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André Gide und der Kommunismus

André Gide und der Kommunismus
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Martin Völkner
  • Abgabedatum: September 2009
  • Umfang: 45 Seiten
  • Dateigröße: 797,6 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Universität Duisburg-Essen, Standort Duisburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 45
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3910-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Völkner, Martin September 2009: André Gide und der Kommunismus, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: André Gide, Kommunismus, Retour de l'U.R.S.S., Retouches, faux monnayeurs

Bachelorarbeit von Martin Völkner

Einleitung:

Ne parlez pas ici de «conversion»; je n’ai pas changé de direction; j’ai toujours marché de l’avant; je continue; [.] je sais que quelque part mes vœux imprécis s’organisent et que mon rêve est en passe de devenir réalité.

Mit der Publikation eines Teils seiner Tagebücher legt André Gide 1932 – im Alter von 62 Jahren – ein leidenschaftliches Credo zum Kommunismus ab und macht sich fortan unter dem Banner des Antifaschismus zusammen mit anderen Intellektuellen zum engagierten Verteidiger der Sowjetunion und der auf ihrem Boden entstehenden kommunistischen Gesellschaft. In ihr sieht Gide eine ‘patrie idéale’, welche nach seiner Auffassung, der französischen Gesellschaft diametral gegenüber steht und in der er das Heil und die Zukunft der Menschheit sieht.

Im Juni 1936 bricht Gide zu einer zweimonatigen Reise in die Sowjetunion auf, von welcher er enttäuscht und ernüchtert zurückkehrt. Konfrontiert mit einer sowjetischen Realität, die er in diesem Maße nicht für möglich gehalten hätte, wendet sich Gide vom sowjetischen Kommunismus ab und wird sein einstiges Utopia auf eine Ebene mit Hitler-Deutschland stellen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Intellektuellen, welche in dieser Zeit ähnliche oder gleiche Erfahrungen machen, veröffentlicht Gide seine persönlichen Erkenntnisse. Mit der Publikation von ‘Retour de l’U.R.S.S.’ (im Folgenden: Retour) im selben Jahr seiner Reise, sowie dem knapp ein Jahr darauf folgenden ‘Retouches à mon Retour de l’U.R.S.S.’ (im Folgenden: Retouches) bricht Gide mit dem Kommunismus und macht sich unwiderruflich zum Renegaten der fortan von kommunistischer Seite aus geächtet wird. Einer der bedeutendsten Größen der französischen Literatur – der zugleich einer der prestigeträchtigsten Intellektuellen der Volkfront ist – vergreift sich am Kommunismus; und dies zu einem Zeitpunkt, da die Euphorie der ersten Stunde noch andauert, da der Faschismus immer weiter auf dem Vormarsch ist, und zudem der Bürgerkrieg in Spanien seinen Anfang nimmt.

Nach Derrida bildet vor allem Retour den ‘Prototypen’ einer ganzen Reihe von nachfolgenden Publikationen und damit das Paradigma einer (mittlerweile) abgeschlossenen Tradition kritischer Schriften dieser Art. Beide Texte – diese werden im Folgenden aufgrund der gleichen Thematik parallel behandelt – befassen sich, mit der Kritik am sowjetischen Kommunismus und basieren zum einem großen Teil auf den persönlichen Erfahrungen Gides und denen seiner Reisegefährten.

Wie ist zu erklären, dass Gide – als gläubiger Christ mit bürgerlicher Herkunft – sich innerhalb nur weniger Jahre voller Überzeugung einem atheistischen und klassenlosen politischen System zuwendet, um sich alsbald wieder von ihm zu distanzieren?

