Antiker Mythos und moderne Literatur am Beispiel der Erzählung "Kassandra" von Christa Wolf
- Art: Studienarbeit
- Autor: Svenja Schmidt
- Abgabedatum: Februar 1999
- Umfang: 83 Seiten
- Dateigröße: 5,1 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Konstanz Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-2418-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-2418-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-2418-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schmidt, Svenja Februar 1999: Antiker Mythos und moderne Literatur am Beispiel der Erzählung "Kassandra" von Christa Wolf, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Mythos, Frau, Christa Wolf, Kassandra, Antike und Gegenwart
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Studienarbeit von Svenja Schmidt
Einleitung:
Im Jahre 1983 erschien Christa Wolfs Erzählung Kassandra. Der Text adaptiert die bereits von Aischylos in seinem Werk Orestie geschilderte Geschichte der trojanischen Königstochter Kassandra. Sie hatte von Apoll die Sehergabe erhalten, nachdem sie sich ihm aber verweigerte, erlegte der Gott ihr die Strafe auf, dass niemand ihren Prophezeiungen Glauben schenken werde. Vergeblich war somit die Warnung der Priesterin gegenüber ihren Landsleuten, den Troern, vor einem Krieg mit den Griechen.
Nach dem Untergang Trojas verschleppte der griechische Heerführer Agamemnon sie als Sklavin nach Griechenland.
An dieser Stelle setzt die Erzählung Christa Wolfs ein. Kassandra, vor dem Löwentor von Mykene stehend, ist sich ihres bevorstehenden Todes bewusst und weiß auch um das Schicksal Agamemnons, der durch die Hand seiner Frau Klytämnestra und ihres Liebhabers den Tod finden wird. In einem inneren Monolog der Erinnerung blickt die Priesterin des Apollon auf ihr Leben zurück, auf ihre Liebe zu Aineias und auf den Krieg, der um ein Phantom geführt worden war, denn Paris war es nie gelungen, Helena nach Troja zu bringen.
Sie schildert ihre Jugend, die Beziehung zu Geschwistern und Eltern, ihre erste Begegnung mit Aineias im Zusammenhang mit der entwürdigenden Prozedur der Entjungferung bei der Einführung ins Priesterinnenamt, die Vorboten des Krieges und das sich verändernde gesellschaftliche und politische Leben in Troja. Ereignisse des Krieges werden reflektiert: die Landung der Griechenflotte, der Kampf Hektors mit Achill, der Tod Penthesileas, die Zerstörung der Stadt nach der erfolgreichen List des Odysseus, die Trennung von Aineias und dessen Flucht.
Eingebunden sind diese Geschehnisse in die Schilderung ihrer Loslösung von Priamos, der ihr Vater und zugleich König Trojas ist, sowie in die Darstellung des Lebens in den Ida-Bergen - einer Art utopischen Gegenwelt Trojas - und die Darlegung von Kassandras Beziehung zu den Leitfiguren dieser Gemeinschaft am Skamandros, dem weisen Anchises und zu Arisbe.
Den Träumen und Anfällen Kassandras wird ebenso Bedeutung zugemessen, wie der Reflexion über die Sprache und ihren Ge- bzw. Missbrauch. Zusätzlich wird Kassandras wachsende Selbstkritik, die sie in die Lage versetzt, Wünsche, Zweifel, Ängste, Hoffnungen und selbstständiges Verhalten nicht nur zuzulassen, sondern auch schonungslos zu reflektieren, geschildert. Diese Erinnerungen und verlorenen Hoffnungen verbinden sich zum Eingeständnis eigener Ohnmacht.
Beschäftigt man sich ergänzend mit der Lektüre von Christa Wolfs Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, die als Poetik-Vorlesungen verfasst wurden und Entstehung und Kontext der Erzählung ausführen, so wird deutlich, dass sich innerhalb der Kassandra nicht nur das Interesse an der Figur dieser griechischen Seherin als "Sinnbild für die Ohnmacht des Wissens gegenüber den Interessen der Herrschenden" äußert, sondern dass überdies ein direkter, aktueller Bezug zum Wettrüsten und zur atomaren Bedrohung der Welt besteht. Auch rezipiert die Autorin den Kassandra-Mythos aus matriarchalischer Sichtweise und begibt sich auf die Suche nach den Anfängen der Unterdrückung der Frau.
