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Das Arzt-Patienten-Verhältnis

Eine Literaturstudie zu den psychologischen Implikationen eines unterschätzten Beziehungsproblems

Das Arzt-Patienten-Verhältnis
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Thorsten Kerbs
  • Abgabedatum: Dezember 2001
  • Umfang: 117 Seiten
  • Dateigröße: 4,6 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5226-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5226-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5226-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Kerbs, Thorsten Dezember 2001: Das Arzt-Patienten-Verhältnis, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Krankheit, Beziehung, Compliance, Patientenmündigkeit, Psychotherapie

Diplomarbeit von Thorsten Kerbs

Einleitung:

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das Gespräch zwischen Arzt und Patient, das situationsbedingt zwei Menschen zusammenführt, die sich darüber austauschen, warum und woran der Ratsuchende von ihnen erkrankt ist und welche Heilbehandlung dafür am geeignetsten erscheint. Bei einer ersten Sichtung von Publikationen namhafter Autoren wie Balint, von Uexküll und Wesiack, die sich eingehend mit der Untersuchung der Beziehung von Arzt und Patient befassen, gewinnt der Leser sehr bald den Eindruck, das Arzt-Patienten-Verhältnis sei eine gesellschaftliche und insbesondere psychologisch betrachtet hochrelevante Problembeziehung, die in ihrer Spezifik, in ihren Implikationen bisher viel zu wenig beachtet wurde.

Der Großteil der Autoren befaßt sich, und das zeigt der vertiefte Einstieg in das Thema, mit der Arzt-Patienten-Beziehung überwiegend aus der Perspektive des eigenen wissenschaftlichen Hintergrundes. Fraglos gehört das zu einem profunden Arbeitsstil dazu, aus dem Grund gibt es jedoch eine große Zahl an Veröffentlichungen, die das Thema entweder nur aus medizinischer oder psychologischer oder soziologischer Perspektive beleuchten. Dabei geht unvermeidlich der Eindruck darüber verloren, wie wenig die einzelnen Aspekte dieses Themas zu trennen und mit einer reduktionistischen Arbeitsweise umfänglich zu erfassen sind. Denn gerade die Bedeutung der scheinbar so alltäglichen und unspektakulären Arzt-Patienten-Beziehung scheint sich nur aus einer ganzheitlichen bzw. systemischen Perspektive zu erschließen.

Die vorliegende Arbeit verfolgt deshalb das Ziel, im Sinne eines Überblicks aktuelle Forschungsergebnisse der verschiedenen Fachrichtungen in Zusammenhang zu setzen, ohne daß dabei der psychologische Fokus verloren geht. Veröffentlichungen über Compliance- und Interaktionsprobleme, wie sie von Ärzten berichtet werden, finden ebenso Beachtung wie Darstellungen des Kollusionsmodells und die von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen, und ein Exkurs über die Rolle des Körpers in der therapeutischen Gesprächssituationen schließt sich an. Ein weiterer Abschnitt ist neueren Ergebnissen der Grundlagenforschung aus Medizin und Physik gewidmet, denen, und das zeigt sich deutlich anhand der aktuellen Debatte über die Stammzellforschung und das ‚therapeutische Klonen’, ein mittelbarer Einfluß auf das Menschenbild zugemessen werden muß. Das Menschenbild stellt wiederum das wesentliche Fundament dar, auf dem die Arzt-Patienten-Beziehung ruht.

Der Einfluß gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, aber insbesondere die Struktur des Gesundheitswesens, sollte in dem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, ebenso wie die Bedeutung, die aus der Gewichtung der verschiedenen Lehrinhalte im Rahmen der medizinischen Ausbildung erwächst. Geld wird zunehmend eine knappe Ressource, während gleichzeitig eine Verlagerung zu immer aufwendigeren und damit kostenintensiveren Behandlungstechniken zu beobachten ist. Hinsichtlich der Ausbildung zum Arztberuf drängt sich aus psychologischer Sicht die Frage auf, welches Motiv bestimmend für die Berufswahl des jungen Menschen ist.

