Bachelor + Master Publishing
811 Bachelorarbeiten, 533 Masterarbeiten, 10.103 Diplomarbeiten

Ausgewählte Ansätze zur Anregung von Bildungsprozessen in Kindertageseinrichtungen

Ausgewählte Ansätze zur Anregung von Bildungsprozessen in Kindertageseinrichtungen
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Gregor Bumann
  • Abgabedatum: September 2006
  • Umfang: 134 Seiten
  • Dateigröße: 748,3 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Eberhard Karls Universität Tübingen Deutschland
  • Bibliografie: ca. 104
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1437-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bumann, Gregor September 2006: Ausgewählte Ansätze zur Anregung von Bildungsprozessen in Kindertageseinrichtungen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Bildungsprozess, frühkindliche Bildung, Kindergarten, Reggio Pädagogik, Infans

Diplomarbeit von Gregor Bumann

Einleitung:

Das deutsche Bildungssystem wird gegenwärtig von vielen Seiten kritisch hinterfragt. Ausgelöst wurde diese Bildungsdiskussion aufgrund internationaler Leistungsvergleiche, die darauf hinweisen, dass die Schulen in Deutschland ihrer Bildungsaufgabe nicht genügend nachkommen. „Deutschland, das Land der Denker und Dichter, ist abgehängt“, heißt es in einem Artikel der Zeitschrift „Der Spiegel“. Diese Erkenntnis löst weitverbreitetes Unbehagen aus und schnell wird auch der Vorschulbereich zur Diskussion gestellt. Fragen wie: „Wird der Bildungs- und Lernaspekt in der Elementarpädagogik vernachlässigt?“ „Unterschätzen wir die Leistungen von Kindern?“ „Bilden wir im europäischen Vergleich mal wieder das Schlusslicht?“ stehen dabei im Mittelpunkt. Die Forderung, bereits im Elementarbereich frühe Bildungsprozesse zu initiieren, um Kinder auf das lebenslange Lernen vorzubereiten, wird derzeit von vielen Seiten kontrovers diskutiert.

Dabei ist die geführte Diskussion um Bildung im Elementarbereich nicht neu. Klassiker der Pädagogik wie unter anderem Comenius (1592 – 1670), Pestalozzi (1746 – 1827) und Fröbel (1782 – 1852) haben die Bedeutung der frühkindlichen Bildung hervorgehoben. Maria Montessori hat im 20. Jahrhundert nachhaltig auf die Bedeutung frühen Lernens und die Stärkung kindlicher Bildung hingewiesen. Die Bildungsreform der 70er Jahre im 20. Jahrhundert hob die Bedeutung der frühen Kindheit - insbesondere der Altersstufe von 3-6 Jahren - als Teil des Bildungswesens hervor und forderte eine stärkere Betonung des Bildungsauftrags des Kindergartens. Dies war auch die Zeit, in der der Situationsansatz und Curricula als Orientierungshilfe für die Kindergärten entwickelt wurden. Der Situationsansatz ist neben weiteren Ansätzen auch heute noch stark in den Kindergärten vertreten und prägt das pädagogische Handeln der Erzieherinnen.

Seit Mitte der neunziger Jahre wird die Diskussion um frühkindliche Bildungsprozesse erneut geführt. Laewen spricht von zwei Diskussionsströmungen. Die eine Debatte – eine zumeist von Pädagogen geführte Diskussion - erfährt weniger Beachtung, wohingegen die von Politik und Interessensverbänden geführte Debatte eine starke Medienresonanz erhält.

Zwei Studien, die die Bildungsdiskussion angeregt haben, sind die Delphie- und die PISAStudie. In der Veröffentlichung der beiden Delphie-Befragungen (1998) werden mit Unterstützung von 1000 Fachleuten aus Wirtschaft, Kultur und Politik Erwartungen an Wissen und Bildung in den nächsten 25 Jahren formuliert. Die Experten heben in dem Bericht die besondere Bedeutung der Erziehung und Bildung im Elementarbereich hervor. Lebenslanges Lernen in Form von Wissenserwerb geht als eine zentrale Forderung aus der Studie hervor.

