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Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – Möglichkeiten durch Klettern

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – Möglichkeiten durch Klettern
Über dieses Buch
  • Art: Studienarbeit
  • Autor: Christian Pfanzelt
  • Abgabedatum: September 2008
  • Umfang: 100 Seiten
  • Dateigröße: 1,7 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität München Deutschland
  • Bibliografie: ca. 52
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1053-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Pfanzelt, Christian September 2008: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – Möglichkeiten durch Klettern, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: ADHS, Sport, Klettern, ADS, Behandlung

Studienarbeit von Christian Pfanzelt

Einleitung:

‘Können Sie Ihr Kind nicht erziehen?’ Diese Frage müssen sich heutzutage immer mehr Eltern ständig vorhalten lassen. Ihre Kinder fallen oft auf, stören den Unterricht, können sich nicht ruhig halten, nicht ausdauernd konzentrieren und haben Schwierigkeiten im Umgang mit sich selbst und mit anderen Kindern. Dies sind nur einige Punkte, mit denen sich viele Eltern, mehr als andere, auseinander setzen müssen. Doch ist es ihre eigene Schuld? Haben sie in der Erziehung versagt? Oder konnten sie dagegen einfach nichts unternehmen.

Der Grund des Verhaltens ihrer Kinder ist meist eine Aufmerksamkeitsstörung. Unaufmerksamkeit, Unkonzentriertheit, Hyperaktivität und Impulsivität, was auch immer die Ursache sein mag, spätestens mit der Einschulung resultieren aus diesen Symptomen Probleme in der Schule sowie in der Familie. Eltern und Lehrer sind oft ratlos und wissen sich nicht zu helfen, obwohl es seit Jahren unzählige Studien über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom gibt. Doch nicht immer wird wertfrei und objektiv beurteilt. Denn hinter den Erklärungsansätzen für das beobachtete Verhalten stecken zahlreiche Interessen, etwa der traditionellen Medizin wie der Pharmaindustrie, der Lehrkräfte, so wie auch von betroffenen Eltern. Von daher ist es oft schwierig, die richtigen Tipps für Eltern und Lehrer zu finden, die dem Kind wirklich weiterhelfen.

Die erste Erfahrung mit dieser Krankheit machte ich im Jahr 2005, als die Evangelische Jugend Freising in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Jugend Trudering ein Kletterprojekt für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten startete. Diese Erfahrungen sollen am Ende dieser Arbeit ebenfalls mit einfließen.

Nach Aufklärung über das Symptom möchte ich in dieser Arbeit speziell auf die Wirkung eingehen, die das Klettern für Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung hat, denn Klettern ist eine ausgezeichnete Sportart, um Betroffenen bei der Bewältigung ihrer Probleme zu helfen. Die Sportart, die im letzten Jahrzehnt einen Boom wie keine andere gemacht hat, bringt zahlreiche Voraussetzungen wie Aufmerksamkeit, Konzentration, aber auch Spaß und Freude sowie Risiko mit sich. Beim Klettern soll man die eigenen Grenzen erfahren und erweitern. Dies trägt maßgeblich am Aufschwung des Kletterns in Schulen und Jugendeinrichtungen bei und auch von Seiten der Therapie wird Klettern schon seit einiger Zeit für die Haltungsschulung verwendet. Doch Klettern soll auch eine therapeutische Wirkung auf Kinder mit ADHS haben, welche in Kapitel 4 herausgearbeitet werden.

Diese Arbeit soll auch eine Hilfe für (Sport-)Lehrer sein. Denn immer mehr Kinder zeigen Ansätze einer Aufmerksamkeitsstörung. Deshalb finde ich es wichtig, sich mit dieser Krankheit zu beschäftigen, damit der Umgang mit betroffenen Kindern erleichtert werden kann. Denn nur wer über fundiertes Wissen verfügt, weiß, welche Maßnahmen und Hilfen für die betroffenen Kinder und Jugendliche von Nutzen sind.

