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Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anhand von ausgewählten Biographien

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anhand von ausgewählten Biographien
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Kay Mankus
  • Abgabedatum: Juli 2011
  • Umfang: 86 Seiten
  • Dateigröße: 492,6 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 66
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-2250-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Mankus, Kay Juli 2011: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anhand von ausgewählten Biographien, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Nationalsozialismus, Biographien, Ludwig Harig, Christa Wolf, Ruth Klüger

Staatsexamensarbeit von Kay Mankus

Einleitung:

Wie kann man zugleich anwesend und nicht dabei gewesen sein? Diese Frage stellt Christa Wolfs Romanfigur Lenka, die Tochter der Protagonistin in Kindheitsmuster, ihrer Mutter im Spätsommer 1971. Die Antwort darauf ist aus heutiger Sicht noch immer ein Mysterium und das schauerliche Geheimnis der Menschen des letzten Jahrhunderts, wie Wolf sich ausdrückt. Die drei Autoren Christa Wolf, Ludwig Harig und Ruth Klüger, deren autobiographische Werke im Zentrum dieser Literaturbetrachtung stehen, versuchen dem Geheimnis ein Stück weit auf den Grund zu gehen. Ihre Ansätze unterscheiden sich dabei in vielerlei Hinsicht und sollen im Folgenden untersucht werden.

Die Lebensläufe von Ludwig Harig, Christa Wolf und Ruth Klüger weisen auf den ersten Blick nur wenige Parallelen auf, wenn man von den Geburtsjahren absieht, die nicht weit auseinanderliegen. Durch diesen Umstand haben alle drei ihre Kindheit und die frühe Jugend unter nationalsozialistischer Obrigkeit verbracht, aber wie sehr beeinflusst eine Jugend in einem totalitären System den Fortgang des Lebens? Auf welche Weise berichten die Autoren von den Ereignissen ihrer Jugend und welche literarischen Mittel und Erzählstrukturen wenden sie dabei an? Die unterschiedlichen Perspektiven der Schriftsteller in Bezug auf den Nationalsozialismus spielen dabei eine wichtige Rolle. Ruth Klüger hat bereits im Kindesalter, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, die Schrecken der Verfolgung bis hin zur Inhaftierung in verschiedenen Konzentrationslagern erlebt. Wolf und Harig dagegen standen auf den ersten Blick gesehen als Mitglieder der Hitlerjugend auf der Seite der Verfolger. Doch lässt sich dieser erste Eindruck halten, wenn man die Faktoren betrachtet, die einen jungen Menschen zur Zeit des Faschismus beeinflussten? Es ist fraglich, ob ein Kind, welches der Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten ausgesetzt war, als Täter oder Mitläufer bezeichnet werden kann. Man könnte im Hinblick auf die Geschichte nicht nur Klüger als Opfer des Systems ansehen, denn die anderen beiden wurden durch die Auswirkungen des Krieges, und in Wolfs Fall zudem durch die Flucht vor der Roten Armee, ebenfalls ein Stück weit ihrer Jugend beraubt. Harig schreibt zum Beispiel in einem Gespräch mit Jörg Magenau über seine Zeit in Frankreich direkt nach dem Krieg: Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, was für eine zwanghafte Kindheit ich in diesem Nationalsozialismus durchlebt hatte. Eine solche Erkenntnis ist nicht unbedingt ausreichend um sich von jeglicher Mitschuld freizusprechen. Es wird eine Aufgabe dieser Untersuchung sein, inwiefern die Erinnerungsbücher von Wolf und Harig auch als Auseinandersetzung mit Schuld zu verstehen sind. Man könnte beiden Autoren vorwerfen, sie hätten eine beschönigte Version ihrer Kindheit veröffentlicht, um ihr Gewissen zu beruhigen, oder um den nachfolgenden Generationen zu erklären, wie es soweit kommen konnte. Christa Wolf fragt dagegen nicht nur nach den Motiven ihrer Teilnahme am Naziregime, sondern nach dem Einfluss der Geschehnisse und Umstände ihrer Jugend auf den Fortgang ihres Lebens: Wie sind wir so geworden wie wir heute sind? Diese Frage ist die Überschrift des Resümees dieser Arbeit, denn die Antwort darauf ist auch für Harigs und Klügers Texte von Bedeutung. Alle drei Autoren berichten als erwachsene Menschen episodisch über Begebenheiten ihrer Kindheit. Sie kommentieren und interpretieren lang Vergangenes aus der Sicht des erwachsenen Autors, wobei politische Entwicklungen und aktuelle Bezüge zur Entstehungszeit der Texte mit eingeflochten werden. Besonders in KM geschieht das auf intensive Art, wie im Verlauf dieses Textes deutlich werden soll. Eine weitere Aufgabe wird sein, genauer zu beleuchten, wie sich die unterschiedlichen Zeitebenen gegenseitig beeinflussen und durchdringen und inwiefern die sprachliche Gestaltung für die Wirkung der Erzählungen mitverantwortlich ist.

