Adipositasprävention
Eine mögliche ärztliche Aufgabe?
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Holger Hoffmann
- Abgabedatum: September 2011
- Umfang: 59 Seiten
- Dateigröße: 2,0 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Bremen; Apollon Hochschule der Gesundheitswirtschaft Deutschland
- Bibliografie: ca. 100
- ISBN (eBook): 978-3-8428-2034-0
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hoffmann, Holger September 2011: Adipositasprävention, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Adipositas, Arzt-Patienten-Kommunikation, Arztpraxis, Shared-Decision-Making, 5-A-Konzept
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Bachelorarbeit von Holger Hoffmann
Einleitung:
Die aus Übergewicht und Adipositas resultierenden Folgeerkrankungen belegen tendenziell steigend immer mehr Kapazitäten im Gesundheitswesen.
Wirth beziffert die Anzahl der übergewichtigen Bürger in Deutschland auf 30 Millionen und jene, die bereits adipös sind, auf 18 Millionen. Die WHO prognostizierte 2005 für das Jahr 2015, dass weltweit ca. 2,3 Milliarden Erwachsene stark übergewichtig und 700 Millionen adipös sein werden.
Diese Zahlen beschränken sich nicht allein auf Erwachsene, der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren in Deutschland lag im Jahr 2006 bei 15 % (1,9 Millionen übergewichtig und ca. 800.000 adipös). Der Vergleich der Daten aus 1985 bis 1999 mit denen aus 2006 zeigt, dass sich die Prävalenz sowohl von Übergewicht als auch von Adipositas bei den 3 bis 17jährigen Kindern und Jugendlichen in Deutschland in diesem Zeitraum verdoppelt hat.
Übergewicht im Kindesalter korreliert mit Übergewicht im Erwachsenenalter, woraus sich nicht nur gesundheitliche, sondern auch soziale Probleme ergeben und die Leistungsfähigkeit in erheblichem Maß eingeschränkt wird. Präventionsmaßnahmen sind bereits im frühen Kindes- und Jugendalter notwendig und wichtig.
Die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist multifaktoriell bedingt und hängt mit familiärer Vorbelastung, ethnischer Zugehörigkeit, sozio-kulturellem Umfeld und dem sozialen Status zusammen. Bedeutsame Risikofaktoren für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas sind neben einer energie- und fettreichen Ernährung von Kindern und Jugendlichen auch körperliche Inaktivität.
Adipositas im Kindesalter geht häufig mit einem erhöhten Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vorzeitiger Sterblichkeit im Erwachsenenalter einher. Zudem leiden Kinder und Jugendliche unter einer funktionellen sowie einer individuellen Einschränkung und sind häufig zusätzlichen psychosozialen Belastungen ausgesetzt.
Adipositas gilt als eine durch Gesundheitsförderung präventierbare Erkrankung, die, sofern sie auftritt, einer langfristigen Therapie bedarf. Eines der bedeutsamen Konzepte zur Verminderung der Ausbreitung von Adipositas bei Heranwachsenden ist vor allem in Kindereinrichtungen etabliert, wobei es hier häufig noch an Nachhaltigkeit mangelt.
Pädiater und Hausärzte sind die ersten Angehörigen des Gesundheitswesens, die Übergewicht und Adipositas bei Kindern diagnostizieren, wodurch ihnen eine Schlüsselstellung in der Gesundheitsversorgung zukommt. Da sie die Patienten in den meisten Fällen über einen längeren Zeitraum betreuen und sich ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient entwickelt, sind Haus- und Kinderärzte wesentliche Träger und Vermittler präventiver Programme und Maßnahmen.
Eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Bereich ist die Erstellung und Etablierung effektiver struktureller Maßnahmen, die präventiv die Entstehung von Übergewicht oder gar Adipositas eindämmen. Präventionsmaßnahmen sind das Mittel der Wahl, um die Folgeerscheinungen von Adpositas zu verhindern und Kosten zu sparen. Rose postuliert, dass die Verantwortung für die Gesundheit nicht nur dem einzelnen Menschen, sondern der gesamten Gesellschaft obliegt. Dieser Sichtweise schließt sich der Autor der vorliegenden Arbeit vorbehaltlos an. Aus diesem Grund müssen die zu entwickelnden Maßnahmen sowohl eine Verhaltensprävention, durch die das Verhalten der Menschen unmittelbar beeinflusst wird, als auch eine Verhältnisprävention, bei der die Gesundheitsrisiken im Lebensumfeld der Menschen eruiert werden, enthalten. So umfasst die Prävention nicht nur das Individuum selbst, sondern auch kommunale, regionale, nationale und internationale Strukturen. Nutzbare Ansatzpunkte existieren unter anderem in den Bereichen Transport, Verkehr, Umwelt, Medien, Erziehung, Sport, Ernährung, Verbraucherschutz, Gesundheit, Unterhaltung und Marktwirtschaft. Daraus wird ersichtlich, dass eine erfolgreiche Adipositasprävention eine multidisziplinäre Aufgabe abbildet, die niedergelassene Allgemeinmediziner und Pädiater nicht allein bewältigen können. Diese sind aber unverzichtbare Multiplikatoren und fungieren als Anlaufstellen, welche intensiver im Rahmen einer entsprechenden gesundheitspolitischen Strategie in präventive Konzepte einbezogen werden müssen.
Es stellen sich die Fragen, ob Hausärzte und Pädiater die Prävention tatsächlich als ihre Aufgabe ansehen und ob sie ihren Beitrag zur Bekämpfung der ‘Adipositasepidemie’ leisten wollen und können. Die vorliegende Arbeit wird neben den wichtigsten epidemiologischen Daten auch verdeutlichen, welche gravierenden medizinischen, psychischen und psychosozialen Folgen die Adipositas im Kindes- und Erwachsenenalter hat.
Ziel der Thesis ist die Beantwortung folgender Fragen:
1. Welche Faktoren begünstigen die Entwicklung einer Adipositas?
2. Welche Gründe verhindern eine erfolgreiche Prävention?
3. Welche Rolle nehmen die Ärzte und die Patienten ein?
4. Welche möglichen Rollenkonflikte resultieren hieraus?
Insbesondere soll die ärztliche Gesprächsführung näher analysiert und drei mögliche Modelle für eine erfolgreiche Präventionskommunikation vorgestellt und bewertet werden:
a) Motivierendes Interview.
b) 5-A-Konzept.
c) Shared-Decision-Making (SDM).
Aus diesen Ergebnissen lassen sich neue Ansatzpunkte für die Primärprävention in Arztpraxen ableiten.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | I | |
| Abbildungsverzeichnis | II | |
| Tabellenverzeichnis | III | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Definition der Adipositas | 3 |
| 2.1 | Klassifikation nach Gewicht-Längen-Indizes | 3 |
| 2.2 | Adipositastypen | 5 |
| 3. | Epidemiologie der Adipositas | 6 |
| 4. | Ätiopathogenese | 8 |
| 4.1 | Genetische Faktoren | 9 |
| 4.2 | Soziokulturelle Faktoren | 9 |
| 4.3 | Lebensstil und familiäre Einflüsse | 10 |
| 4.4 | Neurohumorale Faktoren | 11 |
| 5. | Folgen der Adipositas | 11 |
| 5.1 | Medizinische Folgen | 12 |
| 5.2 | Psychische und psychosoziale Folgen | 13 |
| 6. | Prävention | 14 |
| 6.1 | Gesetzliche Grundlagen | 14 |
| 6.2 | Wege der Adipositasprävention | 15 |
| 6.3 | Präventionsziele | 17 |