Spezielle Kenntnisse im Klettern habe ich im Wahlfach Klettern während meiner Ausbildung an der sportwissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität München erworben. Das bereits abgelegte Staatsexamen in Erziehungswissenschaften brachte mir dazu einen tiefen Einblick in die Psychologie von Kindern, welcher mir bei dieser Arbeit sehr geholfen hat.

Da in der Literatur oft wechselnde Begriffe verwendet werden, soll in dieser Arbeit stets der Begriff ADHS verwendet werden, weil dies meiner Meinung nach die beste Definition ist. ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder -syndrom.

Inhaltsverzeichnis:

ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS IV
1. EINLEITUNG 1
2. ADHS – MEDIZINISCHE ASPEKTE 3
2.1 Erklärungsansätze 3
2.2 Formen und Symptome der ADHS 4
2.2.1 Primäre Symptome 4
2.2.2 Typen der ADHS nach DSM IV und ICD 10 6
2.2.3 Begleitende Symptome 9
2.3 Ursache und Entstehung der Krankheit 11
2.3.1 Celebrale Dysfunktion – neurologische Hirnschädigung 12
2.3.2 Vererbung 13
2.3.3 Ernährung und Umweltgifte 14
2.3.4 Soziales Umfeld und Erziehung 14
2.4 Diagnose 15
2.4.1 Multiaxiales Klassifikationsschema 15
2.4.2 Geschlechterhäufigkeit und Dauer 16
2.4.3 Aufmerksamkeitsdefizit – Grenze zum Normalsein 16
2.4.4 Stärken der Betroffenen 17
2.5 Therapie 18
2.5.1 Voraussetzungen 18
2.5.2 Therapiemaßnahme – das multimodale Therapiekonzept 18
2.5.3 Medikamentöse Behandlung 19
2.5.3.1 Methylphendiat – das Wundermittel? 19
2.5.3.2 Anstieg MPH in den vergangenen Jahren 20
2.6 Weitere Informationen zur ADHS 21
2.7 Kritiker der ADHS 24
3. KLETTERN – VORSTELLUNG DER SPORTART 26
3.1 Sportklettern 26
3.2 Materialkunde 28
3.3 Partnercheck 31
3.4 Aufstiegsarten 31
3.5 Bouldern 32
4. KLETTERN ALS THERAPIEGEEIGNETE SPORTART FÜR ADHS 34
4.1 Wirkungsdimensionen für ADHS – Therapeutische Stoßrichtungen 34
4.2 Motivation 35
4.2.1 Verbesserung der Motivation 37
4.2.2 Praktische Umsetzung beim Klettern 39
4.3 Wahrnehmung, Kognition und Problemlösung 43
4.3.1 Theoretische Ansätze 43
4.3.2 Bezug zum Klettern 45
4.4 Sportmotorische Fähigkeiten 47
4.4.1 Konditionelle und koordinative Fähigkeiten 48
4.4.2 Umsetzung beim Klettern 51
4.5 Soziales Lernen – Verantwortung und Vertrauen 54
4.5.1 Was ist sozial? 54
4.5.2 Verantwortung, Vertrauen und Konzentration beim Klettern 54
4.6 Selbstkonzept verbessern 58
4.6.1 Faktoren, die das Selbstkonzept beeinflussen 58
4.6.2 Praktische Umsetzung beim Klettern 60
4.7 Förderung der sensorischen Integration 62
4.8 Zusammenfassung 63
5. KLETTERFREIZEIT MIT ADHS BETROFFENEN KINDERN 64
5.1 Leitende Aspekte in der Vorbereitung 64
5.1.1 Stärkung des Selbstbewusstseins 66
5.1.2 Sicherheit und Technik - Vermittlung der Grundtechniken 67
5.1.3 Klettern 68
5.1.4 Grundgedanken zum Tagesablauf 68
5.1.5 Erwartungen und Vorsätze der Mitarbeiter 69
5.2 Verlauf des Wochenendes 69
5.2.1 Atmosphäre 69
5.2.2 Materialkunde und Sicherungstechnik 70
5.2.3 Klettern 71
5.2.4 Spaßerlebnis Klettergarten 72
5.2.5 Symptome – Auffälligkeiten 72
5.2.6 Therapeutische Wirkung 75
5.3 Auswertung der Freizeit 76
6. FAZIT UND AUSBLICK 82
ANHANG VI
LITERATURVERZEICHNIS XII

