Aspekte und Probleme der Berichterstattung im privaten Lokalfunk
Eine Fallstudie am Beispiel von Radio Hagen/NRW
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Matthias Busch
- Abgabedatum: September 2003
- Umfang: 150 Seiten
- Dateigröße: 691,1 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Philipps-Universität Marburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9868-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9868-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9868-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Busch, Matthias September 2003: Aspekte und Probleme der Berichterstattung im privaten Lokalfunk, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Programmstruktur, Beitragsform, Bericht, Hörer, Redakteur
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Magisterarbeit von Matthias Busch
Einleitung:
Kultur, Sport, Information und Unfälle - In diesem einen Nachrichtenblock von RADIO HAGEN erkennt man die Vielfalt der Themen, die bei einem lokalen Radiosender aufgegriffen werden. Geschehnisse aus der direkten Umgebung werden hier nach außen transportiert. Zurzeit gibt es in Nordrhein-Westfalen 44 lokale Radiosender, die gemeinsam mit dem Rahmenprogramm von radio NRW 24 h senden. Das bedeutet, dass fünf bis acht Stunden die Programminhalte in der jeweiligen Gemeinde oder dem entsprechenden Kreis produziert werden und die übrige Zeit radio NRW in Oberhausen die Programmgestaltung übernimmt.
Vor 13 Jahren, im Jahr 1990, ging das erste Lokalradio auf Sendung. Mit der Entstehung des lokalen Hörfunks in Nordrhein-Westfalen wurden Richtlinien festgesetzt. So orientierten sich die NRW Lokalradios zunächst an dem Landesrundfunkgesetz Nordrhein-Westfalen und seit dem 2. Juli 2002 an dem Landesmediengesetz Nordrhein-Westfalen. Damit gelten momentan für den lokalen Hörfunk, laut § 53 (1) des Landesmediengesetzes NRW folgenden Programmgrundsätze:
„Lokaler Hörfunk ist dem Gemeinwohl verpflichtet. Lokale Programme müssen das öffentliche Geschehen im Verbreitungsgebiet darstellen und wesentliche Anteile an Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung enthalten. (…) Sie dürfen sich nicht ausschließlich an bestimmte Zielgruppen wenden und sollen darauf ausgerichtet sein, bei den Hörfunkteilnehmerinnen und –teilnehmern angenommen zu werden. In jedem lokalen Programm muss die Vielfalt der Meinungen in möglichster Breite und Vollständigkeit zum Ausdruck gebracht werden. Die bedeutsamen politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen im Verbreitungsgebiet müssen in jedem lokalen Programm zu Wort kommen.“ Nach diesen Vorgaben soll das Programm in den 44 lokalen Hörfunkstationen gestaltet werden. Die Programmgrundsätze zeigen sehr deutlich, dass es bei einem Lokalsender vor allem darum geht, die örtlich unmittelbaren Geschehnissen und die kulturellen, politischen und sozialen Geschichten der Menschen vor Ort in ihrer Vielfalt aufzugreifen und im Programm darzustellen.
Durch die Breite der Informationen und Programmgestaltung soll auf diese Weise ein großer Kreis Hörer angesprochen werden. Im Jahre 2002 schalteten in Nordrhein-Westfalen 76,8 Prozent der Bürger ab 14 Jahren mindestens ein Mal pro Tag das Radio ein. Die privaten Lokalradios versuchen durch Formatradio ihre Hörer an sich zu binden. Formatradio bedeutet, dass „aufgrund einer ausgesuchten Analyse des potentiellen Zielpublikums gezielt ein Programmstil entwickelt“ wird. Die Zielgruppe der NRW-Lokalradios sind die 20–49jährigen.
Ein fester Hörerkreis ist für die einzelnen Lokalradios besonders wichtig, da sie sich ausschließlich durch Werbung finanzieren. Niedrige oder sinkende Quoten führen dazu, dass Werbekunden fernbleiben. Das Lokalradio muss deswegen seine Besonderheiten nutzen, wie die unmittelbare Nähe zu den Bürgern und den Geschehnissen in der Stadt. Die Probleme und Aspekte der Berichterstattung sind durch die eben aufgeführten Voraussetzungen und Ziele geprägt:
Diese Arbeit analysiert wie Programmgrundsätze umgesetzt werden und Höreranbindung erreicht wird. Dabei handelt es sich um eine Fallstudie am Beispiel des Lokalradios aus Hagen in Nordrhein-Westfalen: RADIO HAGEN.
