Analyse belastender Einsatzsituationen im Berufsalltag der sächsischen Polizei hinsichtlich auftretender Posttraumatischer Belastungsreaktionen sowie Strategien der Stressbewältigung
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Sabine Lenke
- Abgabedatum: März 2004
- Umfang: 156 Seiten
- Dateigröße: 1,4 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Leipzig Deutschland
- Bibliografie: ca. 130
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4125-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lenke, Sabine März 2004: Analyse belastender Einsatzsituationen im Berufsalltag der sächsischen Polizei hinsichtlich auftretender Posttraumatischer Belastungsreaktionen sowie Strategien der Stressbewältigung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Posttraumatische Belastungsstörung, Polizei, Trauma, Stress, Schusswaffe
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Diplomarbeit von Sabine Lenke
Einleitung:
Das Fußballspiel am 01. September zwischen dem DSC und dem 1. FC Dynamo Dresden endete 0:0. Die DSC Fans gingen nach Hause, nicht so die Anhänger von Dynamo. Etwa 20 Minuten nach Spielende wurden aus dem Nichts sechs berittene Polizisten von ca. 250 Dynamoanhängern angegriffen. Ebenso schnell standen den 120 zur Hilfe eilenden Polizisten 1500 gewaltbereite Dynamoanhänger gegenüber und begannen ihre Schlacht: warfen mit Steinen, Flaschen, Verkehrsschildern, schließlich wurden Fahrräder gegen die Beamten geschleudert. Trauriges Fazit: 43 verletzte Beamte, drei davon schwer. Einer, dem am Boden liegend mehrere Täter auf dem Kopf herumtraten, überlebte knapp - dank seines Schutzhelmes (‘Kripo live’, Sendung vom 22.09.02).
Tagtäglich vernehmen wir Meldungen dieser Art, die Zeitungen sind voll mit Berichten über Gewalttaten. Doch wie sieht der Alltag der Polizei wirklich aus? Lassen wir an dieser Stelle Polizeibeamte zu Wort kommen, die bereit waren, sich für folgende Untersuchung zu Verfügung zu stellen: +++ Es war ein Einsatz im Jahr 2000, man wollte mich mit einem Messer erstechen, mein Kollege schoss, um mir zu helfen +++ Zwei Tatverdächtige versuchten mich mit dem gestohlenen Fahrzeug mehrmals zu überfahren, nach dem vierten Versuch machte ich von meiner Schusswaffe Gebrauch +++ Ein Verkehrsunfall: ein Motorradfahrer wurde dabei auf die Straße geschleudert, sein Helm lag weit weg von ihm, ich holte ihn - sein Kopf steckte noch im Helm +++ Ich erlebte den Tod eines Kleinkindes, die Familie kniete um die kleine Leiche und betete, es war sehr schwierig für mich nicht emotional zu reagieren +++ Belastend war für mich die Suche nach Überlebenszeichen, nach der Explosion in der Feuerwerk-Fabrik in Eschede (Holland) +++ 24.12.86: Drei Suizide, davon zwei Gasvergiftungen und einmal der Strang, alle drei Personen waren im Alter von 20-25 Jahren +++ Der Castor-Einsatz war für mich sehr belastend, die Führung versagte total +++ Hochwasser 2002 - vor allem der Absturz der Frau in Freital setzte mir zu +++ Es war eine Auseinandersetzung in Leipzig-Connewitz, bei der ich die Schusswaffe zog +++ Ich war während einer Geiselnahme in der JVA als Verbindungsperson eingesetzt und eine ganze Stunde mit den Geiseln und dem Geiselnehmer völlig allein +++ Belastet hat mich der Selbstmordversuch meiner Kollegin. Ich wusste nicht, wie ich mit ihr kurz danach umgehen sollte +++ Es ist der Alltag der Polizei. Die deutlich steigende Gewaltbereitschaft wird mit den aktuellen Zahlen der Kriminalitätsentwicklung für das Jahr 2003 unterlegt. Zudem kam eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN, 2002) zur ‘Gewalt gegen Polizeibeamtinnen- und beamte’, die aufgrund der hohen Anzahl getöteter Polizisten (1985-2000) durch die Gewerkschaft der Polizei in Auftrag gegeben wurde, zu dem Resultat, dass sich die Art der Gewalt gegen Polizisten seit Ende der achtziger Jahre erheblich verändert hat. Heute führen Routinearbeiten des tägliches Dienstes von einer Sekunde zur anderen zu todbringenden Angriffen. Ernsthaftester Indikator für die Gewalt gegen Polizisten ist die Zahl der getöteten Beamten: Seit 1945 wurden 383 Beamte erschossen, erstochen oder überfahren. In Sachsen gab es im Jahr 2000 z.B. 590 Angriffe auf Polizeibeamte. Sachsenweit wurden in 16 Fällen Messer, achtmal die Schusswaffe und zweimal die Axt gegen Beamte gerichtet. 423 Übergriffe fanden unter körperlicher Gewaltanwendung statt. Davon wurden 263 sächsische Beamte verletzt. Zudem sprechen die Zahlen der Schusswaffengebrauchsstatistik von 1999 von 53 Schüssen, die durch Polizeibeamte auf Personen abgegeben wurden, 15 davon trafen tödlich. In Abweichung zu den offiziellen Zahlen ermittelte der Informationsdienst ‘Cilip’ 19 Todesschüsse. Die Erklärung dafür lässt sich im Beschluss der Innenministerkonferenz finden, die seit 1983 besagt, dass ‘unbeabsichtigte Schussabgaben’ bei denen ein Mensch getötet wird, nicht mehr mitzuzählen sind - so auch der tragische Todesschuss auf Friedhelm Beate während der Suche nach dem Gewaltverbrecher Zurwehme. Spätestens jetzt wird bewusst, dass der Beruf des Polizisten einer der ungewöhnlichsten und belastendsten ist, dennoch existieren nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zur Thematik. Ein Anliegen dieser Arbeit, die in Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Ministerium für Inneres entstand, soll daher die Möglichkeit sein, einen weiteren Beitrag zu diesem Themengebiet zu leisten. Daher wurden anhand einer Stichprobe von 147 sächsischen Polizeibeamten mittels Fragebogen, die Art und Häufigkeit berufsbedingter belastender Einsatzsituationen, belastende Ereignisse in der Lebensgeschichte, die Prävalenz Posttraumatischer Belastungsstörungen sowie typische Strategien der Stressbewältigung erfasst. Letzteres umschließt auch Angaben zu bevorzugten Gesprächspartnern, zur Nutzung psychologischer Hilfsangebote sowie Wünsche und Vorschläge der Beamten. Zudem wurde analysiert, ob Zusammenhänge zwischen der Ausbildung einer PTSD und dem Ausmaß der Traumaexposition sowie den Strategien der Stressbewältigung bestehen. Einige Studien verweisen darauf, dass besagte Faktoren das Risiko für die Entwicklung von Belastungsstörungen erhöhen. Ein weiteres Anliegen dieser Arbeit ist, die Thematik des ‘harten Männlichkeitsideals’ zu beleuchten und zu hinterfragen, denn sie ist leider prägend für das Berufsbild. Eingebettet in eine Elite-Truppe, deren Maximen durch Stärke, Leistung und Coolness gekennzeichnet sind, kann es zur Verleugnung eigener Hilfsbedürftigkeit führen. Wird eine traumatische Situation erlebt, ist dieses harte Männlichkeitsideal nicht kompatibel mit der Verbalisation von Gefühlen geschweige der Suche nach adäquaten Hilfsmöglichkeiten. Genau diese Inkompatibilität lässt jedoch den Nährboden für die Ausbildung traumatischer Belastungsreaktionen entstehen. Dieses Persönlichkeitsstereotyp zu hinterfragen und Bewusstheit zu fördern, soll ebenso Anliegen vorliegender Arbeit sein. Oft bin ich im Vorfeld dieser Diplomarbeit gefragt worden, ‘wo denn Polizisten bitte sehr belastet wären’. Einen wesentlichen Aspekt in Bezug auf