Textprobe:

Kapitel 2.4, Diagnose:

Wie erkennt man nun, ob ein Kind ADHS hat oder nicht. Grundsätzlich gilt, dass die Diagnose möglichst so früh wie möglich gestellt werden sollte, am besten schon um das vierte Lebensjahr. Doch blauäugig zu urteilen macht keinen Sinn. Deshalb sollte diese nur ein erfahrener Kliniker, ein Arzt oder ein Diplompsychologe vornehmen. Einer der wichtigsten Faktoren ist eine ausgiebige Untersuchung und eine Sammlung von Informationen von Eltern, Lehrern und anderen Beteiligten. Nur sorgfältiges Befragen, Testen und Beobachten führt zum Erfolg. Denn gerade die pubertäre Phase macht eine exakte Diagnose nicht ganz einfach.

2.4.1, Multiaxiales Klassifikationsschema:

Neuhaus befürwortet das multiaxiale Klassifikationsschema. Hier wird nach den Kriterien des ICD 10 und DSM IV eine Diagnose gestellt. Das Diagnoseschema erlaubt eine komplexe Erfassung der Gesamtbeeinträchtigung und bietet die Möglichkeit zur differenzial-diagnostischen Abgrenzung. Es wird in sechs Achsen aufgeteilt.

Achse 1: Diagnose – klinisch psychiatrisches Syndrom.

Achse 2: begleitende Entwicklungsstörungen.

Achse 3: Entwicklungsstand / IQ ermitteln.

Achse 4: körperliche Symptomatik abklären.

Achse 5: psychosoziale Umstände einschätzen.

Achse 6: Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung.

Beachten sollte man hierbei, dass Betroffene oft eine gestörte Selbstwahrnehmung haben. Sie urteilen nicht objektiv über sich, das führt zu Verzerrungen. Deshalb darf sich der Diagnostiker nicht von Mimik, Gestik und Tonfall täuschen lassen.

Bei der Diagnose ist es wichtig, ADHS von anderen Krankheiten abzugrenzen. Viele Symptome überlagern sich mit anderen Krankheiten und Kritiker warnen besonders vor diesen Verwechslungen. Beispielsweise erkennt man ADHS bei Angststörungen dadurch, dass die klassischen Angstbehandlungen fehlschlagen. Auch Persönlichkeitsstörungen müssen klar abgegrenzt werden. Antisoziale Störungen werden allerdings klar ADHS zugeordnet, wobei die manisch-depressive Erkrankung und schizophrene Störungen gut abgrenzbar sind und ein eigenes Krankheitsbild darstellen.

2.4.2, Geschlechterhäufigkeit und Dauer:

Die zahlreichen Forschungen der letzten Jahre widerlegen teilweise auch alt geglaubte Anzeichen der Krankheit. So ging man früher davon aus, das hauptsächlich Jungen von ADHS betroffen sind und Mädchen sehr viel seltener. Heutzutage wird ADHS bei Jungen zwar zwei- bis viermal häufiger diagnostiziert, was allerdings daran liegen kann, dass man die Hyperaktivität, an denen meist Jungen leiden, schneller erkennt. Mädchen, die häufig vom unaufmerksamen Typ betroffen sind, werden schnell als schüchtern, ängstlich und dumm abgestempelt.

