Die Auswirkungen der Jamuna-Brücke in Bangladesh auf den Lebensraum der char-Bewohner
Eine sozioökologische Studie
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Ralf Wessels
- Abgabedatum: Mai 1999
- Umfang: 106 Seiten
- Dateigröße: 2,1 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8682-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8682-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8682-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wessels, Ralf Mai 1999: Die Auswirkungen der Jamuna-Brücke in Bangladesh auf den Lebensraum der char-Bewohner, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Entwicklungshilfe, Weltbank, Infrastruktur, Brahmaputra, JMBP
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Diplomarbeit von Ralf Wessels
Einleitung:
Bangladesh gilt als „Paradebeispiel“ eines Entwicklungslandes, denn hier offenbaren sich die Probleme von unterentwickelten Ländern besonders deutlich. In den westlichen Medien erscheint Bangladesh meist durch Negativschlagzeilen über extreme Armut, Bevölkerungswachstum oder Korruption, v.a. aber im Zusammenhang mit den Naturkatastrophen, welche das Land überdurchschnittlich oft heimsuchen. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Entwicklungshilfe in Bangladesh fest etabliert.
Von Oktober 1996 bis Februar 1997 hatte ich die Möglichkeit im Rahmen eines Studienaufenthaltes Bangladesh zu besuchen. Für die Planung und Durchführung dieser Reise erwiesen sich die Kontakte zu der bangladeshischen „Non-Governmental Organization“ (NGO) „Jamuna Char Integrated Development Project“ (JCDP) und die Unterstützung meines Fachbereiches als sehr hilfreich. Durch die intensive Beschäftigung mit diesem Land während des Studiums wollte ich mir ein persönliches Bild über die Lage vor Ort verschaffen, Lebensweisen, Ansichten und Meinungen insbesondere der Menschen in den ländlichen Regionen kennen lernen und die Entwicklungshilfepraxis an einem Beispiel studieren. Der Bau der Jamuna-Brücke erweckte schon frühzeitig mein Interesse, da dieses internationale Entwicklungshilfeprojekt eine herausragende Bedeutung für das gesamte Land hat. Dieses Projekt schien mir geeignet, die Folgen von Entwicklungshilfe eingehend zu studieren.
Vor Ort konzentrierte ich meine Aktivitäten auf die Bewohner der Inseln (chars) im Jamuna, da diese in direkter Nachbarschaft zur Jamuna-Brücke leben und somit den positiven wie negativen Auswirkungen des Projektes unmittelbar ausgesetzt sind. Ein weiteres Kriterium für die Auswahl war der einfache Zugang zu dieser Zielgruppe durch meine Kontakte zu JCDP, welche als einzige NGO mit char-Bewohnern arbeitet. Anhand der vorliegende Arbeit werden die vielfältigen Auswirkungen eines Großprojektes in einem Entwicklungsland dargestellt. Die Komplexität des Themas erfordert eine interdisziplinäre Herangehensweise, da ökologische, ökonomische und soziale Aspekte eng miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen. Nur die Geographie, als Schnittstelle der Wissenschaften, vermag es, die verschiedenen Dimensionen unter einem Dach zu vereinigen und das Thema gesamtheitlich zu betrachten.
Große und kapitalintensive Einzelprojekte, wie Staudämme, Industrieanlagen oder Verkehrsprojekte, beanspruchen einen nicht geringen Teil der gesamten Entwicklungshilfe. Ihr Beitrag zur Linderung der Armut ist dagegen äußerst gering. Ein Grund für die bevorzugte Finanzierung von Großprojekten liegt darin, daß diese ein lukratives Geschäft für alle Beteiligten darstellen. Für die Geberländer sind Großprojekte ideal, um die Entwicklungshilfe mit eigenen wirtschaftlichen Interessen zu verknüpfen. In der Regel ist die Finanzierung an Lieferbindungen gekoppelt, so dass exportorientierte Firmen gefördert und gleichzeitig einheimische Arbeitsplätze gesichert werden. Darüber hinaus versprechen Folgeaufträge, sowie Reparatur und Wartung von komplizierten Projektkomponenten einen langfristigen Kapitalrückfluss.
Die Regierungen der Empfängerländer benutzen Großvorhaben oftmals als Vorzeige- und Prestigeobjekte, um die erfolgreiche Entwicklung ihres Landes zu demonstrieren. Zudem steigt mit der Höhe der Investitionen auch der Anteil der „Provisionen“ für die an einem Projekt beteiligten Entscheidungsträger. In vielen Entwicklungsländern mit weitverbreiteter Korruption wird nicht zuletzt deshalb die Durchführung von Großprojekten forciert.
