsen abbezahlen müssen und dadurch nicht oder nur schwer in der Lage sind Sozialleistungen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Nahrungsmittelsubventionen zu leisten. Ausländische Konzerne und Unternehmen nutzen bzw. begünstigen diese Situation, da sie billige Exporte und Arbeitskräfte und Förderung von Direktinvestitionen verlangen, um hohe Profite zu erlangen. Diese Auflagen gehen zu Lasten der ärmeren Bevölkerung, allen voran den Menschen, die weder Arbeit noch eigenes Land besitzen.
Dies sind übergeordnete und direkte Ursachen, sowie negative Formen und Aspekte von Kinderarbeit, die weltweit existieren und auftreten können. In den folgenden Kapiteln zeige ich die möglichen positiven Aspekte von Kinderarbeit und deren ‘Folgen’ auf, zu denen beispielsweise die Kinderbewegungen gehören, denn Arbeit kann für Kinder auch als eine Notwendigkeit und Chance gesehen werden, wie ich bereits in Kapitel 3 erläutert habe.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836637480
Arbeit zitieren:
Leiz, Melanie August 2009: Kinderarbeit in Bolivien - Eine Notwendigkeit und Chance?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Lateinamerika, Soziale Arbeit, Straßenkinder, Arbeitsorganisation, Präventionsarbeit




