Ansätze für ein neues Verständnis von Film- und Filmproduktionskultur in Deutschland
Das Konzept der Firma X-Filme Creative Pool
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Ines Pollex
- Abgabedatum: Mai 2001
- Umfang: 112 Seiten
- Dateigröße: 450,1 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Potsdam Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8105-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8105-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8105-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Pollex, Ines Mai 2001: Ansätze für ein neues Verständnis von Film- und Filmproduktionskultur in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Autorenfilm, Tykwer, Filmproduktionskonzept, Produzentenkino, US-independents
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Diplomarbeit von Ines Pollex
Einleitung:
„In Deutschland ist eine ganz neue Generation zugange, die auf eine ganz andere Art ein Publikum gefunden hat, als es meiner Generation – Herzog, Fassbinder und noch ein paar andere – je gelungen ist. Ich finde es toll, dass ein Missverständnis zwischen den Deutschen und ihren eigenen Geschichten endlich aufgehoben ist. (...) Dani Levy, Wolfgang Becker und Tom Tykwer, die X-Filme gegründet haben, finde ich toll. Ihre Idee ist ja auch nicht so unähnlich, wie unsere Idee damals mit dem Filmverlag der Autoren.“ Wim Wenders Seit jeher begleitet das Kino die Frage, ob Film Kunst oder Kommerz ist. Schon die großen Stummfilmpioniere wie Chaplin oder Fritz Lang bewegten sich mit ihrer Arbeit zwischen künstlerischem Anspruch und ökonomischen Zwängen. Dieses Spannungsfeld ist so alt wie das Medium selbst.
In den USA ist die Filmindustrie der zweit stärkste Wirtschaftszweig. Trotzdem kommen auch aus Hollywood Filme, die höchsten künstlerischen Ansprüchen genügen.
Dagegen sind viele deutsche Filme, die heute unbestritten zur Filmgeschichte gehören, in ihrer Zeit nie große Publikumserfolge gewesen. Trotzdem haben die Filmkünstler stets neue Impulse für die Innovation des Kinos geschaffen. Die Industrie nimmt in vielen Fällen ästhetische Neuerungen auf, um sie kommerziell zu verwerten.
Das bundesdeutsche Nachkriegskino produzierte in den fünfziger Jahren kommerziell sehr erfolgreiche Filme. Die meisten waren zwar technisch perfekt, aber formal einfallslos und inhaltlich konservativ. Anfang der sechziger Jahre formierte sich Widerstand gegen die Dominanz der Heimat- und Schlagerfilme, die jeglichen Bezug zur Wirklichkeit verloren hatten. Das „Oberhausener Manifest“ von 1962 markierte einen Wendepunkt in der bundesdeutschen Filmgeschichte. Eine Generation junger gesellschaftskritischer Filmemacher wollte das Künstlerische wieder in den Mittelpunkt des Filmschaffens stellen. Inspiriert durch die Bewegungen Nouvelle Vague in Frankreich und Free Cinema in Großbritannien strebten sie ein Kino an, dass sich der Gegenwart auf neue und unkonventionelle Weise stellte.
In gewisser Weise kann man das „Oberhausener Manifest“ als Geburtstunde des deutschen Autorenfilms bezeichnen. Wenders und Fassbinder, die zur zweiten Generation der deutschen Autorenfilmer zählen, verwirklichten den Traum vom deutschen Kino mit deutschen Geschichten, der international Anerkennung fand.
Nachdem in den achtziger Jahren Hollywood die deutsche Filmproduktion fast vollständig von Hollywood verdrängt hatte, begann Anfang der neunziger Jahre ein neuerliches Interesse des Publikums an deutschen Filmen. Die Komödienwelle war nur von kurzer Dauer, bereitete aber den Weg für junge engagierte Filmemacher, die mit deutschen Geschichten die Zuschauer erreichen wollten. Eine herausragende Rolle in der neuen deutschen Produktionslandschaft nimmt die Firma X-Filme Creative Pool ein, die sich in der Tradition des Autorenfilms sehen. Publikumserfolge wie Lola rennt oder Das Leben ist eine Baustelle zeugen vom Erfolg des Konzeptes der Firma.
