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Auswirkungen von Heimerziehung auf Schulverläufe

Vergleich zweier Konzepte zur Heimerziehung nach § 34 SGB VIII

Auswirkungen von Heimerziehung auf Schulverläufe
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Stefanie Picker
  • Abgabedatum: Februar 2009
  • Umfang: 113 Seiten
  • Dateigröße: 455,5 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 42
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3250-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Picker, Stefanie Februar 2009: Auswirkungen von Heimerziehung auf Schulverläufe, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Schulerfolg, Jugendliche, Jugendhilfemaßnahmen, Jugendwohngruppe, Sozialpädagogik

Diplomarbeit von Stefanie Picker

Einleitung:

Vorwort:

Durch die mehrjährige Tätigkeit als Betreuerin in verschiedenen Wohngruppen in Hamburg, konnte ich einige Erfahrungen in der Praxis der Heimerziehung nach § 34 Sozialgesetzbuch VIII sammeln.

Eine grundlegende Aufgabe der Heimerziehung ist die Unterstützung der Jugendlichen im Bereich der Ausbildung und der Beschäftigung. So habe ich dort, wo ich tätig war, auch praktisch erlebt, dass der regelmäßige Schulbesuch und möglichst gute Ergebnisse in der Schule und Ausbildung ein ständiges Thema im Wohngruppen- Geschehen sind – unter den Kindern und Jugendlichen ebenso wie unter den Betreuern. Es ist nicht nur ein herausragendes, sondern zugleich ein brisantes, auch konfliktgeladenes Thema.

Betreuer, die sich der Bedeutung ihrer diesbezüglichen Aufgabe für das Individuum und die Gesellschaft durchaus bewusst sind, stehen dabei zusätzlich unter Erfolgszwang, da sie mit Erwartungen, Hoffnungen oder sogar Forderungen der Öffentlichkeit direkt konfrontiert sind. Z. B. wird seitens einiger Schulen und Lehrer dadurch Druck ausgeübt, dass sie Schüler wegen Fehlverhaltens – mitunter für mehrere Tage – vom Unterricht suspendieren und in die Obhut der Betreuer zurückschicken. Das geschieht unter Berufung auf das Hamburger Schulgesetz und manchmal auch mit dem Hinweis an die Betreuer, es sei ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die Kinder in der Schule anständig benehmen.

Aber auch andere Personen, die von der Aufnahme des Jugendlichen in die Heimerziehung Kenntnis erhalten haben – manche Eltern, auch aus der Elternschaft der Schule, Bewohner des Wohngebietes und sogar manche Mitarbeiter der Jugendämter – erwarten nun ‘wahre Wunder’, so sehr dies einerseits auch verständlich erscheint.

Schon wenn Jugendämter den Eltern Hilfe zur Erziehung nach § 34 SGB VIII gewähren und mit ihnen die Heimerziehung des Kindes vereinbaren, spielt bei der Entscheidung die schulische Entwicklung des Kindes eine große Rolle. Schulprobleme und Leistungsversagen alleine rechtfertigen zwar keine Heimerziehung, das Wohl des Kindes in der Gesamtheit ist der Maßstab, an dem gemessen wird. Allerdings kommt die schulische Situation dabei sehr schnell in den Blickpunkt, denn hier werden Fehlentwicklungen besonders augenscheinlich, obgleich die eigentlichen Ursachen in der Regel woanders liegen. Es liegt nahe, dass auch in der Hilfeplanung und bei der Bewertung des Erreichten in den Hilfeplangesprächen die Schulproblematik eine unverändert große Rolle spielt. Das erscheint durchaus auch berechtigt, wenn der Kontext zur Gesamtentwicklung nicht vernachlässigt wird.

In meiner praktischen Tätigkeit konnte ich beobachten (und war selbst beteiligt), wie Betreuer mit großem Einsatz mit den Jugendlichen arbeiten, um die schulischen Probleme zu verringern. Obwohl dabei die Erfahrungen des Teams genutzt und das Handeln abgestimmt wurde, erwiesen sich eingefahrene Verhaltensweisen und Einstellungen der Kinder und Jugendlichen oft als äußerst zäh. Manche Betreuer bewerten das als persönlichen Misserfolg und resignieren in diesem Bereich.

