Die Literarisierung des Grauens bei Hanna Krall
Eine erzähltechnische und stilistische Untersuchung am Beispiel des Erzählbandes "Da ist kein Fluß mehr"
- Art: Abschlussarbeit
- Autor: Monika Beutner
- Abgabedatum: Juni 2000
- Umfang: 139 Seiten
- Dateigröße: 1,5 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4574-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4574-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4574-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Beutner, Monika Juni 2000: Die Literarisierung des Grauens bei Hanna Krall, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Krall, Hanna, Da ist kein Fluß mehr, Grauen, Literarisierung
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Abschlussarbeit von Monika Beutner
Gang der Untersuchung:
Das erste Kapitel beinhaltet die Darstellung einer Gattungsdefinition von Hanna Kralls Prosa. Ihr lakonischer und authentischer Prosastil wurde von der polnischen und deutschen Literaturkritik mit unterschiedlichen Gattungsbezeichnungen versehen. Die vorliegende Untersuchung basiert auf dem 1998 in Krakau erschienenen Erzählband „ Tam juz nie ma zadnej rzeki.” Der Band setzt sich aus sechzehn authentischen Erzählungen zusammen, die Hanna Krall während ihrer zahlreichen Gespräche mit Zeitzeugen des Holocaust gesammelt und literarisch umgesetzt hat. Für dieses Buch erhielt sie im Januar 1999 den „Großen Preis der Kulturstiftung” in Polen.
Das Buch befand sich auf dem ersten Platz der Bestseller-Liste des „Literarischen Quartetts” im Südwestfunk und wurde zum Verkaufsschlager im Juni 1999 in Deutschland und Österreich. Die Übersetzung ins Deutsche wurde von der Europäischen Kommission gefördert.
Am 26.03.00 wurde ihr für diesen Erzählband während der Leipziger Buchmesse der Preis für Europäische Verständigung verliehen.
Die deutsche und polnische Literaturkritik liefert in den zahlreichen Rezensionen zu ihrem Werk verschiedene Ansätze einer Gattungsdefinition ihres persönlichen Prosastils. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den Gattungsdefinitionen, die in der Pressekritik dominieren. Ihre authentische Erzählweise wurde überwiegend mit den Bezeichnungen „Tatsachenliteratur” oder „literarische Reportage” betitelt. Einen abweichenden Ansatz der Gattungsdefinition liefert Michal Cichy in seiner Rezension in der „gazeta wyborcza” vom 24.01.1999, in der er ihre Prosa als „dokumentarische Märchen” (basnie dokumentalne) bezeichnet.
In ihrem aktuellen Erzählband befindet sich auch eine zehnseitige Erzählung mit dem Titel „literatura faktu”, in der Hanna Krall die Authentizität ihrer Schreibweise selbst thematisiert, indem sie schildert, wie sie während einer ihrer Lesungen mit anwesenden Zuhörern spricht und diese dazu auffordert, ihr aus ihrem eigenen Leben zu erzählen, um darüber ihre authentische Tatsachenliteratur zu schreiben.
Hanna Kralls Erzählung „literatura faktu” wird im nächsten Kapitel der Gattungsdefinition „Tatsachenliteratur” zugrundegelegt, da sie selbst diese Definition gewählt hat, um ihren Erzählstil zu beschreiben.
Die Gattungsdefinition der „literarischen Reportage” wird anhand der Erzählung „Pola” untersucht, da diese Erzählung über Apolonia Machczynska und den Einsatz des Hamburger Reserve- Polizeibataillons 101 in Józefów auch von amerikanischen Historikern; von Christopher Browning und Daniel Goldhagen erwähnt und literarisch umgesetzt wird.
Diese Beschreibung derselben authentischen Begebenheit am 13.07.1942 in Józefów wird der literarischen Umsetzung bei Hanna Krall kontrastiv gegenübergestellt und ihr spezifischer „literarischer Reportagestil” anhand dieses Vergleiches herausgearbeitet und aufgezeigt.