Die Poetik-Vorlesungen dienen dem Nachvollzug der Rezeption des Mythos in der Moderne und einer Rückführung der Kassandra "aus dem Mythos in die (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten" ihrer Zeit, deren Grundstrukturen jedoch für die Autorin noch immer gültig sind.
In der Figur der Kassandra, die in ihrer Position als Frau und Priesterin eine Außenseiterrolle in der Gesellschaft einnimmt, schafft sie die Repräsentantin einer Lebensart, die nicht auf die Mechanismen verdinglichter Rationalität hin ausgerichtet ist, denn die Tendenz der Funktionalisierung des Lebens erscheint Christa Wolf als ein Kennzeichen der gesamten abendländischen Geschichte. Als grundverschieden erweisen sich somit Denken und Weltbild der modernen Autorin von dem der antiken Dichter Homer und Aischylos, dennoch stehen ihre jeweiligen literarischen Werke in einem bestimmten Verhältnis zueinander.
Die Erzählung Kassandra ist weit mehr als eine Neubearbeitung des antiken Mythos vom Trojanischen Krieg. Sie ist die Geschichte eines Krieges als Kritik am Krieg und als Kritik am Patriarchat, das solche Kriege auslöst, weist aber auch den Anteil der Frauen an einem solchen Geschehen nach. Die Erzählung bildet zugleich die Darstellung eines Geschichtsmythos aus weiblicher Sicht im Unterschied zur vorwiegend von Männern getragenen Geschichtsschreibung. Sie enthält die Utopie einer alternativen Gesellschaft unter der Führung des Weiblichen, gleichsam ein Plädoyer für ein sanftes, harmonisches Zusammenleben von Mann und Frau, ist die Entwicklungsgeschichte Kassandras vom naiven Mädchen zur klugen, »sehenden« Frau, beschreibt den Weg einer radikalen Selbstfindung und ist schließlich ein Buch, das in all diesen Aspekten aktuelle Fragen der Gegenwart behandelt: Politik, Gesellschaft, Religion, Psychologie und v.a. das Thema des »Sehen-Lernens«.
Zusammenfassung:
Man kann zusammenfassend sagen, dass die Mythenrezeption Christa Wolfs nicht traditionsverhaftet ist. Christa Wolf exerziert keine pure Reproduktion des antiken Stoffes, sondern versieht die klassischen Mythenfiguren mit menschlichen Stärken und Schwächen, so dass der Leser in nächste Nähe zu den in der Erzählung Kassandra dargestellten Charakteren transponiert wird. Die Seherin Kassandra sieht, erkennt und durchschaut, was sich in menschlicher, politischer und sozialer Hinsicht abspielt, jedoch ist ihre Sehergabe nicht Zeugnis übernatürlicher Fähigkeiten, sondern Resultat des Erfassens von Zusammenhängen und logischen Schlüssen daraus. Das Troja in der Erinnerung Kassandras wirkt als repräsentativ für alle Kriege, früher und heute, der Leser wird insofern nicht mit einem fremden, archaischen Stoff konfrontiert, sondern mit gesellschaftspolitischen Strukturen, Umständen und Bedingungen, die ihm durchaus vertraut erscheinen.