Der Anteil von Großprojekten ist heutzutage jedoch weitaus geringer als in den 50er und 60er Jahren, wo modernisierungstheoretische Ansätze die Anfänge der neueren Entwicklungspolitik bestimmten. Ein bedeutender Umschwung erfolgte mit dem Ende dieser wachstumsorientierten Phase, als durch die zunehmenden Misserfolge der überwiegend devisen- und technologieintensiven Großprojekte (die gescheiterten Projekte werden in der Literatur oft auch als „Weiße Elefanten“ bezeichnet) deutlich wurde, dass die wirklich Bedürftigen kaum erreicht wurden. Seitdem liegen die entwicklungspolitischen Schwerpunkte verstärkt auf Armutsorientierung und Grundbedürfnisbefriedigung sowie der Hinwendung zu kleineren Projekten, welche die Menschen direkt erreichen. Dies entspricht auch der von vielen NGOs geäußerten Forderung nach:
„Millionen von Projekten statt Millionenprojekten“ (NUSCHELER 1995).
Trotzdem werden jedes Jahr weiterhin Milliardensummen in Großprojekte investiert, deren Implementierung oft gegen große Widerstände der Bevölkerung durchgesetzt wird. Denn, obwohl die großen Geberorganisationen ihre eigenen Richtlinien zur Durchführung von Projekten mit dem Ziel, negative Auswirkungen zu minimieren, verschärft haben, kommt es bei vielen Vorhaben immer noch zu erheblichen ökologischen Schäden und massenhaften Umsiedlungen. Zwar sind Großprojekte v.a. im Infrastruktur- und Energiesektor für die Entwicklung eines Landes notwendig; alternative und angepasste Lösungen werden jedoch oft nicht ausreichend in Betracht gezogen, da diese den gewinnorientierten Interessen der Beteiligten in vielen Fällen nicht entgegenkommen.
Auch in Bangladesh ist ein beträchtlicher Teil der bisherigen Entwicklungshilfe für Großprojekte, v.a. zum Aufbau der Infrastruktur verwendet worden. Das JMBP als teuerstes Einzelprojekt in der Geschichte des Landes und der „Flood Action Plan“ (FAP) als weltweit größte geplante Entwicklungshilfemaßnahme sind die bedeutendsten Vorhaben in diesem Bereich. Das Beispiel FAP in seiner ursprünglichen Form zeigt deutlich die in der Entwicklungspolitik immer noch weitverbreitete Auffassung, Entwicklungsprobleme mit genügend Kapital und bevorzugt technischen Mitteln zu lösen. Nebenbei wäre in diesem Fall ein Großteil der Investitionen als Bau- und Gutachteraufträge an die internationale Gebergemeinschaft zurückgeflossen, wohingegen die unvorhersehbaren ökologischen Auswirkungen die Lebensgrundlagen von Hunderttausenden von überwiegend einfachen Bauern gefährdet hätten. Aufgrund massiver Kritik aus dem In- und Ausland ist der FAP jedoch stark reduziert worden (ISLAM/KAMAL 1993).
Die zentrale Fragestellung der Arbeit lautet: Was sind die ökologischen Folgen des JMBP und wie wirken sich diese auf das Leben der char-Bewohner aus? Im Mittelpunkt dieser Studie stehen die Bewohner der chars. Es sollen sowohl die ökologischen Veränderungen ihres Lebensraumes, als auch die sozialen und ökonomischen Folgen für ihr Leben und Handeln aufgezeigt werden. Die Untersuchungen befassen sich insbesondere mit der Frage nach den Auswirkungen der Jamuna-Brücke auf die Morphologie und Hydrologie des Jamuna, sowie die daraus resultierenden Veränderungen von Einkommensmöglichkeiten, Migrationsverhalten und sozialen Strukturen der char-Bewohner. Zur besseren Einordnung der Problematik gehe ich auch auf die Besonderheiten ein, welche das Leben in der dynamischen char-Umwelt ausmachen und stelle zudem die Hintergründe und die Auswirkungen des Projektes auf der Meso- und Makroebene dar. Im Zusammenhang mit letzterem wird auch der Frage nach der Umsetzung der offiziellen Richtlinien für ein Entwicklungshilfeprojekt dieser Größenordnung und den Maßnahmen zur Minimierung und Kompensation von negativen Folgen des JMBP nachgegangen.