Die Veröffentlichung der PISA-Studie (Programs for International Student Assesment) hat wohl in schon lange nicht mehr gekanntem Ausmaß Bildung in die gesellschaftliche Diskussion eingebracht. Durch diese Studie wurde deutlich, dass in Deutschland die Herkunft der Familie eine große Rolle spielt in Bezug darauf, welche Bildung sich ein Kind aneignet. „Dabei stellt das kulturelle und soziale Kapital, das Kinder sowohl in als auch von ihren Herkunftsfamilien vermittelt bekommen und sich aneignen, einen wichtigen Einflussfaktor dar, und zwar nicht nur auf Bildungsprozesse in der frühen Kindheit, sondern auch im gesamten Lebenslauf“.

Ähnlich sieht dies auch Wolfgang Tietze von der Humboldt Universität Berlin, der die pädagogische Qualität in Kindertageseinrichtungen untersucht und dargestellt hat, welchen Einfluss diese auf die Kompetenzentwicklung von Kindern haben kann. Er stellt dar, dass die Chance für einen guten Schulabschluss der Kinder einerseits von ihrer Herkunftsfamilie und andererseits entscheidend von der Qualität der KiTa abhängt. Was genau eine gute und eine schlechte KiTa sei, geht aus dem Bericht nicht hervor, jedoch wird die Wichtigkeit der pädagogischen Arbeit der Erzieherinnen deutlich hervorgehoben. Der 2005 veröffentlichte 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung widmet sich dem Thema Bildung, Betreuung und Erziehung vor und neben der Schule. Frühkindliche Bildungsprozesse nehmen in dem Bericht einen großen Stellenwert ein.

Diese Befunde bestärken die in der Fachliteratur schon seit längerem diskutierten Vorschläge zur Erneuerung der KiTa und deren pädagogischer Konzepte. ‚Mehr Bildungsarbeit in den KiTa’ lautet der momentane Tenor. Dabei wird oft vergessen, dass Kinder keine Nürnberger Trichter sind, denen Bildung einfach „eingetrichtert“ werden kann. Die Bildungsdebatte wird nicht nur von Pädagogen geführt. Unterschiedliche Professionen wie Psychologen, Neurologen aber auch Politiker und Vertreter der Wirtschaft, die ihre Argumentationslinien vertreten, befassen sich mit diesem Thema. Es ist daher gerade aus erziehungswissenschaftlicher Sichtweise wichtig darauf zu achten, in dieser Diskussion nicht zum Spielball von Interessensvertretern zu werden, sondern die pädagogische Sichtweise in dieser Diskussion zu vertreten. Der Fokus dieser Arbeit ist darauf angelegt, pädagogische Konzepte zum Untersuchungsgegenstand zu nehmen. Es soll geklärt werden, welche Möglichkeiten und Rahmenbedingungen die untersuchten Ansätze bieten, Bildungsprozesse bei Kindern anzuregen.

Gang der Untersuchung:

Die vorliegende Arbeit ist in fünf Teile gegliedert. Um dem unter Kapitel zwei im ersten Teil der Arbeit benannten Erkenntnisinteresse gerecht zu werden, wird eine Untersuchung in Form einer vergleichenden Literaturanalyse unter Berücksichtigung fachlicher Stellungnahmen und empirischer Forschungsergebnisse vorgenommen.

In Teil zwei der Arbeit wird die Möglichkeit der Anregung von Bildungsprozessen dargestellt. Hierzu wird zunächst eine detaillierte Ausdifferenzierung der Begrifflichkeiten Bildung, Erziehung und Lernen dargelegt. Die Theorien Piagets und Wygotsky geben die Sichtweise aus der Entwicklungspsychologie wieder, die im Anschluss daran durch aktuelle Befunde der Hirnforschung erweitert werden.

Der dritte Teil dieser Arbeit „Ansätze zur Anregung von Bildungsprozessen“ baut auf das erarbeitete Wissen von Teil eins und zwei auf. Mittels drei verschiedener Ansätze werden Möglichkeiten zur Anregung von Bildungsprozessen in KiTa untersucht. Die Besonderheit jedes Ansatzes wird hierbei herausgearbeitet.

