Auswirkungen von New Public Management auf die Korruptionsanfälligkeit von Verwaltungen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Patrick E. von Maravic
- Abgabedatum: Januar 2003
- Umfang: 107 Seiten
- Dateigröße: 479,4 KB
- Note: 1,1
- Institution / Hochschule: Universität Potsdam Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6716-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6716-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6716-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: von Maravic, Patrick E. Januar 2003: Auswirkungen von New Public Management auf die Korruptionsanfälligkeit von Verwaltungen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Korruption, Verwaltung, Reform, Politik, New Public Management
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Diplomarbeit von Patrick E. von Maravic
Problemstellung:
Begünstigt New Public Management Korruption in der öffentlichen Verwaltung? Diese erste der zwei zentralen Fragen dieser Arbeit dient der grundsätzlichen Klärung, ob ein Zusammenhang zwischen Verwaltungsreform und Korruption besteht. Die Frage betrifft das Verhältnis zwischen dem sich scheinbar homogen und global, jedoch durchaus nicht einheitlich vollziehenden und als New Public Management bezeichneten Verwaltungsmodernisierungstrend und der Korruptionsanfälligkeit von Verwaltungen. Korruption bezeichnet ganz allgemein den Missbrauch von Macht zum persönlichen Nutzen. Korruption erfolgt im Rahmen einer direkten oder indirekten Austauschbeziehung zwischen Bestechendem und Bestochenem, die nicht notwendig monetärer Natur sein muss. Sollte sich die erste Frage in ihrer Tendenz als richtig erweisen, dann gilt es zweitens zu fragen, welche plausible Erklärung es für diese Art von Korruption gibt und unter welchen Bedingungen Korruption auftritt.
Die Frage nach dem Verhältnis zwischen New Public Management und Korruption wird in den letzten Jahren immer öfter gestellt, in der Regel theoretisch und nur in Ausnahmefällen auf der Grundlage empirisch gesicherter Erkenntnisse diskutiert und durchaus unterschiedlich beantwortet. Unter Verwaltungsforschern besteht diesbezüglich ein deutlicher Dissens. So wird auf der einen Seite argumentiert, New Public Management unterbinde Korruption durch die Einführung von Wettbewerb, Qualitätsstandards, Leistungsmessung und Verwaltungstransparenz im Unterschied zum traditionellen Bürokratiemodell. Auf der anderen Seite wird ein Zusammenhang zwischen New Public Management Reform und der Korruptionsanfälligkeit von Verwaltungen gesehen. Das Hauptargument der Kritiker ist, dass Regierungen ihre Modernisierungsstrategien einseitig auf Wirtschaftlichkeits-, Effizienz- und Effektivitätskriterien ausrichten und dabei die Rechtmäßigkeit und Gemeinwohlbezogenheit im Sinne von ethisch korrektem Verwaltungshandeln vernachlässigen. New Public Management (NPM) habe, so das Argument, zu einem Verwaltungssystem mit dezentralen Verantwortungsstrukturen, ermächtigten Managern, reduzierten hierarchischen Kontrollen und flexibel gestaltbaren Entscheidungsprozessen geführt, das sich heute der Herausforderung ausgesetzt sähe mit Akteuren des privaten und dritten Sektors auf „gleicher“ Augenhöhe und zunehmend unter Wettbewerbsbedingungen zu interagieren. Hinzu käme die zunehmende Rekrutierung von unterschiedlich sozialisiertem Personal aus der Privatwirtschaft mit unterschiedlichem Ausbildungshintergrund. Diese Veränderungen des Verwaltungssystems hätten erhebliche Auswirkungen auf die Korruptionsanfälligkeit von Verwaltungen.
Laut Hood ist die Analyse nichtbeabsichtigter Konsequenzen von Policies ein wichtiger Teil sozialwissenschaftlicher Forschung. Immer wieder führen Organisations- und Policyentwürfe, die für die Lösung bestimmter Probleme entwickelt wurden, entweder zu nicht vorhergesehenen Nebeneffekten oder sogar zum Gegenteil der eigentlich beabsichtigten Ergebnisse. In diesem Sinne stehen in dieser Arbeit die negativen Auswirkungen von Reformstrategien auf die Korruptionsanfälligkeit und das Korruptionsverhalten im Zentrum des Erkenntnisinteresses. Dabei geht es nicht um eine einseitige und mit Vorurteilen belastete Analyse dieses Verhältnisses, sondern um die Aufarbeitung des derzeitigen Erkenntnisstandes, die Erklärung einer solchen Wechselbeziehung zwischen Reform und Korruption und die Ausarbeitung von praxisorientierten Analyse- und Lösungsstrategien.