Um dem Leser eine möglichst umfassende Einsicht zu gewährleisten, erfolgt die Betrachtung des Themas sowohl aus der Sichtweise der char-Bewohner, als auch der Projektbetreiber. Dies trifft insbesondere auf die ökologischen Auswirkungen zu, wodurch eine vergleichende Analyse möglich wird. Letztendlich wird die Fragestellung aufgeworfen, ob die Entschädigungsmaßnahmen für die char-Bewohner ausreichen und wie negative Auswirkungen des JMBP hätten vermieden oder zumindest minimiert werden können.
Inhaltsverzeichnis:
| Danksagung | i | |
| Glossar | ii | |
| Maße und Einheiten | iv | |
| Abbildungsverzeichnis | v | |
| Abkürzungsverzeichnis | vi | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Hintergrund der Arbeit | 1 |
| 1.2 | Großprojekte in Entwicklungsländern | 1 |
| 1.3 | Zielsetzung der Diplomarbeit | 3 |
| 1.4 | Methodik und Grundlagenmaterial | 4 |
| 1.4.1 | Interviews und teilnehmende Beobachtung | 4 |
| 1.4.2 | Kartenmaterialien und Modelle | 6 |
| 1.5 | Aufbau der Arbeit | 7 |
| 2. | Einführung in die Region | 8 |
| 2.1 | Bangladesh | 8 |
| 2.2 | Das Untersuchungsgebiet | 11 |
| 2.2.1 | Die ökologischen Rahmenbedingungen | 13 |
| 2.2.2 | Leben auf den chars | 18 |
| 2.2.3 | Handlungsstrategien der char-Bewohner | 23 |
| 3. | Das „Jamuna Multipurpose Bridge Project“ (JMBP) | 27 |
| 3.1 | Nationale Bedeutung der Jamuna-Brücke | 27 |
| 3.2 | Das Projekt | 29 |
| 3.3 | Richtlinien und Kompensationsmaßnahmen | 34 |
| 3.4 | Die „offiziellen“ Auswirkungen des JMBP | 37 |
| 4. | Die Auswirkungen des JMBP aus der Sicht der char-Bewohner | 43 |
| 4.1 | Die ökologischen Folgen | 44 |
| 4.1.1 | Das Gebiet stromaufwärts der Jamuna-Brücke | 44 |
| 4.1.2 | Das Gebiet stromabwärts der Jamuna-Brücke | 49 |
| 4.2 | Die sozioökonomischen Folgen | 54 |
| 4.2.1 | Auswirkungen auf die Ökonomie | 54 |
| 4.2.1.1 | Landwirtschaft | 54 |
| 4.2.1.2 | Fischerei | 59 |
| 4.2.1.3 | Alternative Einkommensquellen | 62 |
| 4.2.1.4 | Landbesitz und Bodenpreise | 67 |
| 4.2.2 | Migration | 70 |
| 4.2.3 | Sozialstrukturen | 74 |
| 5. | Zusammenfassung und Lösungsansätze | 77 |
| 6. | Quellenangaben | 82 |
| 6.1 | Literatur | 82 |
| 6.2 | Karten und Satellitenbilder | 85 |
| 6.3 | Experteninterviews | 86 |
| Anhang | ||
| A. | Übersicht der Interviewpartner | |
| B. | Standardisierter Fragebogen (Beispiel Nr. 11) | |
| C. | Interviews mit Nr.11 |
Auch im "Wildlife Protection Plan" wird auf die hydrologischen Veränderungen durch das JMBP im Siedlungsgebiet der char-Bewohner eingegangen. Während jedoch 100 000 US $ zur Minderung der Auswirkungen auf die Tierwelt bereitgestellt werden, bleiben die in der gleichen Region lebenden Menschen unberücksichtigt. Im EIA wird vorhergesagt, daß die Fließgeschwindigkeit durch eine Einengung des Jamuna ansteigt. Die daraus resultierende höhere Erosionskraft wird lediglich als Gefahrenpotential für das Projekt gesehen, nicht aber als eine mögliche Bedrohung für die chars. An anderer Stelle des EIA werden die Folgen des Rückstaueffektes analysiert. Obwohl diese Auswirkungen insbesondere die Bewohner der Inseln stromaufwärts der Brücke betreffen, können diese kaum gemeint sein, wenn von Einkommenseinbußen für 1600 Familien gesprochen wird. Die Anzahl der hier lebenden char-Bewohner ist weitaus höher (siehe Kap.3.3), so daß es sich im EIA nur um Familien handeln kann, welche auf dem ungeschützten Festland vor den Deichen leben. Es ist nur schwer nachvollziehbar warum die Situation der char-Bewohner in keiner Studie berücksichtigt wurde. Eine Grund ist sicherlich der fehlende politische und wirtschaftliche Einfluß, welcher auf die Abgeschiedenheit und dem niedrigen sozialen Status der Menschen in dieser Gegend zurückzuführen ist. Eine andere Ursache könnte darin liegen, daß der Lebensraum der char-Bewohner extrem dynamisch ist und kein Experte nachweisen kann, ob eventuelle Veränderungen Folgen des Projektes sind oder auf der Unberechenbarkeit des Flusses beruhen. Erst 1995, also nach der Grundsteinlegung, wurden die Untersuchungen zu den Folgen des Projektes auf das morphologische Verhalten des Jamuna ausgedehnt. Befaßte man sich anfangs mit der Morphologie nur im Zusammenhang mit einer Gefährdung von einzelnen Projektkomponenten, so wurden jetzt auch andere Bereiche des Flußbettes in die Studien einbezogen. Die neueren Forschungen zu den Auswirkungen des JMBP umfaßten nun auch die [...]