derartige Fragen, tragen wohl diesbezüglich die Medien bei, denn in zahllosen Kriminalserien, scheint sich der Eindruck zu vermitteln, dass der Schusswaffengebrauch eine routinierte Form der Polizeiarbeit sei. Mit anderen Worten: Es fällt ein Schuss, der Held der Serie klopft sich den Staub aus den Kleidern und geht zum Polizeialltag über. Dem ist jedoch leider nicht so. Reaktionen nach einem Schusswaffengebrauch werden im Film oft völlig falsch dargestellt. Daher soll Sinn und Zweck dieser Arbeit auch sein, einen realen Einblick zu vermitteln, welche Wirkungen der Gebrauch der Schusswaffe tatsächlich hervorruft. In diesem Kontext soll das ‘Post-shooting-syndrom’ skizziert werden, dass eine spezifische Art der Traumatisierung nach einem Schusswaffengebrauch darstellt. Des Weiteren wird auf Möglichkeiten der Prävention für den Extremfall eingegangen, aber auch auf Hilfsangebote nach einer möglichen Traumatisierung wie sie beispielsweise das Sächsische Beratungsteam bietet. Es geht dabei nicht um den Aspekt, Polizisten mit einem Beruf zu sehen, dessen permanente Anforderungen und Belastungen es nötig machen, dass sie sich durch Psychologen und Seelsorger einer ständigen Betreuung unterziehen müssen. Aber ein wichtiges Augenmerk sollte im Sinne der Prävention darauf liegen, dass Polizisten zumindest im Theoretischen, einen gewissen Kenntnisstand über die Entstehung und Bewältigung einer traumatischen Störung besitzen und sich klar darüber sind, dass gerade ihre Berufsgruppe ein Risiko von 100 Prozent besitzt, mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert zu werden. Auch für dieses Anliegen soll folgende Diplomarbeit Rechnung tragen. Der Weg dahin kann nur über eine qualifizierte Fortbildung und dem Erlernen adäquater Bewältigungsstrategien im Kontext belastender berufsbedingter Erlebnisse führen. Denn jeder muss vorher wissen, was hinterher mit ihm passiert ...
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 8 | |
| TEIL 1:THEORIE | ||
| 1. | Historischer Rückblick - Der Weg zur Erforschung der Posttraumatischen Belastungsstörung | 11 |
| 1.1. | Seelenverlust, Ritual und Dichtung | 12 |
| 1.2. | Die Wissenschaftsgeschichte - Auseinandersetzung mit dem Trauma | 12 |
| 1.2.1. | Charcot, Janet, Breuer und Freud | 12 |
| 1.2.2. | Eisenbahn und Weltkriege | 16 |
| 1.2.3. | Die Stressforschung und Hans Selye | 19 |
| 2. | Psychotraumatologie | 20 |
| 2.1. | Definition des psychischen Traumas | 20 |
| 2.2. | Einteilung psychischer Traumen | 21 |
| 2.2.1. | Klassifizierung nach der Schwere der Belastung | 22 |
| 2.2.2. | Klassifikation nach der Verursachung | 23 |
| 2.2.3. | Klassifikation nach der Dauer der Einwirkung | 24 |
| 2.3. | Klinische Subtypen | 25 |
| 2.4. | Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) | 25 |
| 2.4.1. | Klassifikationskriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung | 26 |
| 2.4.2. | Differenzialdiagnostik und Komorbidität | 28 |
| 2.4.3. | Epidemiologie | 29 |
| 2.4.4. | Diagnostische Verfahren | 33 |
| 2.4.4.1. | Strukturierte Interviews | 33 |
| 2.4.4.2. | Psychometrische Verfahren | 35 |
| 2.4.4.3. | Psychophysiologische Messungen | 36 |
| 2.4.5. | Ätiologische Konzepte | 36 |
| 2.4.5.1. | Das Furchtstruktur-Modell nach Foa & Kozak (1986) | 38 |
| 2.4.5.2. | Das Modell kognitiver Schemata nach Horowitz (1976/1997) | 39 |
| 2.4.6. | Protektiv- und Risikofaktoren | 41 |
| 2.4.6.1. | Situationsgebundene und personale Risikofaktoren versus Ereignis- und Aufrechterhaltungsfaktoren | 42 |
| 2.4.6.2. | Berufsbedingte Risikofaktoren | 43 |
