Der Arbeitnehmer als Unternehmer?
Anforderungen und deren Problematik im Kontext neuer betrieblicher Organisationskonzepte
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Nicole Groß, geb. Potthast
- Abgabedatum: Dezember 2000
- Umfang: 109 Seiten
- Dateigröße: 757,8 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5691-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-5691-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-5691-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Groß, geb. Potthast, Nicole Dezember 2000: Der Arbeitnehmer als Unternehmer?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Demokratisierung, Reorganisation, Kontrolle, betriebliche Herrschaft, Arbeitsorganisation
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Diplomarbeit von Nicole Groß, geb. Potthast
Einleitung:
Auf zahlreichen Märkten vollzieht sich seit einigen Jahren ein grundlegender Wandel der Wettbewerbsverhältnisse. Diese Veränderung wird von den Unternehmen insgesamt als Intensivierung des Wettbewerbs wahrgenommen. Bürokratische Organisationsstrukturen, die durch zentrale Planung und Steuerung sowie hierarchische Regelungen und Kontrollen gekennzeichnet sind, gelten inzwischen als obsolet, weil davon ausgegangen wird, dass sie zu unflexibel sind, um den neuen Marktanforderungen gerecht zu werden. Um ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder her- bzw. sicherzustellen, besteht die Reaktion vieler Unternehmen darin, neue betriebliche Organisationskonzepte zu implementieren. Sie zielen darauf ab, bürokratische Organisationsstrukturen zu verändern und neue Leistungspotentiale des Arbeitnehmers zu erschließen.
Mit den Reorganisationsmaßnahmen geht die Veränderung der Arbeitsorganisation und der Anforderungen an den Arbeitnehmer einher. Arbeit soll auf andere Weise „eingerichtet“ werden. Vordergründig entsteht dabei der Eindruck, als würde mit neuen betrieblichen Organisationskonzepten eine Demokratisierung der Unternehmen angestrebt. Im Rahmen dieser theoretischen Arbeit wird daher der Frage nachgegangen, ob diese Konzepte tatsächlich einen grundlegenden Abbau von betrieblicher Herrschaft intendieren. Viele Elemente sprechen auf den ersten Blick dafür, wie z.B. Abflachung der Hierarchie, Dezentralisierung von Kompetenzen, Partizipation und Selbstorganisation des Arbeitnehmers. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Arbeitnehmer wie ein Unternehmer denken und handeln soll und damit ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Unternehmer bzw. Unternehmensleitung suggeriert wird. Wenngleich die Schlussfolgerung nahe liegt, dass im Kontext neuer betrieblicher Organisationskonzepte Herrschaft reduziert wird, also die Arbeit tatsächlich so eingerichtet wird, dass sie den Arbeitnehmer „beglückt“, lautet die zentrale These dieser Arbeit: Betriebliche Herrschaft wird nicht grundsätzlich abgebaut, sondern ihr Charakter verändert sich.
Gang der Untersuchung:
Zur Überprüfung dieser These wird zunächst im ersten Kapitel der Hintergrund betrieblicher Reorganisationsmaßnahmen beleuchtet. Hierfür werden die traditionellen Prinzipien der Unternehmensführung sowie die ihnen zugrundeliegenden Rahmenbedingungen dargestellt. Es werden die Veränderung dieser Rahmenbedingungen und die Konsequenzen für die Unternehmensführung thematisiert. Ferner wird die besondere Bedeutung, die den Organisationsstrukturen beigemessen wird, aufgezeigt.
Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht die Frage, welche Anforderungen an den Arbeitnehmer im Kontext neuer betrieblicher Organisationskonzepte gestellt werden. Exemplarisch werden das Lean-Management- und Business-Reengineering-Konzept diskutiert, die seit den 90er Jahren propagiert und implementiert werden. Zwar existiert eine Vielzahl neuer Organisationskonzepte, jedoch gelten sie größtenteils als verschiedene Varianten dieser beiden Konzepte, die zu den prominentesten zählen. Weiterhin werden die dominanten Prinzipien Dezentralisierung und Vermarktlichung sowie das Profit-Center als ein Gestaltungsinstrument neuer betrieblicher Organisationskonzepte dargestellt. In diesem Kapitel zeigt sich, dass die zentrale Anforderung an den Arbeitnehmer darin besteht, sich unternehmerisch zu verhalten. Die Konzepte erläutern jedoch nicht, welches Verhalten einen Unternehmer im ursprünglichen Sinne überhaupt auszeichnet.