Die Widersprüche veranlassten mich, u. a. folgende Fragen aufzuwerfen und nach Antworten zu suchen:

Ist der Anspruch zu hoch, oder sind die Fähigkeiten der Betreuer unzureichend?

Welcher Anspruch ist realistisch, und was sagt der Gesetzgeber, welche Ziele stellt er?

Welches sind die Bedingungen für einen erfolgreichen Schulverlauf, und welche Bedingungen können durch die Betreuer in der Heimerziehung beeinflusst werden? Wie wirken sich die verschiedenen Konzeptionen dabei aus?

Das zentrale Anliegen meiner Arbeit ist es, einen Beitrag zur Beantwortung der Frage zu leisten:

Wie muss Heimerziehung gestaltet werden, damit Jugendliche in der Schule mehr Erfolg haben?

Zugleich scheint mir eine Einschränkung realistisch zu sein, die ich in einer Arbeitsthese festhalten möchte:

Die Heimerziehung – alleine genommen – wird nur einen begrenzten Beitrag dazu leisten können, die schlechte bzw. fehlende Schulperspektive der in der Heimerziehung befindlichen Jugendlichen zu verbessern.

Natürlich sind die Möglichkeiten im Einzelfall stets auch abhängig vom individuellen Entwicklungsweg des Jugendlichen, von seiner Initiative, von seinen Persönlichkeitsmerkmalen. Ebenso ist die Unterschiedlichkeit der Betreuer ein Faktum, weshalb auch die Ergebnisse immer variieren werden. Aber mir scheint, dass der Zugriff der Betreuer auf die Bedingungen auch objektiv begrenzt ist.

Wenn sich die These im Zuge der Untersuchung als richtig erweisen sollte, so ist dies nicht als Freibrief für die Arbeit der Betreuer gemeint, sondern als eine Möglichkeit, ihre Arbeit an diesem Schwerpunkt besser und realer bewerten zu können. Das scheint mir für sie selbst auch wichtig. Darüber hinaus wird es ihnen möglicherweise besser gelingen, sich auf diejenigen Bedingungen zu konzentrieren, wo Reserven der Heimerziehung liegen und wirksam gemacht werden können. Eine solche Reserve vermute ich u. a. in der konzeptionellen Ausrichtung.

Die vorliegende Arbeit untersucht die verschiedenen Ressourcen, die möglicherweise zu einem erfolgreichen Schulverlauf beitragen. Speziell soll dabei die Wirkung von Heimerziehung auf den Erfolg des Schulverlaufes eingeschätzt werden. Hierzu werden zwei Einrichtungen der Heimerziehung in der Stadt Hamburg miteinander verglichen. Anhand von standardisierten Fragebögen werden die Jugendlichen, die in den beiden Einrichtungen leben bzw. gelebt haben, über ihren bisherigen Schulverlauf und ihre derzeitige Schulsituation befragt. Außerdem werden die Reaktionen des Umfeldes beim Schulschwänzen der Jugendlichen untersucht. Es soll herausgearbeitet werden, ob und auf welche Weise die Eltern auf das Schulschwänzen (also vor der Unterbringung ihres Kindes in der WG) reagiert haben und wie die Betreuer der WG reagieren. Des Weiteren geht es darum, wie die Schule reagiert und ob sich die Häufigkeit des Schwänzens seit der Unterbringung geändert hat. Bei der Beurteilung der jeweiligen Schulverläufe wird die Sicht der Jugendlichen auf ihre eigene schulische Entwicklung dargestellt, und als objektiver Maßstab werden die besuchte Schulform und diesbezügliche Veränderungen herangezogen. Abschließend werden die Jugendlichen nach ihren Vorstellungen und Wünschen gefragt, wie und wodurch die Lehrer und Betreuer sie noch besser unterstützen könnten. Die Jugendlichen zu solchen Überlegungen aufzufordern ist durchaus nicht ungewöhnlich. Weil es ein Grundprinzip ist, sie an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen, kennen sie derartige Fragen. So kann erwartet werden, dass die Antworten ein reales Bild vom Unterstützungsbedarf der Jugendlichen seitens der Lehrer und Betreuer ergeben.