| 2.4.6.3. | Protektivfaktoren | 45 |
| 2.4.7. | Behandlungsansätze | 46 |
| 2.4.7.1. | Psychopharmakologische Therapieansätze | 46 |
| 2.4.7.2. | Psychotherapeutische Behandlungsansätze | 47 |
| 3. | Stress | 52 |
| 3.1. | Geschichtliche Aspekte | 52 |
| 3.2. | Stress - eine Begriffsdefinition | 55 |
| 3.3. | Wirkungen von Stress | 56 |
| 3.3.1. | Die körperliche Stressreaktion | 57 |
| 3.3.2. | Die psychische Stressreaktion | 59 |
| 3.3.3. | Stressphysiologie und Traumatisierung | 61 |
| 3.4. | Bewältigungsstrategien - Die kognitiv-transaktionale Stresstheorie von Lazarus und Launier | 62 |
| 3.5. | Stress als Mittlerkonzept zwischen Gesundheit und Krankheit | 65 |
| 3.5.1. | Stufen der Zusatzregulation und Destabilisierung unter Belastungsdruck | 65 |
| 3.5.2. | Risikofaktoren für Psyche und Physis | 68 |
| 3.5.3. | Stressbewältigung, Persönlichkeit und Krankheit - ein Zusammenhang? | 69 |
| 3.5.4. | Stressbewältigung und Ressourcen - Protektivfaktoren als Moderatoren zwischen Stress und Pathogenese | 71 |
| 4. | Traumatischer Stress bei der Polizei - Bewältigung hochbelastender Erlebnisse im Polizeidienst | 75 |
| 4.1. | Was bedeutet für Polizisten Stress? | 75 |
| 4.2. | Reaktionen auf belastende Ereignisse im Polizeidienst | 78 |
| 4.3. | Konstruktive Strategien der Stressbewältigung im Polizeiberuf | 79 |
| 4.4. | Das Post-Shooting-Syndrom | 82 |
| 4.4.1. | Unsicherer Schuss versus Finaler Rettungsschuss | 83 |
| 4.4.2. | Extremlage Schusswaffengebrauch - physiologische und psychologische Komponenten vor und während der Extremsituation | 84 |
| 4.4.3. | Belastungsreaktionen nach dem Schusswaffengebrauch | 86 |
| 4.4.4. | Trainingsstand und Persönlichkeitsstruktur - Prävention für Extremlagen | 88 |
| 4.5. | Harte Männer braucht die Polizei? - Männlichkeit und die Verleugnung von Hilfsbedürftigkeit | 90 |
| 4.6. | Wie kann Stress im Polizeidienst begegnet werden? - Betreuungskonzepte bei der Polizei | |
| 4.6.1. | SAFE-R-Modell der Krisenintervention | 93 |
| 4.6.2. | Critical incident stress debriefing (CISD) | 94 |
| 4.6.2.1. | Debriefing - ein zweifelhaftes Verfahren? | 96 |
| 4.6.3. | Kognitive Verhaltenstherapie für Polizisten (Gersons & Carlier, 1997) | 97 |
| TEIL 2:EMPIRIE | ||
| 5. | Fragestellungen | 98 |
| 6. | Erhebungsinstrumente | 100 |
| 6.1. | Leipziger Ereignis- und Belastungsinventar nach Richter & Guthke (1996) | 101 |
| 6.2. | Feuerwehr nach Teegen, F., Domnick, A. und Heerdegen, M. (1996) | 101 |
| 6.3. | Die Posttraumatic Diagnostic Scale (PDS) nach Foa et al. (1995) | 102 |
| 6.4. | Stressverarbeitungsfragebogen (SVF) nach Janke et al. (1985) | 103 |
| 7. | Stichprobencharakteristik | 104 |
| 8. | Ergebnisdarstellung | 106 |
| 8.1. | Belastungen in der Lebensgeschichte | 106 |
| 8.1.1. | Exposition traumatischer Stressoren der persönlichen Lebensgeschichte | 106 |
| 8.1.2. | Persönlich besonders belastende Ereignisse der Lebensgeschichte | 108 |
| 8.2. | Berufliche Extrembelastungen | 108 |
| 8.2.1. | Exposition zu traumatischen Stressoren im Beruf | 108 |
| 8.2.2. | Persönlich besonders belastende Einsätze | 109 |
| 8.2.3. | Zusätzliche Belastungsfaktoren | 111 |
| 8.3. | Posttraumatische Belastungsreaktionen | 111 |
| 8.4. | Stressverarbeitungsstrategien | 113 |
| 8.5. | Schutzfaktoren | 115 |
| 8.6. | Vorschläge und Wünsche zur Vor- und Nachbereitung belastender Einsatzsituationen | 117 |
| 9. | Beantwortung der Fragestellung und Zusammenfassung | 118 |
| 10. | Diskussion der Ergebnisse | 131 |
| 11. | Ausblick | 139 |