Gegenstand dieser Arbeit bildet damit die Analyse des Prozesses von Hin- und Abwendung Gides zum bzw. vom Kommunismus in den Jahren 1931 bis 1937. Als erstes wird dabei Gides Einstellung zu sozialen und politischen Fragestellungen vor 1931 beleuchtet. In Kapitel Zwei richtet sich der Fokus – unter Berücksichtigung des historischen Kontexts – auf sein öffentliches Engagement von 1932 bis 1936. Kapitel Drei analysiert sodann mögliche Gründe und Ursachen für Gides Hinwendung zum Kommunismus und bildet damit die Ausgangsbasis für Kapitel Vier, in welchem es zu einer systematischen Untersuchung und Interpretation der von Gide in Retour und Retouches formulierten Kritik kommt. Ziel der Arbeit soll letztendlich sein, die für Gide erfahrene Diskrepanz zwischen imaginärer Wunschgesellschaft und seiner Wahrnehmung der sowjetischen Realität transparent zu machen, um ein klares Bild der Gideschen Konzeption des Kommunismus zu erhalten.

André Gide: vers l‘engagement:

André Paul Guillaume Gide, französischer Schriftsteller, Intellektueller und vorübergehender Anhänger des Kommunismus, wird am 22. November 1869 in Paris geboren. Als Einzelkind einer gut situierten calvinistisch-protestantischen Familie der konservativen ‘haute bourgeoisie’ wächst Gide in finanziell gesicherten Verhältnissen auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Gide ein schöngeistiger und privilegierter Schriftsteller mit starkem Hang zur Selbstreflexion, welcher sich seiner gesellschaftlichen Klassenzugehörigkeit wohl bewusst ist und dies bereits in seinen Werken thematisiert. Wenn auch oft begleitet von Müdigkeit und Selbstzweifeln, befindet er sich in den folgenden Jahren ‘auf der Höhe seiner Schaffenskraft’. 1908 gründet er mit Freunden die Zeitschrift ‘Nouvelle Revue Francaise’, welche 1911 mit der Angliederung eines Verlagshauses zum zentralen Publikationsorgan seiner Werke wird und die literarische Landschaft Frankreichs nachhaltig beeinflusst. Thematisiert die NRF bis zum ersten Weltkrieg keine politischen Inhalte, so regen sich auch in Gide bis dato keine nennenswerten Fragen politischer oder sozialer Natur, vielmehr verschreibt er sich – mittlerweile in seinen Dreißigern – ganz und gar der künstlerischen Beschäftigung. Dies soll sich erst 1925/26 im Rahmen seiner Reise in die französischen Kolonialgebiete Kongo und Tschad ändern. Die Gründe für den Ausschluss solcher Themen vor 1925, sind keinesfalls in einem Desinteresse an gesellschaftlichen Fragen zu sehen, vielmehr sind persönliche und künstlerische Motive als Ursache in Betracht zu ziehen.

Zur Bedeutung moralischer, sozialer und politischer Fragen bei André Gide vor 1931:

Zunächst sei zu erwähnen, dass Gide vom französischen Symbolismus der Jahrhundertwende geprägt ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts löst sich Gide von diesem Kreis und damit vom Einfluss Stéphane Mallarmés, einem der wichtigsten geistigen Führer der Bewegung. Doch bleibt er stark geprägt von der Richtung als solcher – insbesondere von deren wichtigstem Merkmal: das alltägliche Leben und die profanen Dinge aus künstlerischen Werken fernzuhalten. 1935, auf dem Höhepunkt seines politischen Engagements erkennt er retrospektiv:

Oui, je paye aujourd’hui mes dénis d’antan, de ce long temps où me paraissait indigne de réelle attention tout ce que je savais transitoire et ressortissant à la politique, à l’histoire. L’influence de Mallarmé m’y poussait.

Weiterhin ist zu erwähnen, dass Gide sich selbst jegliche Kompetenzen politischer und wirtschaftlicher Natur abspricht und die Beantwortung derartiger Fragen lieber ‘Spezialisten’ überlässt. Noch 1932, bereits voll und ganz dem Kommunismus zugewandt, schreibt er in sein Tagebuch:

Je sens reste mon incompétence, et je la sens de plus en plus, tandis que m’occupe de ces questions politiques, économiques, financières. [.]. Ces questions sont si compliquées que plus on s’en occupe moins on y voit clair; moi du moins.