Fraglich ist, ob das vom Arbeitnehmer geforderte Verhalten tatsächlich dem eines Unternehmers entspricht und damit ein Abbau betrieblicher Herrschaft einhergeht. Im dritten Kapitel wird daher der Blick zunächst auf den Unternehmer gerichtet und untersucht, welches Verhalten ihn auszeichnet. Weil die Forderung nach unternehmerischem Verhalten des Arbeitnehmers in neuen betrieblichen Organisationskonzepten aus einer wirtschaftlichen Perspektive gestellt wird, stützt sich dieses Kapitel im wesentlichen auf ökonomische Theorien, die den Unternehmer als Träger wirtschaftlichen Handelns eingehend untersuchen. In diesen Theorien wird das Verhalten des Unternehmers aus seinen Funktionen abgeleitet. Die Fragen dieses Kapitels lauten deshalb: Welche ökonomischen Funktionen werden dem Unternehmer im Rahmen dieser Theorien zugeschrieben, und welches Verhalten resultiert aus ihnen?
Im vierten Kapitel werden die Charakteristika des Unternehmers auf neue betriebliche Organisationskonzepte übertragen, d.h., es wird untersucht, inwieweit die Funktionen und das Verhalten des Unternehmers den Anforderungen an den Arbeitnehmer entsprechen. Damit stellt sich die Frage, ob betriebliche Herrschaft tatsächlich grundlegend abgebaut wird, sich somit die Arbeitssituation für den Arbeitnehmer vorteilhafter gestaltet oder ob sich durch diese Veränderungen sogar „neue“ Nachteile für ihn ergeben.
Im fünften Kapitel wird daher der Frage nachgegangen, welche Konsequenzen und Probleme aus den neuen Anforderungen resultieren. Es wird zunächst thematisiert, welchen Belastungen der Arbeitnehmer ausgesetzt ist. Weiterhin wird analysiert, welche neuen betrieblichen Selektionsmechanismen wirken können. Anschließend wird ausführlich diskutiert, wie neue betriebliche Organisationskonzepte versuchen, das zwischen Arbeitnehmer und Unternehmer existierende Machtverhältnis zu verschleiern.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 1 | |
| 1. | Anlaß und Zweck betrieblicher Reorganisationsmaßnahmen | 4 |
| 1.1 | Die traditionellen Grundsätze erfolgreicher Unternehmensführung | 4 |
| 1.2 | Veränderte Rahmenbedingungen und ihre Konsequenzen für die Unternehmensführung | 5 |
| 1.3 | Die Bedeutung der Organisationsstrukturen | 6 |
| 1.4 | Zusammenfassung | 8 |
| 2. | Neue betriebliche Organisationskonzepte | 8 |
| 2.1 | Das Lean-Management-Konzept | 9 |
| 2.1.1 | Begriffsbestimmung und Abgrenzung | 9 |
| 2.1.2 | Entstehung und Ausbreitung | 10 |
| 2.1.3 | Die zentralen Elemente | 11 |
| 2.2 | Das Business-Reengineering-Konzept | 18 |
| 2.2.1 | Begriffsbestimmung und Abgrenzung | 18 |
| 2.2.2 | Entstehung und Ausbreitung | 19 |
| 2.2.3 | Die zentralen Elemente | 20 |
| 2.3 | Dezentralisierung und Vermarktlichung als gemeinsame Prinzipien neuer betrieblicher Organisationskonzepte | 24 |
