Apologie der Zwischenzustände
Das Geschlechterverhältnis bei Robert Walser
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Karin Fellner
- Abgabedatum: April 2002
- Umfang: 122 Seiten
- Dateigröße: 830,5 KB
- Note: 1,9
- Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5988-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Fellner, Karin April 2002: Apologie der Zwischenzustände, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Literatur der Jahrhundertwende, Roman der Moderne, Frauen- bzw. Männerbilder, Sexualität und Familie, Grenzüberschreitung bzw. Transgression
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Diplomarbeit von Karin Fellner
Einleitung:
Obgleich der Schweizer Schriftsteller Robert Walser in der germanistischen Forschungsliteratur seit den 60er und 70er Jahren vermehrt behandelt wird, gehört er bis heute zu den am wenigsten gelesenen großen Schriftstellern der Moderne. Während Autoren wie Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler oder Rainer Maria Rilke die ‚Erfolgsliteratur’ der Jahrhundertwende entscheidend bestimmten, wird Walser mit seiner eigenwilligen Kurzprosa, seinen kleinen, aus dem Alltag entnommenen Sujets und seinem arabesken und digressiven Stil schon früh zum literarischen Außenseiter. Seine Protagonisten sind Vagabunden, Schelme und rebellische Dienerfiguren, die die entfremdeten Arbeitsverhältnisse und den Traum vom selbstbestimmten Künstlerdasein demaskieren und sich als soziale Grenzgänger erweisen.
Auch das Motiv der Liebe ist bei Robert Walser von Grenzüberschreitungen bestimmt. Es spielt nicht nur in unzähligen Prosastücken, Dramoletten und Gedichten eine tragende Rolle, sondern durchzieht auch seine vier Romane. Da es bis heute keine Einzeluntersuchung zum Liebesdiskurs in Walsers Werk gibt, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit in detaillierter Analyse mit seinen Konstellationen des Begehrens. Dabei dient – ausgehend von der zeitgleich entstandenen Psychoanalyse Freuds – das bürgerliche Familiendreieck als Ausgangspunkt für die Interpretation der Geschlechterbeziehungen. Neben Thesen von Sigmund Freud und Jacques Lacan werden auch Michel Foucaults Überlegungen zur Entstehung der bürgerlichen Sexualität herangezogen.
Um Walsers Auseinandersetzung mit dem Motiv der Liebe im literarischen Kontext seiner Zeit zu verorten, wird zunächst das Geschlechterverhältnis in zentralen Texten der Jahrhundertwende untersucht. Bei den exemplarisch behandelten Autoren Frank Wedekind, Arthur Schnitzler und Thomas Mann kann trotz Kritik an der bürgerlicher Prüderie und an traditionellen zwischengeschlechtlichen Beziehungen eine weitgehend dichotome Aufspaltung von männlichen und weiblichen Seinsbereichen festgestellt werden. Im Gegensatz dazu brechen Walsers Figuren jene scharfe Grenzziehung auf, lassen die Trennlinien verschwimmen und zeigen Möglichkeiten des flexiblen Rollenwechsels zwischen den Geschlechtern.