| Tabellenverzeichnis | 141 | |
| Abbildungsverzeichnis | 142 | |
| Literaturverzeichnis | 145 | |
| Anhang |
Textprobe:
Kapitel 4, Traumatischer Stress bei der Polizei - Bewältigung belastender Erlebnisse im Polizeidienst:
In Kapitel drei wurde ausführlich auf die Definition von Stress, dessen Entstehung, auf Risikofaktoren und auch auf mögliche Ressourcen eingegangen. Dieses nun letzte theoretische Kapitel beschäftigt sich primär mit den Stressoren im Polizeiberuf. Was bedeutet Stress ganz spezifisch für den Polizisten? Wie belastend wird die Konfrontation mit dem Tod erlebt? Sind dienstältere Beamten vor Stress gefeit, währenddessen Berufsanfänger damit zu kämpfen haben? Wie setzen sich die Beamten mit dem Thema Stress auseinander? Welche praktischen Bewältigungsmöglichkeiten gibt es für sie? Des Weiteren soll im folgenden Kapitel die Thematik des Schusswaffeneinsatzes verfolgt werden, verbunden mit der Skizzierung physiologischer Abläufe während des Gebrauchs einer Waffe sowie deren Wirkungen auf das psychische Gleichgewicht. Begriffe wie das ‘Post-shooting-syndrom’ und der ‘Suicid by cop’ werden zudem eine Rolle spielen - ebenso Präventionsmöglichkeiten vor einem möglichen und Betreuungskonzepte nach einem Schusswaffengebrauch. Eine weitere und sehr wesentliche Thematik wird in diesem Kapitel zudem der Rolle des ‘harten Mannes’ in der Polizeiorganisation zukommen - insbesondere aber den Gefahren, die sich mit dieser Einstellung ergeben.
Was bedeutet für Polizisten Stress?
Für Polizeibeamte gibt es in ihrer beruflichen Tätigkeit keine gleichbleibende Stressoren. Aumiller und Goldfarb (1998) postulierten den Begriff des so genannten ‚burst stress’. ‚Burst’ steht für die Explosion - eine Anstieg des Stresslevels innerhalb von Sekunden von totaler Ruhe bis zum Anspannungsmaximum. ‘In other words, officers go from complete calm, to high activity and pressure in one ‘burst’. (...) ‘out of control’ can happen in seconds’.
Ludwig (2001) beschreibt in ihrer Studie vier wesentliche Stressfaktoren für Polizeibeamte:
Stressfaktoren:
1. Auseinandersetzung mit Bürgern, Kollegen und Vorgesetzten auf emotionaler Ebene häufige Konfrontation mit sozialen Problemen und negativ besetzten Situationen Nichtvorhersehen einer Konflikteskalation bei Beginn eines Einsatzes Unsicherheit, Fehler zu begehen und Dauerstress, alles richtig machen zu müssen sowie immense Verstärkung durch Erwartungen der Öffentlichkeit (Medien).
Mittendorff und Pfeiffer publizieren des Weiteren folgende Stressoren:
Stressoren, Verfolgung eines bewaffneten Täters, Scheitern einer Reanimation, Auffinden einer Leiche / Vorfinden einer Leiche nach einem Mord, Anblick einer Verstümmelung, Suizid eines Kollegen, Erlebnisse als Geisel, Opfer von Folterung, Terrorismus.
Hallenberger und Mueller haben in einer Untersuchung von 100 Polizisten (dienstältere vs. berufsunerfahrene), folgende Stressquellen herausarbeiten können:
Kategorien genannter Stressquellen, Verkehrsunfall (mit Toten und Verletzten), Todesnachricht (Überbringung und Betreuung), Schusswaffengebrauch, Innerdienstliche soziale Aspekte (Klima im Kollegium, Zusammenarbeit, Führung), Arbeitsbedingungen (Schichtdienst, hohe Arbeitsbelastung, Wochenenddienst), Eigengefährdung (Gewalt, Demonstrationen, Festnahmen, Einsatzfahrt), Verletzungen, Tod (außer 1., Obduktion, Wiederbelebung, Unglücke mit Kindern), Bürgerkontakt (zu hohe Erwartungen, unbegründete Beschwerden, Familienstreit), Unglück eines Kollegen, Konflikt Dienst/Privatsphäre (nahestehende Opfer, Gewissenskonflikte).
