Die Darstellung der Unruhen in Lhasa vom 14.03.2008 in den chinesischen Medien
Am Beispiel der Tageszeitungen Renmin Ribao, Nanfang Dushi Bao und Wen Wei Po
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Christian Oberlander
- Abgabedatum: August 2008
- Umfang: 49 Seiten
- Dateigröße: 774,2 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 41
- ISBN (eBook): 978-3-8366-2725-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Oberlander, Christian August 2008: Die Darstellung der Unruhen in Lhasa vom 14.03.2008 in den chinesischen Medien, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: China, Tibet, Medien, Unruhen, Lhasa
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Bachelorarbeit von Christian Oberlander
Einleitung:
Wenn man im Westen die beiden Wörter „China“ und „Medien“ erwähnt, ist es oft nicht weit, dass in der gleichen Diskussion die Wörter „Propaganda“ und „Zensur“ fallen. Man denkt an eine bewusste Beeinflussung der Medien durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) und die daraus resultierende Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit. Besonders im März 2008 nach den Unruhen in Tibet erhielt diese Art der pauschalisierenden Diskussion über die chinesischen Medien wieder neues Brennholz. So erschien am 4. April 2008 ein Sonderheft der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel „Im Land des Lächelns“. Der Untertitel „Oder: das wahre Gesicht Chinas. Die Demaskierung eines Staates, in dem weder Mensch noch Meinung zählen“ verriet auch gleich den Inhalt: China sei „eines der ungerechtesten Länder der Erde“, dessen Bürger mit Propaganda bombardiert würden.
Dabei werden vor allem zwei Aspekte immer wieder gerne übersehen. Zum einen, dass die Medien generell nie völlig frei von Beeinflussung durch Kirchen, Institutionen, Personen, Firmen, Lobbys und vor allem Regierungen waren und sind, sondern sich lediglich die Bezeichnungen und Methoden dafür änderten. Politisch erfuhr nämlich auch der Westen zur Zeit des Kalten Krieges, wie China zur Zeit der Kulturrevolution 1966 bis 1976, Höhepunkte in der Beeinflussung der Medien zur Lenkung der Bevölkerung. Westliche Staaten, beispielsweise die USA, sind sich der Macht der Medien bis heute noch immer deutlich bewusst und nutzen diese vermehrt in globalen Konflikten als „festen Bestandteil der Kriegsführung“ zur Legitimierung des Handelns und um einen „Informationskrieg um die Herzen und Köpfe der Menschen zu führen“. Heute, da der negativ konnotierte Begriff der Propaganda neuen Begriffen wie „information warfare“, „Öffentlichkeitsarbeit“ oder einfach „Werbung“ gewichen ist, muss auch die Meinungsfreiheit relativiert werden. Selbst in China sei die Einschränkung der freien Meinungsäußerung mit der „UNO-Konzeption der Meinungsfreiheit (Universale Erklärung der Menschenrechte, Art. 19 Ziff. 2 in Verb. mit Art. 29 Ziff. 2)“ konform, wie der Jurist und Sinologe Harro von Senger anmerkt. So wundert es nicht, dass dieser sich auch in der Tibet-Diskussion fragt: „Kann es da erstaunen, wenn sich Chinesen über unsere doppelte Moral beklagen und uns vorwerfen, wir machten auch nichts anderes als Interessenpolitik?“ Zum anderen bleibt oft unbeachtet, dass den chinesischen Medien auch nicht sämtliche Freiheit in der Meinungsäußerung abgesprochen werden kann. Sie haben seit der Liberalisierung der Wirtschaftspolitik ab 1979 einen enormen Wandel vollzogen. So erfährt die chinesische Medienbranche „seit dem Rückzug des Staates aus der Vollsubvention 1992“ eine zunehmende Kommerzialisierung. Informationen zu unpolitischen Themenbereichen stehen im Vordergrund und genießen darin ein gewisses Maß an Freiheit. Darüber hinaus sind auch Anzeichen einer Lockerung der politischen Kontrolle sichtbar. So sind neben dem Rückzug des Staates aus der Medienfinanzierung die Grenzen der Presseberichterstattung regional sehr unterschiedlich und weniger parteinahe Medien sind erfolgreicher bei den Lesern.