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Dauer der Krankheit. Hört Sie mit einem bestimmten Alter auf? Wächst man sozusagen raus oder bleiben die Symptome das ganze Leben. Nach den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft geht man davon aus, dass mindestens zwei Drittel aller betroffenen Kinder die Symptome in das Erwachsenenalter mitnehmen. Lediglich die Hyperaktivität schwächt sich bei allen etwas ab und wird durch eine ‘innere Getriebenheit’ oder ‘innere Unruhe’.

2.4.3, Aufmerksamkeitsdefizit – Grenze zum Normalsein:

Diagnosekriterien wie ICD 10 und DSM IV tragen in den letzten Jahren natürlich dazu bei, dass mehr ADHS diagnostiziert wird, da es klare Erkennungsmerkmale der Krankheit gibt. Genau genommen wären eigentlich alle Menschen von dieser Störung betroffen, da wir ständig an einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden. Pro Sekunde ist ein Informationsquantum von 107 bis 109 bit zu verarbeiten. Allerdings gelangt nur ein winziger Bruchteil davon ins Bewusstsein. Aber unsere Gesellschaft reagiert sofort auf Störungen und versucht diese möglichst schnell auszuschalten. Doch woran orientiert man sich? Wo fängt der Begriff ‘Störung’ an und wo hört es auf, ‘normal’ zu sein? Wäre es hier wünschenswert, mit Training, Medikamenten und Genmanipulation einen perfekten, reibungslos funktionierenden Menschen zu kreieren? Doch würde das dann ‘normal’ sein? Wissenschaftler können nur grobe Angaben über das durchschnittliche Verhalten gleichaltriger machen, mehr nicht. Wirklich ‘normal’ ist doch nur die einmalige Persönlichkeit, die sehr unterschiedliche persönliche Eigenschaften mit sich bringt, aber auch Schwächen und Handicaps besitzt. Das ‘Normale’ ist ja damit gerade das ‘Verschiedene’.

Darüber hinaus wird in unserer Gesellschaft sehr schnell von ‘Behinderung’ geredet, was dazu noch oft mit ‘Makel’ übersetzt wird. Generell ist es entscheidend, die Schwere und Art einer Krankheit festzustellen, um von einer Behinderung reden zu können – oder zu müssen. Es ist durchaus vorstellbar, dass Eltern schwer betroffener Kinder mit ADHS den Grad der Behinderung feststellen lassen könnten. Das Schwerbehindertengesetz enthält zahlreiche Parameter. Doch aus Angst das Kind noch mehr zu etikettieren, schrecken die meisten Eltern verständlicherweise davor zurück.

2.4.4, Stärken der Betroffenen:

ADHS ist ein sehr negativ belasteter Begriff. Die Diagnose rückt ausschließlich negative Symptome in den Mittelpunkt. Aber die Betroffenen haben auch eine Reihe von Merkmalen positiver Art. Bei hoher Motivation verfügen sie über eine auffallende Wachheit und sehr guter Umsetzungsfähigkeit, die sich in sehr guter Leistungsfähigkeit ausdrückt. Sie sind geprägt von einem starken Gerechtigkeitssinn, der nicht nur für sie selbst, sondern auch für andere gilt. Auffallend ist außerdem eine extreme, oft auch spontane Hilfsbereitschaft, bei der sie viel Ausdauer und Einfühlsamkeit zeigen. Dazu verfügen sie über eine ausgeprägte Hypersensibilität und Empathie, welche ihnen erlaubt zu erkennen, ob jemand gemocht wird und ob es jemanden gut oder schlecht geht. Sie zeichnen sich durch eine hohe Kreativität, Fantasie und Spaß am kreativen Tun aus. Erhalten sie eine echte Entschuldigung, verzeihen sie meist spontan und vollständig. Deshalb sollten diese Kriterien bei einer Diagnose mit aufgenommen werden. Denn damit können die Kinder im alltäglichen Leben und der Therapie gestärkt werden.

Arbeit zitieren:
Pfanzelt, Christian September 2008: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – Möglichkeiten durch Klettern, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
ADHS, Sport, Klettern, ADS, Behandlung

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