1918 erklärt Gide:

Oui, les questions politiques m’intéressent moins, et je les crois moins importantes que les questions sociales; les questions sociales moins importantes que les questions morales.

In dieser Hierarchie wird Gides immer noch gültige Aussage bezüglich seiner Präferenz für moralische Fragen transparent. Sie liefert einen weiteren Beleg für die Absenz sozialer und politischer Inhalte in seinem bisherigen Werk. Gide, der zu seinen Lebzeiten das Individuum immer als erkenntnisbringender erachtet als die Gesellschaft im Ganzen, richtet, ausgelöst durch das strenge puritanische Umfeld seiner Kindheit und der in Jugendjahren folgenden Emanzipation, seinen Blick schon früh auf psychologische Fragen und stellt herrschende bürgerliche Moralvorstellungen – und damit seine eigene geistig-moralische Herkunft – stets von neuem in Frage.

Bevor Gide 1925/26 in den französischen Kongo aufbrechen soll und sich erstmals eingehend mit sozialen Fragen auseinandersetzt, lassen sich einige Ereignisse in seiner Biografie freilegen, die den Eindruck einer Beschäftigung mit sozialen oder gar politischen Fragen erwecken könnten. So engagiert sich Gide 1912 im Rahmen einer Gerichtsverhandlung als Geschworener in Rouen. Mit beharrlichem Eigenantrieb (er insistierte sechs Wochen auf seine Berufung zum Gericht) gilt sein Interesse jedoch hauptsächlich der Beantwortung moralischer und psychologischer Fragen. Primär geht es ihm um die Analyse des französischen Rechtssystems, sowie um die Erforschung des damit verbundenen Verhältnisses eines subjektiven Gerechtigkeitsbegriffs seitens der Geschworenen und der tatsächlichen Verurteilung, welche direkte Folgen für den jeweils Angeklagten nach sich zieht. Gide sieht dieses Verhältnis als Produkt eines Wechselspiels rationaler und irrationaler gesellschaftlicher Kräfte während der Verhandlungen. Er interessiert sich besonders für die Tatsache, dass kleine Zufälle im Prozessablauf zu schwerwiegenden Entscheidungen führen, die das weitere Schicksal eines Menschen bestimmen können. 1914 veröffentlicht er seine Gerichtserfahrungen in ‘Souvenirs de Cours d’Assises’, 1930 folgen weitere Veröffentlichungen besonderer Gerichtsfälle in der von Gide publizierten Reihe ‘Ne jugez pas’, diese beinhalten: ‘L’Affaire Redureau’ und ‘La séquestrée de Poitiers’. Gide geht es bei all dem um den ‘Einblick in den unerforschten Bezirk, [die] terrae incognitae’ der menschlichen Seele, er sucht moralische Fragen im Kontext von Wahrheit und Gerechtigkeit zu beantworten und webt seine Erkenntnisse stets in sein literarisches Werk ein.

Question sociale? –Certes. Mais la question est antécédente. L’homme est plus intéressant que les hommes.

Im Rahmen einer Anschuldigung in einem Artikel der Libres propos, in dem es heißt, Gide habe sich vor 1925/26 nicht für soziale Fragen interessiert, verteidigt sich Gide entschlossen und gibt an, er habe sich schon dreißig Jahre zuvor, während seiner ersten Afrikareise, mit lokalen sozialen Belangen auseinandergesetzt und lediglich zu diesem Zeitpunkt kein Tagebuch geführt. Vor diesem Hintergrund kommt Gides Reise nach Afrika 1925 eine umso größere Bedeutung zu, veröffentlicht er doch konkrete Kritik an der französischen Gesellschaft in einem nicht-fiktiven Werk und nimmt damit Teil am öffentlichen Diskurs über den französischen Kolonialismus. Der Zeitraum 1925/26 markiert somit einen entscheidenden Wendepunkt in Gides Leben: von nun an beginnt eine Auseinandersetzung mit sozialen Fragen von denen sich der Autor von ‘Les Nourritures terrestres’ bisher distanziert hatte.

