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Genderspezifische Gesundheitsförderung für Männer

Konzeptionelle Grundlagen und Implikationen für die Praxis

Genderspezifische Gesundheitsförderung für Männer
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Johannes Balke
  • Abgabedatum: September 2008
  • Umfang: 95 Seiten
  • Dateigröße: 536,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) Deutschland
  • Bibliografie: ca. 77
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2918-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Balke, Johannes September 2008: Genderspezifische Gesundheitsförderung für Männer, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gesundheitsförderung, Gender, Männer, geschlechtsspezifisch, Gesundheit

Bachelorarbeit von Johannes Balke

Einleitung:

Die geringere Lebenserwartung von Männern und das im Vergleich zu Frauen andere Gesundheitsverhalten von Männern war mir schon länger bekannt, spätestens seit der Ausbildung zum Logopäden mit entsprechenden epidemiologischen Erörterungen vor knapp zehn Jahren. Diese Tatsachen und die bei vielen Erkrankungen höhere Morbidität von Männern begegnete mir im Studium der Gesundheitswissenschaften erneut. Als Mann wunderte mich das: Die höhere Mortalität und Morbidität von Männern im Vergleich zu Frauen stehen im Kontrast zu ihrer (in ihrem Durchschnitt) sozioökonomisch und politisch vorherrschenden Stellung. Dies wirft Fragen nach den Ursachen auf: Was verursacht derartige sichtbar werdenden Gesundheitsdefizite bei Männern? Dass tradierte Formen von Männlichkeit in vielerlei Hinsicht und auch in Bezug auf Gesundheit defizitär sind, wurde z. B. von der relativ kleinen Männerbewegung in den USA der siebziger Jahre oder in der BRD in den achtziger Jahren diskutiert. Aber ein tieferes Verständnis der gesundheitlichen Verfasstheit von Männern ergab sich dadurch noch nicht.

Es scheint eigentlich als selbstverständlich, dass Männer sich mit ihrer epidemiologisch auffälligen Gesundheitsproblematik in Wissenschaft und gesellschaftlicher Diskussion auseinandersetzen. Gleichwohl geschah dies lange Zeit kaum.

Demgegenüber erarbeitete sich seit den siebziger Jahren, getragen von der Frauenbewegung, die Frauengesundheitsbewegung und Frauengesundheitsforschung eigene Perspektiven auf die Gesundheit von Frauen und gerade auch der Einbettung von Gesundheit in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Einer androzentristischen Sicht von Körper und Gesundheit konnte eine Geschlechterperspektive entgegengestellt werden, die auf die Bedeutung des Geschlechts über die Biologie hinaus verwies. Die Rolle des sozialen Geschlechts (engl. Gender) im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (engl. Sex) wurde thematisiert. Wichtige Impulse zur Veränderung einer reduzierten biomedizinischen Sicht hin zu einem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit wurden von der Frauengesundheitsbewegung gegeben: „Gegen ein technisches, organ- und funktionsbezogenes Verständnis der Medizin setzten die Frauen die Bedeutung sozialer und psychischer Bedingungen, unter denen Krankheit entsteht und behandelt wird und unter denen Gesundheit erhalten bleibt“.

Die Bedeutung des sozialen Geschlechts für die Gesundheit von Männern wurde von Männern indes selten analysiert. In der biomedizinischen Sicht war das soziale Geschlecht kein Thema; der scheinbare „Normalfall Mann“ in der Medizin musste nicht hinterfragt werden. Will Courtenay formulierte dieses Manko so: „It can be argued, that most of what we know about health is about men's health, that most medical research of the last century was conducted on men. But in fact it was conducted on male bodies“. Es ergeben sich Erkenntnislücken, wenn Forschung sich auf die Körper von Männern konzentriert und deren soziale und psychische Bedingungen außer Acht lässt. Um Gesundheit von Männern zu verstehen und natürlich auch um sie beeinflussen zu können, müssten Erklärungsmodelle zu Männern in ihrer gesellschaftlichen und individuellen Situation und in ihrem Mann-Sein gefunden werden.