Andere deutsche Filmschaffende der neunziger Jahre lehnen das Autorenkino ab, weil er zum Niedergang der deutschen Filmindustrie beigetragen hat. X-Filme verbindet den Anspruch künstlerisch hochwertiger Filme mit dem Interesse, ein breites Publikum zu erreichen. Insofern ist Wenders‘ Äußerung aufschlussreich, der die Filmemacher von X-Filme in seine Tradition stellt.
Ausgehend vom Autorenfilmkonzept der Oberhausener Gruppe untersuche ich am Beispiel von X-Filme Ansätze für ein neues Verständnis von Film- und Filmproduktionskultur in Deutschland.
In die Arbeit fließen kulturelle, soziologische, filmästhetische und filmwirtschaftliche Überlegungen ein. Der Aspekt der Rezeption durch die Kinozuschauer wird dabei nicht aus den Augen verloren. Ausgangspunkt für diese komplexe Herangehensweise ist die Tatsache, dass in der Literatur häufig einzelne Gesichtspunkte isoliert betrachtet werden. Filmschaffen ist ein komplexer Prozess, der sowohl ästhetische, ökonomische als auch kulturelle Komponenten beinhaltet.
Die Arbeit gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst wird das filmkulturelle Verständnis der Oberhausener als erster Generation deutscher Autorenfilmer untersucht. Ausgehend vom gesellschaftlichen Kontext werden die geistigen Grundlagen und filmästhetischen Ideen der Oberhausener betrachtet. Auch die Überlegungen zur Filmproduktion beziehe ich in diesen Abschnitt ein. Einige kritische Anmerkungen schließen das Kapitel ab.
Ein Exkurs über die US-Independents in Abgrenzung zum Hollywood-Produzentenkino leitet zum nächsten Abschnitt über. Dies ist notwendig, weil sich die X-Filmer auch in der Tradition der US-Independents sehen.
Die Arbeitsweise unabhängiger amerikanischer Filmfirmen ist ein Vorbild für ihr Produktionskonzept. Außerdem ist dieser Abschnitt hilfreich, um Wirkungsweisen heutiger Filmproduktion besser zu verstehen.
Der größte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der neuen Sichtweise auf Film und Filmproduktion der X-Filmer. Ausgehend vom kulturellen Wandel und der Situation des deutschen Films Anfang der neunziger Jahre steht das Konzept der Firma im Mittelpunkt. Dabei wird der filmkulturelle Hintergrund der X-Filmer einbezogen. Von besonderem Interesse ist, wie sich ihr inhaltlicher Anspruch im Produktionskonzept niederschlägt. Die Bezüge zum Autorenfilmkonzept der Oberhausener werden stets berücksichtigt.
In der Schlussbetrachtung werden die Veränderungen zusammengefasst und das Konzept von X-Filme kritisch beleuchtet.
