Antiamerikanismus in der Bundesrepublik Deutschland
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Barbara Schnieders
- Abgabedatum: September 2002
- Umfang: 227 Seiten
- Dateigröße: 1,1 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8890-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8890-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8890-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schnieders, Barbara September 2002: Antiamerikanismus in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: deutsch-amerikanisch, 11. September, Stereotyp, Nationalismus, Extremismus
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Diplomarbeit von Barbara Schnieders
Einleitung:
Die Idee, die deutsche Variante des Antiamerikanismus zum Thema meiner Diplomarbeit zu machen, entstand bei der Zeitungslektüre nach dem 11. September 2001. Über Wochen und Monate tauchte das Schlagwort „Antiamerikanismus“ immer wieder in den Medien auf, wurde verwendet von und gegen recht unterschiedliche Personen und Gruppen verschiedener politischer Couleur, und war im Allgemeinen immer emotional besetzt.
Ein Blick auf die Geschichte des Antiamerikanismus als politischem Kampfbegriff zeigt, dass diese Keule zur Diskreditierung politischer Gegner in der Geschichte der Bundesrepublik ursprünglich in rechten Händen war, inzwischen aber auch mit links bedient wird und gegen fast alles und jeden eingesetzt werden kann.
Was sich aber genau hinter diesem Label verbirgt und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit von Antiamerikanismus gesprochen werden kann, darüber ist man sich auch in der Fachwelt relativ uneins. Als Arbeitsdefinition gilt hier die generelle Ablehnung von etwas, weil es der Betrachter individuell als typisch amerikanisch identifiziert. Diese Ablehnung kann in der Regel den Bereichen Politik oder Kultur zugeordnet werden. Wichtig ist, dass mit zunehmender Emotionalisierung und Negativkategorisierung die Sachkritik verlassen wird und Kritiker mit verstärkter Übernahme von Vorurteilen in die habituelle Ablehnung „Amerikas“ abrutschen. Ein Blick auf die Erkenntnisse aus Vorurteils- und Stereotypenforschung liefert das theoretische Gerüst, mit dessen Hilfe das Phänomen des deutschen Antiamerikanismus interpretiert wird.
In einer historischen Analyse wird untersucht, warum ausgerechnet die Vereinigten Staaten von Amerika so anregend für den Aufbau von Vorurteilen in deutschen Köpfen sind. Als regelrechte Provokation wird bis heute das amerikanische Selbstverständnis aufgefasst, das einer akribischen Gegenüberstellung mit der „Realpolitik“ in den Augen vieler Kritiker nicht standhält. Der daraus entstehende „Entlarvungsdiskurs“ ist dann auch typisch für das Jahr nach dem 11. September 2001. Eine Untersuchung der gängigsten Themen ergab, dass besonders auf die Gegensatzpaare „Recht/Macht“ und „Moral/Interessen“ zurückgegriffen wird. Überraschenderweise ähneln sich Argumentationsmuster und Stereotype in den deutschen Qualitätsmedien trotz unterschiedlichen politischen Affinitäten sehr, aber auch die (vom Verfassungsschutz beobachteten) Publikationen an den rechts und links ausfransenden Rändern des politischen Spektrums lassen sich in ihren Urteilen kaum nach politischer Zugehörigkeit unterscheiden.
Diese Austauschbarkeit antiamerikanischer Stereotype zwischen den politischen Lagern zeigt sich auch, wenn man deren Entstehungsgeschichte parallel zum Aufstieg der USA zur Weltmacht betrachtet. Prominentestes Beispiel dafür ist vielleicht die Karriere der Parole „Kein Blut für Öl!“. Ansonsten zeigt sich, dass die aktuelle Diskussion keine innovativen Argumente bereithält und lediglich ein Aufguss lange gepflegter Klischees ist.
Außerdem wird der Frage nachgegangen, warum ausgerechnet das Verhältnis zu den USA einen so hohen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion der Bundesrepublik besetzen und der Antiamerikanismus-Vorwurf in innenpolitischen Auseinandersetzungen so häufig zum Einsatz kommen konnte. Einerseits war man auf die Unterstützung der USA angewiesen, auf Wiederaufbauhilfen nach dem zweiten Weltkrieg und militärischen Beistand gegen den Ostblock. Offiziell galt das Verhältnis zum großen demokratischen Vorbild USA als äußerst freundschaftlich. Andererseits fühlte man sich trotz zweier verlorener Weltkriege den Siegern kulturell haushoch überlegen. Psychologen verschiedener Denkschulen, die sich mit diesen Ambivalenzen beschäftigt haben, diagnostizieren eine Störung der Deutschen mit ihrer Identitätsfindung als „Bundesrepublikaner“. Ein Blick auf die Phasen antiamerikanischer Ressentimentverdichtungen bestätigt diese These und lässt vermuten, dass es sich, trotz unterschiedlicher politischer Konstellationen, im Grunde um einen „Antisupermachtnationalismus“ handelt.