Durch die Analyse von Ressourcen sollen die Bedingungen, die sich positiv auf den Schulverlauf auswirken, herausgearbeitet werden. Die Jugendlichen – als Experten ihrer Lebenswelt – werden zu den Bedingungen befragt, die sie während ihres Schulverlaufs als positive Unterstützung wahrgenommen haben bzw. die einem erfolgreichen Verlauf im Wege standen. Daraus werden Hinweise erwartet, welche Fördermaßnahmen am wirksamsten waren und welchen Unterstützungsbedarf die Jugendlichen haben.

Dadurch dass Jugendliche aus zwei Einrichtungen unterschiedlicher Konzeption verglichen werden, ist zu erwarten, dass Unterschiede in den Schulverläufen Rückschlüsse auf die Konzeption der Einrichtung ermöglichen.

Welcher Weg wurde für die Behandlung der Problematik in der vorliegenden Arbeit gewählt?

Das 1. Kapitel zeigt den aktuellen Forschungsstand zu der Thematik auf und gibt einen Überblick zur Datenlage und zur bereits vorhandenen Literatur. Im 2. Kapitel werden die Ziele der Heimerziehung betrachtet. Es soll dabei festgestellt werden, was der Gesetzgeber im Hinblick auf die schulische Förderung Jugendlicher in der Heimerziehung festlegt. Die Sozialisation wird dabei als wesentlicher Prozess und Ziel hervorgehoben. Anschließend wird auf die schulische und berufliche Qualifikation als bedeutende Aufgabe von Heimerziehung eingegangen. Im 3. Kapitel werden verschiedene Wohnkonzepte, die sich nach § 34 SGB VIII als Heimerziehung definieren, vorgestellt. Im 4. Kapitel werden die verschiedenen Ressourcen vorgestellt, von denen ausgegangen werden kann, dass sie den Schulerfolg beeinflussen. Dieses Kapitel setzt sich aus folgenden Teilen zusammen: Betrachtungen zum familiären Umfeld; zum Bildungstand der Eltern; zur Institution Schule; zur Lehrer-Schüler-Beziehung und zur Peergroup. Aus der Analyse dieser Ressourcen werden im Abschnitt 4.6 Konsequenzen für die Heimerziehung abgeleitet. Das 5. Kapitel zeigt auf, wie schwierig es ist, den Erfolg und die Wirkung von Jugendhilfemaßnahmen zu messen, und benennt die in der vorliegenden Untersuchung verwendeten Kriterien.

Die Auswirkungen der schulischen Qualifikation auf die sozialen Teilnahmechancen werden im 6. Kapitel dargestellt. Dabei wird u. a. die Bedeutung formaler Bildungsabschlüsse für das Individuum im Allgemeinen und für Jugendliche in der Heimerziehung im Speziellen analysiert. Im 7. Kapitel beschreibt die Verfasserin den Gegenstand ihrer Untersuchungen in der Praxis. Dabei stellt sie das Forschungsdesign vor, beschreibt die Konzipierung des Fragebogens sowie das methodische Vorgehen und bewertet dieses. Anschließend werden die Feldzugänge und die Stichproben beschrieben.

Im 8. Kapitel werden die Konzepte der beiden Einrichtungen vorgestellt, in denen die Untersuchung durchgeführt wurde.