Dies ist die Kernaussage der "Wildlife Study" von 1990-92. Trotzdem wurde für einen "Wildlife Protection Plan" 100 000 US $ bereitgestellt. Die Entscheidung basiert darauf, daß das Projekt zu hydrologischen Veränderungen stromaufwärts und stromabwärts der Brücke führt und dies Auswirkungen auf die Brut- und Fütterungsplätze einiger wildlebender Tiere hat (GoB/JMBAEU 1995: 63) Auswirkungen auf die Navigation Die Analysen haben ergeben, daß nur die Schließung des Dhaleswari zu einer Beeinträchtigung von Boots- und Schiffsverkehr führt. Davon sind jedoch nur wenige Personen betroffen. Das Projekt hat keine signifikanten Auswirkungen auf die Navigation im Jamuna. Es wird jedoch darauf hingewiesen, daß es durch die Bauarbeiten und Materialanlieferungen zu kurzfristigen Behinderungen des Schiffsverkehrs kommen kann (GoB/JMBA-EU 1995: 82ff.). Auswirkungen auf das Erosions und Sedimentationsverhalten des Jamuna Während im EMAP zu diesem Thema nichts zu finden ist, beziehen sich diesbezügliche Untersuchungen im EIA ausschließlich auf die unmittelbare Umgebung von Brücke und "Guide Bunds". Danach erhöht sich durch die Einengung des Jamuna die Fließgeschwindigkeit, was zu einer erheblichen Verstärkung der Tiefenerosion im Bereich der Brücke führt. "Guide Bunds" und Brückenpfeiler sind jedoch so konzipiert, daß sie dieser Erosion mit hoher Wahrscheinlichkeit standhalten. Mögliche Auswirkungen auf das Erosionsverhalten in der weiteren Umgebung der Brücke werden nicht in Betracht gezogen. [...]
Auswirkungen durch die Einengung des Jamuna Die Verengung des Flußbettes durch die beiden "Guide Bunds" bewirkt einen Rückstaueffekt beim Abfluß der Wassermassen. Dadurch verlängert sich die Flutphase und der Wasserspiegel steigt während eines angenommenen zehnjährigen Hochwassers um bis zu 0.2m. Nach dem EIA sind von diesem Rückstaueffekt 4000ha Land und 1600 Familien betroffen. Deren jeweiligen Einkommensverluste werden auf 10 600Tk/Jahr [ 420 DM] geschätzt. Zusätzlich steigt die Gefährdung bereits existierender Deiche stromaufwärts der Brücke (WB 1994: 72). Auswirkungen auf die Fischerei Nach der "Fisheries Impact and Mitigation Study" wird Fischfang nur durch die Kappung des Dhaleswari beeinflußt. (WB 1994 : 70). Der jährliche Verlust an Fisch wird dadurch auf 500 Tonnen geschätzt. Dieser Verlust soll durch die Anlage von Fischteichen in der betroffenen Region kompensiert werden. Auf die Fischbestände im Jamuna hat das Projekt keine Auswirkungen. Im EMAP wird diese Möglichkeit erst gar nicht in Betracht gezogen. Auswirkungen auf die Fauna und Flora [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832486822
Arbeit zitieren:
Wessels, Ralf Mai 1999: Die Auswirkungen der Jamuna-Brücke in Bangladesh auf den Lebensraum der char-Bewohner, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Entwicklungshilfe, Weltbank, Infrastruktur, Brahmaputra, JMBP