Dennoch beschränkt sich diese Freiheit auf nichtpolitische Themen, denn noch immer kontrolliert die KPCh „mittels ihrer Propaganda-Abteilungen, der Staatlichen Hauptverwaltung für Rundfunk, Film und Fernsehen (…) und des Staatlichen Amtes für Presse- und Verlagswesen (…) die Berichterstattung und legt die Parameter fest, was in den Medien präsentiert werden darf“, so der Trierer Professor für Regierungslehre Sebastian Heilmann. Die „Bestimmungen für das Verlagswesen etwa verbieten Inhalte, die eine Gefährdung für die ‚nationale Einheit‘ oder ‚soziale Stabilität‘ darstellen könnten, ‚Separatismus‘ fördern oder ‚nationale Sicherheitsinteressen‘ verletzen“.
Das Staatliche Amt für Presse- und Verlagswesen ist es auch, das „über Vorgaben wie die 1994 veröffentlichten ‚Berufsethischen Normen für Journalisten‘ (…) Einfluss auf die Medien“ nimmt. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Berichte über die Unruhen in Lhasa im März 2008 diesen Bestimmungen unterworfen wurden. Interessant ist in diesem Zusammenhang zu sehen, wie sich dies auf die Berichterstattung in expliziten chinesischen Medien ausgewirkt hat.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aufzuzeigen, inwieweit chinesische Medien bei politisch brisanten Themen in der Darstellung zentral beeinflusst und inwieweit ein Spielraum oder Abweichungen von zentralen Vorgaben möglich sind. Bei der Auswahl der Medien soll sich auf chinesische Tageszeitungen beschränkt werden, da zum einen ein journalistischer Spielraum in dem vom chinesischen Zentralsender CCTV bestimmten Fernsehen nicht vermutet wird und zum anderen das Medium Radio von geringerer meinungsbildender Bedeutung und stark von lokaler Eigenart geprägt ist. Das Medium Zeitung hat weiterhin den Vorteil, dass es auf lange Sicht besser überprüfbar und von nachträglicher Zensur schwerer beeinflussbar ist. Bei der Auswahl unter den über 2000 Zeitungen des Landes soll sich dabei exemplarisch auf drei Zeitungen beschränkt werden. Die als Sprachrohr der Partei geltende nationale Tageszeitung Renmin Ribao, die im Stadtgebiet von Guangzhou verbreitere Tageszeitung Nanfang Dushi Bao , sowie die in Hongkong erscheinende Wen Wei Po.
Dabei soll nach einer Erläuterung zur Wahl der Zeitungen zuerst ein Überblick gegeben werden, in welchem Umfang diese in den ersten acht Tagen nach dem 14. März über diesen berichtet haben. Danach soll näher auf die Gestaltung dieser Artikel in den ersten Tagen eingegangen werden und anschließend die Betrachtungsweisen der drei Zeitungen in ausgewählten und übersetzten Artikeln analysiert werden. Abschließend soll klärend erläutert werden, wie sich die unmittelbare Darstellung der Unruhen vom 14. März in Lhasa in den verschiedenen Tageszeitungen gestaltete, sowie ob und inwieweit ein Spielraum oder Abweichungen zur zentral vorgegebenen Darstellung vorhanden sind und eventuell genutzt werden.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 3 | |
| 1. | Wahl der Tageszeitungen | 6 |
| 1.1 | Renmin Ribao | 6 |
| 1.2 | Nanfang Dushi Bao | 7 |
| 1.3 | Wen Wei Po | 7 |
| 2. | Zeitnähe und Quellen der Berichte | 9 |
| 2.1 | Menge und Mittelbarkeit | 9 |
| 2.2 | Informationsquellen | 10 |
| 2.3 | Das Monopol | 12 |
| 3. | Gestaltung der Zeitungsartikel | 14 |