Im 9. Kapitel erfolgt die Auswertung der Fragebögen mit Hilfe einer Typisierung und die Interpretation der Ergebnisse. Das Kapitel 10 stellt abschließend das Votum dar. Hier werden Schlussfolgerungen aus den wesentlichen Ergebnissen der Untersuchung gezogen.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis 1
Abkürzungsverzeichnis 3
Vorwort 4
1. Forschungsstand 9
2. Ziele der Heimerziehung - Betrachtung unter dem Gesichtspunkt der Schulproblematik 16
2.1 Aussagen des SGB VIII (KJHG) 16
2.2 Zur Sozialisation 18
2.3 Zur schulischen und beruflichen Qualifikation 19
3. Verschiedene Formen und Konzeptionen der Heimerziehung nach § 34 SGB VIII - Ein Überblick 24
4. Ressourcen, die zum Schulerfolg beitragen 27
4.1 Das familiäre Umfeld 27
4.2 Bildungsstand der Eltern 29
4.3 Die Institution Schule 31
4.4 Lehrer-Schüler-Beziehung 33
4.5 Die Peergroup 34
4.6 Konsequenzen für die Heimerziehung 36
4.7 Zusammenfassung 38
5 Das Problem der Messung des Erfolges bzw. der Wirkung von Jugendhilfemaßnahmen 40
6. Schulische Qualifikation und soziale Teilnahmechancen 43
6.1 Zur Rolle formaler Bildungsabschlüsse in unserer Gesellschaft 44
6.2 Ihre Bedeutung für das Individuum 45
6.3 Ihre besondere Bedeutung für Jugendliche in der Heimerziehung 46
6.4 Zusammenfassung 47
7. Zum Gegenstand der Untersuchung 48
7.1 Forschungsdesign und Konzipierung des Fragebogens 48
7.2 Bewertung des methodischen Vorgehens 50
7.3 Feldzugänge und Beschreibung der Stichproben 50
8. Betrachtung zweier Konzepte zur Heimerziehung nach § 34 SGB VIII in der Stadt Hamburg - im Hinblick auf die Möglichkeiten, die schulische Entwicklung zu fördern 53
8.1 Kinder- und Jugendwohngruppe des Internationalen Bundes (IB) 53
8.1.1 Zur Situation der Jugendlichen in der Einrichtung 53
8.1.2 Die Kompetenzagentur 54
8.2 Jugendwohngruppe von Gangway e.V. 54
8.2.1 Zur Situation der Jugendlichen in den Einrichtungen
8.2.2 Die Pontonschule 56
9. Auswertung der Fragebögen und Interpretation der Ergebnisse 57
9.1 Auswertung der Fragebögen 57
9.1.1 Stichprobe 1 58
9.1.2 Stichprobe 2 76
9.2 Interpretation der Ergebnisse 89
10. Votum 94
Tabellenverzeichnis 96
Literaturverzeichnis 98
Anhang
- Interview-Fragebogen II
- Konstruktion idealtypischer Fälle VII

Textprobe:

Kapitel 4, Ressourcen, die zum Schulerfolg beitragen:

In diesem Kapitel soll auf die verschiedenen Bedingungen eingegangen werden, die über einen erfolgreichen Schulverlauf entscheiden.

Dabei wird zwischen familialen und schulischen Bedingungen unterschieden. Auf die personalen Bedingungen des Jugendlichen wird nicht näher eingegangen, da hier die exogenen und nicht die endogenen Einflüsse betrachtet werden.

Hier sollen nun zunächst unabhängig von Besonderheiten der Erziehungssituation, die Bedingungen erläutert werden, wie sie für alle Kinder und Jugendlichen hinsichtlich ihres schulischen Erfolges bedeutsam sind. Anschließend wird darauf eingegangen, welche Bedeutung sie speziell für Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen der Heimerziehung haben und welche Veränderungen diese Bedingungen mit dem Einzug der Kinder und Jugendlichen in die WG erfahren.

4.1,Das familiäre Umfeld:

Wie bereits aus der Sozialisationsforschung bekannt, spielt das familiäre Umfeldgerade in den ersten Lebensjahren des Kindes eine bedeutende Rolle. Die Eltern und Geschwisterkinder bilden das Netzwerk der primären Sozialisation.

Bei Kindern, die nicht bereits mit der Institution Kindergarten in Berührung gekommen sind, ist die Schule der erste Ort, an dem sie sich außerhalb der schützenden familiären Umgebung befinden. Das Bindungsverhältnis zu den Eltern und Geschwistern ist mit ausschlaggebend, wie das Kind auf das neue Umfeld Schule reagiert. Bei einem sicheren Bindungsverhältnis, bei dem sich das Kind der Geborgenheit und Liebe der Eltern sicher sein kann, wird es sich leichter einer neuen Umgebung wie der Schule öffnen können.

