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Autobiographische Spuren im Narrativ ausgewählter deutscher Kinder- und Jugendbuchautoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration

Eine qualitative Studie

Autobiographische Spuren im Narrativ ausgewählter deutscher Kinder- und Jugendbuchautoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration
Über dieses Buch
  • Art: Dissertation / Doktorarbeit
  • Autor: Heike Schwering
  • Abgabedatum: Mai 2006
  • Umfang: 289 Seiten
  • Dateigröße: 5,3 MB
  • Note: 0,7
  • Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
  • Bibliografie: ca. 205
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1155-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schwering, Heike Mai 2006: Autobiographische Spuren im Narrativ ausgewählter deutscher Kinder- und Jugendbuchautoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Biographieforschung, Kinder- und Jugendbuchautoren, Kriegs- und Nachkriegsgeneration, Kriegskind, Narrativ

Dissertation / Doktorarbeit von Heike Schwering

Zusammenfassung:

Erstens – Der Autor als Individuum mit seiner Geschichte: Die Dissertation soll die sechs ausgewählten Autoren und Autorinnen von zeitgeschichtlicher Kinder- und Jugendliteratur als Personen mit ihren ganz individuellen biographischen Hintergründen abbilden, und hierdurch ein bisher bekanntes Datenspektrum durch neue Erkenntnisse und Informationen ergänzen und vertiefen. Die gewonnenen Erkenntnisse gehen explizit aus den Aussagen (Interviews) der Autoren hervor und sind als authentisches wie gegenstandsangemessenes Material anzusehen. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Vernetzung von Autoren- und Werkbiographie.

Zweitens – Die Generation der Kriegs- und Nachkriegsautoren: Über die intensive Auseinandersetzung mit jeder Einzelperson hinaus wird eine Annäherung an die Auswirkungen von Kriegskindheit- und Jugend im Kontext von Persönlichkeitsentwicklung- und Identitätsfindung angestrebt. Hierbei geht es u.a. um die Bedeutung des Eltern-Kind-Verhältnisses sowie um weitere prägende Faktoren wie die eigene Lesebiographie und die gesellschaftliche wie soziale Position. Am Ende sollen im Fallvergleich zentrale Themen herausgestellt werden, die charakteristisch für Kinder- und Jugendbuchtautoren dieser Generation sind, und somit eine zentrale Aussage über biographische Verläufe zulässt, ohne dabei generalisierende wie pauschalisierende Übertragungen vornehmen zu wollen.

Drittens – Aktueller Forschungsstand: Die vorliegende Arbeit stellt die Entwicklung wie den aktuellen Forschungsstand der zeitgeschichtlichen Kinder- und Jugendliteratur in Verbindung mit den neuesten Erkenntnissen zur Kindheitsforschung, insbesondere die der Kriegs- und Nachkriegskindheiten dar. Darüber hinaus geht es um die Beziehung zwischen Autor und Leser im Sinne eines autobiographischen Paktes.

Viertens – Eine interdisziplinäre Triangulierung: Der gesamte Forschungsprozess im Rahmen qualitativer Sozialforschung soll eine interdisziplinäre Brücke zwischen den Sozial- und Geisteswissenschaften schlagen. D.h. durch die intensive Darstellung des thematischen Kodierens nach STRAUSS und CORBIN an sechs Fallbeispielen von Autoren der Kinder- und Jugendliteratur wird ein methodischer Weg aufgezeigt, der einen gegenstandsangemessenen Zugang ermöglicht. Die analysierten und kategorisierten Daten können zu veränderten, erweiterten oder gar neuen Sichtweisen auf literarische Texte der interviewten Schriftsteller führen, und darüber hinaus zu einem authentisierten Blick auf den Schriftsteller selbst. Dabei geht es weniger um die Explikation einer biographischen Wahrheit, als vielmehr um Rückschlüsse auf das subjektive Erleben und Erinnern.

Gang der Untersuchung:

In der Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendbuchautoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration im Rahmen biographischer Forschung bedarf es eines schrittweisen Aufbaus, a) um durch eine entsprechende Analyse von Datenquellen- und Materialen eine verifizierbare wie signifikante Aussage zu Schnittstellen autobiographischer Prägung vornehmen zu können und b) um diese für den Leser nachvollziehbar zu machen.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei große Bereiche, die aufeinander aufbauen und fließend ineinander übergehen. Der erste Teil beinhaltet die fünf Kapitel umfassende Theorie zur Einführung in die (zeitgeschichtliche) Kinder- und Jugendliteratur. Darüber hinaus erfolgt die Erläuterung des Forschungsansatzes der biographischen Forschung sowie die des methodischen Vorgehens im Rahmen der Grounded Theory.