| 2.3.1 | Dezentralisierung als Organisationsprinzip | 24 |
| 2.3.2 | Vermarktlichung als Koordinations- und Steuerungsprinzip | 26 |
| 2.4 | Profit-Center als Gestaltungsinstrument neuer betrieblicher Organisationskonzepte | 28 |
| 2.4.1 | Begriffsbestimmung und Abgrenzung | 29 |
| 2.4.2 | Entstehung und Ausbreitung | 29 |
| 2.4.3 | Die zentralen Elemente | 30 |
| 2.5 | Fazit | 33 |
| 3. | Der Unternehmer in der Theorie | 34 |
| 3.1 | Der Unternehmerbegriff | 36 |
| 3.2 | Funktionen und Verhalten des Unternehmers | 37 |
| 3.2.1 | Der Unternehmer als Faktorkombinator | 37 |
| 3.2.2 | Der Unternehmer als Gestalter von Ungewißheit und Risiko | 44 |
| 3.2.3 | Der Unternehmer als Informator und Kommunikator | 47 |
| 3.3 | Fazit | 50 |
| 4. | Der Arbeitnehmer als Unternehmer? | 52 |
| 4.1 | Der Arbeitnehmerbegriff | 53 |
| 4.2 | Arbeitnehmer und Unternehmer: Ein Vergleich von Funktionen und Verhalten | 53 |
| 4.2.1 | Der Arbeitnehmer als Faktorkombinator? | 53 |
| 4.2.2 | Der Arbeitnehmer als Gestalter von Ungewißheit und Risiko? | 65 |
| 4.2.3 | Der Arbeitnehmer als Informator und Kommunikator? | 67 |
| 4.3 | Kritische Reflexion | 71 |
| 5. | Die Schattenseiten der neuen Anforderungen | 73 |
| 5.1 | Neue Belastungen für den Arbeitnehmer | 73 |
| 5.2 | Neue Selektionsmechanismen seitens des Unternehmers | 78 |
| 5.3 | Verschleierung des Machtverhältnisses | 80 |
| 6. | Zusammenfassung und Schlußbemerkung | 91 |
| Literaturverzeichnis | 97 |
Nachdem die ökonomischen Funktionen und die Verhaltensweisen des Unternehmers herausgearbeitet wurden, werden in diesem Kapitel die Charakteristika des Unternehmers in Beziehung zum Lean-Management-, Business-Reengineering- sowie zum Profit-CenterKonzept gesetzt. Die übergeordneten Fragen dieses Kapitels lauten: Inwieweit entspricht das in den Konzepten vom Arbeitnehmer geforderte Verhalten dem des Unternehmers und ist damit ein Abbau betrieblicher Herrschaft verbunden? Da das unternehmerische Verhalten aus den Funktionen abgeleitet wird, ergibt sich die folgende Frage: Welche unternehmerischen Funktionen werden auf den Arbeitnehmer übertragen, um unternehmerisches Verhalten zu generieren? Zwar fordern das Lean-Management- und Business-Reengineering-Konzept grundsätzlich von allen Arbeitnehmern, unabhängig von ihrem Tätigkeitsprofil und ihrer hierarchischen Stellung, sich unternehmerisch zu verhalten. Trotzdem ist es notwendig, bei der Beantwortung dieser Fragen zwischen drei Arbeitnehmertypen zu differenzieren. Der Arbeitnehmer, der weder als Profit-Center-Leiter noch als Intrapreneur tätig ist und keine Führungsposition innehat, wird bezüglich der unternehmerischen Funktionen und Verhaltensweisen unmittelbar anhand [...]