In Teil vier wird eine qualitative Befragung in zwei Tübinger KiTa vorgestellt und interpretiert. Diese dient zur Erlangung der Sichtweise der Praxis. Es werden zwei Befragungen in zwei Tübinger KiTa mittels eines teilstrukturierten Interviews durchgeführt.

Dem fünften Teil folgt eine Reflexion. Dieser letzte Teil dieser Arbeit fasst die dargestellten Theorien und die dazu gewonnenen Praxiseinblicke noch einmal zusammen und beurteilt diese kritisch. Ein Ausblick in die Zukunft schließt diese Arbeit ab.

Inhaltsverzeichnis:

Teil 1 Einführung in die Arbeit: Einleitende Worte, Struktur der Arbeit und Begriffliche Vergewisserungen 4
1. Einleitung 4
2. Leitfragen der Arbeit 6
3. Vorgehensweise 7
Teil 2 Anregung von Bildungsprozessen aus unterschiedlichen Blickwinkeln 9
1. Abgrenzung Erziehung und Bildung 9
1.1 Der Begriff Bildung im Elementarbereich 9
1.2 Der Begriff Erziehung im Elementarbereich 13
1.3 Bewertung der Begriffe Erziehung und Bildung und Benennung des Untersuchungsrahmens 15
2. Bildungsprozesse aus entwicklungspsychologischer Perspektive 17
2.1 Piaget (sozial-) konstruktivistische Ausprägung 17
2.2 Wygotskis soziokultureller Ansatz 19
2.3 Konsequenzen aus den Theorien Piagets und Wygotski 22
3. Neurobiologische Erkenntnisse zur Anregung von Bildungsprozessen 22
3.1 Neuere Erkenntnisse aus der Hirnforschung 23
3.2 Konsequenzen für die Erziehung 25
4. Zusammenfassung und weiteres Vorgehen 26
4.1 Zusammenfassung 26
4.2 Weiteres Vorgehen 27
Teil 3: Untersuchung ausgewählter Ansätze zur Anregung von Bildungsprozessen 28
1. Geschichtliche Annäherung 28
1.1 Entwicklungen in der Vorschulpädagogik in den 50er - 70er Jahren 28
1.2 Der Strukturplan des Deutschen Bildungsrates und die Eingliederung des Kindergartens in das Bildungssystem 29
2. Der Situationsansatz 32
2.1 Curriculum ‚Soziales Lernen' 32
2.1.1 Didaktische Einheiten 33
2.1.2 Das Projekt „Kindersituationen“ 34
2.2 Erziehungsziele des Curriculum ‚Soziales Lernen' 35
2.3 Der Bildungsanspruch 36
2.4 Das Menschenbild 38
2.5 Die Rolle der Erzieherin 39
2.6 Didaktisches Vorgehen im Situationsansatz 40
2.6.1 Der Bezug zu den Lebenssituationen der Kinder 40
2.6.2 Klärung des Situationsbegriffs und Schlüsselsituationen 40
2.6.3 Ablauf eines Projekts 42
2.7 Raumgestaltung, Ausstattung und Nutzung 42
2.8 Kritik und Würdigung 43
3. Die Pädagogik aus Reggio Emilia 45
3.1 Die Entstehung der Reggio-Pädagogik 46
3.2 Das Menschenbild 47
3.2.1 Kinder sind eifrige Forscher 47
3.2.2 Kinder haben 100 Sprachen 48
3.3 Lernen als subjektiver, kreativer Akt 49
3.4 Die Rolle der Erzieherin 50
3.5 Pädagogisches und methodisches Handeln 52
3.5.1 Beobachten und Begleiten 52
3.5.2 Die Dokumentation 53
3.5.3 Projekte in der Reggio Pädagogik oder das Lernen lernen 54
3.6 Der Raum als dritter Erzieher 56
3.7 Zusammenfassung oder was aus Reggio gelernt werden kann 58
4. Der Bildungsansatz von INFANS 59
4.1 Laewen und das Institut INFANS 59
4.2 Das Projekt „Bildungsauftrag in Kindertageseinrichtungen“ 60
4.3 Das Bild des Kindes - ein konstruierendes Kind 61
4.4 Erwachsene als Ko-Konstrukteure von Bildungsprozessen 63
4.5 Methodisches und didaktisches Vorgehen 64
4.5.1 Beobachten und Dokumentieren von Bildungsprozessen 64
4.5.2 Themen zumuten und beantworten 66
4.6 Die Gestaltung der Räume 68
4.7 Zusammenfassung 70
5. Kritik und Vergleich der aufgezeigten Ansätze 71
5.1 Entstehung und Organisation 71
5.2 Anthropologie des Kindes 72
5.3 Didaktisches Vorgehen 73
5.4 Raum und Material 76
Teil 4: Qualitative Befragung in zwei Kindergärten in Tübingen 77
1. Anlage der Untersuchung 77
1.1 Gegenstand und Ziel der Untersuchung 77
1.2 Die Befragung als Methode der Erhebung 78
1.3 Forschungsfragen als Grundlage der Datenerhebung 79
1.4 Datenerhebung mittels Interviewleitfaden 79
2. Auswahl und Interpretation 80
2.1 Auswahl der Interviewpartner 80
2.2 Darstellung des Interviews mit E1 81
2.3 Darstellung des Interviews mit E2 84
2.4 Interpretation und Theorie/Praxis Vergleich 88
Teil 5 Zusammenfassung und Ausblick 91
1. Zusammenfassung 91
2. Ausblick 92
Literatur- und Quellenverzeichnis 95