Es stellen sich weitere Fragen: Wie haben die Autoren ihre Kindheit erlebt und wie genau erinnern sie sich an diese? Wie groß ist der Wahrheitsgehalt des Erzählten? Der Begriff Wahrheit ist in diesem Zusammenhang mit einiger Vorsicht zu verwenden, denn die Episoden aus der Kindheit der Autoren liegen bereits so weit zurück, dass die Authentizität des Erinnerungsmaterials nicht zwingend mit der Wahrheit gleichgesetzt werden kann. Im Hauptteil dieser Betrachtung (Kapitel 4) soll sich diesem Problem angenähert werden. Im Fokus stehen dabei die Untersuchung der Fiktionalität und Authentizität in autobiographischen Schriften und der unterschiedliche literarische Umgang mit dem Erinnerungsmaterial.

Zunächst werden jedoch die tatsächlichen Lebensläufe der Autoren verkürzt dargestellt, um eine wichtige Vergleichsgröße zu erhalten. Man kann beispielsweise vermuten, dass ein Zusammenhang zwischen Wolfs Leben im Überwachungsstaat der DDR und ihrer teilweise verschlüsselt anmutenden Textkonstruktion bestehen könnte, oder Harigs bildliche Schreibweise und sein Hang zum Geschichten erzählen durch seine Arbeit mit experimenteller Literatur inspiriert ist. Inwiefern die Texteigenschaften und die verwendeten Erzähltechniken jeweils bereits ihre Wurzeln in der Kindheit der Autoren haben, ist ein weiteres Untersuchungsziel. Bei Ruth Klüger ist ein solcher Zusammenhang am ehesten anzunehmen, denn sie hat bereits in früher Kindheit während ihrer Inhaftierung in Auschwitz Gedichte geschrieben und auch Lyrik anderer Autoren immer wieder für sich selbst rezitiert. Bei ihr sind Gedichte und Literatur teilweise als eine Art Überlebensstrategie zu verstehen.

Im Anschluss an eine allgemeiner gehaltene Beschreibung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Literatur (Kapitel 3), in der unter anderem die unterschiedlichen Schreibanlässe der Autoren thematisiert werden, folgt eine Diskussion über die Gattungsbezeichnungen der Werke. In diesem Bereich gibt es große Diskrepanzen innerhalb der Kritik und der Literaturwissenschaft. Diese beginnen beispielsweise zu Wolfs Buch bereits mit der Veröffentlichung unter verschiedenen Bezeichnungen. Während es in der Bundesrepublik mit dem Zusatz Roman im Luchterhand Verlag erschien, wurde der hier verwendeten DDR-Ausgabe des Aufbau Verlages keine solche Genre-Definition hinzugefügt. Wenn Ruth Klüger zum Beispiel behauptet, eine Autobiographie sei eine Geschichte in der Ich-Form , so entsteht spätestens dann zusätzlicher Diskussionsbedarf, wenn man die verschiedenen Erzählebenen und Alter-Egos in Wolfs KM betrachtet, die keinesfalls immer in der ersten Person gehalten sind.

Die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Inhalt und Form der Texte unter Einbeziehung der tatsächlichen Biographien der Autoren sowie die Frage, wie sich Literatur aus der Täter- und Opferperspektive unterscheidet, sind weitere Schwerpunkte dieser Betrachtung.

Alle drei Bücher sind unter anderem als Warnungen vor rassistischem und übertrieben konformem Verhalten zu verstehen. Diese werden auf verschiedene Art und Weise zum Ausdruck gebracht. Wo die Unterschiede liegen und an welcher Stelle Parallelen zu erkennen sind, wird im Folgenden zu untersuchen sein.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 2
2. Biographische Informationen zu den Autoren 5
2.1 Ludwig Harig 6
2.2 Ruth Klüger 8
2.3 Christa Wolf 10
3. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Literatur 13
4. Das erinnerte Ich, Fiktionalität und Authentizität, Subjektivität und Objektivität 20
4.1 Autobiographie oder biographischer Roman? – Überlegungen zu Gattungsbezeichnungen der drei Werke 24
4.2. Dokumente und Zeitzeugen gegen das Vergessen 31
4.3 Erzählstruktur 35
4.4 Fakten und Fiktion im biographischen Roman 41
4.4.1 Fakten und Fiktion in Weh dem, der aus der Reihe tanzt 43
4.4.2 Fakten und Fiktion in Weiter Leben. Eine Jugend 49
4.4.3 Fakten und Fiktion in Kindheitsmuster 55
4.5 Täter, Opfer und Mitläufer 61
4.6 Intertextualität 67
4.6.1 Ruth Klügers Lyrik im Konzentrationslager 71
5. Wie sind wir so geworden wie wir heute sind? 73
Literaturverzeichnis 76
Primärtexte 76
Sekundärliteratur 76
Onlinequellen 78

Textprobe:

Kapitel 4.4, Fakten und Fiktion in biographischen Texten:

‘Die historischen Fakten, wenn sie überhaupt verwendet werden, ändern die Spielregeln: man muss sie ernst nehmen.’ Der Grad an Fiktionalität in biographischen Schriften ist immer ein kontroverses Thema, wie bereits mehrmals angeklungen ist. Es hängt viel von den persönlichen Präferenzen des Lesers ab, wie sehr er sich auf fiktionale Elemente in biographischen Schriften einlassen möchte. Man könnte argumentieren, er hätte vorzugsweise zu einem Roman greifen sollen, wenn er Unterhaltung und Fiktion sucht. Der Rezipient einer Autobiographie möchte in der Regel etwas Authentisches über den Autor und dessen Leben erfahren. Er verlässt sich auf die Richtigkeit der Umstände und Geschehnisse und erwartet ein gewisses Maß an Ehrlichkeit und Nachprüfbarkeit, wenn er eine Autobiographie liest. Ein fiktionaler Text sollte eindeutig als solcher gekennzeichnet sein. Problematisch wird es, wenn der Leser durch die Vortäuschung falscher Tatsachen in die Irre geführt wird und somit eine Lüge anstelle der Fiktion tritt. Wie wichtig die Bezeichnung eines Textes für dessen Rezeption sein kann, soll ein Beispiel Klügers verdeutlichen, die scharfe Kritik an Wolfgang Koeppen und dessen Verlag Suhrkamp übt. Das Buch Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch , das 1948 unter dem Namen des jüdischen Holocaust-Überlebenden Jakob Littner selbst erschienen war, wurde 1992 ein zweites Mal, diesmal als Roman unter Koeppens Namen, der inzwischen ein berühmter Schriftsteller geworden war, neu veröffentlicht. Klüger nennt das einen ebenso exemplarischen wie irritierenden Fall. Sie schreibt in ihrem Aufsatz Fakten und Fiktionen:

‘Wenn das nun die Meinungsäußerungen des jüdischen Überlebenden sein sollen, in Wirklichkeit aber die Parolen eines deutschen Nichtjuden sind, so handelt es sich schlicht um eine Lüge, nicht um Fiktion.’ Der Unterschied liegt für Klüger darin, ob es ein Buch von einem Juden oder ein Buch über die Juden von einem Nichtjuden sei.

Das Buch sei voller Meinungsäußerungen über Strafe und Gerechtigkeit und über das Mitwirken der Judenräte an den Verbrechen. Es ende mit einem weinerlichen Versöhnungspathos. So sei der Text von 1948 aus Klügers Sicht verlogener als der von 1992, obwohl sie identisch seien. Aber auch die Edition unter Koeppens Namen sei von Lügen umgeben. In dem beigegebenen Vorwort leugne Koeppen, Littner persönlich gekannt zu haben und von einem damals vorliegenden Manuskript zu wissen. In Wahrheit habe Koeppen fast alles nur leicht verändert abgeschrieben. Ruth Klüger will Koeppen und dem Suhrkamp Verlag die Redlichkeit nicht völlig absprechen, gleichwohl laufe die Edition faktisch auf eine letzte Enteignung und Erniedrigung der Erinnerungen Littners, gleichsam auf eine Arisierung jüdischen Erlebens hinaus. Die Ausdrucksweise Klügers ist zu diesem Fall drastisch und eventuell übertrieben, aber sie verdeutlicht die Problematik eines teilweise vorgetäuschten Wahrheitsgehalts. Wenn nun Wolfgang Koeppen den Text 1992 einen Roman nennt, ist es keine Lüge mehr, sondern eine Fiktion. Er wandelt das Ich in einen fiktionalen Ich-Erzähler um, wodurch eine Art Dokumentarroman entsteht. Dass er trotzdem hart kritisiert wurde, läge an den Beschwichtigungen, die sich laut Apel in den Text einschlichen.

Klüger unterscheidet Historiker und Schriftsteller oder Geschichtsschreiber und Dichter, wie sie sich ausdrückt, anhand eines entscheidenden Unterschiedes, der im folgenden Zitat aus ihrer Vortragsreihe Fakten und Fiktionen zum Ausdruck gebracht wird:

‘Der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch, dass der eine Verse schreibt und der andere nicht; sie unterscheiden sich vielmehr darin, dass der eine erzählt, was geschehen ist, der andere, was geschehen könnte.’ Ein Historiker kann nur Begebenheiten aus der Vergangenheit beschreiben, während sich einem Romanautor alle Zeitebenen eröffnen. Es ist ihm möglich, bereits Geschehenes anders darzustellen als es in Wirklichkeit passiert ist und darüber hinaus sogar die Zukunft in seine Fiktion mit einzubeziehen, beziehungsweise Vermutungen anzustellen, wie etwas geschehen könnte oder hätte geschehen können. In keinem der hier zu untersuchenden Texte wird von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Arbeit zitieren:
Mankus, Kay Juli 2011: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anhand von ausgewählten Biographien, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Nationalsozialismus, Biographien, Ludwig Harig, Christa Wolf, Ruth Klüger

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