Die in zahlreichen Arbeiten geführte Diskussion über Ethikwandel, Werteerosion und Verhaltenskodizes dominiert die aktuelle NPM-orientierte Korruptionsdebatte. Diese zum Teil einseitige Ausrichtung wird der Komplexität des Korruptionsproblems jedoch nicht gerecht. Wichtige Erklärungszusammenhänge geraten in den Hintergrund und verzerren das Gesamtbild der Korruptionsursachen. Betrachtet man die Literatur genauer, stellt man fest, dass die Debatte über NPM und Korruption wesentlich heterogener geführt wird als allgemein wahrgenommen. Diese Arbeit versucht dieser Heterogenität gerecht zu werden. Zunehmend werden die sozialpsychologischen Faktoren Unsicherheit, Unzufriedenheit, Entfremdung und Überforderung als Korruptionsmotivation in der NPM-orientierten Korruptionsforschung diskutiert. Ein weiterer Aspekt betrifft die wachsende Bedeutung von Wettbewerb bei der öffentlichen Auftragsvergabe im Rahmen von Gewährleistungsmodellen. In diesem Zusammenhang ist auch die neue Rolle von Agenturen sowie von privaten, öffentlichen und gemeinnützigen Trägern in der Leistungsbereitstellung zu sehen. Welche Bedeutung ist dem Verhältnis von Dezentralisierung und neuen Steuerungs- und Kontrollmechanismen in der Korruptionsdebatte einzuräumen? Gibt es Hinweise für ein Kontrolldefizit? Diese einführenden Anmerkungen zeigen bereits, dass sich die Korruptionsproblematik nicht auf eine Ethikdebatte beschränken darf, sondern diese Faktoren in einem Erklärungszusammenhang zu verstehen sind. Eine einseitig auf Ethikprobleme ausgerichtete Ursachenforschung führt leicht zu den falschen Schlüssen bei der Entwicklung entsprechender Antikorruptionsmaßnahmen.
Trotz dieser Heterogenität lässt sich ein logischer Zusammenhang zwischen diesen Einzelaspekten erkennen, dem in dieser Arbeit mit der Entwicklung eines ganzheitlichen Erklärungsmodells Rechnung getragen wird. Dieses Modell wird sich auf drei "Erklärungssäulen" stützen: Korruptionsmotivation, Korruptionsmöglichkeit und Möglichkeit zur Unterminierung der Kontrolle.
Aufbauend auf der systematischen Darstellung des Erkenntnisstandes, wird diese Arbeit einen Beitrag zur Erklärung dieses Phänomens leisten. Das derzeitige Forschungsdefizit an empirischen Fallstudien erfordert die Übertragung der bestehenden Erkenntnisse in ein anwendungsbezogenes Erklärungsmodell für reformbegünstigte Korruption. Aus theoretischer Sicht ist die gemeinsame Analyse von Akteursverhalten und institutionellen Faktoren im Hinblick auf den Zusammenhang von Reformstrategie und korrupten Akteursverhalten aufschlussreich (Scharpf 2000). Reformen verändern nicht nur Organisationsstrukturen, sondern wirken sich auch auf die Institution als solche, die Organisationskultur und die Wahrnehmung der Akteure aus, was wiederum Rückschlüsse auf das Akteurs- und somit das Korruptionsverhalten ermöglicht.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | New Public Management | 9 |
| 2.1 | New Public Management als Reformbewegung | 9 |
| 2.2 | Theoretische Grundlagen von New Public Management | 10 |
| 2.2.1 | Menschenbild - homo oeconomicus | 11 |
| 2.2.2 | Institutionenökonomie | 12 |
| 2.2.2.1 | Prinzipal-Agenten Theorie | 13 |
| 2.2.2.2 | Verfügungsrechtetheorie | 14 |
| 2.2.2.3 | Transaktionskostentheorie | 15 |
| 2.2.3 | Fazit | 16 |
| 2.3 | Reformempfehlungen | 17 |
| 2.3.1 | Verwaltungsmanagement | 18 |
| 2.3.2 | Verwaltungsorganisation | 19 |
| 2.3.3 | Wettbewerb in der öffentlichen Verwaltung | 20 |
| 3. | New Public Management und Korruption | 22 |
| 3.1 | Korruptionsmotivation | 24 |
| 3.1.1 | Wertewandel | 25 |
| 3.1.2 | Unsicherheit und Entfremdung | 30 |
| 3.1.3 | Überforderung | 31 |
| 3.2 | Korruptionsmöglichkeit: Wettbewerb um Verträge | 33 |
| 3.2.1 | Contracting-out und Korruption | 33 |
