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Autismus und Arbeitswelt

Befunde, Probleme, Perspektiven

Autismus und Arbeitswelt
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Stefan Uekermann
  • Abgabedatum: November 2010
  • Umfang: 93 Seiten
  • Dateigröße: 1,5 MB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Leibniz Universität Hannover Deutschland
  • Bibliografie: ca. 71
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1117-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Uekermann, Stefan November 2010: Autismus und Arbeitswelt, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Autismus, Arbeit, Rehabilitation, WfbM, BBW

Magisterarbeit von Stefan Uekermann

Einleitung:

1988 kam der Film ‘Rain Man’ von Barry Levinson in die amerikanischen Kinos. Der autistische Raymond wird in diesem Film von seinem Bruder Charlie auf eine Reise durch die USA mitgenommen. Raymond ist ein Savant, ein Inselbegabter, der extrem schnell rechnen und zählen kann und ein außergewöhnliches Erinnerungsvermögen besitzt. Mit Hilfe dieser Fähigkeit gewinnen die beiden alle Black-Jack Spiele in einem Casino in Las Vegas.

Seit diesem Film ist Autismus in der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Dennoch wissen die meisten Menschen kaum etwas über Autismus. Aber auch in der wissenschaftlichen Diskussion ist Autismus nur schwer zu definieren. Autismus ist eine Krankheit, die ein sehr breites Spektrum an Symptomen zulässt und bei der zudem noch eine Vielzahl an Komorbiditäten in Erscheinung treten können. Autismus ist nicht heilbar, aber man kann versuchen die autistischen Erscheinungen einzudämmen und mit autistischen Verhaltensweisen kontrollierter umzugehen. Autismus beginnt in den meisten Fällen bereits im Kindesalter und ist ständiger Bestandteil des gesamten Lebens.

Die Formen und Möglichkeiten der beruflichen Rehabilitation behinderter Menschen sind sehr vielfältig und sind abhängig von dem individuellen Leistungsvermögen der Rehabilitanden. Der Gesetzgeber unterscheidet in den meisten beruflichen Förderungsmöglichkeiten nicht nach Art und Schwere der Behinderung. Somit stehen die meisten beruflichen Integrationsmaßnahmen auch Menschen mit autistischen Beeinträchtigungen zur Verfügung. Die Komplexität der autistischen Erscheinungen erfordern jedoch eine möglichst genaue Diagnose und ein umfassendes Assessment der persönlichen Stärken und Beeinträchtigungen. Die Chance auf eine berufliche Integration ist bei Menschen mit milden Formen von Autismus relativ groß, wenn ihre Stärken und Beeinträchtigungen ersichtlich sind und sie gezielt gefördert werden.

Wie werden Autisten beschult? Auf welche Probleme stoßen Autisten im Schulalltag und welche Lösungsansätze gibt es? Wie sehen die Möglichkeiten der beruflichen Rehabilitation von Autisten in Deutschland aus? Welche Hilfen gibt es und welche sind effektiv? Welche Rahmenbedingungen müssen vorhanden sein, damit berufliche Rehabilitation bei Autisten funktioniert? Worauf muss bei der Rehabilitation autistischer Menschen geachtet werden?

Um diese Fragen beantworten zu können, widme ich mich vorerst der autistischen Erscheinungen. Was ist Autismus? Woher kommt Autismus? Wie kann Autismus festgestellt und therapiert werden? Erst wenn man die Besonderheiten des Autismus verstehen kann, werden einem die Probleme, auf die Autisten im Rahmen ihrer beruflichen Rehabilitation stoßen, bewusst. Hinsichtlich dieser Probleme untersuche ich im Anschluss die arbeitsweltbezogenen Möglichkeiten der Rehabilitation. Dabei skizziere ich verschiedene Integrationsmöglichkeiten und untersuche sie bezüglich der spezifischen Chancen und Probleme von Autisten.

