Komparative Untersuchung der Imaginationen des Bösen im Roman Salammbô von Gustave Flaubert und der Offenbarung des Johannes
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Friedlind Riedel
- Abgabedatum: Mai 2008
- Umfang: 57 Seiten
- Dateigröße: 389,9 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Bielefeld Deutschland
- Bibliografie: ca. 30
- ISBN (eBook): 978-3-8366-2855-6
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Riedel, Friedlind Mai 2008: Komparative Untersuchung der Imaginationen des Bösen im Roman Salammbô von Gustave Flaubert und der Offenbarung des Johannes, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Schule des Bösen, Ecole du Mal, Karl Heinz Bohrer, Apokalypse, Hure Babylon, Transgression
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Bachelorarbeit von Friedlind Riedel
Einleitung:
Die Frage nach Imaginationen und ästhetischen Inszenierungen des Bösen ist zuerst die Frage nach dem Bösen selbst, da es um die Versinnlichung eines Begriffs geht, der hohe interdisziplinäre Relevanz aufweist und über den, in der hier zu berücksichtigenden abendländischen Geistesgeschichte, immer wieder divergierende Auffassungen und historisch korrelierende Ansichten herrschten nicht zuletzt, weil sich bereits auf der Begriffsebene ein Vielzahl von Worten dem Begriff des Bösen nähern. So wählen die Herausgeber des Historischen Lexikons der Philosophie den umfassenderen Begriff des Malum „um die geschichtliche Symbiose und Interdependenz der Begriffe des Übels, des Bösen, des Schlechten, Schlimmen, Schrecklichen, des Unvollkommenen, Mangelhaften, Defekten, Defizitären und Inferioren, des Unordentlichen, Dysfunktionalen, Widrigen, Kranken, Fatalen, des Ruchlosen, der Sünde und der Schuld, des Verkehrten, Irrigen, Lasterhaften, der Entfremdung, des Leides, des sonst wie Nichtigen und Negativen“ zu berücksichtigen, die aufgrund der „Interdependenz ihrer Bedeutung […] ein Wortfeld bilden“. Hier wird deutlich, wie universal das Böse menschliche Denk- und Diskurswelten betrifft. Darüber hinaus zeigt gerade das hohe Bedürfnis nach Imaginationen und Versinnlichungen, dass Vorstellungen vom Bösen direkte menschliche Wirklichkeit und Fassbarkeit übersteigen können und das Böse als das Unfassbare und Irrationale erfahren wird. Gerade einschneidende geschichtliche Ereignisse werfen immer wieder neu die Frage nach dem so genannten Bösen auf und mit ihr verknüpfte grundlegende anthropologische, theologische und philosophische Fragestellungen, wie nach der Freiheit des Menschen, nach seiner Verantwortung und nach seinen moralischen Bedingungen, bis hin zu Gerichtsbarkeit und Gesetzgebung als vernünftige Reaktion und rationalisierte Antwort auf ein sich äußerndes Böses im Menschen.