In der zwischen 1907 und 1909 erschienenen Berliner Romantrias „Geschwister Tanner”, „Der Gehülfe” und „Jakob von Gunten” kristallisiert sich die oszillierende Eigenart der von Walser entworfenen Frauen- und Männerbilder heraus. Die Analyse des 1925 verfassten Romans „Der Räuber” zeigt schließlich die Verlagerung der Erotik von der motivischen auf die Textebene: Wie seine Helden zeichnet sich auch Robert Walsers Sprache durch eine spielerische, fast koboldartige Beweglichkeit aus, denn: „Dazu ist ja die Sprache uns gegeben, / dass aus der Bangigkeit, woran wir kleben, / wir ins Vertraun und in die Freiheit schweben, / nach unsren Gegenseitigkeiten streben.”.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | Einleitung | 3 |
| II. | Das Geschlechterverhältnis zur Zeit der Jahrhundertwende | 6 |
| II.1 | Die Entwicklung des Geschlechterverhältnisses im 19. Jahrhundert | 6 |
| II.1.1 | Polarisierung der Geschlechter | 6 |
| II.1.2 | Regulierung der Sexualität | 8 |
| II.2 | Drei literarische Beispiele zum Geschlechterverhältnis um 1900 | 10 |
| II.2.1 | Frank Wedekind: Die Utopie einer ursprünglichen Sexualität | 10 |
| II.2.2 | Arthur Schnitzler: Der unzulängliche Liebescode | 14 |
| II.2.3 | Thomas Mann: Chiffrierte Homoerotik | 18 |
| II.3 | Fazit: Das dichotome Denken | 22 |
| III. | Robert Walsers Berliner Romane | 24 |
| III.1 | Die Familie als Urzelle zwischengeschlechtlicher Beziehungen | 24 |
| III.1.1 | Mutter-Kind-Dyade | 24 |
| III.1.2 | Vater-Mutter-Kind-Triade | 28 |
| III.2 | „Geschwister Tanner“ | 30 |
| III.2.1 | Die Leerstelle des Vaters | 31 |
| III.2.1.1 | Vater Tanner | 31 |
| III.2.1.2 | Vaterersatz-Figuren | 33 |
| III.2.1.3 | Bruderliebe und Homoerotik | 34 |
| III.2.2 | Das unerreichbare Urbild der Mutter | 36 |
| III.2.2.1 | Mutter Tanner | 36 |
| III.2.2.2 | Schwester Hedwig | 39 |
| III.2.2.3 | Klara | 41 |
| III.2.2.4 | Die Herrin | 47 |
| III.2.2.5 | Die Direktorin | 50 |
| III.2.3 | Fazit: Zwischen Begehren und Identifikation | 51 |
| III.3 | „Der Gehülfe“ | 53 |
| III.3.1 | Die bürgerliche Familie im Spannungsfeld von Sexualität und Hygiene | 54 |
| III.3.2 | Herr Tobler: Vater, Herr und Gleichgesinnter | 56 |
| III.3.3 | Frau Tobler | 59 |
| III.3.3.1 | Verbotene und imaginär überformte Frau | 59 |
| III.3.3.2 | Von erotischer Distanz zu familiärer Vertrautheit | 66 |
| III.3.4 | Fazit: Wanderer zwischen den Geschlechtern | 68 |
| III.4 | „Jakob von Gunten“ | 69 |
| III.4.1 | Hetero- und Homoerotik | 71 |
| III.4.2 | Fräulein Benjamenta | 74 |
| III.4.3 | Herr Benjamenta | 81 |
| III.4.4 | Fazit: Zwischen Größen-Ich und Kleinheits-Ideal | 88 |
| IV. | Robert Walsers Mikrogramm-Roman „Der Räuber“ | 90 |
| IV.1 | Institutionalisiertes Geschlechterverhältnis | 91 |
| IV.2 | Experimentierfeld der Liebe | 97 |
| IV.2.1 | Die Witwe und Selma | 98 |
| IV.2.2 | Wanda und Edith | 101 |
| IV.3 | Fazit: Mobilität statt Fixierung | 107 |
| V. | Schluss | 112 |
| VI. | Literaturverzeichnis | 116 |
| VI.1 | Primärliteratur | 116 |
| VI.2 | Sekundärliteratur | 116 |
| VI.2.1 | Jahrhundertwende | 116 |
| VI.2.2 | Liebe und Geschlechterverhältnis | 117 |
| VI.2.3 | Zu Robert Walser | 118 |