Resultierend aus der Frage nach den autobiographischen Einflüssen auf das Narrativ führt, nach der Einleitung im I. Kapitel, das Kapitel II in die Grundbegriffe der Biographie wie Autobiographie ein und grenzt diese jeweils zu dem allgemein Autobiographischen ab. In Hinführung auf die Kinder- und Jugendbuchautoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration erfolgt im Kapitel III. eine Einführung in das zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendbuch sowie dessen aktuellen Forschungsstand, eingebunden in den Gesamtkontext der Kinder- und Jugendliteratur. Darüber hinaus erfahren die Kinder- und Jugendbuchautoren, als Außenseitergruppe unter den Schriftstellern, abschließend eine besondere Beachtung.

Der zugrundeliegende Forschungsansatz der biographischen Forschung wird in seiner historischen Entwicklung wie durch seine sechs Forschungsziele im IV. Kapitel charakterisiert. Kapitel V. expliziert das methodische Vorgehen im Rahmen der Grounded Theory. Hierbei wird zunächst dem Forscher selbst im Kontext der Datengenerierung eine wichtige Funktion zugeschrieben. Des weiteren werden die einzelnen Forschungsschritte von der Kontaktaufnahme über die Entstehung des Interviewleitfadens bis hin zur Verschriftlichung des gesammelten Materials skizziert.

Um einen professionellen Umgang mit dem vorliegenden Material geht es im Kapitel VI. Die Beschreibung praktischer Schritte zur thematischen Annäherung, inhaltlichen Strukturierung wie der Darstellung erfolgt auf dem Hintergrund des thematischen Kodierens. Im letzten Schritt der theoretischen Vorbereitung wird auf die Theorieentwicklung eingegangen. Auf dieser theoretischen Basis des ersten Teils baut sich im folgenden der Praxisteil auf.

Das Kapitel VII. bildet nach einer kurzen Einführung in die Untersuchung jeden Autor als Individuum in gleicher Weise ab, so dass im weiteren Schritt fallvergleichend vorgegangen werden kann. Als erstes Ergebnis des Kodierens wird jedes Interview mit einer Überschrift versehen, die als „allgemeines Motto“ repräsentativ für das transkribierte Datenmaterial steht. Des weiteren erfolgt die „Identifikation der zentralen Themen“, welche durch entsprechend charakteristische Titel gekennzeichnet und ausführlich dargelegt werden. In diesem Zusammenhang erfolgt zur Unterstützung der konstatierten Themen die Hinzunahme weiteren Datenmaterials und zusätzlicher Quellen sowie die Vernetzung aus Autoren- und Werkbiographie. Einer jeden ausführlichen Darstellung schließt sich eine analytische Zusammenfassung an.

Durch die fallvergleichende Analyse des VIII. Kapitels soll schließlich eine gemeinsame Schnittmenge von charakteristischen Aussagen gefunden werden, welche als Ergebnis-Essenz zusammengefasst wird.