Dabei kamen nach Häufigkeit der von den Beamten bereits erlebten Stressquellen, die Autoren zu der Erkenntnis, dass die ‘Eigengefährdung’ den größten real erlebten Stress für Anwärter und erfahrene Beamte darstellte. ‘Verletzung und Tod nach Verkehrsunfällen’ sowie ‘Verletzung, Tod, Obduktion, Unglücke mit Kindern’ werden als ebenso hohe Stressfaktoren von beiden Gruppen benannt. Die Kategorie ‘Arbeitsbedingungen’ zeigte sich für erfahrenere Polizeibeamte häufiger als belastend im Vergleich zu ihren jüngeren Kollegen, auf Grund dessen, dass junge Menschen Anforderungen von Schicht- und Wochenenddiensten besser kompensieren können. Selten erlebt und daher als Stressor benannt wurde der Schusswaffengebrauch. Hinterfragt werden müssen daher die Ergebnisse der Autoren Manolias und Hyatt-Williams, die besagen, dass amerikanische Polizeibeamte den Schusswaffeneinsatz als das für sie am belastendste Erlebnis deklarierten (vgl. 4.4.3. Belastungsreaktionen nach dem Schusswaffengebrauch). Auch in der Studie von Scheler nahm der Schusswaffengebrauch diesbezüglich den ersten Platz ein. Hallenberger und Mueller verweisen darauf, dass in Deutschland von der Schusswaffe eher selten Gebrauch gemacht wird (vgl. Einleitung), dieser den Beamten als Stressfaktor jedoch durchaus evident ist. Von daher interessant sind die Ergebnisse Hallenberger und Muellers (ebenda), hinsichtlich einer Wichtung bereits erlebter Stressquellen. Die ‘Eigengefährdung’, ‘Verletzung und Tod’ sowie der ‘Schusswaffengebrauch’ stehen in ihrer Hierarchisierung durch beide Gruppen an vorderster Stelle. Verkehrsunfälle mit Toten und Verletzten scheinen zudem für Berufsanfänger größeren Stress im polizeilichen Dienst zu verursachen als für erfahrene Beamte. Hermanutz legt jedoch nahe, dass aus seiner Sicht bisher nicht bestätigt werden konnte, dass berufserfahrene Personen Stresssituationen besser bewältigen konnten als unerfahrene. Steinbauer konnte im Hinblick auf ihre Untersuchungen der Beamten der Österreichischen Bundespolizei vor allem Unglücke mit Kindern, das Unglück eines Kollegen sowie das Überbringen einer Todesnachricht als die belastendsten Erlebnisse deklarieren. Der Schusswaffengebrauch nahm bei den österreichischen Beamten Platz fünf ein. Auch Teegen postulierte in ihrer Studie, dass ‘sich die Einsatzkräfte vor allem durch Situationen, die sie mit dem vorzeitigen Tod von Kindern, extremen Sinneseindrücken, eigener Lebensgefahr konfrontierten’ subjektiv besonders belastet fühlten. Diese Aussage kann durch eigene Erfahrungen im Hinblick auf Interviews mit Polizeibeamten bestätigt werden. In der Differenzierung zwischen männlichen und weiblichen Beamten konnte Steinbauer signifikant höhere Belastungen männlicher Beamter im Hinblick auf die Situationen ‘Schichtdienst’ und ‘Gewalt’ aufzeigen, welche damit erklärt werden, dass männliche Beamte häufiger auf ein längeres Dienstalter verweisen können und zudem auch ‘häufiger bei der Konfrontation mit Gewalttätigen eingesetzt werden als die weiblichen Kollegen’. In der Situation ‘Suizide’ zeigten jedoch die weiblichen Beamten eine signifikant höhere Belastung (Steinbauer, ebenda). Dieses Ergebnis wird aufgrund kürzerer Diensterfahrung der Frauen als auch durch eine sensiblere Reaktion bezüglich der Konfrontation mit dem Tod interpretiert. Andererseits besteht die Möglichkeit, dass Frauen ihre Belastungen im Vergleich zu Männern eher kommunizieren, da letzteren möglicherweise die Offenbarung ihrer Gefühle schwerer fällt (Behr, 2000). Zusammenfassend können zwei wesentliche Kategorien im Hinblick auf polizeiliche Stressquellen postuliert werden: zum einen der tägliche Berufsstress im Sinne der Faktoren, die mit der organisatorisch-administrativen Struktur der Polizeiorganisation zusammenhängen und zum anderen das Erleben von Gewalt, Verletzung und Tod, dass mit physisch-psychischer Bedrohung einhergeht.