57 Selbstsicherheit.”186 Tobler bietet sich als Identifikationsfigur für ein rollenkonformes männliches Persönlichkeitsbild an. Das Sammelsurium phallischer Symbole, mit dem er sich demonstrativ umgibt und zu dem u. a. die Raketen und Stumpen sowie der Schützenautomat und die Tiefbohrmaschine gehören, wird von Joseph bereitwillig geteilt. Das selten gewagte Aufbegehren des Gehülfen gegen Willkürakte seines Herrn läuft regelmäßig auf ein reumütiges Zurücknehmen der Kritik hinaus: „Joseph [...] sagte, es täte ihm leid, sich in unziemlicher und unsinniger Art und Weise benommen zu haben; er bereue” (DG, 237).187 Seine Gefühle für die quasiväterliche Autorität des Ingenieurs sind vor allem in der Anfangszeit stark vom Gegensatz zwischen demütigem Gehorsam und spontaner Rebellion geprägt. Das Schwanken zwischen Unterwerfung und Verachtung, dieses „sonderbare[] Gemisch von Feigheit und Kühnheit” (DG, 190), das bei Joseph eine emotionale Ambivalenz markiert, gleicht der typischen präödipalen Einstellung vom Sohn zum Vater. „Das ist die große Ambivalenz, die paradoxe Gleichzeitigkeit von radikaler Liebe und radikalem Haß, die das Kind stumm erträgt”,188 und die nur über eine Identifikation mit dem Vater behoben werden kann. Josephs Fixierung auf Tobler deutet auf das Verlangen nach einer nachträglichen Verarbeitung des Ödipuskonflikts, nach einer gelingenden Identifikation mit der Vaterfigur hin. Dieses Verlangen wird jedoch enttäuscht. Im Verlauf der Romanhandlung stellt sich Toblers Autorität immer deutlicher als Scheinautorität heraus. Der mühsam aufgeschobene Bankrott seines Unternehmens offenbart sein Unvermögen, die Mechanismen des kapitalistischen Marktes realistisch einzuschätzen. Sein männlich-forsches Gebaren als Geschäftsherr verliert ebenso an Glaubwürdigkeit wie sein autoritäres Verhalten als Ehemann und Familienvater. Seine Abwesenheit in Büro und Haus wird zur Regel und er überlässt seine beruflichen und familiären Pflichten mehr und mehr Joseph: „Was hatte er nötig, zu Hause zu sitzen, wo er doch einen Angestellten hatte” (DG, 163).189 Die existentielle Sicherheit und die identifikationsstiftende Eingliederung in eine funktionierende bürgerliche Familie, auf die der Außenseiter Joseph hofft, entpuppen sich als Illusion. „Tut sich im ‚Geschäftshaus’ hinter der Fassade gutbürgerlicher Wohlhabenheit der Abgrund totaler Unsolidität auf, so stehen im ‚Wohnhaus’, dem [...]
56 III.3.2 Herr Tobler: Vater, Herr und Gleichgesinnter Während in GT die Position einer männlichen Autorität unbesetzt bleibt, füllt in DG Herr Tobler diese Rolle aus. Das Machtgefälle zwischen dem Ingenieur und Joseph tritt besonders im vertraglich nicht geregelten Arbeitsverhältnis zu Tage, das Joseph, den „Knecht”, den Launen des „Herrn” ausliefert. Da er keinen verbindlichen Vertrag besitzt und die Toblerschen Geschäfte keinen Erfolg haben, bleibt Joseph ein „Lohnarbeiter ohne Lohn”.184 Die Entfremdung und Abhängigkeit, die er in der Büroarbeit erfährt, erweitert sich, da er auch im Haushalt der Familie als Arbeitskraft eingesetzt wird. Dadurch besetzt Joseph eine hybride Stellung zwischen Angestelltem, Diener und Familienmitglied und wird seines Privatlebens weitgehend beraubt.