Aufgrund der interdisziplinären Herangehensweise ist es nicht möglich, alle Aspekte im Rahmen dieser Arbeit ausführlich zu behandeln. Hauptaugenmerk wurde auf die größeren Zusammenhänge gelegt Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Filmkulturelles Verständnis der Oberhausener | 4 |
| 2.1 | Der gesellschaftlich-kulturelle Kontext | 4 |
| 2.2 | Die deutsche Filmkultur in den fünfziger Jahren | 6 |
| 2.3 | Das Filmkonzept der Oberhausener Gruppe | 9 |
| 2.3.1 | Gründungsgeschichte/ Geistige Grundlagen | 9 |
| 2.3.2 | Filmästhetische Vorstellungen | 13 |
| 2.3.3 | Überlegungen zur Filmherstellung | 17 |
| 2.4 | Kritische Anmerkungen unter Berücksichtigung der Entwicklungen | 20 |
| 3. | Exkurs zur Filmauffassung der US-Independents in Abgrenzung zum Hollywood-Produzentenkino | 24 |
| 4. | Ansätze für ein neues Verständnis von Film- und Filmproduktionskultur in Deutschland | 31 |
| 4.1 | Der kulturelle Kontext im Wandel | 31 |
| 4.2 | Die Situation des deutschen Films Anfang der neunziger Jahre | 34 |
| 4.3 | Das Konzept von X-Filme Creative Pool | 39 |
| 4.3.1 | Filmkultureller Hintergrund der X-Film-Gründer/ Gründungsgeschichte | 39 |
| 4.3.2 | Das Gestaltungskonzept: X-Filme als Autoren- und Publikumsfilme | 43 |
| 4.3.2.1 | Tykwers Autorenfilm | 47 |
| 4.3.2.2 | Tykwers Publikikumsfilm | 55 |
| 5.3.1 | Das Produktionskonzept: Qualitätsfilme zwischen Autoren- und Produzentenkino | 64 |
| 4.3.3.1 | Ausgangspunkt: Autorenkino | 64 |
| 4.3.3.2 | Ableitungen - Verbindungen zum Produzentenkino | 67 |
| 4.3.4 | Der Kooperationsgedanke im Zentrum der Produktionskultur | 84 |
| 5. | Schlussbetrachtung | 93 |
| 5.1 | Zwei Autorenfilmer-Generationen | 93 |
| 5.2 | Kritische Betrachtung des Konzeptes und der Entwicklungen von X-Filme | 95 |
| 5.3 | Schlusswort | 99 |
| 6. | Literaturverzeichnis | 101 |
| Anlage 1 | Produktionsübersicht | |
| Anlage 2 | Auszeichnungen | |
| Anlage 3 | Besucherzahlen | |
| Anlage 4 | Kurzkritiken |
machen. Im Lauf des Films soll das Publikum diese Figuren ins Herz schließen und eine positive Beziehung zu ihnen aufbauen können. Seinen Faible für diese introvertierte Figurenzeichnung erklärt Tykwer autobiographisch: „Diese Figur [bezogen auf Joachim Krol in „Tödliche Maria“, Anm.d.A.] ist die Vision dessen, was aus mir hätte werden können, wenn nicht bestimmte Leute irgendwann mal gesagt hätten, hör mal, laß uns doch mal`n Bier trinken gehen. (...) Ich hab immer noch einen starken Bezug zu eigenbrötlerischen Menschen, die sich ihr eigenes System geschaffen haben und darin hängen geblieben sind.“121 So konstruiert sich Maria aus Tödliche Maria ihre eigene Welt, indem sie Insekten und Briefe sammelt und in eine gewisse Ordnung bringt. Bodo in Der Krieger und Die Kaiserin sitzt in seinem „inneren“ Gefängnis und Sissi hat sich in der Psychiatrie, in der sie arbeitet, eine eigene Welt „gebaut“. Tykwers Intention ist zu zeigen, wie diese in ihre eigenen Welten versunkenen Menschen aus der Stagnation heraus in Bewegung kommen. [...]