Diese Arbeit möchte die Hintergründe für die gesundheitliche Situation von Männern beleuchten, dem gesundheitsrelevanten Verhalten von Männern nachgehen und Kriterien für die gesundheitsfördernde Praxis diskutieren. Zunächst werden epidemiologische Erkenntnisse und erste Einschätzungen dazu aufgeführt, dann Konzepte von Männlichkeit (bzw. verschiedenen Männlichkeiten) und deren Zusammenhang mit Gesundheit reflektiert. Schließlich werden die Auswirkungen von diesen Überlegungen für eine mögliche genderspezifische Gesundheitsförderung erörtert und es werden Beispiele von Gesundheitsförderung für Männer betrachtet.

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort 6
2. Die gesundheitliche Ungleichheit von Frauen und Männern 8
2.1 Mortalität und Morbidität im Geschlechtervergleich 8
2.2 Diskussion biologischer Faktoren für die gesundheitliche Ungleichheit von Frauen und Männern 11
2.3 Die Klosterstudie 12
2.4 Spezifische Gesundheitsrisiken von Männern 14
2.4.1 Stressbelastungen 14
2.4.2 Arbeitsbelastungen 15
2.4.3 Gewalterfahrungen 17
2.4.4 Risikoverhalten 18
2.4.5 Ernährung 18
2.4.6 Rauchen 19
2.4.7 Alkohol 20
2.4.8 Illegale Drogen 21
2.4.9 Depressionen 22
2.5 Soziale Vernetzung von Männern 23
2.6 Auf Gesundheit zielendes Handeln von Männern 24
2.7 Männer und Sport 25
2.8 Das Echo auf Gefährdungen männlicher Gesundheit 27
3. Genderspezifische Bedingungen für das Gesundheitsverhalten von Männern 29
3.1 Theorien zur Männlichkeit in Bezug auf Gesundheit 29
3.1.1 Geschlechterrollen und somatische Kulturen 29
3.1.2 Pierre Bourdieus Analyse der männlichen Herrschaft 31
3.1.3 Connells Soziologie der Männlichkeit 34
Exkurs: Gesundheit homosexueller Männer 39
3.1.4 Kontroversen um die Männlichkeitskritik 40
3.1.5 Männliche Sozialisation und Bewältigung 43
3.2 Gesundheitsrelevante Aspekte männlicher Dispositionen 47
3.2.1 Körperbewusstsein, Externalisierung und Feindseligkeit 47
3.2.2 Unabhängigkeit und Kontrollfähigkeit 50
3.2.3 Risikobereitschaft 52
3.2.4 Konkurrenz von Arbeitswelt und Gesundheit 54
3.3 Interaktion von Gender und sozialen Faktoren 56
3.4 Gesundheitsressourcen und Potenziale von Männern 57
3.5 Zusammenfassung genderspezifischer Bedingungen für das Gesundheitsverhalten von Männern 61
4. Konsequenzen für eine genderspezifische Gesundheitsförderung 63
4.1 Möglicher Orientierungsrahmen für eine genderspezifische Gesundheitsförderung bei Männern 63
4.2 Gesundheitsförderung für Männer als gesellschaftliche Aufgabe 66
4.3 Förderung des Gesundheitsverhaltens von Männern: Kriterien und Beispiele 70
5. Schluss 79

Textprobe:

Kapitel 3.4, Gesundheitsressourcen und Potenziale von Männern:

Will H. Courtenay weist auf Aspekte von Männlichkeit hin, die förderlich für die Gesundheit sind: „Although traditional masculinity – in general – is associated with increased health risks, there are certain masculine-identified characteristics that have been found to be highly adaptive for men (and women). These characteristics include having the ability to act independently, to be assertive, and to be decisive (...). Reliance on some specific masculine characteristics such as these have been found to help enable men to cope with cancer (...) and chronic illness (...)“. Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Selbstvertrauen werden also als förderlich angesehen – sie erscheinen als die positiven Seiten eines männlich konnotiertem Strebens nach Unabhängigkeit und Kontrollfähigkeit (siehe Abschnitt 3.2.2). Ähnliches gilt für die bei Männern geringere Neigung zur als problematisch anzusehenden Medikalisierung und Pathologisierung. Positiv wird auch die Neigung zum Sport thematisiert: „Das An-die-Grenzen-gehen, das Kräftemessen und die eigene Kraft spüren, die Fähigkeit, Spannungen über Bewegung abzubauen, das sind Qualitäten, die vielen Mädchen und Frauen zu wünschen wären. Die Autorinnen erwähnen hier nicht nur die physischen Effekte von Sport (siehe Abschnitt 2.7), sondern auch den positiven Einfluss auf die psychische Ausgeglichenheit.

Ressourcen gelten oft als „männlich“ oder „weiblich“, können aber natürlich auch beim jeweils anderen Geschlecht vorhanden sein. Entsprechend weist die Gesundheitspsychologin M. Sieverding auf den Zusammenhang von männlich geltenden Eigenschaften und psychischer Gesundheit hin, was aber nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen zutreffe. Ähnliche Zusammenhänge sieht auch A. Vosshagen bei alkoholkranken Männern, die ihre Sucht bekämpfen konnten. Diese Männer zeichneten sich gegenüber anderen, noch am Anfang ihrer Therapie stehenden Alkoholkranken dadurch aus, dass sie bei „männlichen“ Eigenschaften wie Selbstbehauptung und Aufgabenorientierung dazugewonnen hatten. Sie hatten aber gleichzeitig auch bei „weiblichen“ Eigenschaften wie Empathie und emotionalem Ausdruck dazugewonnen.

Im Abschnitt 3.3. wurde schon gesagt, dass Jugendliche sich weniger geschlechterstereotyp verhalten als junge Erwachsene. Sie werden in ihrem Gesundheitsverhalten von Erwachsenen vielleicht unterschätzt. Winter und Neubauer berichten aus einer qualitativen Studie, dass viele Jungen gesund leben und gut über körperbezogene Themen sprechen und reflektieren können. „Reduzierende Zuschreibungen, spektakuläre Statitstikauslegungen (...) führen genauso in die Irre wie Glorifizierung von Jungen und Jungsein“. Da das Aussehen für Jungen wichtig ist, kann es auch eine Quelle von Verletzlichkeit sein, wenn man zu dick ist. Aber auch Bodybuilder-Figuren waren für die befragten Jungen keineswegs attraktiv. Es kommt hier auf die Balance an. Jungen „dürfen den Körper nicht vernachlässigen, ihn aber auch nicht zu wichtig nehmen; das Aussehen wird von der sozialen Umwelt selbstverständlich wahrgenommen, es darf aber nicht zu stark betont werden ...“. Jungen fühlen eine allgemeine Erwartung, fit sein zu müssen, es ist ihnen selbstverständlich, möglichst gesund und fit aufzutreten. Gesunde Ernährung ist für sie wichtig, sicher auch wegen der Sorge, nicht dick sein zu wollen. Sorgen um die eigene Gesundheit rufen bei vielen Jugendlichen aktives Bewältigungsverhalten hervor; Raucher puffern diese Sorge mit „gesunden“ Aktivitäten ab. Gesundheit und Gesundheitsverhalten sind zwar für die Jugendlichen wichtige Themen, aber Sport bedeutet für sie eher Spaß und Geselligkeit als Gesundheit – dies zeigt, dass gesundes Verhalten zum Glück oft nicht durch eine Gesundheitsmoral induziert ist. Der Spaß an der sportlichen Betätigung ist für Jungen und Männer eine bedeutsame Ressource. Leistungsfähigkeit, das Mithalten-können und Konkurrenzstreben, die durch sie spielerisch aktiviert werden, zeigen hier positive Effekte, trotz der Verletzungsrisiken, die der Sport mit sich bringt. Der Aspekt von Spaß und Geselligkeit weist über einen rein instrumentellen Gebrauch des Körpers, wie im Abschnitt 3.2.1 von Brandes für erwachsene Männer beschrieben, hinaus.

