Afrikanischer Tanz
Zu den Möglichkeiten und Grenzen in der deutschen Tanzpädagogik
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Silke Hubrig
- Abgabedatum: Februar 2002
- Umfang: 75 Seiten
- Dateigröße: 743,7 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Bremen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5407-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hubrig, Silke Februar 2002: Afrikanischer Tanz, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Tanzpädagogik, Kulturwissenschaft
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Staatsexamensarbeit von Silke Hubrig
Einleitung:
Vor circa sieben Jahren habe ich den Afrikanischen Tanz als sportliche Bewegungsform für mich entdeckt. Seitdem tanze ich regelmäßig im Rahmen von wöchentlichen Kursen und Workshops. Im Zuge meiner sportpädagogischen Ausbildung habe ich schließlich auch begonnen, im Rahmen verschiedener beruflicher Tätigkeiten vereinzelte Unterrichtsstunden im Afrikanischen Tanz zu geben. Inzwischen unterrichte ich den Afrikanischen Tanz seit längerem in einem Bildungswerk für sogenannte geistig behinderte Menschen.
Für die Vermittlung des Afrikanischen Tanzes hatte ich bis dahin in der Regel erfolgreich eine Methode angewandt, die mir als Teilnehmerin Afrikanischer Tanzkurse bekannt war und die sich letztendlich auf ein Vormachen und Nachmachen beschränkte. Für die sogenannten geistig behinderten Menschen zeigte sich diese Vermittlungsweise als problematisch – sie war in der sowohl in Bezug auf die kognitiven als auch auf die körperlichen Voraussetzungen sehr heterogenen Tanzgruppe dieses Kurses letztlich nicht umsetzbar. Diese Tatsache zwang mich dazu, andere Methoden auszuprobieren, die jenseits von dem lagen, was ich als langjährige Teilnehmerin an unterschiedlichen Kursen und Workshops kennengelernt hatte.
Diese Erfahrungen haben letztendlich dazu geführt, daß ich mein bisheriges Verständnis von dem, was Afrikanischer Tanz ist, neu zu durchdenken begann. Denn neben der Frage nach der geeigneten Methode mußte ich für die mir anvertraute spezifische Zielgruppe auch den Gegenstand des Unterrichts neu differenzieren: Was genau kann den Teilnehmerinnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten näher gebracht werden? Was ist umsetzbar? Und - ist das, was ich zum Gegenstand der Stunde mache, noch Afrikanischer Tanz?
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der Afrikanische Tanz unter besonderer Berücksichtigung seines möglichen Stellenwertes in der deutschen Tanzpädagogik. Von den vielfältigen Erscheinungsformen des Afrikanischen Tanzes wird in dieser Arbeit dabei nur der traditionelle Afrikanischen Tanz betrachtet, wie er in Afrika im ursprünglichen sozio–kulturellen Kontext getanzt wurde und vor allem im ländlichen Bereich noch heute getanzt wird. Auf Weiterentwicklungen des Afrikanischen Tanzes wie die afro-amerikanischen Tanzformen wird daher nicht näher eingegangen. Ebenso werden Tanzformen, die heutzutage in den Städten Afrikas getanzt werden und der Moderne Afrikanische Tanz, der auf der Bühne präsentiert wird, nicht näher betrachtet, denn diese Ausprägungen von Tanz sind durch die Europäisierung der Städte beeinflußt worden. Abgesehen wird ferner von einer bedeutenden Untergruppe der traditionellen Afrikanischen Tänze, den in Afrika sehr verbreiteten Trance-Tänzen. Diese haben in erster Linie religiöse Bedeutung und sind meiner Meinung nach im Rahmen dieser Arbeit und für die deutsche Tanzpädagogik nicht relevant.
Der Afrikanische Tanz ist auf komplexe und vielschichtige Weise in die afrikanische Kultur eingebunden. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird auf eine umfassende Darstellung dieser Bezüge verzichtet und die Darstellung so weit wie möglich auf die tänzerischen Elemente beschränkt. Diese Auslassungen bringen beispielsweise eine Vernachlässigung des Stellenwertes der Musik für den Afrikanischen Tanz mit sich. Im Prinzip sind der Afrikanische Tanz, seine Musik und der kulturelle Kontext nie losgelöst voneinander zu betrachten.