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis 3
1. Einleitung 4
2. Was ist Autismus ? 5
2.1 Historische Autismusforschung 6
2.1.1 Leo Kanner und Hans Asperger 6
2.1.2 Autismusforschung in den 50er und 60er Jahren 12
2.1.3 Prävalenz 14
2.2 Symptomatik und Klassifikation 14
2.2.1 Triade der Beeinträchtigung 16
2.2.2 DSM-IV und ICD-10 23
2.2.3 Ausblick 25
2.3 Ursachen für Autismus 26
2.3.1 Genetische Einflüsse 26
2.3.2 Neurobiologische Einflüsse 27
2.3.3 Psychologische Theorien 28
2.4 Therapie 30
2.4.1 Verhaltenstherapeutische Ansätze 30
2.4.2 Körperbezogene Therapieansätze 35
2.4.3 weitere Therapieansätze 37
2.4.4 Exkurs - Sabine Bonnaire 37
3. Autismus und Schule 39
3.1 Situation in Deutschland 40
3.2 Probleme und Lösungsstrategien im Schulalltag 42
3.2.1 Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion 43
3.2.2 Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation 46
3.2.3 Eingeschränkte Interessen und stereotypes Verhalten 47
3.3 Empfehlungen des autismus Deutschland e.V. 48
4. Autismus und Arbeitswelt 49
4.1 Berufsausbildung 51
4.1.1 Überbetriebliche Ausbildung im Berufsbildungswerk (BBW) 52
4.1.2 Ausbildung von Autisten in den BBW 54
4.1.3 Anzahl der autistisch beeinträchtigten Rehabilitanden in den BBW 55
4.1.4 Weitere Einrichtungen der Berufsvorbereitung und Ausbildung 57
4.2 Geschützte und teilgeschützte Arbeitsplätze 58
4.2.1 Probleme und Chancen 63
4.2.2 Leitlinien des autismus Deutschland e.V. 66
4.3 Unterstützungssysteme zur Integration auf den allgemeinen Arbeitsmarkt 67
4.3.1 Assessmentverfahren zur Diagnose erwachsener Autisten 68
4.3.2 Berufsrelevante Diagnosedokumentationen 70
4.3.3 Integrationsamt und Integrationsfachdienste 73
4.3.4 Unterstütze Beschäftigung (UB) 74
4.3.5 Arbeitsassistenz 77
4.3.6 Projekt Autismus III – Persönliches Budget 78
4.4 Berufliche Integration von Autisten im Ausland 79
4.5 Arbeitsweltbezogene Empfehlungen 81
4.5.1 Arbeitsplatzgestaltung 81
4.5.2 Soziale Interaktion mit autistischen Mitarbeitern 83
5. Zusammenfassung und Ausblick 84
Literaturverzeichnis 86

Textprobe:

Kapitel 3.2, Probleme und Lösungsstrategien im Schulalltag:

Die Probleme auf die autistische Kinder in der Schule treffen sind vielfältig und orientieren sich an den jeweiligen Symptomen autistischer Erscheinungsformen. Das heißt, dass nicht alle autistischen Kinder auf dieselben Probleme und nicht auf die gleiche Intensität der Probleme stoßen. Der ‘Northumberland County Council Communication Support Service’ hat in seiner Veröffentlichung von 2004, ‘Autistic Spectrum Disorders – Practical Strategies for Teachers and Other Professionals’, eine Reihe von problematischen Situationen und Problembereichen auf die autistische Kinder in Schule treffen können zusammengestellt und mögliche Lösungsstrategien angeboten. Um einige große Probleme und mögliche Lösungsstrategien darzustellen, werde ich sie gemäß der Triade der Beeinträchtigungen in die drei Bereiche der sozialen Interaktion, sozialen Kommunikation und eingeschränktes Interesse und stereotype Verhaltensweisen gliedern.