Die Atmosphäre unter den Familienmitgliedern, die Wohnsituation, sowie die finanzielle Lage der Familie haben großen Einfluss auf die Lernbereitschaft und Lernfähigkeit des Kindes und Jugendlichen. Die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern ist genauso ausschlaggebend für das familiäre Klima, wie die Erwartungen und Interaktionsformen, mit denen die Eltern ihrem Kind gegenübertreten. Man kann davon ausgehen, dass dauernde Konflikte und Gewalt innerhalb der Familie negative Auswirkungen auf den Schulerfolg des Kindes haben.

Nach Hurrelmann und Wolf bilden der Erziehungsstil der Eltern, das Familienklima und das Anregungs- und Anforderungspotential der familialen Erziehung wichtige Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Persönlichkeit und die Leistungsfähigkeit des Kindes oder Jugendlichen. Es kann angenommen werden, dass sich familiäre Probleme oft in der Weise auswirken, dass sich das Kind nicht genügend auf schulische Aufgaben konzentrieren kann. Z. B. nimmt eine Suchtproblematik eines Elternteiles oft die ganze Aufmerksamkeit des Familiensystems in Anspruch, so dass schulische Themen an Wichtigkeit verlieren und in den Hintergrund geraten.

Beengter Wohnraum kann ein Grund dafür sein, weshalb Hausaufgaben nur ungenügend erledigt werden. Kinder und Jugendliche benötigen einen Rückzugsort, an dem sie sich ungestört auf schulische Aufgaben vorbereiten können. Gerade in den ersten Schuljahren fördern die Eltern durch ihr Interesse für die Schule und ihre Unterstützung bei der Hausaufgabenerledingung wesentlich und auch nachhaltig die Entwicklung einer Lern- und Leistungsbereitschaft bei ihrem Kind. Andernfalls fehlen später solche Einstellungen oder sind verkümmert.

Eine übermäßig intensive Beaufsichtigung der Hausaufgaben kann sich andererseits auch negativ auf die weitere Entwicklung der Schülerleistungen auswirken, insbesondere wenn sie mit häufigen Sanktionen verbunden wird und das Kind demotiviert und bevormundet.

Die finanzielle Lage der Familie entscheidet maßgeblich darüber, welche Möglichkeiten Eltern haben, ihre Kinder bei Lernschwierigkeiten und Defiziten durch professionelle Nachhilfe zu fördern. Bei einer finanziellen Notlage fehlt es oft schon an grundlegenden Arbeitsmaterialien für den Unterricht, ganz zu schweigen von der Beteiligung an kulturellen und sportlichen Aktivitäten.

4.2, Bildungsstand der Eltern:

Wie das familiäre Umfeld in der Gesamtheit den Schulerfolg der Kinder und Jugendlichen beeinflusst, hängt vom Bildungstand der Eltern im Besonderen viel ab, welchen Stellenwert Schule in der Familie hat und welcher Wert dem Schulerfolg beigemessen wird. Nach dem PISA-Konsortium besteht ein Zusammenhang zwischen dem Bildungsabschluss der Eltern und der mathematischen Kompetenz der Kinder. Diese Studie bezieht sich speziell auf den Bereich der Mathematik, lässt sich aber wahrscheinlich auch auf die Kompetenz in anderen Schulfächern übertragen.

Eltern stellen für ihre Kinder Vorbilder und im Sinne der Lerntheorie wichtige Modelle dar, an denen sie sich orientieren. Sie übernehmen die elterlichen leistungsbezogenen Einstellungen, z.B. Fähigkeitsselbstkonzepte und Strategien zum Umgang mit Misserfolgen. Verfügen Eltern über einen verhältnismäßig hohen Bildungsstand, kann davon ausgegangen werden, dass sie an ihr Kind ebenfalls hohe Erwartungen stellen, dass es gute Leistungen in der Schule erzielt und unterstützen es dementsprechend, Schwierigkeiten oder Misserfolge zu überwinden.