Der Afrikanische Tanz ist in Deutschland in den letzten Jahren vor allem im Rahmen von Tanzkursen und Workshops populär geworden. Im vorgesehenen Lehrplan der „staatlich verordneten” Tanzerziehung in den Schulen taucht der Afrikanische Tanz nicht auf. Da die Tanzpädagogik im schulischen Rahmen des Sportunterrichtes besonderen Bedingungen unterliegt, beschränke ich mich in den folgenden Ausführungen zum Afrikanischen Tanz in der Tanzpädagogik auf Kurse und Workshops, in denen sich Tanzinteressierte freiwillig zusammenfinden, um den Afrikanischen Tanz zu erlernen.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Möglichkeiten und Grenzen des Afrikanischen Tanzes in der deutschen Tanzpädagogik herauszuarbeiten. Insbesondere soll dabei aufgezeigt werden, ob und in wie weit das Erlernen des Afrikanischen Tanzes für Deutsche „sinnvoll“ ist, bzw. welche Aspekte des Afrikanischen Tanzes in der deutschen Tanzpädagogik relevant und umsetzbar sind.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit | 1 |
| 1.2 | Aufbau und Quellen der Arbeit | 3 |
| 2. | Anstelle einer Definition von Tanz | 4 |
| 2.1 | Zur ursprünglichen Entstehung des Afrikanischen Tanzes | 5 |
| 2.2 | Stilistische Einordnung des Afrikanischen Tanzes | 7 |
| 2.3 | Überblick über die Formen des Afrikanischen Tanzes | 8 |
| 2.4 | Zur afrikanischen Musik und Rhythmik in Verbindung mit dem Tanz | 10 |
| 2.4.1 | Zur Definition von Rhythmus | 10 |
| 2.4.2 | Besondere Bestandteile und Merkmale afrikanischer Rhythmen | 12 |
| 2.4.3 | Dialog zwischen TänzerInnen und TrommlerIn | 13 |
| 2.5 | Der Tanz als Bestandteil afrikanischer Erziehung und Bildung | 14 |
| 3. | Zur Veränderung und Entwicklung des Afrikanischen Tanzes | 15 |
| 3.1 | Zum historischen Einfluß des Afrikanischen Tanzes auf den amerikanischen und europäischen Tanz | 16 |
| 3.2 | Zur späteren internationalen Entwicklung des Afrikanischen Tanzes | 18 |
| 3.3 | Zur Frage der Authentizität des Afrikanischen Tanzes im neuen Kontext | 19 |
| 4. | Zur afrikanischen Tanztechnik | 21 |
| 4.1 | Die Grundbegriffe der afrikanischen Tanztechnik nach Helmut Günther | 23 |
| 4.2 | Regionale Unterschiede der afrikanischen Tanztechnik | 28 |
| 5. | Zum Afrikanischer Tanzunterricht in Afrika und Deutschland | 29 |
| 5.1 | Zum Unterricht des Afrikanischen Tanzes in der afrikanischen Tanzpädagogik | 29 |
| 5.2 | Zur gegenwärtigen Situation des Afrikanischen Tanzunterrichtes in Deutschland | 31 |
| 5.2.1 | Motive der Deutschen, den Afrikanischen Tanz zuerlernen | 33 |
| 5.2.2 | Für den Tanzunterricht relevante Probleme bei der Übertragung des Afrikanischen Tanzes als Kulturphänomen nach Deutschland | 36 |
| 6. | Der Afrikanischen Tanz in der deutschen Tanzpädagogik | 38 |
| 6.1 | Zum Verständnis von Tanzpädagogik | 39 |
| 6.2 | Themen des Afrikanischen Tanzes für die deutsche Tanzpädagogik | 40 |
| 6.2.1 | Erdbezogenheit | 41 |
| 6.2.2 | Rhythmus | 42 |
| 6.2.3 | Die Gruppe | 45 |
| 6.2.4 | Der Kreis | 46 |
| 6.2.5 | Andere Raumformen | 47 |
| 6.2.6 | „Loslassen“ | 49 |
| 6.2.7 | Gesunde Bewegungen | 50 |
| 6.2.8 | Besondere Aspekte im Hinblick auf Training und Förderung tänzerischer Fertigkeiten | 52 |