Eine abschließende Betrachtung der Erkenntnisse wie Ergebnisse dieser Arbeit, einhergehend mit sich daraus folgernden Perspektiven, findet sich im IX. Kapitel.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 1
1.1 Der Versuch über eine interdisziplinäre Triangulierung 1
1.2 Zielsetzung und Fragestellung 6
1.3 Gang der Darstellung 7
2. AUTOREN ZEITGESCHICHTLICHER KINDER- UND JUGENDLITERATUR - ZWISCHEN BIOGRAPHIE, AUTOBIOGRAPHIE UND DEM AUTOBIOGRAPHISCHEN 11
2.1 Die Biographie 12
2.2 Die Autobiographie 14
2.2.1 Kurzer Abriss zur Historie und Wandel der Autobiographie 14
2.2.2 Die Autobiographie - Wirklichkeit, Wahrheit und Wahrhaftigkeit 17
2.3 Der Autor und das Autobiographische 21
2.4 ZUSAMMENFASSUNG 24
3. DAS ZEITGESCHICHTLICHE KINDER- UND JUGENDBUCH IM GESAMTKONTEXT DER KINDER- UND JUGENDLITERATUR 26
3.1 Kinder- und Jugendliteratur - Gegenstandseingrenzungen auf der literarischen Handlungsebene 26
3.2 Die Geschichte der Kindheit und der Kinder- und Jugendliteratur 32
3.3 Kinder- und Jugendliteratur nach 1945: Heile Welt bis Holocaust 34
3.3.1 Die zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur 42
3.3.2 Die Spezies Kinder- und Jugendbuchautor 52
3.4 ZUSAMMENFASSUNG 53
4. DER FORSCHUNGSANSATZ - ODER DAS WEITE FELD DER BIOGRAPHISCHEN FORSCHUNG 55
4.1 Begriffsbestimmung „Biographische Forschung“ 55
4.2 Historische Entwicklung der biographischen Forschung 57
4.3 Sechs charakteristische Forschungsziele - „Sechs Augen des Forschers“ 63
4.4 ZUSAMMENFASSUNG 70
5. DAS METHODISCHE VORGEHEN 71
5.1 Datengenerierung 71
5.1.1 Grounded Theory 71
5.1.2 Der Forscher 73
5.1.3 Auswahlkriterien und Kontaktaufnahme 76
5.1.4 Technische Vorbereitung 79
5.1.5 Das narrative Interview – Rekonstruktion von Lebenskonstruktion als Stehgreiferzählung 80
5.1.6 Der Interviewleitfaden - Struktur für das Narrativ 82
5.1.7 Biographische Wendepunkte - Struktur für den Interviewleitfaden 84
5.2 Vom Tonträger auf das Papier 88
5.2.1 Transkription 88
5.2.2 Dokumentationsbogen 89
5.2.3 Feldnotizen 90
5.3 ZUSAMMENFASSUNG 90
6. PRAKTISCHE SCHRITTE IM METHODISCHEN VORGEHEN 92
6.1 Das thematische Kodieren in Anlehnung an STRAUSS / CORBIN 92
6.1.1 Offenes Kodieren 95
6.1.2 Axiales Kodieren 96
6.1.3 Selektives Kodieren 98
6.1.4 Komparative Analyse 100
6.2 Theorieentwicklung 100
6.2.1 Gegenstandsbezogene Theorien 101
6.2.2 Formale Theorien 101
6.3 ZUSAMMENFASSUNG 102
7. SECHS AUTOREN ZEITGESCHICHTLICHER KINDER- UND JUGENDLITERATUR - IHRE GESCHICHTE, IHRE GESCHICHTEN UND DIE GESCHICHTE 104
7.1 Kurze Einführung in die Untersuchung 104
7.2 Dagmar Chidolue (1944) Das ewige Flüchtlingskind in mir 105
7.2.1 Identifikation zentraler Themen 109
7.2.1.1 Nachkriegszeit: zwischen Angst und Abenteuer 109
7.2.1.2 Der Fluch auf uns Flüchtlingen 112
7.2.1.3 Mein fremder, ferner Vater 116
7.2.1.4 Der wache Blick 121
7.2.2 ZUSAMMENFASSUNG /Analyse 123
7.3 Gudrun Pausewang (1928) Mein harter, langer Kampf 125
7.3.1 Identifikation zentraler Themen 130
7.3.1.1 Außenseiterfamilie - Außenseiterkind 130
7.3.1.2 Traurige (Kriegs-)Jugend 134
7.3.1.3 Hörige Vertraute der Mutter 142
7.3.1.4 Im Kampf gegen das Vergessen - Das Selbst und die Gesellschaft 150
7.3.2 ZUSAMMENFASSUNG / Analyse 155
7.4 Waldtraut Lewin (1937) Die Musen an der Wiege - mein Schicksal 158
7.4.1 Identifikation zentraler Themen 161
7.4.1.1 Die Kindheit der Bilder 161
7.4.1.2 Die fortgesetzte Freiheit der Mutter 165
7.4.1.3 Die Außenseiterin in Parallelwelten 170
7.4.2 ZUSAMMENFASSUNG / Analyse 174
7.5 Michail Krausnick (1943) Der politische Autodidakt auf der Suche nach seiner Wahrheit 177
7.5.1 Identifikation zentraler Themen 179
7.5.1.1 Scheidungskind ohne väterlichen Kriegshelden 180
7.5.1.2 Vom naiven (Christ-)Kind zum politischen Kritiker 185
7.5.1.3 Bilder, Geschichten und Fakten gegen die Verdrängung - für die eigene Seele 189
7.5.2 ZUSAMMENFASSUNG / Analyse 194
7.6 Paul Maar (1937) Trostbücher gegen (m)eine traurige Kindheit 198
7.6.1 Identifikation zentraler Themen 202
7.6.1.1 Glückliche Kindheit ohne Vater 202
7.6.1.2 Eine unglückselige Konstellation: Kriegsversehrter Vater - ungeliebter Sohn 206
7.6.1.3 Zum Heil durch Sprache und Phantasie 211
7.6.2 ZUSAMMENFASSUNG / Analyse 215
7.7 Willi Fährmann (1929) Geschichten zwischen Weinen und Lachen - und Gott als roter Faden 218
7.7.1 Identifikation zentraler Themen 221
7.7.1.1 Heile Kindheit - kaputte Zeit 222
7.7.1.2 Ein erzähltes Leben - Ein Leben der Erzählungen 226
7.7.1.3 Schreiben als Einzelbeitrag für eine bessere Welt - und für sich selbst 230
7.7.2 ZUSAMMENFASSUNG / Analyse 235
8. ZUSAMMENFASSENDE DISKUSSION DER ERGEBNISSE 239
8.1 Fallvergleichende Analyse 239
8.2 Ergebnis-Essenz 249
9. SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK 266
10. LITERATURVERZEICHNIS 272