Textprobe:

Kapitel 2., Der Situationsansatz:

Der Situationsansatz hat sich seit seiner Verbreitung in den 70er Jahren in der deutschen Frühpädagogik als pädagogisches Konzept weitgehend durchgesetzt und stellt das methodische Verfahren dar, das auf die eine oder andere Weise in vielen Einrichtungen praktiziert wird. So gehört er „seit Beginn der 70er Jahre zu den am weitesten vertretenen und am meisten diskutierten Bildungskonzepten für die Erziehung und Bildung von Kindern im Alter von weniger als sechs Jahren in (West-) Deutschland“. Arbeiten nach dem Situationsansatz kann grob durch forschendes und entdeckendes Lernen anhand realer Problemstellungen in realen Situationen gekennzeichnet werden. Es liegen zahlreiche Publikationen vor, die diesen Ansatz seit seiner Entstehung in den letzten drei Jahrzehnten beschreiben, weiterentwickeln und kritisieren, sodass eine Berücksichtigung der gesamten Literatur für diese Arbeit nicht sinnvoll und zielführend ist. Einer der bekanntesten und umfangreichsten Beschreibungen zu diesem Ansatz ist das vom DJI beschriebene Curriculum ‚Soziales Lernen’.

Curriculum ‚Soziales Lernen’:

Die Wurzeln des Situationsansatzes sind in der Bildungsreform der 70er Jahre zu finden. Das Curriculum ‚Soziales Lernen’ ist vom DJI unter Leitung von Jürgen Zimmer, der auch heute noch prominentester Vertreter ist, entwickelt worden. Es werden vier wichtige Quellen genannt, aus denen die Ideen zum Situationsansatz stammen. Diese Quellen sind:

1. Curriculumtheorie, bei der zwei Namen zu nennen sind, die diesen Ansatz mit ihren Ideen geprägt haben. Der erste Pate Saul Benjamin Robinsohn, ist als Begründer der Curriculumtheorie hervorgegangen. Robinsohn forderte Ende der sechziger Jahre, dass die Lerninhalte aller Stufen des Bildungswesens intensiver auf die gesellschaftliche Praxis bezogen werden sollten. Bildung ist nach Robinsohn „Ausstattung zum richtigen und wirksamen Verhalten in der Welt“. In der Erziehung soll die „Ausstattung zur Bewältigung von Lebenssituationen geleistet“ werden. Die Aufgabe der Curriculumentwicklung bezeichnet Robinsohn als das Auffinden und Anwenden von Methoden, „durch welche diese Situationen und die in ihnen geforderten Funktionen, die zu deren Bewältigung notwendigen Qualifikationen und die Bildungsinhalte und Gegenstände, durch welche diese Qualifizierung bewirkt werden soll, in optimaler Objektivierung identifiziert werden können“. Zu dem zweiten Paten gehört Paulo Freire, den Zimmer als den wohl wichtigsten Pädagogen dieses Jahrhunderts bezeichnet und welcher sich als Anwalt für die Armen einsetzte und eine weltweite Wirkung hinterließ. „Lernen orientiert sich an den Schlüsselsituationen Entrechteter, zielt auf sozio-politische Bewusstwerdung. Ein Lehrer ist auch Schüler und ein Schüler ist auch Lehrer. Der Dialog ersetzt die Dressur“. Dies ging durch Alphabetisierungskampagnen in dritten Welt-Ländern hervor, wonach Lesen und Schreiben einer Bevölkerungsgruppe nicht schrittweise vermittelt werden sollte, sondern der Gedanke dahinter steht, dass das Lernen leichter fällt, wenn eine Einsicht entsteht, wofür es gut ist, zu lernen. Dieser Gedanke wurde in den Situationsansatz hineingearbeitet, indem nach „kindlichen Schlüsselproblemen, von denen kindliche Lern- und Bildungsprozesse ausgehen“ gelernt wird.

2. Aus der Elterninitiative der Studentenbewegung gingen neue Formen einer Partizipation der Eltern am Kindergartenleben hervor. Unter dem Einfluss der Kinderladenbewegung und der Diskussion um die Zuordnung der Fünfjährigen zur Schule oder KiTa wurde durch den Ansatz ein eigenständiges sozialpädagogisches Konzept für die KiTa entworfen.

3. Mit der Entschulungsdebatte sollte von dem negativen verschulten Verständnis der KiTa weggekommen werden. Es sollte „eine vom Fächerkanon unabhängige Lernform konzipiert, die Leben und Lernen integrieren will und dabei gerade die Chancen der altersgemischten Gruppe für lebensnahes Lernen aufgreift“.

4. Als vierte Quelle ist die Tradition des Kindergartens zu nennen, da die Entwicklung des Situationsansatzes an diese und ältere Schulreformmodelle anknüpfte. Diese ist insofern wichtig, da das Konzept des Situationsansatzes den Erfahrungsschatz der Erzieherinnen, der während der Reformphase auf der Suche nach neuen Arbeitsformen entstand, miteinbezogen werden sollte.

Didaktische Einheiten:

In Zusammenarbeit mit Modellkindergärten in Rheinland-Pfalz und Hessen wurde das Curriculum ‚Soziales Lernen’ in 11 KiTa entwickelt und länderübergreifend erprobt. Im Rahmen dieser Arbeitsgruppe entstanden Entwürfe und Vorschläge, wie im Kindergarten situationsbezogen gearbeitet werden kann.

Im Ergebnis erschienen 28 didaktische Einheiten mit jeweils verschiedenen Themen, die neben Materialien zu möglichen Situationen, auch pädagogische Anregungen, Hinweise zu Möglichkeiten der Mitwirkung von Eltern und anderen Erwachsenen und zum Umgang mit didaktischen Materialien auch Materialien wie (Foto-/Bildkarten, Tonkassetten und Filme enthielt. Die didaktischen Einheiten, die Aufgrund von Situationsanalysen angefertigt wurden, dienten als Orientierung für die Auswahl von „bedeutenden“ Situationen. Die didaktischen Einheiten sind klar strukturiert und folgen einer einheitlichen Gliederung. Die jeweils unterschiedlichen Themen dienen als methodische Arbeitsvorlage zur Unterstützung anfallender Themen.