| 6.3 | Mögliche Einsatzfelder und Zielgruppen | 53 |
| 6.4 | Methoden zur Vermittlung des Afrikanischen Tanzes | 53 |
| 6.4.1 | Die „afrikanische“ und die „deutsche“ Methode | 54 |
| 6.4.2 | Zur Möglichkeit der Vermittlung des Afrikanischen Tanzes in der deutschen Tanzpädagogik am Beispiel der imitativen und kreativen Methode | 55 |
| 6.4.2.1 | Die imitative Methode | 55 |
| 6.4.2.2 | Die kreative Methode | 57 |
| 6.4.2.3 | Zur Auswahl der Musik als didaktisches Mittel im Afrikanischen Tanzunterricht | 58 |
| 6.4.2.4 | Zur Auswahl der imitativen und kreativen Methode | 59 |
| 7. | Zusammenfassendes Ergebnis | 60 |
| 8. | Literatur- und Quellenverzeichnis | 63 |
Ausbildung. Aufgrund des „Exotenbonuses“ 85 der afrikanischen LehrerInnen, welchen sie bei den deutschen TeilnehmerInnen oft haben, werden sie im Vergleich zu europäischen TanzlehrerInnen dennoch als sehr qualifizierte Lehrkraft wahrgenommen. Auffallend ist, daß viele der TeilnehmerInnen an Kursen des Afrikanischen Tanzes einer bestimmten Gruppe zugeordnet werden können. Die Gruppe setzt sich aus der sogenannten „Alternativbewegung” zusammen, welche sich aus der Protestbewegung der 60/70er Jahre gegen die Strukturen und Werte der Industriegesellschaft entwickelt hat. Karin Berger beschreibt dies wie folgt: „Das Spektrum der Gruppen, die in den Folgejahren bis heute aus diesen Protestgedanken entstanden, schließt sowohl außenorientierte, politisch aktive Gruppen als auch innenorientierte, auf individuelle geistige und körperliche Bedürfnisse bezogene mit ein. (...) Gemeinsam ist in den unterschiedlichsten Gruppen die Nähe zu einem charakteristischen System von Werten, Normen und Bedürfnissen, in dem psychische, soziale und ästhetische Bedürfnisse betont und Naturverbundenheit, Freiheit, Emotionalität und Ganzheitlichkeit angestrebt werden. Außerdem sollte der menschliche Körper, der im Industrialisierungs- und Technisierungsprozeß immer weniger ‘gebraucht‘ und in seinen Ausdrucksmöglichkeiten stark eingeengt wurde, wieder stärkere Beachtung finden und als ‘Ausdrucks- und Lustquelle‘ fungieren.”86 Diese Mentalität beschränkt sich heutzutage nicht mehr ausschließlich auf die genannten AnhängerInnen der Alternativbewegung, sondern zunehmend auch auf Menschen verschiedenster sozialer Bevölkerungsmilieus, die mit der heutigen Lebensgestaltung und den gesellschaftlichen Werten unzufrieden sind, was das Bedürfnis nach alternativen Lebensformen oder einer ausgleichenden Freizeitbeschäftigung wachsen läßt.87 Die angestrebten Werte der AnhängerInnen der Alternativbewegung sind identisch mit den Werten, die mit dem Afrikanischen Tanz assoziiert und in ihm gesucht werden.88 Eine weitere zu kategorisierende Gruppe von Menschen, die Interesse am Afrikanischen Tanz zeigen, ordnet Karin Berger dem „Selbstverwirklichungsmilieu“ zu, dessen Kern Menschen der jüngeren Generation bis 40 Jahre mit überwiegend mittlerem und höherem Bildungsstand sind, die größtenteils eine soziale, therapeutische oder pädagogische berufliche Tätigkeit ausüben.89 „Charakteristisch für sie sind eine Nähe zur ‘Alternativbewegung‘, geringe Bereitschaft zur politischen Unterordnung, geringe all84 [...]