RADIO HAGEN sendet seit September 1990 fünf Stunden Programm aus Hagen. Die gesetzlichen Vorgaben für das Programm im Lokalfunk sind eindeutig und das Ziel der Höreranbindung offensichtlich. Es gilt zu betrachten, wie die Umsetzung in der Realität aussieht. Die Auswertung eines Fragebogens soll verdeutlichen, wie die Mitarbeiter selbst ihre Arbeit und deren Umsetzung einschätzen.
Der Fragebogen ist an alle Festangestellten und Volontäre bei RADIO HAGEN verteilt worden. Somit waren sechs RedakteurInnen, inklusive der Chefredakteurin, und zwei VolontärInnen von der Befragung betroffen. Die freien MitarbeiterInnen und PraktikantInnen sind ausgeklammert worden, da sie nur unregelmäßig an den Redaktionsabläufen teilnehmen.
Zu Beginn sollten die Befragten ihre Stellung im Sender angeben und konnten nach eigenem Wunsch entscheiden, ob sie anonym bleiben oder ihren Namen nennen wollen. Aufgrund dessen werden die Zitierten im Verlauf der Arbeit nicht immer namentlich genannt. Bei den ersten fünf Fragen übernahm ich die Zuordnung und Einteilung der Antworten und die Befragten mussten nur ankreuzen. Die übrigen Fragen gehen mehr in die Tiefe und erforderten eine persönliche Einschätzung oder Stellungnahme. An dieser Stelle sei erwähnt, dass diese Form der Forschung nur subjektive Meinungen wiedergeben kann. So betont der Soziologe Andreas Diekmann:
„Das Problem selektiver Wahrnehmung ist bei der Prüfung von Zusammenhängen deshalb von besonderem Gewicht, weil bevorzugt jene Wahrnehmungen registriert werden, die liebgewonnene Vorurteile und Hypothesen bestätigen.“ Das bedeutet, dass die Antworten der Redakteure nur Resultate ihrer selektiven Wahrnehmung sind, und deswegen einer genauen Analyse und einem Vergleich mit der Realität bedürfen. Ich bin selbst als freier Mitarbeiter seit 1999 bei diesem lokalen Sender als Reporter und Moderator tätig und habe natürlich auch subjektive Eindrücke. In den letzten 4 Jahren lernte ich die täglichen Abläufe in der Redaktion kennen und konnte mir so ein Bild davon verschaffen, da ich nicht als Beobachter, sondern als Redaktionsmitglied, tätig war.
In dieser Arbeit werde ich den Alltag bei RADIO HAGEN beschreiben. Meine subjektiven Eindrücke, so wie die der RedakteurInnen und VolontärInnen, werde ich kritisch hinterfragen und mit der Realität gegenüberstellen. Mein Ziel ist es am konkreten Beispiel des Senders RADIO HAGEN zu untersuchen, wie regionale Berichterstattung unter den gesetzlichen Vorgaben umgesetzt wird.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Lokalfunk in NRW | 5 |
| 2.1 | Die Geschichte | 5 |
| 2.1.1 | Einordnung | 7 |
| 2.2 | Das Zwei-Säulen-Modell | 9 |
| 2.2.1 | Einordnung | 11 |
| 3. | Lokalfunk am Beispiel von RADIO HAGEN | 15 |
| 3.1 | Personelle Ausstattung | 15 |
| 3.1.1 | Einordnung | 15 |
| 3.2 | Aufgabenverteilung in der Redaktion | 17 |
| 3.2.1 | Einordnung | 19 |
| 3.3 | Materielle Ausstattung der Redaktion | 19 |
| 3.3.1 | Einordnung | 21 |
| 4. | Themen im Programm von RADIO HAGEN | 23 |
| 4.1 | Themenfindung | 23 |
| 4.1.1 | Einordnung | 26 |