| 3.2.2 | Market for Contracts | 34 |
| 3.3 | Möglichkeit zur Unterminierung der Kontrolle | 39 |
| 3.3.1 | Accountability | 39 |
| 3.3.2 | Dezentralisierung und Kontrolle | 41 |
| 3.4 | Fazit: Unbeabsichtigte Konsequenzen und Defizite des Erkenntnisstandes | 47 |
| 3.4.1 | Unbeabsichtigte Konsequenzen | 47 |
| 3.4.2 | Defizite des Erkenntnisstandes | 49 |
| 4. | Erklärung: Korruption unter New Public Management | 52 |
| 4.1 | Typologisierung der Reformstrategien | 53 |
| 4.2 | Typologisierung von Korruption | 56 |
| 4.2.1 | Leistungsfinanziererkorruption | 58 |
| 4.2.2 | Leistungskäuferkorruption | 59 |
| 4.2.3 | Leistungserbringerkorruption | 61 |
| 4.3 | Korruptionsanalyse | 62 |
| 4.3.1 | Vorüberlegungen und Fragestellung | 62 |
| 4.3.2 | Theoretische Grundannahmen - Akteur und Institution | 63 |
| 4.3.2.1 | Prinzipal-Agenten-Klienten Ansatz | 63 |
| 4.3.2.2 | Institutionalismus | 67 |
| 4.3.2.3 | Akteurszentrierter Institutionalismus | 69 |
| 4.4 | Erklärungsmodell - reformbegünstigte Korruption | 71 |
| 5. | Lösungsstrategien für reformbegünstigte Korruption | 78 |
| 5.1 | Verhaltenskodizes - Sinnvoll oder nicht? | 78 |
| 5.1.1 | Verhaltenskodizes und Wertewandel | 79 |
| 5.1.2 | Verhaltenskodizes und Unsicherheit | 81 |
| 5.1.3 | Verhaltenskodizes und Überforderung | 82 |
| 5.2 | Transparente Handhabung öffentlicher Ausschreibungen | 83 |
| 5.2.1 | Reform der öffentlichen Auftragsvergabe in den Vereinigten Staaten | 83 |
| 5.2.2 | Transparente Ausschreibungsverfahren | 85 |
| 5.2.3 | Transparency International-Integritätspakt | 87 |
| 5.3 | Kontrolldefizite - Bessere Kontrolle durch mehr Kontrolle? | 89 |
| 6. | Fazit - Reform der Organisation und Organisation der Reform | 92 |
| 7. | Anmerkungen | 96 |
| 8. | Bibliographie | 99 |
Auftragnehmer Modells, Wettbewerb zwischen Leistungsanbietern, Dezentralisierung sowie Förderung einer Managementkultur in Ländern wie Kanada, Großbritannien, Neuseeland und den USA. Fraglich ist jedoch, ob diese Faktoren allgemeingültige Merkmale von Verwaltungsreformen sind und damit stellvertretend für alle NPM-Reformen stehen. Werden die einzelnen Reformstrategien unterschiedlicher Länder analysiert (Pollitt/Bouckaert 2000), dann stellt sich heraus, dass der Begriff NPM ein Sammelbegriff für eine Reihe unterschiedlichster Reformanstrengungen ist. In diesem Sinne weist die Debatte ein Defizit durch die undifferenzierte Verwendung des NPM-Begriffs auf. Weshalb ist eine Differenzierung nötig? Unterschiedliche Länder wählen unterschiedliche Reformstrategien. Großbritannien, Neuseeland und andere sind Länder, die zu den fortschrittlichsten Modernisierern im NPM-Sinne gehören, wobei Deutschland und die Niederlande auch Reformen unternahmen, diese jedoch unterschiedlich akzentuierten und weniger „radikal“ durchführten. Nur wenn der NPM-Begriff selbst Auskunft über den Charakter der Reform eines Landes gibt, kann dieser auch sinnvoll als mögliche Ursache korrupten Handelns untersucht werden. Im folgenden Kapitel wird ein Vorschlag für eine differenziertere Betrachtung von NPM gemacht. Dort wird gezeigt, dass es sich bei NPM zum einen um einen Sammelbegriff handelt, der, will man sich mit den Auswirkungen auf die Korruptionsanfälligkeit befassen, differenziert in bezug auf unterschiedliche Reformstrategien und deren Auswirkungen in einzelnen Länder zu betrachten ist. Diese Differenzierung zwischen unterschiedlichen Reformstrategien ist der erste Schritt für die Entwicklung eines empirisch überprüfbaren Erklärungsmodells. Das zweite Defizit betrifft die teilweise einseitige Bezugnahme der Literatur auf das Korruptionsverhalten von Bürokraten. Die Fallbeispiele zeigen, dass unterschiedliche Akteure von den Reformmaßnahmen zu profitieren verstehen. Dazu gehören Politiker [...]