Außerhalb Afrikas fanden die ersten Kurse im afrikanischen Tanz in London, Paris und New York statt82. Erst später wurden diese Kurse auch in Deutschland angeboten (das früheste mir bekannte Datum ist 1973, Tanzwerkstatt Bonn). Der Afrikanische Tanz wird in Deutschland der sogenannten „Alternativen Bewegungskultur” zugeordnet.83 Mittlerweile gibt es in vielen Städten Kurs- und Workshopangebote, in denen die Möglichkeit besteht, den Afrikanischen Tanz zu erlernen84. Die Angebote sind an private Unternehmen (beispielsweise Tanzstudios und Bewegungszentren) oder an öffentliche Institutionen (zum Beispiel Volkshochschulen oder den Hochschulsport) gebunden. Im Rahmen der schulischen Tanzerziehung ist der Afrikanische Tanz nicht üblich. Schon aufgrund der Rahmenbedingungen wird deutlich, daß der Afrikanische Tanz in Europa sich stark vom Tanzen im afrikanischen Kontext unterscheidet. In Afrika ist beispielsweise der Tanz-Raum in den Lebensraum integriert. Der unterschiedliche Umgang mit Zeit wurde bereits oben erwähnt. Während eine Unterrichtsstunde des Afrikanischen Tanzes in Deutschland einmal wöchentlich für anderthalb Stunden stattfindet, so wird in Afrika oft über viele Stunden getanzt. Geleitet werden die Kurse von europäischen TanzpädagogInnen, die sich den Afrikanischen Tanz privat aneigneten oder von in Deutschland lebenden AfrikanerInnen, die in Form von Tanz- und/oder Trommelunterricht ihren Lebensunterhalt verdienen. Nicht alle von ihnen haben eine im professionellen Sinn tänzerische oder pädagogische [...]
dem Ziel, lediglich „die körperliche Handschrift der Tänzer zu verbessern, BewegungsEinzelheiten zu polieren, den Körper qualitätsbewußt zu machen, bis die Sythese von Echtheit und tänzerischer Substanz sowie deren äußere Präsentation erreicht war." 77 Eine der wenigen offiziellen und organisierten Tanzschulen war die Schule “Mudra Afrique” in Dakar im Senegal. Im Mittelpunkt des Unterrichts stand die afrikanische Tanztechnik. Sie wurde auf der Grundlage des klassischen Balletts gelehrt. Bildungsinhalt der Schule waren traditioneller Afrikanischer Tanz, Ballett und andere westliche Tanzstile, Rhythmik, Musik, Gesang, Notenlehre und Schauspiel. Begründer der Schule war Maurice Béjart, ein Ballettänzer, der sich vom Afrikanischen Tanz inspirieren ließ. Er ordnete den Schritten des klassischen Tanzes Bewegungen des Afrikanischen Tanzes zu. Seiner Meinung nach eignet sich der Afrikanische Tanz besonders für diese künstlerische Arbeit, weil er noch nah am Ursprung des Tanzes ist. „Hier ist er totale Kunst, das heißt audio-visuelle Darbietung: Musik, Tanz, Gesang und rhythmisches Gedicht zugleich.“78 Die künstlerische Leitung der Schule übertrug er der Afrikanerin Germaine Acogny. Acogny ging vom traditionellen Afrikanischen Tanz aus und nahm Schritte des europäischen Balletts und des Modernen Tanzes hinzu. So wie das Ballett den Körper trainiert und diszipliniert, sollte auch die Form des Unterrichts der „Mudra Afrique“ dafür geeignet dafür sein, den Körper für den Afrikanischen Tanz zu optimieren.79 So entstanden neue Tanzfiguren. In ihrer Arbeit verwandte Acogny nicht wie im Europäischen das Wort „Schritt“, sondern „Bewegung“. Damit betonte sie für ihre choreographische künstlerische Arbeit den symbolischen Wert der Tanzfigur. Der Bewegung kommt ein höherer Stellenwert zu als dem Schritt. Ihre Tanzfiguren betitelte sie mit Symbolbildern, wie beispielsweise Perlhuhn, Kutscher oder Adler. Die natürlichen, von den traditionellen afrikanischen abgeleiteten Tanzbewegungen, benannte sie als vibrieren, zusammenziehen, beugen, einrollen, Arme hochwerfen, usw. Die Bewegungen basieren auf den traditionellen afrikanischen Überlieferungen, stellen aber keine Rückkehr zu den Ursprüngen des Afrikanischen Tanzes dar. Acogny plädierte für ein Öffnung des Afrikanischen Tanzes gegenüber anderen Tanzstilen. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832454074
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