| 3.1 | Positionierung | 14 |
| 3.2 | Gestaltung der Überschriften und Bilder | 15 |
| 3.3 | Mögliche Gründe | 18 |
| 4. | Darstellung der Ereignisse im Text | 20 |
| 4.1 | Der 10. oder der 14. März | 20 |
| 4.2 | Die Ereignisse und die Opfer | 21 |
| 4.3 | Die Schuldigen | 23 |
| 4.4 | Harmonie und Stabilität | 24 |
| Schluss | 27 | |
| Literaturverzeichnis | 29 | |
| Anhang | 35 | |
| Gesamtübersichten | 35 | |
| Übersetzte Artikel | 36 |
Textprobe:
Kapitel 2, Zeitnähe und Quellen der Berichte: Der erste Schritt zur Betrachtung der chinesischen Berichterstattung über die Ereignisse in Lhasa soll darin bestehen, eine Übersicht über die Menge und Herkunft der betreffenden Zeitungsartikel in den ersten acht Tagen nach dem 14. März 2008 zu gewinnen, um zu erfahren, wie zeitnah die besagten Zeitungen über die Geschehnisse berichteten. Dies ist insofern interessant, als dass eine zeitnahe Berichterstattung mit verschiedenen Quellen in der Regel als wahrheitsgemäßer eingestuft werden kann. Die Frage ist nun, ob die chinesischen Medien tatsächlich auch näher an den Geschehnissen waren, was für eine relativ objektive Darstellung sprechen würde oder ob im Nachhinein darüber berichtet wurde, was eine subjektive Sichtweise über die Ereignisse befördern könnte.
Kapitel 2.1, Menge und Mittelbarkeit: Die ersten Artikel, welche die Unruhen in Lhasa thematisierten, erschienen in allen drei Zeitungen am 15. März, nachdem die Ereignisse einen Tag zuvor ihren vermutlichen Höhepunkt erreichten. Interessant jedoch ist, dass die Gewichtung sehr unterschiedlich ist. Während in der WWP die Unruhen relativ früh einen Themenschwerpunkt darstellen, der am 18. März mit sechs veröffentlichten Artikeln seine Spitze erreicht und danach wieder abklingt, ist zu erkennen, dass das Thema in der RR und in der NDB nur sehr schleppend aufgenommen wird.
So erscheinen in den beiden Zeitungen am 18. März lediglich zwei relevante Artikel, was sich erst am 21. März auf sechs, beziehungsweise fünf Artikel steigerte (siehe Übersicht 1). Nicht näher untersucht wurde, ob sich die Thematisierung der Unruhen in den Zeitungen der VRC über den betrachteten Zeitraum von acht Tagen hinaus noch erhöht hat. Fest steht jedoch, dass in Hong Kong in kurzer Zeit nach den Unruhen ausführlich darüber berichtet wurde, während auf dem Festland China der Informationsfluss am Anfang sehr zäh zu sein scheint und sich erst Tage später erhöht. Die NDB scheint dabei der RR recht ähnlich zu sein. Bezogen auf die unterschiedliche Menge der Artikel zwischen den Zeitungen des Festlands und der Hongkonger Zeitung kann der 20. März als ein scheidendes Datum betrachtet werden, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass am Morgen des 21. März mit Georg Blume und Kristin Kupfer die beiden letzten ausländischen Journalisten aus Tibet ausgewiesen wurden.
Fraglich ist, ob sich die WWP in den ersten Tagen in ihren Berichten auch auf ausländische Journalisten berufen hatte und die RR sowie die NDB diese bewusst nicht zitiert hatten, was die unterschiedlichen Kurven erklären könnte.
Um also über die journalistische Qualität der Zeitungsartikel Aussagen treffen zu können, muss die Autorenschaft dieser Artikel näher betrachtet werden.