Der für den Diskurs um das Böse wichtigste Philosoph der Neuzeit ist Leibniz. In seiner Théodicée untergliedert er das Böse in drei Kategorien und unterscheidet das Malum metaphysicum, das ist „einfache Unvollkommenheit“ und Endlichkeit im Bezug auf Mensch, Erde und das Diesseits im allgemeinen, und das Malum physicum, das sind die Leiden sowie das Malum morale das ist die Sünde. Leibniz setzt hierbei eine Welt voraus, die er als die bestmöglichste beschreibt und geht damit eine Diskrepanz zu dem Gottesausspruch in Genesis 1 und 2 ein, „[…] und siehe, es war sehr gut„. Das Malum hat jedoch nicht allein destruktive Funktion. Leibniz relativiert es und konnotiert es positiv, indem er es teleologisch funktionalisiert und ihm einen höheren Sinn anerkennt. So lasse Gott das Übel zu, um etwa ein größeres zu verhindern. Gott wird zwar eingeschränkt, da er nicht allein Gutes geschehen lassen könne, sondern sich dem Bösen als Mittel zum Guten bedienen müsse, doch bleibt er selbst als Gott gut. Er ist der Garant für die Gutheit des Bösen. Leibniz stärkt seine These durch den Ausspruch des Gottessohnes: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“, denn auch hier wird mittels einer „Art Verderbnis“ eine „höhere Vollkommenheit“ beschrieben.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Von dem Bösen | 2 |
| 2. | Die komparative Untersuchung von Flauberts Salammbô und der Offenbarung des Johannes | 11 |
| 3. | Gustave Flaubert: Salammbô | 12 |
| 4. | Johannes: Hure Babylon | 15 |
| 5. | Vergleich: Salammbô und Apokalypse | 17 |
| 5.1 | Narrationsverfahren zur Imagination von Bösem | 17 |
| 5.2 | Mythen und Bilder des Bösen | 27 |
| 5.3 | Das Böse und das Bild der Hure | 33 |
| 5.3.1 | Hurerei und Transgression | 39 |
| 5.4 | Das Böse als Prinzip und die Farbe Purpurrot | 45 |
| 6. | Schluss | 50 |
| 7. | Literaturverzeichnis | 55 |
5.3 Das Böse und das Bild der Hure Der Charakter der Apokalypse sowie das ihr zugrunde liegende Weltbild ist unbedingt theozentrisch, was sich folgerichtig aus einem Gottesbegriff ergibt, der durch den Herrschaft-, Macht-, Heiligkeit- und Gerichtsaspekt geprägt ist. Diese emphatische Hervorhebung des Herrschaftsanspruchs Gottes entspricht den ideologischen sowie emotionalen Bedürfnissen der latent bis tatsächlich verfolgten, fremd beherrschten Christen und Judenchristen, an die Johannes schreibt. Zentral ist die Gegenüberstellung zweier Machtbereiche sowie christologisch die Heilstat Gottes zur Errettung von Menschen aus dem Machtbereich der Welt hin zu einem eschatologischen Heil. Innerhalb dieser Grundannahmen vollzieht sich das ausufernde, übermäßig bild- und farbenreiche Schauspiel. Die duale Grundkonzeption zieht weitere Oppositionen nach sich und manifestiert sich strukturell immer wieder neu. Dabei ist zu beachten, dass die Seite Gottes sehr klar definiert ist und durch das Buch hin begriffliche Konstanz aufweißt, das polare Gegenstück hingegen in keinem vergleichbaren Begriff gefasst ist, der dem Gottes entgegenstünde. Vielmehr soll diese Seite hier als widergöttlich bezeichnet werden, da sie sich in einer immensen Vielzahl an Bildern und Namen zeigt. So tauchen die Namen Gott und Herr 68-mal auf, die Namen Teufel und Satan hingegen nur neunmal. Hier wird eine weitere Vorannahme deutlich, nämlich die strukturelle sowie tatsächliche Ungleichheit der widerstreitenden Mächte, und damit der von vornherein angelegte Sieg Gottes und seines Sohnes Jesus Christus mitsamt den Heiligen, den Anhängern Jesu, über das Widergöttliche, das verführerische Böse selbst, sowie seinen Anhängern.
