Aggressive Diffamierung und Negation
Inhalt und Vortragsstil der Hitler-Reden 1933-1945
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Wolfgang Przewieslik
- Abgabedatum: Dezember 1992
- Umfang: 134 Seiten
- Dateigröße: 762,3 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Universität der Künste Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-2403-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-2403-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-2403-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Przewieslik, Wolfgang Dezember 1992: Aggressive Diffamierung und Negation, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Rhetorik, Nationalsozialismus, Wahlkampf, Hitler, politischer Messianismus
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Diplomarbeit von Wolfgang Przewieslik
Einleitung:
Politik beschreibt ihre Zielvorstellungen mit Hilfe der Sprache. Darüber hinausgehend begründet Sprache in eigenständiger Weise Realität. Bezogen auf die politische Rede spricht Dolf Sternberger davon, dass Reden Taten sind. Diese Einschätzung trifft sehr wohl auch auf den Propaganda-Redner Adolf Hitler zu. Wer von „Bazillenträger[n]“ und von „ansteckenden politischen...Krankheiten“ sprach, vollzog die verbale Vernichtung vor bzw. parallel zur physischen Vernichtung. Anknüpfend an das Heinrich Heine-Zitat „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ soll die Analyse der Propaganda-Rede Hitlers auf den potentiellen Zusammenhang zwischen der verbalen Herabwürdigung von Menschen und ihrer tatsächlichen physischen Vernichtung hinweisen.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 1 | |
| 1. | Die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Weimarer Republik und der Einfluß der biographischen Eckdaten Hitlers auf seine Terminologie | 10 |
| 1.1 | Charisma versus Ideologie - Der Aufstieg der NS-Bewegung während der Weimarer Republik und die Propaganda-Rede Hitlers | 11 |
| 1.2 | Biographische Eckdaten Hitlers und ihr Einfluß auf seine Terminologie | 17 |
| 1.3 | Zusammenfassung | 26 |
| 2. | Die Propaganda-Rede Hitlers im Gegensatz zur klassischen Rhetorik | 28 |
| 2.1 | Entstehung und Entwicklung des Begriffes Propaganda | 29 |
| 2.2 | Die klassische Rhetorik | 31 |
| 2.3 | Die Propaganda-Rede Hitlers | 35 |
| 2.3.1 | Nationalsozialistische Beschreibungen und Bewertungen der Propaganda-Rede Hitlers | 36 |
| 2.3.2 | Selbstaussagen Hitlers zur Propaganda-Rede | 40 |
| 2.3.3 | Die Rhetorik der Propaganda-Rede Hitlers | 46 |
| 2.4 | Zusammenfassung | 51 |
| 3. | Formale Stereotypen der Propaganda-Rede Hitlers | 54 |
| 3.1 | Die Propaganda-Rede Hitlers und das Streben nach Wahrheit | 55 |
| 3.2 | Der hilflose Feind | 59 |
| 3.3 | Der affektbetonte Monolog | 61 |
| 3.4 | Das vernichtende Gelächter | 64 |
| 3.5 | Die vernichtende Frage | 66 |
| 3.6 | Der Superlativ im Rahmen der Propaganda-Rede Hitlers | 67 |
| 3.7 | Hitlers Gebrauch von Fremdwörtern | 69 |
| 3.8 | Hitlers lautsprachlicher Vortragsstil | 70 |