Die Hinwendung zu sozialen Themen:

Im Juni 1925 verreist Gide, ermüdet von den Arbeiten an seinem soeben abgeschlossen Roman ‘Les faux-monnayeurs’, sehnsüchtig nach Afrika. Auf der Reise entdeckt er –eher aus Zufall – den schädlichen Einfluss, den eine französische Konzessionsgesellschaft (Compagnie Forestière Sangha-Oubangui) auf die Lebensbedingungen der lokalen schwarzen Bevölkerung ausübt. Er reibt sich stark an der profitorientierten Ausbeutung der schwarzen durch die weiße Bevölkerung. Diesmal ist er nicht, wie am Gericht in Rouen 1912, in der Rolle eines Unbeteiligten Beobachters, er fühlt sich berechtigt und verpflichtet zu schreiben und öffentlich zu sprechen um etwas gegen das diskriminierende Ausbeutertum zu unternehmen. Gleichzeitig schämt er sich, in der Rolle des Beobachters auch die Rolle eines Repräsentanten Frankreichs, der Zivilisation und der weiße Rasse einzunehmen. Dass Gide gerade dieseKonzessionsgesellschaft in den Mittelpunkt seiner Kritik rückt hat einen einfachen Grund: Hier, lokal vor Ort, erblickt er die soziale Ungleichheit mit eigenen Augen und sieht sich unmittelbar konfrontiert mit dem Ausbeutungsverhältnis von Kolonialherren und Kolonialisierten, dessen Ausdruck sich vor allem in dem Besitz unterschiedlicher Privilegien begründet. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner kritischen Reiseberichte ‘Le Voyage au Congo’ (1927) und ‘Le Retour du Tchad’ (1928), die auf den Tagebüchern während seines Aufenthaltes in Afrika vom Juli 1925 bis zum Juni 1926 basieren, beschäftigt sich Gide stärker als je zuvor mit sozialen Fragen, Winock nennt ihn in dieser Angelegenheit den ‘continuateur de Voltaire’. Er beginnt Zeitungsartikel zu veröffentlichen, nutzt seinen Einfluss in der Öffentlichkeit und er inszeniert bewusst einen Presserummel um Aufmerksamkeit zu erhalten. Weiterhin bemüht er sich in regem Briefverkehr eine Erneuerung der von ihm verurteilten Kautschukkonzessionen zu verhindern und versendet 600 Exemplare seines ‘Le Retour du Tchad’ an Politiker.

Gide verharrt in seiner maßgeblichen Kritik, welche einzig Kritik an Symptomen des französischen Kolonialismus ist und nie das System als Ganzes kritisiert, bei diesem einen Unternehmen, dabei trägt er seine individuellen europäischen Vorstellungen stets in nicht-westliche Länder wie den Kongo, den Tschad, die Türkei (1914) oder aber die Sowjetunion (1936). Für ihn, der die Gerechtigkeit in jeder Hinsicht zum persönlichen Leitprinzip und zum moralischen Imperativ erhebe, für jemanden, der sich dem Wert der Wahrheit und dem der Authentizität eng verbunden fühle, sollte in kommenden Jahren – trotz ‘europäischer Brille’ – eine Möglichkeit zur umfassenderen Systemkritik gegeben sein. Zwar soll er diese Gelegenheit in seinen kritischen Reiseberichten seiner Afrikareise 1925/26 noch nicht voll und ganz ausschöpfen, so kann die Publikation seiner Afrikakritik – sowie die damit verbundene Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit in Form von Polemiken und direkten Angriffen auf Gide selbst – als ‘Vorspiel’ der Veröffentlichungen seiner Russlandbücher von 1936/37 bezeichnet werden. Ist Gide Ende der zwanziger Jahre noch zurückhaltend in seiner Kritik und gänzlich ohne öffentliches Engagement, so ändert sich dies zu Beginn der dreißiger Jahre. Wie viele andere Intellektuelle auch bezieht er in dieser Zeit stärker als je zuvor politisch Position, sein politisches Engagement jener Zeit soll nun – unter Einbezug des historischen und politischen Kontextes jener ereignisreichen Jahre – näher beleuchtet werden.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
1. André Gide: vers l'engagement 3
1.1 Zur Bedeutung moralischer, sozialer und politischer Fragen bei André Gide vor 1931 3
1.2 Die Hinwendung zu sozialen Themen 6
2. Engagement 1932-1936: Antifaschismus, Kommunismus und die Verteidigung der Kultur 8
2.1 André Gide auf politisierten Bühnen: das kommunistische Credo und seine Folgen 9
2.2 Apologet der Sowjetunion 12
3. Konstituenten des Gideschen Kommunismus 15
3.1 Die Synthese aus Kommunismus und Individualismus 16
3.2 Das gescheiterte Christentum 18
4. Zeugnisse eines Apostaten: Retour de l'U.R.S.S. und Retouches à mon Retour de l'U.R.S.S. 20
4.1 Zweifel vor der Reise in die Sowjetunion 22
4.2 Rahmenbedingungen der Reise in die Sowjetunion 25
4.3 Zentrale Kritik in Retour und Retouches und Interpretation 27
4.3.1 Soziale Ungleichheit und Armut 28
4.3.2 Konformismus 32
Fazit 40
Literaturverzeichnis 42