Kapitel 2.2, Informationsquellen: Die erste Nachricht über die Vorfälle, die die RR am 15. März veröffentlichte, ist eine Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua Xīn Huá tōngxùnshè (kurz Xīn Huá shè) (siehe Übersicht 2). Nachdem am 16. März nichts berichtet wird, erscheinen auch in den beiden Tagen darauf ausschließlich Meldungen von Xinhua. Das gleiche Bild gibt sich in der NDB sowie in allen anderen Tageszeitungen vom Festland China, die im Vorfeld dieser Arbeit eingesehen wurden. Als Beispiel seien die Nanfang Ribao, sowie die Shanghaier Wen Hui Bao genannt. Es wurden keine ausländischen Medienberichte, Nachrichtenagenturen oder Berichte von inländischen Reporter und Journalisten hinzugezogen auch wenn es diese durchaus gab. Ob es für die Zeitungen keine Möglichkeit gab, an andere Quellen zu kommen, oder diese nicht zitiert werden wollten oder durften bleibt dabei fraglich.
Eine leichte Änderung ist am fünften Tag nach den Zwischenfällen in Lhasa zu sehen. Während die RR weiterhin drei Meldungen von Xinhua abdruckt, ist in der NDB nur ein großer Artikel zu lesen, der sich nicht mehr wörtlich an Xinhua-Meldungen hält, sondern nur noch darauf beruft. Am 20. März druckt die RR zum ersten Mal einen eigenen größeren Artikel im Umfang von rund 2000 Zeichen. Als Autor wird die eigene Zeitung běn bào angegeben, während die NDB nur eine kurze Meldung von Xinhua in den Umlauf gibt. Die RR gibt somit sozusagen den Startschuss, denn am darauf folgenden Tag, den 21. März, findet sich in allen drei Zeitungen ein Schub von Meldungen.
Unterschiedlich ist die Art der Meldungen. Während die RR, neben einem eigenen Artikel, zwei kurze und zwei lange Meldungen von Xinhua veröffentlicht, sind es bei der NDB, neben einer Kurzmeldung von Xinhua und einem an Xinhua orientierten Artikel, vor allem ein aus der Lanzhou Wanbao zitierter sowie drei selbst verfasste Artikel. Darunter wird in einem Artikel, der rund 900 Zeichen umfasst, sogar erstmals ein Autor namentlich erwähnt. Einen Autor nennt auch die RR namentlich am folgenden Tag und ordnet einen zweiten Artikel einem Kommentator der eigenen Zeitung zu. Es werden weiterhin zwei Meldungen von Xinhua gedruckt. Die NDB gibt ihren verfügbaren Platz ebenfalls an drei Artikel, die sich an Xinhua-Meldungen orientieren, einer sogar zusätzlich an Reuters. Darüber hinaus druckt sie aber auch ein mit Namen versehenes Interview aus der Tibet Daily Xīzàng Rìbào und einen Artikel der Xizang Shangbao ab.
Die WWP unterscheidet sich über den gesamten Zeitraum erheblich. Zwar ist für sie die Xinhua eine nicht unwichtige Quelle, jedoch setzt sie mit Beginn am 15. März durchgehend nicht nur auf Berichte eines eigenen Korrespondenten aus Lhasa, der von Beginn an seinen Namen Preis gibt, sondern zusätzlich auch auf Bildmaterial und Meldungen der Agence France-Presse und anderer Nachrichtenagenturen wie der Associated Press, Reuters oder dem China News Service Zhōngguó xīnwénshè, der nach Xinhua zweitgrößten Nachrichtenagentur in der VRC.
Was die Herkunft der Artikel angeht, so ist also zu erkennen, dass auf dem Festland China unmittelbar nach den Unruhen ausschließlich Meldungen der Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlicht und nur zögernd eigene Artikel verfasst wurden. Den Beginn machte die RR, welche sich danach aber weiterhin stark an Xinhua hält. Die NDB ist mutiger und setzt ab dem 21. März auf selbst gestaltete Artikel und beruft sich auf Zeitungen aus der Provinz Gansu und dem Autonomen Gebiet Tibet (AGT) Xīzàng zìzhìqū , die regional näher an Lhasa gelegen sind. Man könnte behaupten, dass die NDB dadurch ein möglichst authentisches Bild über die Lage in Lhasa zu gewinnen versucht.
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