Bevölkerungsumfragen legen ebenfalls nahe, dass das Verhältnis der Bundesbürger zu den Amerikanern und sich selbst in höchstem Maße zwiespältig ist. Während man die Amerikaner „als Menschen“ seit Beginn der Umfragen 1957 immer sehr gut leiden konnte, kommt die US-Außenpolitik zunehmend schlecht weg. Empfindlich reagieren viele Deutsche scheinbar auf alles, was nach „Hegemonie“ riecht, egal ob auf politischem oder kulturellem Gebiet. Andererseits ist man auch nicht wirklich überzeugt von seinen eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften: viele kulturelle Errungenschaften hat man begeistert absorbiert, in der Weltpolitik mitmischen möchte man nicht wirklich, und an „Gegenmachtbildung“ ist man erst recht nicht interessiert.
Alles in allem ist jedoch nicht davon auszugehen, dass ein signifikanter Teil der Bundesbürger dezidiert antiamerikanische Vorstellungen pflegt. Zwar lässt sich Antiamerikanismus mit variablen Anteilen von Nationalismus, Kultursnobismus und Imperialismuskritik vor allem am rechten und linken Rand der bundesrepublikanischen Gesellschaft nachweisen. Repräsentativ ist dies jedoch nicht. „Die Amis“ gelten den meisten trotz allem noch immer als die besten Freunde unter allen Nationen.
Das so genannte deutsche „Bush-Bashing“ sollte nicht als Antiamerikanismusindikator gewertet werden. Es sind, ebenso wie die Retourkutschen aus Übersee, rhetorische Entgleisungen in einem Verhältnis zweier Staaten, das sich nach einer langen Phase emotionaler Überhöhung zunehmend normalisiert.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | Vorwort | 2 |
| II. | „Ein Gespenst geht um in Deutschland“: Antiamerikanismusdefinitionen | 14 |
| A. | Inhaltsebene: Versuch einer Diskursanalyse | 15 |
| B. | Funktionsebene: Antiamerikanismus als politischer Kampfbegriff | 26 |
| C. | Interpretationsebene: Sozialpsychologische Erklärungen | 32 |
| 1. | Stereotypen und Vorurteile | 33 |
| 2. | Drei Forschungsansätze | 36 |
| 3. | Konsequenzen des Denkens in Stereotypen und Vorurteilen | 42 |
| 4. | Fazit | 44 |
| D. | Synthesevorschlag | 46 |
| 1. | Begriffliche Alternativen | 46 |
| 2. | Definition | 48 |
| 3. | Anwendungsbeispiele | 51 |
| III. | Historische Analyse | 55 |
| A. | Extrinsische Komponente: Provokationen einer Supermacht | 56 |
| 1. | Gegen „Bad Guys“, „Evil Empires“ und die „Achse des Bösen“: Warum Amerikaner immer „die Guten“ sind | 58 |
| 2. | „Der USA die Maske vom Gesicht zu reißen“: Der deutsche Entlarvungsdiskurs | 64 |
| 3. | Kleine antiamerikanische Quellenkunde: Amerikas Aufstieg zur Weltmacht aus deutscher Perspektive | 78 |
| B. | Intrinsische Komponente: Sicherheitsatlantiker und Kulturpessimisten –Bundesrepublikanische Ambivalenzen | 88 |
| 1. | Methodische Vorbemerkungen: Nationale Identität, Nationalismus und Stereotype | 88 |
| 2. | Die Gründungs- und Konsolidierungsphase der Bundesrepublik | 92 |
| 3. | Psychologische Interpretationsansätze | 111 |
| 4. | Paradigmenwechsel? Drei Phasen antiamerikanischer Ressentimentverdichtungen | 120 |
| IV. | Mögen Sie eigentlich die Amerikaner? Demoskopische Befunde | 132 |
| A. | Vorbemerkung: Interesse und Informationsbereitschaft | 134 |
| B. | Meinungen zur US-Außenpolitik: traditionelle Kritikmuster | 140 |
| C. | Allgemeine Einstellungen zu den USA und den Amerikanern | 149 |
| D. | Empirische Stereotypenforschung: Was die Deutschen von sich selbst halten und wie sie die Amerikaner sehen | 159 |
| 1. | Stereotype Eigenschaften | 160 |
| 2. | Sozialpsychologische Erläuterungen | 163 |
| E. | Fazit | 182 |
| V. | Schlussbemerkungen | 187 |
| Literaturverzeichnis | 195 |