Wird die Unterscheidung von unbeabsichtigten und von beabsichtigten Konsequenzen zugrundegelegt, so führt diese unter Umständen zu Missverständnissen, weil suggeriert wird, dass Korruption ein kalkuliertes Risiko von NPM ist12. Besser hingegen ist die Bezeichnung konzeptionelle Folgen für „beabsichtigte“ und Implementationsfolgen für „unbeabsichtigte“. Mit konzeptionellen Folgen sind die gemeint, die NPM inhärent sind. Unter diese konzeptionellen Folgen wird der Wertewandel subsumiert, weil das neue Rollenverständnis des Verwaltungsmanagers für NPM von grundlegender Bedeutung ist. Diesen konzeptionellen Folgen wird auch die Korruptionsmöglichkeit zugeordnet, weil sie aus der von NPM angestrebten Interaktion zwischen Verwaltung und Markt rekurriert. Die Korruptionsmotive Vertragsbruch und Überforderung gelten als Implementationsfolgen. Sie folgen aus der Art und Weise der Implementation. Was die Möglichkeit zur Unterminierung der Kontrolle betrifft, so lässt sich eine eindeutige Einordnung nicht vornehmen. Zum einen ist es die Konsequenz der Auftraggeber-Auftragnehmertrennung bei zunehmender dezentraler Organisation des Verwaltungshandelns, zum anderen gibt es Anzeichen für eine fehlerhafte Umsetzung und mangelhafte Anpassung der Kontrollmechanismen während des Reformprozesses. Aus diesem Grund gehört dieser Aspekt zu diesem Zeitpunkt zu beiden Klassifikationstypen. Diese Unterscheidung gibt Aufschluss über die Frage, ob das Korruptionsmotiv konzeptioneller NPM-Natur oder „nur“ die 48 [...]
3.4.1. Unbeabsichtigte Konsequenzen In der Einleitung dieser Arbeit wurde auf sogenannte „unbeabsichtigte (...) Konsequenzen“ hingewiesen. Ergänzend lässt sich hier sagen, dass „kontraintuitive“ oder „perverse Effekte“ (Crozier/Friedmann 1979: 8; kursiv im Orginal) auch ein in der Organisationssoziologie bekanntes Phänomen sind. Sie weisen auf die Schwierigkeit hin, aufgrund von rationalen Entscheidungen kollektives Verhalten über einen längeren Zeitraum zu beeinflussen. „Ganz allgemein bezeichnen wir damit die in ihren Ergebnissen (...) nicht gewollten, unerwarteten und im Grenzfall unsinnigen Wirkungen einer Vielzahl von individuellen, autonomen, in ihrem Rahmen und auf ihrer Ebene jeweils rationalen Entscheidungen. Sie unterstreichen den Abstand, um nicht zu sagen die oft fatale Opposition zwischen den Vorstellungen und Intuitionen der Akteure einerseits und dem Gesamteffekt ihrer Verhaltensweisen über die Zeit andererseits“ (Crozier/Friedberg 1979: 8). Die eingangs getroffene Aussage über unbeabsichtigte Konsequenzen gilt es hier zu differenzieren. Zunächst lassen sich insgesamt fünf Bereiche ausmachen, die als Korrupti47 [...]
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von Maravic, Patrick E. Januar 2003: Auswirkungen von New Public Management auf die Korruptionsanfälligkeit von Verwaltungen, Hamburg: Diplomica Verlag
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Korruption, Verwaltung, Reform, Politik, New Public Management