| 7. | Prävention in der Arztpraxis | 18 |
| 7.1 | Aufgabenspektrum | 23 |
| 7.2 | Patientenerwartungen an den Arzt | 24 |
| 8. | Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arzt-Patienten-Kommunikation | 26 |
| 8.1 | Arzt-Patienten-Beziehungen | 26 |
| 8.2 | Verhalten von Ärzten gegenüber Übergewichtigen/Adipösen | 27 |
| 8.3 | Patientensicht | 28 |
| 8.4 | Wandel der Fremd- zur Selbstverantwortung der Patienten | 29 |
| 9. | Umsetzung der Prävention in der Praxis/mögliche Instrumente | 30 |
| 9.1 | Patientenkontakte | 30 |
| 9.2 | Motivierendes Interview | 32 |
| 9.3 | Das 5-A-Konzept | 34 |
| 9.4 | Shared-Decision-Making | 36 |
| 9.5 | Gesamtfazit | 40 |
| 10. | Handlungsempfehlungen für die Umsetzung der Prävention | 40 |
| 11. | Interventionsformen und Qualitätssicherung | 41 |
| 12. | Gesamtfazit | 43 |
| Literaturverzeichnis | 47 |
Textprobe:
Kapitel 8.2, Verhalten von Ärzten gegenüber Übergewichtigen/Adipösen:
Puhl und Brownell berichten von zahlreiche Studien über negative Einstellungen von Medizinern gegenüber Patienten mit Adipositas. Befragungen aus unterschiedlichen Gesundheitssystemen und Kontexten zeigen, dass Ärzte Übergewichtige oder Adipöse mit vielfältigen Vorbehalten wahrnehmen. Beispielsweise gaben Bocquier et al. an, dass 30 % von 600 befragten Hausärzten in Frankreich übergewichtige im Gegensatz zu normalgewichtigen Patienten als träge und zügellos beschreiben. Für die Behandlung wurde von 60 % der Ärzte das Problem der fehlenden Motivation herausgestellt. Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Studie von Campbell et al. Hierbei wurden 752 australische Hausärzten befragt und die überwiegende Zahl gab ebenfalls fehlende Mitarbeit und Motivation der Patienten an. Fogelmann et al. fanden dieselben Ergebnisse bei israelischen Hausärzte, deren übereinstimmende Meinung war, dass Übergewichtigen die Willensstärke im Gegensatz zu normalgewichtigen Menschen fehlen würde. So verwundert es nicht, dass in einer Befragung von 620 US-amerikanischen Familienärzten durch Foster et al. adipöse Patienten als eher linkisch und unattraktiv charakterisiert wurden, wobei die Mediziner den Mangel an Bewegung und die verstärkte Nahrungsaufnahme für ursächlich halten. Englische Hausärzte stellten in einer qualitativen Befragung durch Epstein und Odgen ebenfalls die Patientenverantwortung heraus. Neben der Frustration über die geringe Konsequenz der ärztlichen Beratung befanden die Ärzte insbesondere die Verantwortung des einzelnen Patienten im Umgang mit seinem Übergewicht als wichtig.
Hinzu kommt, dass Ärzte den Erfolg einer Beratung zur Gewichtsreduktion als gering einschätzen und möglicherweise aus diesem Grund auf weitergehende Beratungen verzichten. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Heintze et al. die Meinung vertreten, eine Beratung Übergewichtiger unterscheide sich nicht wesentlich von einer in der Primärversorgung bereits etablierten Beratung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, was die allgemeine Dringlichkeit guter Beratungskompetenz in Lebensstilfragen zu Ernährung und Bewegung auch unabhängig vom Gewicht unterstreicht. Menschen mit einer Gewichtszunahme werden zudem, so die Autoren, in der Primärversorgung selten auf ihr Gewicht angesprochen. Galuska et al. zeigten zudem, dass das Übergewicht von Frauen, ein höherer Bildungsgrad und zurückliegende Abnahmeversuche häufiger mit hausärztlichen Beratungen assoziiert waren.