| 4.2 | Themenschwerpunkte | 28 |
| 4.2.1 | Einordnung | 30 |
| 4.3 | Themenbearbeitung | 36 |
| 4.3.1 | Einordnung | 36 |
| 5. | Die Programmstrukturen bei RADIO HAGEN | 39 |
| 5.1 | Die Sendestruktur | 39 |
| 5.1.1 | Einordnung | 42 |
| 5.2 | Der Sendeplan | 43 |
| 5.2.1 | Einordnung | 44 |
| 6. | Musik im Lokalfunk | 46 |
| 6.1 | Musikfarbe | 46 |
| 6.1.1 | Einordnung | 47 |
| 7. | Analyse ausgewählter Beitragsformen aus dem Programm von RADIO HAGEN | 49 |
| 7.1 | Moderation | 49 |
| 7.1.1 | Einordnung | 52 |
| 7.2 | Analyse eines Kollegengesprächs | 55 |
| 7.2.1 | Hintergrund und Inhalt | 55 |
| 7.2.1.1 | Einordnung | 59 |
| 7.3 | Analyse einer Umfrage | 63 |
| 7.3.1 | Hintergrund und Inhalt | 64 |
| 7.3.1.1 | Einordnung | 65 |
| 7.4 | Analyse eines Beitrag mit O-Ton | 67 |
| 7.4.1 | Hintergrund und Inhalt | 68 |
| 7.4.1.1 | Einordnung | 72 |
| 7.5 | Die Nachrichten aus der Stadt | 75 |
| 7.5.1 | Einordnung | 78 |
| 8. | Der Hörer im Programm von RADIO HAGEN | 81 |
| 8.1 | Hörerbeteiligung | 81 |
| 8.1.2 | Einordnung | 82 |
| 8.2 | Bürgerfunk | 84 |
| 8.2.1 | Einordnung | 86 |
| 9. | Schlussbetrachtung | 88 |
| 10. | Literaturliste | 91 |
| 11. | Anhang | 98 |
lokalen Sendungen analysierte er die „Leistung“ der Moderatoren. Auffallend ist, dass die ModeratorInnen oft sehr distanziert wirken.118 Sie geben so gut wie nie etwas von sich persönlich preis und nutzen in den seltensten Fällen Wörter wie „ich“ sondern sprechen meist in der „anonymen“ Version durch Verallgemeinerungen wie „man“. Hier könnte man von fehlendem Gefühl für die lokale Nähe sprechen. Jede ModeratorIn ist auch mal als ReporterIn auf der Straße unterwegs, und insofern können sich viele der Hörer zu der Stimme auch ein Gesicht vorstellen. Dies ist der große Vorteil des Lokalfunks, der auch aus der „Anonymität“ des Studios genutzt werden sollten. Persönliche Anekdoten machen die ModeratorIn menschlicher und greifbarer. Auch Musikmoderationen finden bei RADIO HAGEN kaum einen Platz119: es wird auf Beiträge oder Nachrichten hingewiesen, aber Titel und Interpreten beziehungsweise den entsprechenden „Klatsch und Tratsch“ hört man nicht. Selbst hier könnte man lokale Kompetenz beweisen, indem man auf international bekannte Stars eingeht. So ist beispielsweise die Popsängerin „Nena“ gebürtig aus Hagen. Oder man kann eine „Servicemoderation“ einsetzen, indem man Konzertdaten von Künstlern nennt, die in oder im erreichbaren Umkreis von Hagen auftreten. Denn auch im Lokalradio sollte die Musik ein Thema sein, da die Musikauswahl „sowohl bei der Höreranbindung als auch bei der Steuerung der gezielten Ansprache bestimmter demographischer Altersgruppen die zentrale Rolle“120 spielt. Hier zeigt sich deutlich, dass die Art der Moderation entscheidend ist bei der Höreranbindung. Diese Regeln und den beschriebenen Stil haben sich die RedakteurInnen bei RADIO HAGEN erarbeitet. Bevor nun an konkreten Beispielen Beitragsformen analysiert werden, sei noch erwähnt das laut der Studie über das Programm des Duisburger Lokalradios die Vielfalt der Beitragsformen häufig nicht genutzt wird: [...]