So bietet die Didaktische Einheit ‚Neue Kinder in der Gruppe’, Hilfen für eine bessere Eingewöhnung neuer Kinder in KiTa an, wie z.B. die Empfehlung zu einer stundenweise Hospitationen von Müttern in den KiTa um die Eingewöhnung der Kinder zu erleichtern. Die didaktischen Einheiten können als Fundament angesehen werden, mit deren Hilfe eine Sozialerziehung in den KiTa unterstützt werden soll. Während im überwiegenden Teil der didaktischen Einheiten der Erwerb von instrumentellen Fertigkeiten nicht isoliert, sondern „als ein notwendiger Bestandteil sozialen Handelns in Projekten beschrieben“ wurde, wies man in einigen didaktischen Einheiten ´didaktische Schleifen`11 gesondert aus. Dies barg allerdings die Gefahr einer Trennung von sozialem und instrumentellem Lernen, wie es im funktionsorientierten Ansatz z.B. bewusst gewollt war.

Da die Texte zur damaligen Zeit sehr zeitgebunden waren, sind sie nicht neu aufgelegt worden. Auch stellt sich die Frage, ob bei der enormen Anzahl an Materialien und der dadurch entstandenen Unübersichtlichkeit eine praktische Umsetzung von Seiten der Erzieherinnen durchzuführen ist.

Das Projekt „Kindersituationen“:

Eine Art Weiterentwicklung des Curriculum ‚Soziales Lernen’ wurde durch Jürgen Zimmer vorgenommen, welches in den sechs neuen Bundesländern erprobt wurde. Sind während eines Projektes Defizite bei Kindern festgestellt worden, so dienten die didaktische Schleifen dazu, über das Projekt hinweg die nötigen Kompetenzen zu erwerben.

Auf der Tagung in Potsdam 1995 berichtet Zimmer über das Projekt „Kindersituationen“, und formuliert zwei Ziele die er 1. als „Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis“ und die „Entwicklung von offenen Anregungsmaterialien“ bezeichnet. In einem Diskurs sollten die Situationen der Kinder mit denen der Eltern und Erzieherinnen ergänzt werden.

Als eine Art Neuauflage und Erweiterung des Curriculum ‚Soziales Lernen’, kann die zwölfbändige „Praxisreihe Situationsansatz“ gesehen werden, die der literarische Extrakt des Projektes „Kindersituationen“ darstellt. In dieser Praxisreihe finden sich sowohl gleiche Themen (der Übergang von Kindergarten zur Schule und ausländische Kinder) als auch sich ergänzende Themen (Spiel, Ökologie, Demokratie, Feste und Gruppenstrukturen) wieder. Eine Erweiterung der Themen stellen die Einheiten „Raumkonzept“, „Hort“, „Geld“, „etwas unternehmen“ und „Veränderungen“ dar. Die veröffentlichte „Praxisreihe Situationsansatz“ dient als Anregung für die pädagogische Praxis von Erzieherinnen.

Erziehungsziele des Curriculum ‚Soziales Lernen’:

Um die Intention des Situationsansatzes und der daraus folgenden Handlungsweisen folgen zu können, ist die Beschreibung von Zielen anhand des Curriculum ‚Soziales Lernen’ aufschlussreich. Die Intention des Curriculum wird folgendermaßen ‚Soziales Lernen’ formuliert: „Zielsetzung bei der Entwicklung des Situationsansatzes war, die Lebenssituation der Kinder einzubeziehen in Lernprozesse, um Kinder besser darin unterstützen zu können, ihre (jetzigen und künftigen) Situationen zu meistern (mit Blick auf Autonomie, Kompetenz, Solidarität). Dazu wurden Schlüsselsituationen ausfindig gemacht, die im Leben der Kinder (mit Eltern) eine besondere Rolle spielen bzw. bestimmend sind für die gegenwärtige und zukünftige Lebenssituationen. Aus den Schlüsselsituationen wurden Themen für die pädagogische Bearbeitung im Kindergarten abgeleitet, die in den didaktischen Einheiten exemplarisch als Anregung dokumentiert waren“. Aus der formulierten Zielsetzung geht der erzieherische Anspruch hervor, Kinder darin zu unterstützen, dass sie in jetzigen und zukünftigen Situationen besser bestehen. Um dies zu erreichen sollen gemeinsam mit den Kindern Situationen ausfindig gemacht werden. Dies bedeutet, dass sowohl die Biographie des Kindes als auch seine soziale Situation bei der Planung des sozialpädagogischen Handelns mitberücksichtigt werden. Hieraus ergibt sich weiter, dass in den Lernvorgang sowohl das Kind selbst als auch sein Umfeld (Erzieherinnen, Eltern, Gemeinwesen, gleichaltrige Kinder...) aktiv miteinbezogen werden müssen. Der genannte Einbezug der Beteiligten führt dazu, dass die KiTa, die nach dem Situationsansatz arbeitet, sich nach außen öffnet und somit ein Teil des Gemeinwesens werden kann.