über Bildfolgen, die irgendwie sinnstiftend sein sollen, aber gleichzeitig natürlich von einer scheinbaren Willkür besetzt sind. Man könnte auch hunderttausend andere Bilder nehmen.“118 Tykwer geht es nach eigenen Aussagen um die kleinen Momente, die spektakuläre Folgen haben können, während der große Augenblick, der zelebriert wird, schon nach kurzer Zeit keine Rolle mehr spielt. ♦ (3) Hermetische Lebenswelten: ganz normal unnormal In seinen Filmen spielen oft Protagonisten die bedeutenden Rollen, die mehr oder weniger ganz in ihre eigene Welt versunken sind. Sie wirken eigenbrötlerisch, introvertiert oder autistisch, meistens etwas merkwürdig. Dazu Tykwer: „Das gefällt mir, daß man im Kino Leute trifft, die einem zunächst ziemlich extrem vorkommen, doch dann zwingt einen der Film, sie kennenzulernen, mit ihrer ganzen Verschrobenheit und Schwierigkeit.“119 Über Sissi in Der Krieger + die Kaiserin sagt er: „Es ist schon etwas unkonventioneller, wenn man den Leuten im Kino auch mal sagt: ihr müßt nicht in der ersten halben Stunde erklärt bekommen, warum diese Frau so merkwürdig ist, das ist jetzt einfach so, guckt`s euch einfach mal an.“120 Der X-Film-Regisseur will seltsam erscheinende Figuren nachvollziehbar [...]
Diese Festgefahrenheit läßt sich aber auch durch die Kraft einer neuen Liebe überwinden. In Tödliche Maria spiegeln sich diese Prozesse an dem immer-gleichen Tagesablauf und den selben Handlungen Marias wider, welche dann irgendwann durch die neuen Ereignisse und den neuen Mann aufgebrochen werden. Liebe handelt bei Tykwer auch immer von den Schwierigkeiten, die sie überwinden muß: ob nun äußere wie bei Lola rennt oder innere wie bei Bodo aus Der Krieger und Die Kaiserin. Bei Letzterem sieht er den thematischen Kern darin, „...daß jemand, der noch nie geliebt hat, auf jemanden trifft, der von der Liebe eigentlich die Schnauze voll hat, und eigentlich für immer, und daß diese zwei Gegenpole sich also einerseits abstoßen und eigentlich genau das sind, was zusammengebracht werden muß.“117 Das Spiel um Beziehungen und Liebe wirkt wie die Triebfeder der bisherigen Filme von Tykwer. ♦ (2) Kausalitäten des Lebens: Schicksal – Zufall Anknüpfend an das Motiv Liebe stellt sich Tykwer in seinen Filmen auch immer wieder die Frage nach kausalen Zusammenhängen. Die Entwicklungen seiner Figuren verlaufen scheinbar durch bestimmte Begegnungen oder Ereignisse in eine andere Richtung. Das Spiel mit Schicksal und Zufall bestimmt in allen Filmen den thematischen Hintergrund. So in Lola rennt, wo die selbe Geschichte dreimal erzählt wird und durch verschiedene Einflüsse immer wieder einen anderen Verlauf nimmt. In Winterschläfer sind die Protagonisten durch den Unfall eines Kindes und den Ort schicksalhaft oder zufällig miteinander verbunden. In Der Krieger und die Kaiserin steht die „Zufallsschicksalsbegegnung“ (Tykwer) zwischen Sissi und Bodo im Mittelpunkt. Immer wieder geht es um Sekunden, die über Tod, Leben und Liebe entscheiden. In jeder Sekunde sind die Menschen wieder neu von vielen Möglichkeiten umgeben. Als Glück sieht Tykwer an, daß wir sie nicht immer als diese identifizieren können. Die Menschen hätten sonst ein unglaubliches Willkürgefühl in ihrem Leben, was schlecht auszuhalten wäre. Dieses Spiel „was wäre geworden, wenn“ erscheint dem Regisseur prädestiniert für die Kinoleinwand: „Und ich finde, darauf kann man unheimlich toll fokussieren im Kino, man kann halt auch mit diesen Kausalitäten so toll spielen, das liegt ja auch in der Natur vom Kino, daß wir halt sowieso ständig Verknüpfungen schaffen müssen, auch über Schnitt und [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832481056
Arbeit zitieren:
Pollex, Ines Mai 2001: Ansätze für ein neues Verständnis von Film- und Filmproduktionskultur in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
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Autorenfilm, Tykwer, Filmproduktionskonzept, Produzentenkino, US-independents