Textprobe:

Kapitel 4.1, Zweifel vor der Reise in die Sowjetunion:

J’ajoute que, dans l‘immense majorité des cas, la soi-disant liberté de pensée reste parfaitement illusoire. Et je comprends de reste ce désir d’unification de pensée qui tente aujourd’hui Hitler, à l’imitation de Mussolini; mais qui ne se peut obtenir qu’au prix de quel effroyable appauvrissement de la pensée!

Erfüllte Gide seine Aufgaben auf den Bühnen der antifaschistischen Kongresse zur Zufriedenheit der meisten Teilnehmer, so ist er selbst nicht immer frei von Zweifeln bezüglich seiner eigenen Ansichten über den Kommunismus unter Stalins Führung. Doch diese Zweifel ändern zunächst kaum etwas an seiner Haltung gegenüber der Sowjetunion, vielmehr bestärken sie ihn in seiner eigenen Position. Für Gide erfüllt seine Reaktion auf Kritik an der UdSSR die Funktion einer positiven Verstärkung, die Verteidigung der Sowjetunion vor Kritikern gleich welcher Art schafft für ihn mit der Zeit klare Feindbilder und festigt dadurch seinen eigenen Standpunkt. So wünscht sich Gide um 1931/32 den Untergang des Kapitalismus wie auch die Abschaffung der Religion und sieht im Kommunismus die einzig sinnvolle Weltordnung.

Im Juli 1932 trifft sich Gide mit Pierre Naville, dieser übergibt ihm einige trotzkistische Manifeste die näher auf stalinistische Methoden der Repression eingehen. In seinem Tagebuch notiert Gide dazu:

Terrible désarroi après lecture des manifestes trotskistes confiés par Pierre Naville. Mais si bien fondées que puissent me paraître certaines critiques, il me semble que rien ne peut être plus préjudiciable que les divisions de la partie.

Wie an diesem Beispiel sichtbar wird, beschäftigt sich Gide einerseits mit kritischen Material bezüglich des stalinistischen Kommunismus – er selbst billigt nicht alle Mittel mit denen die Revolution zum Sieg gebracht werden soll –, andererseits sieht er in dieser Kritik regelmäßig Angriffe und Widerstände, die sich gegen die Sowjetunion und ihre Vorhaben richten.