3.2.1, Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion:

Die Schule ist eine wichtige Sozialisationsinstanz. Sie ist für Kinder häufig der wichtigste Ort um Freunde zu finden, sich zu verabreden oder mit Erwachsenen zu sprechen. Bei autistischen Kindern ist Schule oftmals auch der einzige Ort, an denen soziale Interaktionen stattfinden, außerhalb der Familie oder Therapiegruppen. Die autistischen Besonderheiten verursachen innerhalb der Schule einige Probleme.

Die Klasse als Gruppe:

Autistische Kinder sind sich der Klasse als Gruppe gleichberechtigter Schüler oftmals nicht bewusst und akzeptieren teilweise nicht die Anwesenheit der anderen Schüler. Damit das Kind sich der Klasse bewusst wird und damit die Möglichkeit einer sozialen Interaktion erst gegeben wird, ist es hilfreich ihm die anderen Kinder namentlich vorzustellen. Eine weitere Möglichkeit sind Ordnersysteme (sogenannte ‘social file cabinets’) für das Kind, in welchem die Personen mit denen es zu tun hat geordnet sind. Wie in einem Poesiealbum können Bücher oder Kisten, wie in einem kindlich hergerichteten Aktenschrank, angelegt werden, in denen die Personen, mit denen das Kind zu tun hat, nach Familie, Freunden, Schülern, Erwachsenen in der Schule, Nachbarn usw. sortiert werden.

Soziale Regeln und Signale:

Nicht nur das distanzlose Verhalten einiger autistischer Kinder widerspricht sozialen Regeln. Es gibt etliche Regeln die nicht verschriftlicht sind und eher zum ‘guten Ton’ gehören. Autistische Kinder können z.B. sehr lange über ihre eigenen Interessen reden ohne mitzubekommen, dass andere Kinder auch gerne etwas sagen wollen oder gelangweilt sind. Soziale Signale, die andere Menschen in solchen Situationen aussenden, wie offensichtliches Gähnen bei Langeweile, können autistische Kinder häufig nicht verstehen. Viele autistische Kinder haben kein ‘Gefühl’ dafür, dass man unterschiedliche Herangehensweisen und Sprachstile nutzen soll, je nachdem wo, mit wem und wann man redet. Um dem Kind diese Unterschiedlichen Herangehensweisen beizubringen, kann man wieder das ‘social file cabinet’ nutzen und zu den kategorisierten Personen können Informationen über den sozialen Kontext der jeweiligen Person hinzugefügt werden. In Rollenspielen kann man Situationen nachstellen, in denen soziale Signale angewendet werden. ‘Daily Soaps’ eignen sich ebenso zur Analyse sozialer Signale, da sie dort in übertriebener Weise dargestellt werden. Für gewöhnlich sind sich die autistischen Kinder ihrer teilweise unangebrachten Verhaltensweisen nicht bewusst. Ein zwölf jähriges autistisches Mädchen, welches sich in der Klasse ihren Rock hochzieht, kann nicht verstehen, dass das Verhalten auf Unverständnis und Abwehr stößt, obwohl es einige Jahre zuvor kein Problem darstellte und teilweise sogar mit einem herzhaften Lachen belohnt wurde. Ein autistischer Junger, der Nasebohren bei anderen Kindern nicht schlimm findet, wird nicht nachvollziehen können, dass es im sozialen Kontext unangebracht ist. Wenn andere Kinder ein autistisches Kind aufgrund unangebrachten Verhaltens auslachen, ist es sogar möglich, dass das Kind sich dadurch bestätigt fühlt und so einen möglicherweise ersehnten, wenn auch negativen, Kontakt zu den anderen herstellt. In solchen Situationen hilft für gewöhnlich nur das besprechen des Verhaltens. Es muss erklärt werden, was unangebracht ist und warum es das ist. Wenn es nicht möglich ist solche Verhaltensweisen bei dem autistischen Kind abzustellen, sollte man versuchen, zumindest mit den anderen Kindern darüber zu reden und ihnen die Besonderheiten und Schwierigkeiten des autistischen Kindes erklären.