Dieses Gottesbild ist die Basis des Bildes der Hure. Die Verwendung des Begriffs Hurerei in der Offenbarung basiert auf der jüdisch-christlichen Vorstellung, die Ehe als Abbild der Beziehung zwischen Gott und Menschen zu denken. Dies hebt die Beziehung zwischen Mann und Frau auf einen besonderen Status, da aus ihr Verständnis über die Beziehung zu Gott gewonnen werden kann und sich wiederum Wissen aus dem Verhältnis zu Gott für die eheliche Beziehung fruchtbar machen lässt. Sexualität ist nur ein Teil dieser Analogie, wenn auch ein wesentlicher. Sprachlich ist dies reflektiert in dem Gebrauch des Wortes Erkenntnis welches alttestamentlich für die geschlechtliche Vereinigung ebenso verwandt wird, wie für die Beziehung zwischen Gott und Mensch, da nach dem Neuen Testament der Christ in Heiligkeit und Nähe zu Gott zunimmt, indem er diesen mehr und mehr erkennt. Dieses Bild ist nicht ein rein jüdisch-christliches, sondern ist in verschiedensten kultischen Brauchtümern zu finden, so auch in den Religionen der Kanaaniter. Eine (u.a.) hieraus abgeleitete Glaubenspraxis ist etwa der Brauch der Tempelprostitution, wie er insbesondere für die phönizischen Gottheiten Baal und Astarte gehalten wurde. Besonders in Phönizien, Syrien, Babylon wurde dieser praktiziert sowie in der Stadt Sicca, in welche die Barbaren flüchten und die als Zentrum für die Tempelprostitution galt. Auch die immer wieder beschriebene Angst einzelner, den eigenen Gott durch die Inanspruchnahme anderer Götter zur Eifersucht zu reizen taucht bei den Puniern wie auch bei den Barbaren auf.
Der Begriff der Hurerei (gr. porneuo) ist hier kardinal für die Beschreibung der Überschreitung verwandt und zieht weitere Begriffe nach sich. So der Begriff der Sünde (gr. hamartia) der selbst nur dreimal in der Offenbarung auftaucht, und davon zweimal im achtzehnten Kapitel im Bezug auf die Hure Babylon. Hier werden die Heiligen aufgefordert den Umgang mit der Hure und ihrem Werk zu meiden und aus ihrer Mitte hinaus zu gehen, um ihrer Sünden nicht „teilhaftig“ zu werden, „denn ihre Sünden sind aufgehäuft bis zum Himmel und Gott hat ihrer Ungerechtigkeiten gedacht.“ Von der prunkvoll erscheinenden Hure wird weiter gesagt sie halte „einen goldenen Becher in ihrer Hand, voll Greuel und Unreinigkeit ihrer Hurerei.“ Unreinigkeit (17,4; 18,2, gr. a-kathartos) lässt sich auf das Weiß der Kleider der Heiligen beziehen und steht dem „reinen Gold“ der „heiligen Stadt“ und der „reinen Leinwand“ , den Kleidern der Heiligen und des Christus, diametral entgegen. Der Begriff Greuel (V.4, gr. bdelugma) ist im biblischen Sinn stets religiös konnotiert und bezieht sich auf den Dienst an anderen Göttern, der Jahwe zuwider ist. Ähnlich und doch konkreter ist der Ausdruck Zauberei (V.18,23; gr. pharmakeia) der auf kultische Rituale, Magie und Animismus, auf das Mischen von besprochenen Heilmitteln anspielt. Die Hure wird hier angeklagt durch ihre „Zauberei […] alle Nationen verführt“ zu haben. Das gesamte Bild wird eingeleitet mit der Einladung des Engels an Johannes: „Komm her, ich will dir das Gericht über die große Hure zeigen […]“. Das Wort Gericht (V.1, gr. krima), stellt hier die Verfehlung der Hure auf juristischer Ebene dar und ist mit der Vorstellung von Gott als dem Richter zu verbinden .
In der Hure gewinnt auch das Moment der Verführung bildliche Gestalt, als Charakteristikum von Bösem. So wird in der Offenbarung Isebel erwähnt, welche die Heiligen verführe „Unzucht zu treiben und Götzenopfer zu essen“ . Ihr geht die historische Isebel voraus, die Königstochter eines ehemaligen Baalspriesters, kanaanitischer Abstammung aus der phönizischen Handelsmetropole Sidon, die Frau des Königs Ahab von Israel ist. Sie verführte Ahab zu bösen Machenschaften, etablierte den Baals- und Astarte -Kult unter den Israeliten und wird zudem selbst in ihrer Weiblichkeit als verführerische Frau dargestellt. Das Motiv der Verführung taucht in der Offenbarung viermal in der direkten Verbindung mit Satan auf, daneben ist auch das Tier Verführer, sowie ein Wunder wirkender Prophet.