Am 1. April 1934 erweitert die UdSSR ihr Strafgesetz und erlässt einen Paragraphen gegen Homosexualität, aus Russland erhält Gide kurz darauf Nachricht darüber. Gide, selbst homosexuell und seit jeher Opfer öffentlicher Repressalien im eigenen Land, dürfte die sexuelle Freiheit eines Landes als eine wichtige Variable betrachten an welcher sich der Grad der gesellschaftlichen Freiheit besonders messen lässt. So zeigt er sich auch äußerst bestürzt darüber, besonders da Stalin die Homosexualität dem Snobismus zurechnet und sie als Symptom einer bürgerlichen Gesellschaft verdammt. So beginnt für Gide ab 1934 eine Zeit ernsthafterer Zweifel am kommunistischen System der Sowjetunion, fernab von der Polemik der öffentlichen Meinung. Victor Serge, welcher durch Gides Mithilfe 1935 von Russland aus ins belgische Exil flüchten konnte, schreibt im Mai 1936 (also unmittelbar vor Gides Reise in die UdSSR) einen offenen Brief, der in der Juniausgabe der ‘Esprit’ veröffentlicht wird. Serge bittet Gide darin eindringlich die Augen während seiner Reise offen zu halten und sich mit der sowjetischen Realität kritisch auseinanderzusetzen. Serge schreibt 1936 in seinen Memoiren über Gide:

Nous nous rencontrâmes diverses fois à Bruxelles et à Paris. [.] Il révélait tout de suite une grande timidité surmontée par une fermeté scrupuleuse. Je le vis peser, plein de doutes, chaque mot de ses notes sur l’U.R.S.S., mais le doute concernait l’acte de publier, l’esprit ne doutait pas, il condamnait avec espérance quand même.

Unter Bezugnahme auf den Zeitraum um 1931/32 schreibt Winock: ‘L’illusion de Gide est totale’. Doch zum Zeitpunkt seiner Reise in die Sowjetunion im Juni 1936 gilt dies nicht mehr, sie dient ihm nun vielmehr als Verifikation seiner persönlichen Ansichten, seine Begeisterung für den Kommunismus ist unverändert, jene für die Sowjetunion unter Stalins Führerschaft ist bereits gedämpft. Gide verteidigt seine persönliche Utopie, seine persönliche Auffassung vom Kommunismus auch weiterhin (er tut dies auch bis zu seinem Tod), jedoch ist er sich darüber gewahr, dass er enttäuschende Erfahrungen in Russland machen wird.

Gide, der bereits auf dem Schriftstellerkongress 1935 die Verleumdungen gegenüber Victor Serge gehört hat, der Kritik bezüglich Stalins Politik und am sowjetischen System aus unterschiedlichen Quellen erhalten hat, der die Strafverfolgung gegenüber Homosexuellen in der UdSSR selbst scharf verurteilt, sieht sich immer mehr in einer unsicheren Position. Hinzu kommt, dass Gide seine Integrität als Schriftsteller immer zu wahren suchte, sich stets bemühte, seine Literatur nicht in den Dienst politischer Revolutionen oder anderer ideologischer Kämpfe zu stellen. Wenn er Worte und Werke an die Öffentlichkeit abtrat, sollte dies nicht in verfremdeter Weise geschehen und so willigte er gegenüber Louis Aragon im März 1933 auch nicht ein, ‘Les caves du Vatican’ in der Sowjetunion verfilmen zu lassen. Voraussetzung dafür wäre nämlich eine freie politische Interpretation des Inhalts seitens der Sowjets gewesen. Gide hatte weiterhin Zweifel an der Reise, da er sich verpflichtet sah an allen offiziellen Veranstaltungen teilnehmen zu müssen. Die Tatsache, dass seine Reden übersetzt und eventuell verfremdet werden könnten, dass sein persönlicher Standpunkt zum Kommunismus verloren ginge, beunruhigte ihn. Er hatte seine Reise nun bereits mehrmals aus gesundheitlichen und persönlichen Gründen verschoben, letztendlicher Auslöser für den Reiseantritt ist die Nachricht über Maxim Gorkis schwere Erkrankung, welche Gide endgültig dazu veranlasst die Reise in die Sowjetunion anzutreten.

Arbeit zitieren:
Völkner, Martin September 2009: André Gide und der Kommunismus, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
André Gide, Kommunismus, Retour de l'U.R.S.S., Retouches, faux monnayeurs

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