Viele Studien kommen aus dem englischsprachigen Raum und beziehen sich auf die dortigen Verhältnisse. Inhaltlich ist das nicht von Nachteil, weil die Bedingungen des Gesundheitswesens in den reichen westlichen Industriegesellschaften in ihren Grundzügen vergleichbar sein dürften. Ein Vorteil erwächst daraus insofern, als dort entwickelte Konzepte zur Sprache kommen können wie der sogenannte patientenzentrierte Ansatz, konzeptualisierte Modelle der Entscheidungsfindung und die Health Psychology, die sich die Integration psychologischer Expertise in das medizinische Gesundheitsweisen zur Aufgabe macht.

Inhaltsverzeichnis:

A. EINLEITUNG 4
B. KONTEXT DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG 5
1. GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN 5
a. Gesundheit und Lebensqualität als Zielsetzung ärztlichen Handelns 5
b. Im Kreuzfeuer der Kritik 7
c. Historie und gewachsene Rollen in der Arzt-Patienten-Beziehung 9
d. Arzt-Sein in der Gegenwart 12
e. Zur Übertragbarkeit von Verantwortung 15
f. Das System von Arzt, Patient und Öffentlichkeit 18
g. Technische oder Apparatemedizin 22
h. Geldgeber Wirtschaft 24
2. KRANKHEIT UND NATURWISSENSCHAFT 27
a. Leib-Seele-Dualismus 27
b. Der kranke Mensch 29
c. Direkte Einwirkung des Gehirns auf das Immunsystem: Psychoneuroimmunologie 32
d. Psychosomatik 34
e. Die Quantentheorie als Vorbote eines Paradigmenwechsels - auch in der Medizin? 35
C. PSYCHOLOGIE DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG 38
1. EINE TIEFENPSYCHOLOGISCHE PERSPEKTIVE 38
a. Narzißmuskonzept der Tiefenpsychologie 40
b. Narzißmus und ärztliches Handeln 42
c. Die oral-regressive (Patienten-)Persönlichkeit 44
d. Die oral-progressive (Arzt-)Persönlichkeit 45
e. Helfer-Schützling-Kollusion 46
2. SETTING 49
a. Ungleichgewicht in der Arzt-Patienten-Beziehung 49
b. Psychotherapeutische Wirkfaktoren 50
c. Psychotherapeutisches Setting als Sonderfall der Arzt-Patienten-Konsultation 56
3. ELEMENTE DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG 58
a. Autogene und iatrogene Krankheit 58
b. Kommunikation im ärztlichen Gespräch 59
c. Erwartungen und Information 65
d. Entscheidungen - der mündige Patient? 67
e. Affektive, kognitive und ethische Probleme der Arzt-Patienten-Beziehung 69
f. Bedeutung von Befunden im Arzt-Patienten-Verhältnis 70
g. Ein Dilemma 72
h. ‚The Patient Centred Method' 74
4. ABWEHRMECHANISMEN DER ÄRZTLICHEN SEITE 79
a. Zeitdruck 79
b. Körperlichkeit und ihre Vermeidung 80
c. Täuschungsmanöver 80
d. Manipulation 81
e. Ärztliche Gesprächsführung als Vorgang der Abwehr 81
D. SCHWIERIGKEITEN DER ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG AM KONKRETEN BEISPIEL 82
1. GRENZSITUATIONEN ÄRZTLICHEN HANDELNS 82
a. Zum Umgang mit unheilbarer Krankheit und baldigem Tod 82
b. Wie beeinflussen Patientendrohungen ärztliche Entscheidungen? 87
2. PSYCHOSOMATISCHE STÖRUNGEN IN IHRER AUSWIRKUNG AUF DIE ARZT-PATIENTEN-BEZIEHUNG 88
3. DARSTELLUNGEN AUSGEWÄHLTER ERKRANKUNGEN 91
a. Die Arzt-Patienten-Beziehung und das Immunsystem 91
b. Zur Arzt-Patienten-Beziehung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen 92
c. Die Arzt-Patienten-Beziehung im Umgang mit geriatrischen und neuropsychiatrischen Patienten 94
4. GEFAHR DER WANDLUNG DER ARZT-PERSÖNLICHKEIT VOM HELFER ZUM UNBETEILIGTEN BEOBACHTER 96
5. AUS DER SICHT DES ARZTES 98
E. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 100
F. LITERATUR 104

Automatisiert erstellter Textauszug:

Im sozialen Miteinander des ausgewachsenen Menschen äußert sich das überlieferte Bedürfnis durch das Aufsuchen von Beziehungsformen, in denen ihm mütterliche betreuende Zuwendung und Pflege zuteil wird. „In der Ungehemmtheit des Forderns haben orale Charaktere oft auch den Charme eines Kleinkindes. Sie können herzzerreißend bitten, flehen und schmeicheln“ (Willi, J., 1999, S. 94). Hinzu kommt ein großes Maß an Mißtrauen, das auf die frühe Erfahrung einer unzureichenden und unzuverlässigen Versorgung zurückgeht. Auch leiden Menschen mit oralem Charakter an einem Gefühl der Wertlosigkeit und Resignation, was die Entfaltung eigener Initiativen als sinnlos erscheinen läßt. In Beziehungen, auch der zum Arzt, ist eine ambivalente Haltung festzustellen, die einerseits durch den Anspruch der unbegrenzten Versorgung, andererseits aber von der Befürchtung gekennzeichnet ist, von der versorgenden Person abhängig zu werden und Zurückweisung zu erfahren (Willi, J., 1999). [...]

Es soll nochmals darauf hingewiesen werden, daß natürlich nicht von einer einheitlichen Patientenpolation die Rede sein kann. Die Darstellung bewegt sich immer noch im hypothetischen Umfeld der Abstrahierung auf bestimmte, im günstigsten Fall typische Merkmale. Der Arzt hat sich auf eine große Zahl sehr unterschiedlicher Patienten mit verschiedensten Bedürfnisse und Eigenarten einzustellen. Am augenfälligsten ist schon allein der Geschlechtsunterschied: Dem Frauengesundheitsbericht von 1999 ist zu entnehmen, daß Frauen im wesentlichen ‚weiblich’ und Männer ‚männlich’ leiden, d. h. in g eschlechtsspezifisch unterschiedlicher Weise Symptome und Krankheitsverläufe zeigen (Bammann, K. et al., 1999). Weiterhin muß festgestellt werden, daß Frauen in Deutschland ein höheres Gesundheitsrisiko tragen als Männer. Vor einem Herzinfarkt sind sie meist bis in die Wechseljahre geschützt, tritt dann aber doch ein Infarkt auf, wird er oft nicht erkannt, so daß Frauen häufiger als Männer noch vor Erreichen der Notfall-Aufnahme sterben. [...]

schwerden des Klienten als ein Problem, das dauerhafte Bearbeitung erfordert. Sein Welt- oder Menschenbild sieht nicht vor, daß der Organismus ein selbstregulatives System darstellt, das im Fall günstiger Rahmenbedingung von selber in einen Gleichgewichtszustand zu finden vermag. So zieht Schmidbauer die Schlußfolgerung, daß der Ehrgeiz zu helfen oft dazu dient, „ein unbewußtes Mißtrauen auszugleichen, ob Hilfe überhaupt möglich sei“ (Schmidbauer, W., 1999, S. 96). Auch der Heilungsprozeß selbst erfährt von der narzißtischen Arztpersönlichkeit eine ambivalente Beurteilung. Einerseits stabilisiert der erfolgreiche Heilungsprozeß das Selbstgefühl des Helfers, andererseits wird es durch die Sorge bedroht, daß sich der Patient über kurz oder lang ablösen wird, was für den Helfer mit seinen unbewußten, ‚unersättlichen narzißtischen B edürfnissen’ schwierig werden kann. Schmidbauer vermutet, daß es zum Wesen narzißtischer Bedürfnisse gehört, daß sie, im Gegensatz zur Natur der Triebbedürfnisse, nachträglich nicht wirklich stillbar sind. Insofern kann das Ziel einer angestrebten Entwicklung nicht die Heilung der über Jahre hinweg geschlagenen Wunden sein, sondern es kann nur eine konstruktivere Form des Narzißmus gesucht und umgesetzt werden. Dazu zählen Humor, Kreativität, die Verschmelzung mit ästhetischen Objekten oder mit der Natur, die Verankerung in einer körperlichen Wirklichkeit jenseits von Wertung und Bewertung, aber auch die Hinwendung „in das Abenteuer analytischer Einsicht oder in menschliche Beziehungen, in denen Gefühle der Empfindlichkeit, Kränkung und Wut nicht mehr verleugnet und unterdrückt werden müssen“ (Schmidbauer, W., 1999, S. 103). [...]

Arbeit zitieren:
Kerbs, Thorsten Dezember 2001: Das Arzt-Patienten-Verhältnis, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Krankheit, Beziehung, Compliance, Patientenmündigkeit, Psychotherapie

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