Reaktionen auf belastende Ereignisse im Polizeidienst:
Beeinträchtigungen hinsichtlich einer traumatischen Referenzerfahrung konnten vor allem im Auftreten von Intrusionen, Flashbacks und erhöhter Gefahrenempfindung eruiert werden. ‘This might include seeing it in the mind’s eye, hearing it in the mind’s ear, feeling it again, or perhaps smelling and tasting it again’ (Solomon & Horn). Des Weiteren wurden Reaktionen wie Wut, Zorn und Depressionen beschrieben (ebenda). Zudem gelten alle bereits angeführten Aspekte bezüglich der Wirkung von Stress auf Körper und Psyche (vgl. 3.3. Wirkungen von Stress). Bezüglich der Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Beamten konnte Steinbauer aufzeigen, dass männliche Beamte sich mehr von erhöhter Wachsamkeit, Flashbacks, Störungen des Sexuallebens, erhöhtem Alkoholkonsum, Probleme mit Autoritäten und Vorschriften sowie Selbstmordgedanken belastet fühlten als die weiblichen Beamten, die vor allem Konzentrationsschwierigkeiten und erhöhte Reizbarkeit angaben. Teegen, Domnick und Heerdegen konnten in ihrer Studie belegen, dass trotz berufsbedingter Traumatisierung eher wenige Personen an einer chronischen PTSD litten. Die Autoren gehen davon aus, dass scheinbar eine gute Bewältigungskompetenz durch langjährige Berufserfahrung sowie andere Protektivfaktoren (vgl. 2.4.6.3.) trainiert werden konnte. Werden jedoch die Ergebnisse im Hinblick auf das Auftreten intrusiver Symptomatiken hinzugezogen, ‘so wird deutlich, dass 39 Prozent der Polizisten, 56 Prozent der Feuerwehrleute und 80 Prozent der Rettungsdienstkräfte in beruflichen Situationen damit rechnen müssen, dass bedrängende Erinnerungen an traumatische Erfahrungen das momentane Geschehen überlagern’. Nach Steinbauer (2001) sowie Hallenberger und Mueller (2000) zeigen sich vor allem bei erfahrenen Kollegen Auswirkungen erlebter Stresssituationen anhand der Beeinträchtigungen im sozialen Bereich (Verlust von Freundschaften, Streitigkeiten mit dem Partner, vgl. 10. Diskussion der Ergebnisse). Positive Auswirkungen der beruflichen Belastungen wie Selbstbewusstsein und ein persönliches Wachstum, konnten jedoch ebenso erhoben werden. Teegen, Domnick und Heerdegen postulieren durch den Einsatz der Symptom-Checkliste von Derogatis nach Franke (SCL-90-R) in ihrer Studie, vor allem aktuelle Befindlichkeitsstörungen wie Kopf- und Kreuzschmerzen, Reizbarkeit sowie Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten. In der Differenzierung zwischen männlichen und weiblichen Beamten standen bei den Männern Gereiztheit, Verlust von Freundschaften und Streitigkeiten eher im Vordergrund als bei den Frauen, die signifikant häufiger Items wie Ängste, schnellere Ermüdung, Gedanken an einen Berufswechsel aber auch einen höheren Erfahrungsschatz anführten.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836641258
Arbeit zitieren:
Lenke, Sabine März 2004: Analyse belastender Einsatzsituationen im Berufsalltag der sächsischen Polizei hinsichtlich auftretender Posttraumatischer Belastungsreaktionen sowie Strategien der Stressbewältigung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Posttraumatische Belastungsstörung, Polizei, Trauma, Stress, Schusswaffe