Jedoch bezieht sich die Erzählung nicht nur auf Gegenwart und Vergangenheit, sondern verweist immer wieder auf "Menschen, die einst leben werden" und erhält dadurch utopische, in die Zukunft gerichtete Momente. Kassandra wird zur Trägerin eines utopischen und doch konkreten Hoffnungsgedankens der Autorin Christa Wolf. Nur wer wie Kassandra den Mut hat zu »sehen« kann vielleicht die Gesetzmäßigkeiten, die den Vorkrieg sichtbar machen, die Zeichen, die sich ankündigen, lange bevor man von Krieg spricht, erkennen, denn "[wann] der Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern." Für Christa Wolf bietet die Erzählung die Möglichkeit, das "hierarchisch-männliche Realitätsprinzip", dessen Realitätsverständnis sie nicht mehr mitträgt, außer Kraft zu setzen angesichts des atomaren Vernichtungspotentials und der inhumanen und selbstzerstörerischen Entwicklung in der modernen Industriegesellschaft. Die Notwendigkeit einer Suche nach Alternativen bedeutet zugleich die Suche nach Alternativen in der Geschichte, eine Suche nach Alternativen zum abendländischen Denken und dessen männlichem Realitätsprinzip, das an einen Punkt seiner Entwicklung gelangt ist, wo die Vernichtung der Welt als machbar und möglich gilt. Die Wahl Kassandras zu sterben als Beleg der absoluten Ausweglosigkeit bedeutet einen zeitlosen Appell, auch heute noch nach Alternativen zu suchen und nicht dem Fatalismus zu verfallen, obgleich Kassandras objektives Scheitern durch ihre moralische Überlegenheit gegenüber dem männlichen Vernichtungswahn versöhnt scheint. Intention der Erzählung Kassandra ist letztlich eine gesamtgesellschaftliche Humanisierung, Dichtung wird zur Instanz des Humanismus, Literatur zu einem Ort, in dem und durch den sich die Utopie einer humanen Gesellschaft realisieren soll.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Ansatzweise Besprechung von Max Klingers Gemälde "Das Urteil des Paris" als dem thematischen Beginn des Mythos vom Trojanischen Krieg | 5 |
| 2. | Antiker Mythos und moderne Literatur am Beispiel der Erzählung Kassandra von Christa Wolf | 7 |
| 2.1 | Der Stoff des Mythos: die Sage vom Trojanischen Krieg | 7 |
| 2.2 | Allgemeine Aspekte der Antike und ihrer Literatur am Beispiel von Homers Ilias und Aischylos‘ Orestie | 9 |
| 2.3 | Die Literatur der Gegenwart | 12 |
| 2.3.1 | Allgemeine Kennzeichen der Epoche | 12 |
| 2.3.2 | Marxistische Literaturwissenschaft und die Situation der DDR-Autoren | 13 |
| 2.3.3 | Lebenslauf der »modernen« DDR-Autorin Christa Wolf | 16 |
| 2.3.4 | Inhaltsangabe der Erzählung Kassandra von Christa Wolf | 16 |
| 2.4 | Die geistig-literarische Kontinuität antiker Werke bis zur Gegenwart | 18 |
| 2.4.1 | Die Aktualität des Kassandra-Mythos in der Erzählung Christa Wolfs | 19 |
| 2.4.2 | Historischer Abriss über literarische Verarbeitungen des Kassandra-Mythos | 20 |
| 2.4.3 | Das Symbol der Weide als ein Beispiel für Gemeinsamkeiten in der Erzählung Christa Wolfs und bei Homer | 22 |
| 2.4.4 | Vergleichende Analyse der Bedeutung von Aktion und Reflexion innerhalb des Geschehens bei Christa Wolf bzw. Aischylos | 23 |
| 2.5 | Begriff und Funktionen des Mythos und seine Rezeption durch Christa Wolf | 24 |
| 2.5.1 | Inhaltliche Bestimmung des Begriffes »Mythos« | 24 |