Textprobe:

Kapitel 7.6.1.3, Zum Heil durch Sprache und Phantasie:

„Was ich brauchte, waren Trostbücher.“ Das, was PM als die glückliche Phase einer geteilten Kindheit bezeichnet, die Zeit bei den Großeltern in Hesterhausen, lesend, spielend und phantasierend mit anderen Kindern, ist gleichzeitig als Beginn seiner, im weitesten Sinne, Sprachleidenschaft anzusehen. Nicht nur das Eintauchen in die ersten Leseabenteuer beflügelt ihn, sondern gleichsam die Bilder, welche durch das Lesen in ihm entstehen und weiterleben, sich entwickeln zu neuen Geschichten und weitere Schöpferkräfte in ihm aktivieren. Diese Kräfte sollen ihn später nicht nur Bücher schreiben lassen, sondern ebenso Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele. Auf kein Genre will PM sich im Laufe seines Schaffens festlegen lassen, sondern experimentell mit Sprache und Bildern auf unterschiedlichen Ebenen jonglieren. Doch es beginnt mit dem Lesen und Erzählen von Geschichten.

„Dann hat sicherlich eine Grundlage gelegt die glückliche Kindheitsphase, wo ich der Geschichtenerzähler war. Wo mir jetzt manchmal mein Freund Ludwig manchmal noch erzählt, mich erinnert an Dinge, die ich gar nicht mehr weiß. „Weißt du noch wie wir damals in der Scheune oben gesessen haben, und du plötzlich angefangen hast die Geschichte zu erzählen. Du so getan hast, als sei sie richtig, und wir alle haben dir geglaubt?“ Ich sag: „Weiß ich überhaupt nicht mehr.“ Er erinnert sich so ungefähr noch an jedes Wort. Also das war eine sehr glückliche Zeit, die auch so Einfluss genommen hat darauf, dass ich geschrieben habe. Dann diese Phase als Jugendlicher, und ich meinen Freund als großes Vorbild vor mir hatte. Ich dachte: so genial wie der schreibt, das würde ich auch gerne tun. Ja, und dann war es auch die Tatsache, dass ich sehr viel und sehr gerne gelesen habe. Und ich glaube, wenn man mehr sehr viel, sehr intensiv liest, dass man dann doch irgendwann den Wunsch in sich spürt zu schreiben“.

In Hesterhausen konnte er jener neu entdeckten Leidenschaft uneingeschränkt nachgehen. Mit der Rückkehr nach Schweinfurt unterliegt er der ständigen Kontrolle des lesefeindlichen Vaters. „Ich musste also Strategien erfinden. Kniffe anwenden, zu Heimlichkeiten Zuflucht nehmen, um zu Büchern und zum Lesen zu kommen. Bei den Gleichaltrigen gab es nicht viel zu holen...Eine öffentliche Bibliothek gab es in meiner Heimatstadt nicht, man konnte sich aber Bücher aus einer der beiden privaten Leihbücherein gegen eine Gebühr von 20 Pfennigen ausleihen, was für mich damals eine sehr hohe Summe war. Deshalb empfand ich es als Offenbarung, als mir ein älterer Junge den Tipp gab, man könne sich kostenlos Bücher aus er Bibliothek des Amerikahauses holen. Kinderbücher führte man dort zwar nicht, aber man hatte nichts dagegen, dass ein Zwölfjähriger seine Büchertasche bis an den Rand ihres Fassungsvermögens mit den Schätzen amerikanischer Literatur füllte und sie mit sich schleppte. Sie „heimschleppte“ hätte nicht dem Sachverhalt entsprochen, denn ich deponierte sie in der Wohnung eines Freundes“.