Die Verwendung des Begriffs der Hurerei ist nur sinnhaft unter der Vorraussetzung einer eindeutigen verbindlichen Beziehung die sich im Juden- als auch im Christentum durch den Bund mit Gott manifestiert. So ist hier ein klarer religiös-ethischer Wertekonsens angelegt, auf dem sich die Transgression vollzieht. Böses wird auf der Basis dieses Bundes Gottes verstanden und das sowohl im alttestamentlichen Kontext, sowie im neutestamentlichen, der von dem Neuen Bund mit dem Volk Gottes gekennzeichnet ist. Hier ist hinsichtlich des Bösen eine wesentliche Gemeinsamkeit des jüdischen und christlichen Horizonts auszumachen. Johannes hebt nicht einen alten Bund und ein altes Gesetz und damit auch eine altjudaische Vorstellung von Bösem auf, sondern stellt eine Ebene her, auf der sich Böses bundeslos vollzieht, das heißt in der alleinigen Bezugnahme auf Gott, losgelöst von den, dem Bund immanenten Gesetzen . Das Aufheben der Opferrituale und des Tempelkults im Judentum durch das aus ihm entstehende Christentum, löst keineswegs die damit verbundene transzendentale Wirklichkeit auf. Vielmehr manifestierte diese sich symbolisch in den Opferritualen, so dass aus dem Verständnis des judaischen Glaubens Wesentliches über die Wirklichkeit des christlichen Glaubens gewonnen werden kann, was in den Visionen angewandt wird. So die alttestamentliche Verbotsüberschreitung auf mythisch-religiöser Ebene die auf politische, moralische, wirtschaftliche Bereiche ausgeweitet wird. In dem Rückgriff auf das Bild der kultischen Transgression wird die Darstellung des Bösen nicht nur wesentlich betont sondern vor dem nunmehr religiösen Hintergrund als Sünde gedeutet.
Die Hure ist nicht eine von vielen, nicht eine einzelne Person oder ein Volk, sie ist die „große, Mutter der Huren und der Greuel der Erde“ , sie ist Babylon. Das babylonische Reich auf das hier angespielt wird, ist das neubabylonische welches 626 v. Chr. durch den Chaldäer Nabopolassar begründet wird und kulturell-religiös und wirtschaftlich den gesamten Orient dominiert. So auch Phönizien die Herkunft der Karthager. Unter der Herrschaft Nebukadnezers wird das bis dahin bereits tributpflichtige Israel 587 v. Chr. in die Hauptstadt Babylon gefangen weggeführt. Unter dem nachfolgenden Perser König Kyros erhält das Volk den Auftrag zurück nach Jerusalem zu gehen, doch ist es nur ein kleiner Teil der Israeliten, der dieser Aufforderung folgt um Jerusalem wieder aufzubauen. Die mit der babylonischen Herrschaft verbundene Vermischung von kulturell-religiösen Elementen der monotheistischen Israeliten und polytheistischen Babyloniern, ist das was hier Hurerei genannt wird. Die Verführung der Israeliten durch Babylon, welcher auch der Großteil des Volkes erliegt, ist durch die Hure imaginiert.
Hurerei steht somit im Sinne der Offenbarung für die kultische Prostitution, für Hurerei im eigentlichen moralischen Sinn, für Verführung jeder Art, sowie für die Hingabe und den Dienst an Götzen und Götter neben Jahwe und damit das Brechen des Bundes mit ihm. Hurerei beschreibt gewissermaßen den Schritt weg von Gott zu etwas anderem hin, sei dies zu einem Götzen und damit verbundenem Kult und Kultur oder zu „böser“ politischer und wirtschaftlicher Macht. Wie schon im vorangegangenen Kaptitel gezeigt, handelt es sich bei dem Bild der Hure um einen Mythos der sich durch die Geschichte Israels zieht. In der Hure gewinnt der Diskurs um das Böse sprachlich Gestalt und subsumiert jeweils das historisch und kulturell bedingte Böse, welches sich epochal je neu zeigt und verschiedene Formen und Problemstrukturen annimmt, unter einen großen gemeinsamen Mythos.
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