Winter und Neubauer beobachten in den Interviews bei vielen Jugendlichen das Streben nach Balance, etwa Balance zwischen „etwas tun“ und „zuviel tun“. Das Motiv der Balance taucht bei ihnen in dem bereits im Abschnitt 3.1.5 erwähnten pädagogischen Variablenmodell „balanciertes Junge- und Mannsein“ wieder auf und es wird uns im Kapitel 4 in der Besprechung des Ansatzes „Balancierte Männergesundheit“ wieder begegnen.

Ralf Ruhl stellt in einem Aufsatz über Männer als Väter auf Grund einer Lektüre von entsprechenden Ermahnungen aus dem Internet für (werdende) Väter fest, dass sie „in der Hauptsache als Risikofaktor für die Gesundheit des Kindes wahrgenommen werden“, während ihre spezifischen Situation als Vater kaum Beachtung findet. Nach der Schilderung dieser Defizite im Umgang mit den Vätern kommt er auf positive Aspekte der Vaterschaft zu sprechen: „Viele Väter berichten, dass sie mehr auf die Ernährung achten, seit das Kind da ist. Sie kaufen mehr ökologische Produkte (...) und räumen gesundem Essen im Familienbudget einen größeren Platz ein“. Und weiter: „Wenn „Neue Väter“ tatsächlich ihr Leben umkrempeln, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und auch mehr Zeit für die Pflege aufbringen, haben ihre Kinder gute Chancen. Sie haben gemeinsame Rituale (...), sie haben Spaß in der Badewanne und juchzen vor Vergnügen beim Trockenrubbeln und Einölen. Für sie ist es selbstverständlich, dass Papa sie aus dem Bett holt, wenn sie weinen, Fieber misst, mit ihnen zum Arzt geht und sie tröstet. Kinder lernen so, dass Körperpflege, Gesundheit und Vorsorge nicht nur Sache der Frauen ist, sondern dass auch Männer sie ernstnehmen. Jungen fällt es leichter, Gesundheitsaspekte ins männliche Selbstbild zu integrieren, wenn sie sehen, dass und wie Papa das macht und dass sie da etwas gemeinsam haben (...) Insofern muss Mama mitspielen, die Zahnputzkompetenz wirklich an Papa abgeben und nicht kontrollieren, ob er es denn auch richtig gemacht hat. Denn das hieße wieder: Gesundheit ist Frauensache“.

Ruhl beschreibt hier nichts weniger als die Dekonstruktion eines externalisierenden, körperfernen Mannseins – aus einer ganz alltäglichen Perspektive (daher sei die Länge des Zitats erlaubt). Ähnliches beschreibt Connell, wenn er auf Kinderpflege zu sprechen kommt. Um die darin liegenden Ressourcen für Gesundheit zu fördern, bedarf es auch gesellschaftlicher Anstrengungen, Väter in dem Bestreben zu stärken, ein nahes Verhältnis mit ihren Kindern zu leben. Dies verweist auf die gesellschaftlichen Aspekte von genderspezifischer Gesundheitsförderung (siehe Abschnitt 4.2). Es kann nicht allein dem Bewusstsein, den sozialen Ressourcen und auch der Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Arbeitgeber der oft aus der Mittelschicht stammenden „Neuen Väter“ überlassen bleiben, hier vorhandene Potenziale zu verwirklichen.

Wir haben nun als Schlusspunkt der genderspezifischen Bedingungen für die Gesundheit von Männern die Ressourcen und Potenziale von Jungen und Männern beleuchtet, als Ansatzpunkte für eine genderspezifische Förderung der Gesundheit. Im Folgenden werden die genderspezifischen Bedingungen für Gesundheit von Männern, die in diesem Kapitel genannt wurden, noch einmal kurz als Thesen zusammengefasst.

Arbeit zitieren:
Balke, Johannes September 2008: Genderspezifische Gesundheitsförderung für Männer, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gesundheitsförderung, Gender, Männer, geschlechtsspezifisch, Gesundheit

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