Bei dem Einsatz des Hamburger Polizeibataillons 101 in Józefów handelte es sich um etwa 500 Männer, die zu alt zum Dienst in der Wehrmacht waren und zu einem Sonderauftrag nach Polen gebracht wurden. Dort wurde ihnen eröffnet, daß sie die jüdische Bevölkerung in polnischen Dörfern aufspüren, die noch arbeitsfähigen Männer für den Lagereinsatz aussondern und die übrigen - Alte, Kranke, Frauen und Kinder - auf der Stelle zu erschießen hätten. Vor ihrem Einsatz fragte der Kommandant, wer sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlte. Nur etwa 12 Männer von 500 traten vor, die restlichen nahmen am Erschießungskommando teil.
Als drittes folgt die Darstellung des Ansatzes von Michal Cichy, der Hanna Kralls Erzählstil als „dokumentarische Märchen” bezeichnet. Auch diese Gattungsdefinition wird anhand ausgewählter Beispiele aus ihrem aktuellen Erzählband „Tam juz nie ma zadnej rzeki” belegt.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 1 | |
| 1. | Eine Gattungsdefinition von Hanna Kralls Prosa | 3 |
| 1.1 | Darstellung des „Reportagestils” in Hanna Kralls Prosa anhand der Erzählung „Pola” | 6 |
| 1.2 | Darstellung des literarischen Erzählstils in Hanna Kralls Prosa anhand der Erzählung „Pola” | 19 |
| 1.3 | Hanna Kralls Prosa als „dokumentarische Märchen” | 24 |
| 1.4 | Hanna Kralls Prosa als „Tatsachenliteratur” | 36 |
| 2. | Formale Aspekte; eine erzähltechnische Untersuchung | 47 |
| 2.1 | Erzählzeit und erzählte Zeit | 47 |
| 2.2 | Das narrative Tempo als erzähltechnisches Stilmittel | 54 |
| 2.3 | Der Erzählmodus bei Hanna Krall | 61 |
| 2.4 | Die Erzählerposition bei Hanna Krall | 69 |
| 3. | Formale Aspekte; eine stilistische Untersuchung | 79 |
| 3.1 | Die Implikation als Stilmittel bei Hanna Krall | 79 |
| 3.2 | Ironie als Stilmittel bei Hanna Krall | 84 |
| 3.3 | Die sarkastische Pointe bei Hanna Krall | 92 |
| 4.1 | Zur Wirkung und Funktion der Stilmittel bei Hanna Krall | 100 |
| Schluss | 106 | |
| Anhang | 112 | |
| Preise und Auszeichnungen | 112 | |
| Veröffentlichungen in polnischer Sprache | 114 | |
| Deutsche Veröffentlichungen | 115 | |
| Literaturverzeichnis | 116 |
Ellipse zu tun und wenn die ausgesparte Zeitspanne nicht angegeben wird, handelt es sich um eine unbestimmte Ellipse.206 Die bestimmten Ellipsen werden nach Genette als explizite und die unbestimmten als implizite Ellipsen bezeichnet. Bei einer Pause wird das Erzähltempo nach Lämmert bis zu einem Extremwert verringert. Ein beliebig großes Segment des narrativen Diskurses entspricht bei der Pause einer diegetischen Dauer „Null“ der Geschichte.207 „Bis zu einem Extremwert wird das Erzähltempo im Fall der Pause verringert. Diese kann insofern als der Gegensatz zur Ellipse verstanden werden, wo das Aussparen von erzählter Zeit das Erzähltempo maximal beschleunigt. Hierher gehören z.B. längere eingeschobene Beschreibungen, Kommentare oder Reflexionen eines Erzählers, die nicht aus der Perspektive einer handelnden Figur erfolgen und die insofern nicht in die Zeit der erzählten Geschichte eingebunden sind.