sich der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher zwar allgemein zur „Weltdemokratie“ und wandte sich energisch gegen neutralistische Strömungen innerhalb der SPD, die von Jakob Kaiser und anderen Anhängern des so genannten „Brückenkonzepts“ vertreten wurden. Ordnungspolitisch waren die Differenzen der sozialdemokratischen Gestaltungsansätze zum amerikanischen Konzept besonders mit Blick auf die Wirtschaftsverfassung unübersehbar.336 Adenauers Politik den Alliierten gegenüber wurde als „Erfüllungspolitik“ abgetan, gegen Schuman-Plan, Montanunion und einen von den USA geforderten „Wehrbeitrag“ im Rahmen eines EVG-Vertrages wurde heftig protestiert. Dies geschah teils mit dem Hinweis auf Verletzung der ökonomischen Interessen Deutschlands, teils aber auch mit Blick auf die angestrebte Wiedervereinigung, die durch überhastete Westintegration ihrer Chancen auf Verwirklichung beraubt würde.337 Der EVG- und der Deutschlandvertrag, die „Eintrittskarte in das westliche Bündnis“, wurden trotzdem am 26./27.5.1952 unterzeichnet. Auch die Pariser Verträge wurden vom Bundestag am 27.2.1955 ohne die Stimmen der SPD und selbst gegen die teilweise Opposition der zur Regierungskoalition gehörenden FDP ratifiziert. Mit ihrem Inkrafttreten am 5.5.1955 wurde das Besatzungsstatut aufgehoben. Am 7.5.1955 trat die Bundesrepublik der Westeuropäischen Union bei, und 2 Tage später der NATO.338 Adenauer hatte damit das bereits in seiner ersten Regierungserklärung formulierte Ziel erreicht, die Bundesrepublik möglichst rasch und vollständig in die „westeuropäische Welt“ zu integrieren. Auf diese Weise hatte er fundamentale nationale Interessen wie die militärische Sicherheit vor der expansionistischen Sowjetunion durchgesetzt.339 [...]
„Die Bundesrepublik ist so sehr zum 52. US-Bundesstaat geworden, dass uns nur noch das Wahlrecht fehlt.“ Jürgen Habermas 334 Werner Link sieht in der Bundesrepublik Deutschland schon während der unmittelbaren Nachgründungsphase einen alle demokratischen Parteien umfassenden „Basiskonsens der Westorientierung und Westbindung“ als gegeben an. Diese allgemeine Übereinstimmung bestünde gleichermaßen für die Bereiche der Verfassung und der Außenpolitik. Andere Autoren wie Hans Peter Schwarz und Hartmut Wasser teilen diese Sichtweise und weiten den Befund auf die Bevölkerungsmehrheit aus.335 Dabei war das Meinungsbild sowohl innerhalb der Parteien als auch unter der Bevölkerung vor allem in den ersten Jahren recht heterogen. So bekannte [...]
2. Die Gründungs- und Konsolidierungsphase der Bundesrepublik: „As ambivalent as the feeling was for the starting position in 1945, the developments and decisions of the first decade have remained decisive to the present day, in terms of their intellectual and material consequences.“ K.-W. Bracher 328 Die Anfangsjahre der Bundesrepublik werden von vielen Autoren als Phase des „uneingeschränkten Proamerikanismus“ bezeichnet.329 Es ist ein Allgemeinplatz, dass bis heute die Weichenstellungen, die Bundeskanzler Adenauer damals für die eben gegründete Bundesrepublik einrichtete, nichts von ihrer Relevanz verloren haben.330 Ex-Botschafter Bernd von Staden bescheinigt ihm die Leistung, die unauflösliche Einbindung der Bundesrepublik in die westliche Gemeinschaft erreicht zu haben. Konsens besteht im Allgemeinen darüber, dass nur auf dem Wege der Westbindung die Möglichkeit bestanden hat, die freiheitlich-demokratische Ordnung Deutschlands mit Stabilität und Kontinuität auszustatten. Und dies nicht nur im Sinne bloßer, formaler Existenz, sondern auch mit Bezug auf die politische Kultur.331 Kritisiert wurde allerdings zunehmend und nicht nur im politisch linken Spektrum, dass die „freiwillige Abhängigkeit“ von den USA, in die sich die Bundesrepublik in den 50er Jahren begeben habe, bis heute in einer „strukturellen Abhängigkeit“ nachwirke. Neuralgisch war und ist vor allem der sicherheitspolitische Bereich. Der ehemalige USPräsidentenberater Zbigniew Brzezinski gebraucht gar die Bezeichnung „amerikanisches Protektorat“ und fühlt sich an „Vasallen und Tributpflichtige“ erinnert. Nicht nur rechtsradikale Publizisten sind zumindest partiell d’accord. SPDStratege Egon Bahr bezeichnet dieses Protektorat jedoch zumindest als „luxuri- [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832488901
Arbeit zitieren:
Schnieders, Barbara September 2002: Antiamerikanismus in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
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deutsch-amerikanisch, 11. September, Stereotyp, Nationalismus, Extremismus