das Unternehmen zu führen.66 Diese Funktion impliziert, daß der Unternehmer selbständig agiert und weitreichende Entscheidungs- und Handlungsfreiheiten genießt. Auch wenn er nicht Eigentümer des Unternehmens ist, kann angenommen werden, daß er innerhalb eines bestimmten Rahmens über die Produktionsfaktoren verfügen kann. Zu dieser Verfügungsmacht zählt beispielsweise, daß er gegenüber den Arbeitnehmern weisungsbefugt ist. Aus dieser Funktion geht weiterhin hervor, daß der Unternehmer in erster Linie wirtschaftliche Ziele verfolgt und sein Interesse darin bestehen muß, Gewinne zu erzielen. Bei der Ausübung seiner Funktion muß der Unternehmer die als verschärft geltende Wettbewerbssituation berücksichtigen, d.h., er muß die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens sicherstellen. Aus dieser primären Funktion des Unternehmers leiten sich weitere Funktionen ab: Der Unternehmer wird als Gestalter von Ungewißheit und Risiko sowie als Informator und Kommunikator gesehen. Das aus den Funktionen abgeleitete Verhalten des Unternehmers ist vielschichtig. Der Unternehmer wird als flexible und zielstrebige Persönlichkeit dargestellt, die Veränderungen positiv gegenübersteht und bereit ist, Ungewißheit und Risiko zu tragen und zu gestalten. Das Ergreifen von Initiative nimmt als Beschreibungsmerkmal eine dominante Rolle ein. Darüber hinaus werden dem Unternehmer auch Eigenschaften zugesprochen, die von anderen Personen als negativ erlebt werden, wie z.B. Egoismus und Rücksichtslosigkeit. In den ökonomischen Theorien werden zahlreiche Beweggründe genannt, die den Unternehmer veranlassen, unternehmerisch tätig zu werden. Dazu zählen u.a. hohe Verdienstaussichten, die Möglichkeit, Macht auszuüben und ein hoher Autonomiegrad. Vor dem Hintergrund, daß neue betriebliche Organisationskonzepte unternehmerisches Verhalten vom Arbeitnehmer fordern, muß betont werden, daß die Unternehmertätigkeit auf Freiwilligkeit basiert. Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß den Unternehmer ein spezielles Verhalten auszeichnet, von dem man annimmt, daß es erlernbar ist. Diese Auffassung spiegelt sich in neuen betrieblichen Organisationskonzepten wider. Man erwartet unternehmerisches Verhalten vom Arbeitnehmer und geht folglich davon aus, daß dieser es erlernen kann. Welches Verhalten des Unternehmers im einzelnen beim Arbeitnehmer generiert werden soll, ist Thema des nächsten Kapitels. [...]
„mitdenkt“. Insgesamt ist festzuhalten, daß der Arbeitnehmer in beiden Konzepten unternehmerisch denken und handeln soll. Sehr deutlich zeigt sich diese Forderung im ProfitCenter. Vordergründig entsteht der Eindruck, als würde eine Demokratisierung der Unternehmen angestrebt. Unternehmerisches Verhalten wird als neue, zusätzliche Qualifikation begriffen und ausschließlich als positive Bereicherung für jeden Arbeitnehmer dargestellt. Mögliche negative Folgen, die aus dieser Anforderung resultieren können, werden ausgeblendet. „Daß eine gewisse Bevollmächtigung stattfindet, ist unbestreitbar; daß man sich als Mitarbeiter solcher Vergünstigung sicher fühlen darf, sie womöglich einklagen kann, steht nicht zur Debatte.“ (Hartmann 1993, S. 120) Trotzdem wird vorausgesetzt, daß der Arbeitnehmer plötzlich fähig und gewillt ist, sich unternehmerisch zu verhalten. Kritisch ist weiterhin, daß unternehmerisches Verhalten neben der Vermarktlichung durch die Erweiterung der Entscheidungs- und Handlungsspielräume „aktiviert“ werden soll, diese Erweiterung jedoch nicht eindeutig beschrieben wird. Die Konzepte sind in diesem Punkt unpräzise. Es ist generell fraglich, ob das in den Konzepten geforderte Verhalten das Etikett „unternehmerisch“ verdient. Wodurch zeichnet sich das Verhalten des Unternehmers aus? Auf diese Frage geben die Konzepte keine Antwort. Sie deklarieren das vom Arbeitnehmer geforderte Verhalten scheinbar unreflektiert als unternehmerisch. Wenn unternehmerisches Verhalten als neue Anforderung an den Arbeitnehmer gestellt wird und dieser Anforderung darüber hinaus eine zentrale Bedeutung beigemessen wird, dann ist eine explizite Erläuterung dieses Verhaltens erforderlich. Dabei ist insbesondere die Frage zu klären, inwieweit das in den Konzepten geforderte Verhalten dem des Unternehmers entspricht und damit ein Abbau betrieblicher Herrschaft einhergeht. Um diese Frage in Kapitel vier zu beantworten, wird der Blick im nächsten Kapitel zunächst auf den Unternehmer gerichtet. 3. Der Unternehmer in der Theorie [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832456917
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Demokratisierung, Reorganisation, Kontrolle, betriebliche Herrschaft, Arbeitsorganisation