Freunde finden:

Bei Kindern wird der Schulalltag häufig über Interaktion und Kommunikation mit den Freunden definiert. Freundschaften beinhalten gemeinsame Aktionen und Interessen. Für autistische Kinder ist es extrem schwer Freunde zu finden, da sie vielleicht nicht gut zuhören können, soziale Regeln nicht einhalten (z.B. aussprechen lassen) oder nicht interessiert darin sind, was andere Kinder sagen. Für sie mag es wichtig sein, viel Zeit alleine zu verbringen und es mag in einigen Fällen auch kontraproduktiv sein, mehr soziales Agieren zu fordern, dennoch sollte ihnen die Möglichkeit gegeben werden. Weiterhin kann man mit dem autistischen Kind soziale Selbstverständlichkeiten, wie das Begrüßen und Verabschieden anderer, geübt werden. Smalltalk-Situationen können geschaffen werden und mit dem Kind geübt werden. Wenn man eine Annäherung an ein anderes Kind bemerkt, kann man die Entwicklung einer Freundschaft fördern, indem man sie zusammen setzt. Gruppenarbeiten können ebenso angesetzt werden, um soziale Interaktion zu forcieren. Hierbei ist aber besonders darauf zu achten, dass das autistische Kind nicht überfordert ist.

Mobbing und Schikane:

Autistische Kinder sind oft das Ziel von Mobbing und Schikane. Mobbing und Schikane ist kein autismusspezifisches Problem in Schulen. In fast jeder Klasse kann man Außenseiter oder Gruppen von Außenseitern finden, welche zum Teil heftig schikaniert werden. Die besonderen Verhaltensweisen und sozialen Beeinträchtigungen von autistischen Kindern begünstigen diesen Umstand. Autistische Kinder werden von Mitschülern oft als ‘dumm’ oder ‘Spinner’ oder ähnlichen und zum Teil heftigeren Schimpfwörtern bezeichnet. Für autistische Kinder können solche Schimpfwörter besondere Bedeutungen haben. Ein autistisches Kind, welches als ‘schwul’ bezeichnet wird, kann eine solche Beleidigung wörtlich nehmen und annehmen es sei tatsächlich homosexuell. Schimpförter, die auf ihre Behinderung abzielen, können schwere Depressionen auslösen und ein Gefühl der Ausweglosigkeit bewirken. Soziale Naivität, Vertrauensseligkeit und der Wunsch zur Gruppe zu gehören, können andere Kinder dazu verleiten, autistische Kinder auszunutzen und sie zu Verbotenem anzustiften. Eine weitere Form des Mobbings ist das Aufstacheln oder Reizen. Viele autistische Kinder sind leicht Reizbar und reagieren äußerst impulsiv und aggressiv. Über diese Reaktionen wird sich dann lustig gemacht und möglicherweise wird das autistische Kind für das ‘Ausflippen’ noch bestraft. Oftmals ziehen sich autistische Kinder aber auch zurück und verschlimmern dadurch ihre soziale Situation. Um dieses sehr verbreitete Problem in den Griff zu bekommen muss in erster Linie das Schulpersonal darauf trainiert werden, Mobbing und Schikane frühzeitig zu erkennen und angemessene Konsequenzen und Lösungen anzubieten. Um das autistische Kind möglichst gut vor Mobbing schützen zu können, sollte man das Kind selber beschreiben lassen, an welchen Orten und zu welcher Zeit die Gefahr des Mobbings am größten ist. Ebenso kann es auch in diesem Bereich von enormer Bedeutung zu sein, die anderen Kinder über die autistische Störung des betroffenen Kindes umfassend zu unterrichten. Weiterhin kann durch das diskutieren der Auswirkungen von Mobbing im Allgemeinen auch ein gewisser positiver Gruppendruck gefördert werden, der mögliche Mobbingtäter abhält autistische Kinder zu schikanieren.

Arbeit zitieren:
Uekermann, Stefan November 2010: Autismus und Arbeitswelt, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Autismus, Arbeit, Rehabilitation, WfbM, BBW

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