„Und dann habe ich oft eine halbe Büchertasche voller Bücher mit nach Hause genommen. Habe das zum Wolfram Schröter, meinem Freund getragen, das Lesegut. Habe es dort deponiert, und unter dem Vorwand, ich müsste Chemie lernen mit Wolfram, dessen Vater Chemiker war, bin ich dann zu ihm gegangen. Er hat dann mit seinem Bruder draußen auf dem Rasen Fußball gespielt, während ich drinnen war, in seinem Zimmer auf dem Sofa, und habe meine Bücher gelesen“.

PM ist darum bemüht, so oft wie es sich einrichten lässt, seine freie Zeit außerhalb der Familie, fern vom Vater zu verbringen. Seine Bücherdepots sind für ihn Inseln der Ruhe und des Glücks. Darüber hinaus sind sie sein Geheimnis, durch welches er sich seinem Vater zumindest in einem Punkt überlegen fühlt. Das Lesen ist eine selbst entdeckte wie weiterentwickelte Überlebensstrategie für das unverstandene, unglückliche Kind. Die Auswahl seiner Lektüren zu diesem Zweck ist sehr eindeutig. „Was ich brauchte waren Trostbücher. Bücher, die mir durch ihr „gutes Ende“ den festen Glauben vermittelten, auch in meinem Leben würde es irgendwann mal eine Wendung zum Guten geben, ich müsse nur durchhalten. Diese Überzeugung, die ich einzig aus meiner Lektüre zog, hielt mich psychisch und vielleicht auch physisch am Leben...Ohne jemals etwas von Psychologie erfahren zu haben, hatte ich in diesen Jahren eine Selbsttherapie erfunden, die überaus wirksam war: ich las nahezu täglich vor dem Einschlafen beim Licht einer Taschenlampe...meine Lieblingsgeschichte, und zwar „Der Eisenhans“. Dies wurde zum festen Ritual, bis weit über die Pubertät hinaus“. Erst 40 Jahre später, in Vorbereitung auf einen Vortrag am Institut für Kinder- und Jugendliteraturforschung der Goethe-Universität Frankfurt, reflektiert PM jenes Ritual und versteht seine Botschaft. „Irgendwann würde ich wie der entwurzelte, gedemütigte Königssohn mein Hütchen vom Kopf nehmen, dann würden alle erkennen, was bis jetzt außer mir keiner wusste, und man würde staunend ausrufen: „Der hat ja goldene Haare!“. PM ist den vergleichbar schweren Weg des Eisenhans gegangen, und entgegen aller schmerzhaften Verachtung des Vaters für seine Weichheit, seine physische wie psychische Labilität, hat er genau diese für sich und seine Kreativität genutzt. Durch das Lesen hat er sich empfänglich gemacht für den Zauber von Sprache und Bild, und die bereits in ihm angelegten Fähigkeiten mittels eines besonderen Umgang mit ebendiesen zu hegen gewusst und sie bewusst wie unbewusst weiterentwickelt. Bestimmte Lektüren hinterlassen besonders inspirierende Spuren.

„Also der Auslöser dafür, dass ich überhaupt geschrieben habe, war ein Buch von Peter Hacks, das hieß „Das Windloch“...Das hat mir so gut gefallen, und mehr oder weniger bewusst habe ich auch den Aufbau und die Struktur in den „Tätowierten Hund“ übernommen. Das ich das Gefühl habe, ich war so begeistert von diesem Buch, das ich, als junger Mann gelesen habe, also, dass ich dachte: „So etwas würde ich auch gerne schreiben.“ Und dann habe ich angefangen“.

Fragt man nach weiteren Auslösern, die zum Schreiben geführt haben, so verrät PM ein besonderes Ereignis, welches auch über all den Dingen als esoterische Mission betitelt werden kann.