| 3.8.1 | Hitlers Sprachmodulation | 71 |
| 3.8.2 | Hitlers 'lautsprachliches Lügen' | 76 |
| 3.9 | Zusammenfassung | 79 |
| 4. | Inhaltliche Stereotypen der Propaganda-Rede Hitlers | 80 |
| 4.1 | Aggressive Diffamierung und Negation | 81 |
| 4.2 | Die Verkündung einer Pseudoreligion | 88 |
| 4.2.1 | Der Politische Messianismus | 89 |
| 4.2.2 | Der Politische Messianismus im 20. Jahrhundert | 92 |
| 4.2.3 | Der Politische Messianismus und die Pervertierung der jüdisch-christlichen Apokalyptik des Tausendjährigen Reiches | 95 |
| 4.2.4 | Die pseudoreligiöse Ansprache der Propaganda-Rede Hitlers | 99 |
| 4.3 | Biologistische Terminologien | 103 |
| 4.4 | Militaristische Szenarien | 107 |
| 4.5 | Exzessive numerische Angaben | 111 |
| 4.6 | Zusammenfassung | 115 |
| 5. | Kommentierte Nachschrift der letzten Hitler-Rede vom 30. Januar 1945 | 117 |
| Schlußbemerkung | 131 | |
| Literaturverzeichnis | 136 | |
| Erklärung | 142 |
Der Nationalsozialismus hat den Begriff Propaganda jedoch für sich vereinnahmt und zu einem Schlüsselbegriff der NS-Zeit gemacht. Seit 1925 besaß die Parteileitung der NSDAP einen Propaganda-Ausschuß,189 jede "Gau-, Bezirks- und Ortsgruppe bzw. Zellenleitung war auf Anordnung der Parteizentrale verpflichtet, “das parteiamtliche Redner- und Schulungsmaterial zu beziehen und durch einen damit beauftragten Parteigenossen laufend gründlich durcharbeiten zu lassen“".190 Außerdem existierte seit 1927 in Berlin die, von Goebbels geleitete, "Schule für Politik";191 1928 wurde in Herrsching die "Rednerschule der NSDAP"192 eröffnet. "Seit dem 1.6.1929 war die Rednerschule offiziell (parteiamtlich) anerkannt. Nach fünf Monaten erhielt der Kursteilnehmer die “Redebefähigung“, dann mußte er innerhalb von 8 Monaten 30 mal öffentlich sprechen. Nach zwölf Monaten wurde er “parteiamtlicher Redner“… Die Rednerschule [umfaßte] im Mai 1930 2300 Teilnehmer."193 Die Reichspropagandaleitung der NSDAP rekrutierte aus dem Kreis der Absolventen dieser Schulungseinrichtungen ihre hauptamtlichen Parteiredner.194 Es entstand eine hierarchisch gegliederte Rednerorganisation die jeweils nach Bezirks-, Gau- und Reichsrednern unterschied und den Einsatz dieser Redner zentral steuerte.195 Seit 1932 existierte dann zusätzlich die Kategorie des Fachredners, der für ein bestimmtes Thema bzw. für ein bestimmtes Publikum zuständig war; es gab insgesamt 24 Fachredner die sich u.a. speziell zu den Schlüsselthemen Agrarpolitik, Finanz- und Wirtschaftspolitik sowie zur Rüstungspolitik äußerten.196 Die Rednertätigkeit, das Propagieren, stellte für die NS-Bewegung nicht allein eine effektive Methode der Suggestion im Kampf um die Macht dar, sondern die nationalsozialistische Propaganda-Rede verkörperte in prägnanter Form die Identität der NS-Bewegung; in dem Monatsblatt der NSDAP “Unser Wille und Weg“ wurde dieser Sachverhalt in dem Satz zusammengefaßt: "Wir sind Redner geworden, weil wir Nationalsozialisten geworden waren."197 [...]