Bei der weit verbreitenden Vorstellung fehlender Motivation Übergewichtiger zur Lebensstilveränderung überrascht es, dass Patienten ihre Motivationslage als wesentlich besser einschätzen. Befort et al. konnten ebenfalls in einer Befragung zeigen, dass Übergewichtige ihre Bereitschaft zur Gewichtsreduktion höher einschätzten als die gleichzeitig befragten Ärzte vermuteten. Die Ursachenannahmen von Ärzten und übergewichtigen Menschen unterscheiden sich grundlegend, was ein Grund für die divergierenden Meinungen und Vorstellungen zur Bereitschaft, ärztlichen Rat anzunehmen sein kann. So sind englische Hausärzte beispielsweise überzeugt von der Eigenverantwortung der Übergewichtigen nicht nur ihrem aktuellen Gewicht, sondern auch der Reduzierung ihres Gewichtes gegenüber. Die englischen Übergewichtigen hingegen sehen die Ursachen ihres Gewichtes eher im medizinischen Bereich.
Aus den vorgestellten Studien und im Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Kommunikationsforschung von Watzlawick und anderen wird deutlich, dass hier eine Diskrepanz besteht, die eine erfolgreiche Beratung Übergewichtiger durch den Arzt hemmen kann. Ärzte sollten sich ihrer Steorotype und Vorurteile bewusst werden und diese überwinden lernen, da sie diese im Gespräch an den Patienten transportieren, der sich dadurch nicht verstanden fühlt und auf dieser Ebene keinen Rat annehmen möchte. Dieser Zustand ist suboptimal. Die Erreichung des Ziels einer Trendwende in der Bewältigung der fortschreitenden Zahl der von Adipositas betroffenen Menschen muss klar einhergehen mit der Bereitschaft der Ärzte, für zukünftige Strategien und Beratungsaktivitäten optimal auf Patientenanliegen eingehen zu können.
8.3, Patientensicht:
Wenig überraschend ist aus den Überlegungen im vorherigen Abschnitt, dass Patienten tatsächlich übergewichtsbedingte Vorurteile in ärztlichen Konsultationen wahrnehmen. Puhl et al. berichten, dass 53 % von 2.449 befragten Frauen bereits unangemessene Kommentare von Ärzten zu ihrem Übergewichts gehört haben. Die Studienteilnehmer erwähnten ebenso als diskriminierend empfundene Bemerkungen des Pflegepersonals (46 %) und der Ernährungsberater (37 %). Präventive Vorsorgeangebote zur Tumorfrüherkennung werden zudem von adipösen Menschen später in Anspruch genommen, was ebenfalls einer Stigmatisierung zugesprochen wird.
Für Deutschland liegen umfassende Studien derzeit noch nicht vor, sodass hier nur Vermutungen auf der Basis anderer Befunde angestellt werden können. Dem Autor der hier vorliegenden Arbeit scheint es sehr wahrscheinlich, dass in deutschen Arztpraxen ähnliche Vorurteile herrschen. Sowohl die Studien aus anderen Ländern als auch eigene Beobachtungen in verschiedenen deutschen Arztpraxen und deren Umgang mit übergewichtigen Menschen lassen diese Vermutung zu. Und falls dem so ist, fällt die Vorstellung von einer Barriere übergewichtiger Menschen, den Arzt vor Auftreten von Folgeerscheinungen zu konsultieren und medizinischen Rat zur Gewichtsreduktion zu erbitten, also selbst aktiv zu werden, sehr leicht.
Heintze et al. postulieren die Möglichkeit einer Steigerung der Annahme von Vorsogeuntersuchungen durch adipöse Personen und die damit verbundene Verbesserung der Effektivität hausärztlicher Beratung, wenn Ärzte die Annahmen der Patienten zur Entstehung ihrer Adipositas ernsthaft in Betracht ziehen würden. Bereits eine geringe Gewichtsreduktion kann, wenn sie über die Zeit gehalten wird, signifikant die Lebensqualität und die Gesundheit der Betroffenen steigern. Hier zeigt sich erneut die hohe Bedeutung der niedergelassenen Ärzte bei der Prävention und Reduktion von Übergewicht und Adipositas: Menschen, denen ihr Arzt eine Gewichtsreduktion empfiehlt, werden eher geneigt sein, einen ernsthaften Versuch zu unternehmen, als Patienten ohne eine derartige Empfehlung.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842820340
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Adipositas, Arzt-Patienten-Kommunikation, Arztpraxis, Shared-Decision-Making, 5-A-Konzept