“In beiden Bereichen ist Josephs Freiheit beschnitten. Die Toblers lassen ihm gerade nur so viel Freiraum, als damit seine primäre Funktion, die Angestellten-Tätigkeit, nicht in Frage gestellt wird.”185 Weshalb er trotz aller Widrigkeiten die Stellung nicht verlässt – eine Möglichkeit, die er anfangs noch in Erwägung zieht –, erklärt sich hauptsächlich aus Josephs Hoffnung, in die Toblersche Familienstruktur integriert zu werden und dort emotionale Geborgenheit zu finden. Nach Josephs anfangs noch ironisch gefärbtem Blick auf Tobler akzeptiert er dessen Autorität bald in einem Maße, die eine gewisse Faszination mit einschließt. Obgleich er die cholerische Natur seines Herrn durchaus durchschaut, passt er sich seinen Launen flexibel an: „War er gehässig und bissig, so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich für einen struben Gauner zu halten, weil man sich unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah. [...] War der Herr spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gütig, so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man sich verpflichtet, zu lächeln” (DG, 77). Die Fixierung auf Tobler und die Bereitschaft, ihn als Autorität anzuerkennen, kann als Verlangen des Protagonisten nach einer Vaterfigur gedeutet werden. Da der eigene Vater in Josephs Leben eine ähnlich marginale Rolle spielt wie bei Simon Tanner, füllt der selbstbewusste Patriarch Tobler, der das zeitgemäße Ideal des kämpferischen Geschäftsmannes vermittelt, eine Leerstelle: „Joseph fühlt sich offenbar stark von dem angezogen, woran es ihm selbst mangelt: an [...]
55 unterhalten” (DG, 117). Dieses Schreiben empört die Hausherrin, sie fühlt sich in ihrer überlegenen Position angegriffen und reagiert mit einer Heftigkeit, die nicht zuletzt einen wahren Kern des Gerüchtes vermuten lässt. Im Gegensatz zum bürgerlichen Milieu, in dem die Regeln der Triebsublimierung hochgehalten werden, wird im Milieu der Dienstboten und Angestellten relativ offen mit Körperlichkeit und Begehren umgegangen. Aufgrund dieser Differenz entstehen Konflikte, wenn das Personal etwa gegen die Regeln der verordneten Sexualhygiene verstößt und von Tobler in die Schranken verwiesen werden muss. Die Dienstmagd wird entlassen, weil sie „hysterisch veranlagt” und „gierig-sinnlich” sei, sich „öfters plötzlich im bloßen Hemd auf der Treppe und in der Küche” gezeigt habe und „mit Wirsich in ziemlich kecke und schamlose geschlechtliche Beziehungen getreten war”. Diese Übertretungen stellen in den Augen des bürgerlichen Elternpaars nicht zuletzt „eine Gefahr für die Kinder” dar (DG, 116). Der Familienvater bringt sein Verständnis von sexueller Hygiene dem Neuankömmling Joseph schon am ersten Sonntag unmissverständlich nahe: „Das aber sage ich Ihnen im voraus, wenn Sie irgendwelche Gelüste haben, ich meine, so Sonntags, was ja auch keinem jungen, gesunden Menschen zu verargen ist, so machen Sie, daß Sie in die Stadt kommen, dort ist gesorgt für so was, mehr als genug. In meinem Haus, haben Sie verstanden, dulde ich nichts Derartiges. [...] Hier muß Anstand herrschen” (DG, 47).181 Sexualität und Erotik stehen in DG unter dem Vorzeichen von Disziplinierung und Diffamierung, sie werden „nur dann explizit thematisiert, wenn die negative Seite dieser Phänomene belichtet wird.”182 Diese Zensur führt innerhalb der Familie, vor allem zwischen Frau Tobler und Joseph, zu einem versteckten Liebesdiskurs, den Wagner als „unterschwellige Erotik”183 bezeichnet. [...]
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Fellner, Karin April 2002: Apologie der Zwischenzustände, Hamburg: Diplomica Verlag
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Literatur der Jahrhundertwende, Roman der Moderne, Frauen- bzw. Männerbilder, Sexualität und Familie, Grenzüberschreitung bzw. Transgression