Kinder und Jugendliche, die in Kreisen der oberen Bildungsschicht aufwachsen, haben oftmals einen guten Zugang zu Kulturgütern. Dadurch verfügen sie meist bereits durch ihr Elternhaus über ein bestimmtes Wissen, kennen z. B. viele Bücher, beherrschen ein Musikinstrument etc. In diesen Kreisen hat eine gute Schul- und Berufsbildung oftmals höchste Priorität, so dass finanzielle Mittel eher in die Bildung der Kinder und Jugendlichen investiert wird, als in materielle Dinge.

Eltern, die über eine gute Schulbildung verfügen, sind eher in der Lage, ihre Kinder bei schulischen Aufgaben zu unterstützen oder ihnen Nachhilfe zu erteilen. Dies gilt ebenfalls für die Durchsetzungsfähigkeit und Courage beim Auftreten gegenüber Lehrern, wenn ihre Kinder bei der Benotung evtl. ungerecht behandelt wurden.

Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen elterlichem Engagement und schulischem Erfolg. Je engagierter Eltern sich am Schulleben ihrer Kinder beteiligen, desto positiver wird sich diese Mitwirkung in der Leistungsbeurteilung der Kinder widerspiegeln. Im Umkehrschluss bedeutet dies, wenn Eltern für die Schule kaum präsent sind, z. B. bei Elternabenden nicht anwesend sind oder bei anderen schulischen Veranstaltungen und Aktivitäten nicht teilnehmen, werden die Schulleistungen der Kinder verhältnismäßig schlechter beurteilt. Eltern, die in ihrer Kindheit schlechte Schulerfahrungen gemacht haben, werden kaum motiviert sein, ihrem Kind ein positives Bild von Schule zu vermitteln. In diesem Fall sind Eltern als problematisches Modell anzusehen, da sie ihr eigenes Scheitern auf ihr Kind übertragen.

Schulerfolg ist nicht vererbbar; dennoch lässt sich die Bildungsschichtzugehörigkeit der Eltern auf den Bildungsstand des Kindes übertragen. Schulerfolg hängt immer noch sehr stark mit der sozialen Herkunft zusammen. Ein Experiment, bei dem Leistungen zu beurteilen waren ohne dass mitgeteilt wurde, wer sie erbracht hatte, ergab Folgendes: Leistungen, von denen angenommen wurde, dass sie von einem Angehörigen einer niedrigen sozioökonomischen Schicht erbracht wurden, bekamen eine geringere Bewertung als Leistungen von Personen, die einer höheren Schicht zu geordnet wurden.

Bürger bemerkt, dass sich das Sprachverhalten von Kindern aus der Unterschicht negativ auf den Schulerfolg auswirke, und bezieht sich dabei auf die Ergebnisse von Roeder. Bernstein beschreibt, wie ungenügend die Institution Schule auf die Lebenswirklichkeit von Arbeiterkindern eingehe und wie defizitär sich dort deren Sprachverhalten auswirke. In der Untersuchung wird der Begriff ‘Arbeiterklasse’ verwendet. Auf die heutigen gesellschaftstheoretischen Verhältnisse übertragen, würde das bedeuten, dass von der Arbeiterklasse, sondern von der bildungsfernen Schicht zu sprechen.

Eine jugendtypische Sprache mit ihren eigenen Sprachcodes ist sowohl bei den Jugendlichen der Bildungsschicht, als auch bei den Jugendlichen der bildungsfernen Schicht vorhanden. Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass Jugendliche aus der bildungsfernen Schicht in der Schule die gleiche Ausdrucksweise wie zu Hause oder gegenüber ihren Freunden verwenden. Jugendliche aus der Bildungsschicht verfügen über ein breiteres sprachliches Ausdrucksrepertoire und haben so die Möglichkeit, sich in der Schule, vor allem während des Unterrichts gegenüber ihren Lehrern, sprachlich angemessen auszudrücken.

Arbeit zitieren:
Picker, Stefanie Februar 2009: Auswirkungen von Heimerziehung auf Schulverläufe, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Schulerfolg, Jugendliche, Jugendhilfemaßnahmen, Jugendwohngruppe, Sozialpädagogik

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