Bei RADIO HAGEN sind alle RedakteurInnen als ModeratorInnen tätig. Zudem arbeiten zwei Freier Mitarbeiter an den Wochenenden, den Feiertagen und als Urlaubsvertretung als Moderatoren. Das bedeutet das zehn Personen für die Sendungen eingesetzt werden. Eine ModeratorIn ist dafür zuständig, die redaktionellen Beiträge, die seine KollegInnen zuliefern, zu präsentieren. Die BeitragsautorInnen informieren die ModeratorIn im Vorfeld über das Thema. In der Regel verfassen sie eine Notiz mit Informationen, die sie im Beitrag nicht verwendet haben. Auf diese Weise können diese für die Anmoderation verwendet werden. Bei RADIO HAGEN ist die ModeratorIn selbst für diese Anmoderation zuständig; die Beitragsautoren liefern keine fertigen Versionen. Bei anderen Sendern, wie dem Lokalsender „Radio EN“ müssen die Beitragsautoren eine Anmoderation schreiben und häufig liest der Moderator diese unverändert vor. Diese Erfahrung konnte ich bei einem Praktikum bei Radio en machen. Die ModeratorInnnen bei RADIO HAGEN beweisen bei ihrer Themenwahl, dass ihnen klar ist, worum es geht: Lokalität. Die für Beiträge vorgesehenen Sendeplätze werden fast ausschließlich mit regionalen Inhalten versehen, was sich durch die Beobachtung des Programms und eigene Erfahrungen belegen lässt. Lediglich ein Beitragsplatz in der Frühsendung Hallo Wach wird mit überregionalen Themen versehen, womit sportliche Ereignisse wie zum Beispiel Formel 1, oder Tour de France, beziehungsweise politische Ereignisse, wie zum Beispiel die Gesundheitsreform einen Platz im Programm finden. Hier zeigt sich, dass die ModeratorInnen wissen, dass sie „lokale Kompetenz“ vorweisen müssen. Diese sollten sie dadurch beweisen, dass sie mit den Geschehnissen in der Stadt vertraut sind. Der Hörer muss das Gefühl bekommen, dass der Moderator ihn und seine Gefühle und Bedürfnisse befriedigt. Am zweiten und dritten Juli 2003 fand bei RADIO HAGEN erneut ein Workshop mit Thomas Rump von der Firma proconsult statt. Mit Hilfe von Mittschnitten der [...]
8. Abkürzungen gegebenenfalls mehrmals erklären 9. Zitate eindeutig von eigenen Sätzen abgrenzen Mit Hilfe dieser Regeln soll dem Hörer auf verständliche Art und Weise das Programm präsentiert werden. Bei diesen Regeln handelt es sich um grundsätzliche sprachliche Vorgaben, die ein Moderator sich aneignen sollte. Beim Lokalfunk müssen die RedakteurInnen dies beherrschen, um ein hörernahes Programm bieten zu können. Neben diesen Regeln, die zum „Handwerk“ gehören, müssen auf inhaltlicher Ebene noch besondere Vorgaben gelten. Aufgrund dessen beschloss die Redaktion intern, sich die Formen zu verdeutlichen, die besonders für den Lokalfunk wichtig sind. In einer internen RADIO–HAGENKonferenz, an der alle redaktionellen Mitarbeiter teilnahmen, setzte man gemeinsam folgende Regeln fest114: Wichtig ist es sich zu besinnen: „Die Stadt ist der Star.“115 Das bedeutet, dass alles, was „on-air“ gesagt wird, einen Bezug zu der Stadt aufweisen sollte. Dabei steht die Stadt selbst und ihre Bewohner im Mittelpunkt. Ein weiterer Punkt ist, dass an erster Stelle immer die Hörer kommen und dann das Programm. Durch einfache sprachliche Mittel kann man dem Rezipienten vermitteln, dass das Programm für ihn gestaltet wird. So heißt es: “Sie haben einen schlechten Tag? Dann bringen wir Sie mit der besten Musik wieder gut drauf.“ und nicht: “Wir haben die beste Musik, und deswegen geht es Ihnen jetzt gut.“116 In gleicher Weise sollten auch die beiden Seelen des Programms, Wort und Musik, behandelt werden.117 Das heißt, dass sowohl die Wortbeiträge als auch die Musik auf gleiche angemessene Weise behandelt werden sollen. RADIO HAGEN hat sich auch zum Ziel gesetzt, dem Bürger eine verlässliche Institution zu sein. Dabei soll es aber nicht abstrakt wirken, sondern der Sender soll „personifiziert“ wirken. Das bedeutet auch, dass der Stil der Moderatoren ähnlich sein muss, denn dem Hörer wird so eine Kontinuität geboten. Dabei müssen die RedakteurInnen auch beachten, dass sie mit dem Hörer sprechen. Es darf keine Überheblichkeit entstehen, sondern der Sprecher sollte als Freund oder guter Bekannter erkannt werden. Hierfür ist es besonders wichtig, dass man den Hörer ernst nimmt. Man darf ihn nicht „für dumm verkaufen“ oder intellektuell unterschätzen. Selbst wenn man sich durch [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832498689
Arbeit zitieren:
Busch, Matthias September 2003: Aspekte und Probleme der Berichterstattung im privaten Lokalfunk, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Programmstruktur, Beitragsform, Bericht, Hörer, Redakteur