„Jetzt sage ich mal etwas, was ich nie gesagt habe. Weil es fast ein bisschen was Esoterisches ist. Also mein Freund Franz, von dem ich erzählt habe, der immer Schriftsteller werden wollte. Mit dem ich z.B. auch ne Fahrradtour bis nach Rom gemacht habe in den großen Ferien. Sind wir über die Alpen und wieder zurück gefahren, und das alles mit dem Fahrrad. Der immer nur Einsen geschrieben hat in der Schule. Schon veröffentlicht hat als 15-16-Jähriger in Zeitungen und wirklich genial war, der ist nach einem Radrennen an einer Gehirnblutung gestorben. ..Und ich hatte das Gefühl, dass er mir den Auftrag gegeben hat, wenn er schon nicht weiterschreiben kann, dann sollte ich das vielleicht tun. Weil ich der Zweitbekannteste bin. Und ab da habe ich geschrieben..(lacht) Und das ist..das ist vielleicht so etwas Tiefenpsychologisches als wenn er mir den Auftrag gegeben hat, sein Werk weiter zu führen. Daran denke ich manchmal, und vielleicht ist es etwas übertrieben. Denn es war ja schon in mir angelegt, denn ich hatte ja schon geschrieben, z.B. für die Schülerzeitung. Zwar wie ich meine auf einem weniger hohen Niveau, aber. Er hatte einen hervorragenden Artikel über Stifter geschrieben. Adalbert Stifter als 16-Jähriger, ja! Also es war so eine Art Rambo, der mit 18 aufhörte, Gedichte zu schreiben, weil vorher schon..er wäre sicher ein genialer Schriftsteller geworden, wenn er nicht schon so früh gestorben wäre“.

Neben der eigenen Geschichte trägt der Autor diese Erinnerung an den Freund Franz mit sich und führt in dessen Auftrag das Erbe der Schriftstellerei fort. Es entsteht der Gedanke, dass jenes Erbe schließlich eine Bestätigung der unlängst gefällten Entscheidung für die Schriftstellerei ist. Fakt ist: Mit 17 Jahren hat PM durch die Freundschaft zu Gleichgesinnten, durch die Kraft und Überzeugung von Büchern, sowie entsprechende Anerkennung seiner Person wie seiner Fähigkeiten so viel Selbstvertrauen gewonnen, dass er sich vom Vater distanzieren kann. Offensichtlich hat seine selbstauferlegte „Therapie des Lesens von Trostbüchern“ ihn aufrecht erhalten – und er empfiehlt sie weiter. PM liegt es fern, unglücklichen Kindern durch die Abbildung einer ebenso unglücklichen Realität Mut zu machen, ihnen Selbstvertrauen zu vermitteln und sie für das wahre Leben zu wappnen. „Aber so plausibel diese Theorie auch klingt: Ich bringe sie nicht in Einklang mit meiner Erfahrung. Wie hätte ich damals die Lösung meiner Probleme in die Hand nehmen sollen? Was kann ein Kind, das in bedrückenden familiären Verhältnissen groß wird, anderes tun als warten? Es kann weder ein Elternteil auswechseln, noch sich eine neue Familie suchen. So resignativ es klingt: Es muss darauf warten, dass es endlich erwachsen wird und damit seiner Familie den Rücken kehren kann...Ich versuche mir vorzustellen, was gewesen wäre, wenn man mir damals das Lesen gestattet und mir ein Buch in die Hand gedrückt hätte, in dem die Geschichte eines Jungen erzählt wird, dessen Vater ihn auf subtile Weise quält und misshandelt. Das Buch hätte mir nichts gegeben, rein gar nichts! Ich hätte zwar im Schicksal des Jungen entfernt mein eigenes wiedergespiegelt gesehen, hätte wahrscheinlich ein paar Tränen um den Jungen geweint ( und damit über mich selbst); das Buch hätte mich aber eher trauriger und verzweifelter zurückgelassen, als ich schon war“. Diese Perspektive auf das Narrativ unterstreicht einmal mehr, dass die subjektive Wahrheit über die Wirkung von Kinder- und Jugendbüchern der subjektiven Wirklichkeit des PM entspringt. Der folgende Passus fasst die Erkenntnisse um den Zusammenhang zwischen der Biographie und Bibliographie von PM nochmals zusammen, und bildet die Ebenen zusammenhängend ab.

Arbeit zitieren:
Schwering, Heike Mai 2006: Autobiographische Spuren im Narrativ ausgewählter deutscher Kinder- und Jugendbuchautoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Biographieforschung, Kinder- und Jugendbuchautoren, Kriegs- und Nachkriegsgeneration, Kriegskind, Narrativ

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