Weiter geht die Anforderung hervor, Kinder in ihrer Selbstbestimmung zu stärken. Dies soll im Hinblick auf eine Stärkung der Autonomie und Kompetenz geschehen. „Autonomie bedeutet Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Eigeninitiative, Selbstständigkeit“. Der erzieherische Anspruch zur Autonomie, liegt darin, Kinder sowie Erwachsene zu einer selbstbestimmten Lebensführung zu verhelfen. Der Begriff der Kompetenz „bedeutet Bildung, Wissen, Befähigung. Man braucht Kompetenz um in komplexen Realsituationen sachgemäß handeln zu können“. Das dargelegte Verständnis des Kompetenz-Begriffs soll Kinder also befähigen, sich ein Weltverständnis zu erschließen. Menschen leben auf der Welt gemeinsam. Erziehung zur Solidarität soll dazu führen das Menschen sich gegenseitig achten und beachten.

Der gesamte Lernvorgang ist also geprägt durch Autonomie, Kompetenz und Solidarität, was bedeutet, dass das Kind selbstbestimmt Handlungsfähigkeiten erwerben soll, die es befähigen, seine Lebenssituation zu bewältigen und dabei solidarisch, in sozialer Verantwortung, zu handeln. Lernen erfolgt somit nach dem Situationsansatz nicht in einem Vakuum, sondern in konkreten sozialen Bezügen. Kinder sollen nicht ihre „technischen und instrumentellen Fertigkeiten, ihre Kompetenzen also, einsetzen, ohne in der gleichen Weise die sozialen Voraussetzungen und Wirkungen ihrer Tätigkeiten mitberücksichtigen zu können“.

Arbeit zitieren:
Bumann, Gregor September 2006: Ausgewählte Ansätze zur Anregung von Bildungsprozessen in Kindertageseinrichtungen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Bildungsprozess, frühkindliche Bildung, Kindergarten, Reggio Pädagogik, Infans

Entdecken Sie mehr zum Thema

diplom.de
Bachelor + Master Publishing

Hermannstal 119 k
22119 Hamburg

Fon: +49 (0) 40 655992-0
Fax: +49 (0) 40 655992-22

Service-Telefon

Rufen Sie uns an:
+49 (0) 40 655992-0

Mo-Fr
09.00-16.00 Uhr

diplom.de in den Medien

Folgen Sie uns bei Twitter & werden Sie diplom.de-Fan bei Facebook!
Schreibtipps unserer Lektoren, Neuigkeiten aus dem Verlagsalltag und das Expertenwissen unserer Autoren als Tweet & Post!
Wir freuen uns auf Sie!

diplom.de BACHELOR + MASTER PUBLISHING

Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Abschlussarbeiten aus allen Fachbereichen und Hochschulen können Sie bei uns als eBook sofort per Download beziehen oder sich auf CD oder als Buch zusenden lassen. Seit mehr als 15 Jahren ist diplom.de der seriöse, professionelle und erfolgreiche Partner für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten.

© Diplomica Verlag GmbH 1996-2011, AG Hamburg HRB 80293 - GF Björn Bedey, USt-IdNr.: DE214910002 - Verkehrsnummer: 12285 - Impressum
Index der Arbeiten - Index der Autoren