| 2.5.2 | Das antike Mythenverständnis | 25 |
| 2.5.3 | Historischer Abriss über die allgemeine Mythenrezeption seit der Antike | 25 |
| 2.5.4 | Christa Wolfs Interpretation des Mythologiebegriffes | 27 |
| 2.5.5 | Der Umgang der DDR-Autorin Wolf mit dem antiken Kassandra-Mythos | 27 |
| 2.5.6 | Die Mythenrezeption Christa Wolfs | 28 |
| 2.5.7 | Christa Wolfs Konzept der Entmythologisierung | 30 |
| 2.6 | Deutungsaspekte und Überlieferungsformen des Mythos | 31 |
| 2.6.1 | Der Mythos in seiner Beziehung zur Dichtung | 31 |
| 2.6.2 | Mythos und Frau | 32 |
| 2.6.2.1 | Die Rolle der Frau im antiken Mythos | 32 |
| 2.6.2.2 | Die Bedeutung des Patriarchats für die traditionelle Überlieferung antiker Mythen | 33 |
| 2.6.3 | Das Verhältnis von Mythos und Psychologie | 37 |
| 2.6.3.1 | Kassandras Krötentraum als Ausdruck tiefenpsychologischer Vorgänge | 38 |
| 2.6.3.2 | Die Bedeutung von Angst und Schmerz in der Erzählung Kassandra | 38 |
| 2.6.3.3 | Die Wahnsinnsanfälle der Seherin Kassandra | 39 |
| 2.6.3.4 | Entmystifizierung der Sehergabe: Verlust der religiösen Komponente aufgrund der psychologischen Strukturierung der Figur Kassandra | 40 |
| 2.6.3.5 | Die Charakterisierung Hektors entgegen seiner üblichen Darstellung als trojanischem Helden | 43 |
| 2.6.3.6 | Die Entstehung des Krieges aus psychologischer Sicht | 44 |
| 2.6.4 | Die ideologische Seite des Mythos | 45 |
| 2.6.4.1 | Die Darstellung des Eumelos und seiner Karriere | 46 |
| 2.6.4.2 | Das System der Propaganda | 47 |
| 2.6.5 | Der Mythos in seinem besonderen Verhältnis zur Historie im Zusammenhang mit der Intention und Wirkungsabsicht C. Wolfs | 47 |
| 2.6.5.1 | Christa Wolfs Verständnis der homerischen Geschichtsschreibung | 50 |
| 2.6.5.2 | Christa Wolfs Gestaltung der Kriegsthematik | 52 |
| 2.6.5.3 | Vergleichende Untersuchung der Charakterisierung der Figur des Heerführers Agamemnon bei Christa Wolf und Aischylos | 55 |
| 2.6.5.4 | Die Parodie des Heroischen am Beispiel des Achill | 56 |
| 2.6.5.5 | Das Verhältnis der »modernen« Kassandra zum Trojanischen Krieg im Vergleich zur Relation des Chores im Agamemnon zur kriegerischen Handlung | 58 |
| 2.6.5.6 | Formen des Widerstands und ihr Appell an den rezipierenden Leser | 59 |
| 2.7 | Die Umdeutung der Kassandra-Figur durch Christa Wolf | 61 |
| 2.8 | Direkter Vergleich zwischen dem antiken Stück Aischylos‘ und der modernen Erzählung Kassandra hinsichtlich ihres religiös-mythischen Gehaltes | 65 |
| 2.9 | Wolfs Mythenrezeption im Vergleich zur Verarbeitung des Mythos durch andere moderne Autoren | 67 |
| 2.9.1 | Parallelen und Abweichungen innerhalb der modernen Werke Christa Wolfs und Marion Zimmer Bradleys | 67 |
| 2.9.2 | Gemeinsamkeiten in der Verwendung der Figur Helenas bei W. Hildesheimer und C. Wolf | 68 |
| 2.10 | Schlussbetrachtung zu Christa Wolfs Kassandra | 71 |
| 3. | Der sprichwörtliche Gebrauch Kassandras als Unheilsprophetin | 73 |
| Anmerkungen | 75 | |
| Literaturliste | 78 |
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Schmidt, Svenja Februar 1999: Antiker Mythos und moderne Literatur am Beispiel der Erzählung "Kassandra" von Christa Wolf, Hamburg: Diplomica Verlag
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Mythos, Frau, Christa Wolf, Kassandra, Antike und Gegenwart