Die Entstehung des Begriffes Propaganda geht auf das Jahr 1627 zurück, in dem Papst Urban VIII. das “Collegium de propaganda fide“/“Studiengesellschaft betreffs des auszubreitenden Glaubens“ gründete.181 Unter dieser Bezeichnung firmierten Einrichtungen, die, im Zeitalter der Gegenreformation, Missionare ausbildeten, Druckerzeugnisse in mehreren Sprachen herausgaben und Bibliotheken unterhielten.182 Dieser Apparat hatte die gemeinsame Zielrichtung, zur Verbreitung des katholischen Glaubens beizutragen. Das Verb propagare/ausbreiten wurde im Laufe der Anwendungsgeschichte aus der vollständigen Amtsbezeichnung “Collegium de propaganda fide“ herausgelöst und fort an fast ausschließlich in der Substantivform Propaganda gebraucht.183 Der Gegenstand der Propaganda trat zunehmend in den Hintergund, die Verbreitung wurde zum zentralen Punkt der Aktivitäten, die konkreten Inhalte waren austauschbar bzw. zweitrangig. In diesem Zusammenhang kann es auch nicht überraschen, daß in der Amtsbezeichnung des Goebbels-Ministeriums “Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ jeder Hinweis fehlte, über welche Sachverhalte das Volk aufgeklärt werden sollte bzw. welche Inhalte verbreitet werden sollten.184 "Der Zweck [und] Sinn [blieb] im Leeren, während die “Propaganda“ als solche, als absolute und universale Tätigkeit auf vollen Touren lief."185 Bracher erklärt die "manipulierbare Verschwommenheit der Leitbilder wie der Terminologie[n] [des Nationalsozialismus]"186 ebenfalls damit, daß dem "Zustand [der Propaganda] selbst, [wenn er] zur Existenzform geworden [ist],…nur noch der letzte Zweck [bleibt] ,… [der] omnipotente[n] Macht ohne konstruktiven Inhalt, de[n] schrankenlose[n] Raum zur Entfaltung der Willkür des Machtträgers [zu bieten]."187 Dem Nationalsozialismus gebührt also keineswegs das 'Verdienst' den Begriff Propaganda geprägt bzw. ihn im außerkirchlichen Bereich zum ersten Mal angewandt zu haben.188 [...]
tischen Prinzipien dieser Schriften beinflußt. Das Selektionsprinzip der Darwinschen Entwicklungslehre wurde hier aus seinem naturwissenschaftlichen Bezugsrahmen herausgelöst und in sachfremder Weise auf das individuelle und kollektive menschliche Sozialverhalten übertragen. Anfang der Zwanziger Jahre setzte Hitler die Lektüre vergleichbarer Schriften fort und konsumierte u.a. Wilhelm Bölsches Buch “Vom Bazillus zum Affenmenschen“. Bölsche beschrieb hier den vermeintlichen "Endscheidungskampf"177 der “Bazillen“ gegen die Menschheit. Den Menschen bezeichnete Bölsche als "Zellenstaat"178, der von dem Bazillus, dem "Staatsfeind"179, angegriffen würde. Hitler verband diese Vorstellungen mit dem Gedankengut des Grafen Gobineau und Houston Stewart Chamberlains, die die Geschichte der Menschheit insgesamt zum globalen Rassenkampf erklärten. Die 'Arier', denen die 'Germanen' am nächsten stehen würden, waren aufgrund dieses Erklärungsmusters, die Kulturträger schlechthin, die einen permanenten Verteidigungskampf gegen alle 'Nicht-Arier' vermeintlich führen müßten. In Übereinstimmung mit Richard Wagner, bezeichnete Hitler dann die Juden als feindlich gesonnene 'Nicht-Arier'. Der spätere Propaganda-Redner Hitler verband diese rassistischen Geschichtsinterpretationen mit den beschriebenen sozialdarwinistischen Terminologien zu diversen biologistischen bzw. militaristischen Endkampf-Szenarien. Zusätzlich wirkte sich die Parallelität zwischen dem Lazarettaufenthalt des, unter einer Kampfgasvergiftung leidenden, Meldegängers Hitler und dem kriegsbedingten Ende des Deutschen Kaiserreiches auf den weiteren Lebensweg Hitlers und auf seine Terminologie aus. Hitler verklärte seinen Genesungsprozeß, vor dem Hintergrund des von ihm für katastrophal gehaltenen Waffenstillstandes, zum Erkenntnisprozeß und beschloß daraufhin, politisch tätig zu werden, um die “November-Verbrecher“ und das von ihnen errichtete demokratische System der Weimarer Republik zu bekämpfen. Den Terminus “Vergiften“ übertrug Hitler fortan in biologistischer, d.h. in sachfremder und in diffamierender Weise auf politische Zusammenhänge. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832424039
Arbeit zitieren:
Przewieslik, Wolfgang Dezember 1992: Aggressive Diffamierung und Negation, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Rhetorik, Nationalsozialismus, Wahlkampf, Hitler, politischer Messianismus