“208 Eberhard Lämmert unterscheidet, im Gegensatz zu Gérard Genette, fünf Grundformen der Erzählgeschwindigkeit, wobei er die Form eines zeitdeckenden Erzählens als Nullpunkt ansetzt, und im Verhältnis dazu verschiedene Typen von Variationen unterscheidet.209 Als fünf Grundformen der Erzählgeschwindigkeit führt er folgende an: das zeitdeckende Erzählen, die Szene, die auch von Genette genannt wird, die zeitdehnende Erzählung, die Dehnung, die bei Genette fehlt, das zeitraffende bzw. summarische Erzählen, die Raffung, die der summarischen Erzählung bei Genette entspricht, den Zeitsprung, die Ellipse, und schließlich die Pause, die auch von Genette genannt wird.210 Die Verwendung der narrativen Tempi wollen wir anhand der Erzählungen von Hanna Krall näher untersuchen. Das zeitdehnende Erzählen, das bei Genette fehlt, definiert Lämmert folgendermaßen: „In fiktionalen Erzählungen wird eine signifikante Dehnung der Dauer von Vorgängen in der äußeren Welt in der Regel durch Einschübe erreicht, die in erster Linie Vorgänge im Innern der erlebenden Figuren präsentieren.“211 [...]
Kapitel 2.2 Das narrative Tempo als erzähltechnisches Stilmittel Der Terminus des narrativen Tempos im narrativen Diskurs, der dem vorliegenden Kapitel zugrunde liegt, bezeichnet, ebenso wie das vorhergehende Kapitel 2.1, das Verhältnis zwischen der Zeit des Erzählten und der Zeit der Erzählung. Dieses Kapitel ist der Vielfalt narrativer Geschwindigkeiten gewidmet. Bei der Definition der Geschwindigkeiten, auf der unsere Untersuchung basiert, folgen wir den Ausführungen von Gérard Genette in seinem Band „Die Erzählung“. Er unterscheidet hierbei vier Grundformen des narrativen Tempos, die wir fortan die narrativen Tempi nennen wollen. Es handelt sich hierbei einerseits um die beiden Extreme „Ellipse“ und „deskriptive Pause“ und andererseits um zwei mittlere Geschwindigkeiten, die als „Szene“ und als „summary“ bezeichnet werden. Die Szene tritt meist in Form eines Dialogs auf, in dem eine konventionelle Gleichheit von Erzählzeit und erzählter Zeit vorliegt. Das Tempo, was die englischsprachige Kritik als „summary“ bezeichnet, ist ein Ausdruck, den wir durch den Begriff „summarische Erzählung“ wiedergeben.203 Bei der summarischen Erzählung handelt es sich um eine Form mit veränderlichem Tempo, die dank ihrer großen Geschmeidigkeit das ganze Feld zwischen der Szene und der Ellipse abdeckt. Im Gegensatz zur „summarischen Erzählung“ haben die drei anderen narrativen Tempi ein nicht variierendes Tempo inne.204 Bei der Analyse der Ellipse wird die ausgesparte Zeit der Geschichte in der Erzählung betrachtet, die man auch als Nullsegment der Erzählung bezeichnen kann, das einer beliebig langen Dauer der Geschichte entspricht.205 Ein Unterscheidungskriterium innerhalb der Ellipsen ist die Frage, ob die ausgesparte Zeitspanne in der Erzählung angegeben wird oder nicht. Bei der Erwähnung der ausgesparten Zeitspanne haben wir es mit einer bestimmten [...]
Dieser wird am Anfang der Erzählung als „profesor medycyny”200 und im weiteren Verlauf der Erzählung als „przyszły profesor”201 bezeichnet. Die Erzählzeit ist demnach in Bezug auf die erzählte Zeit rückläufig, denn der Urenkel wird mit Hilfe einer Prolepse bezeichnet. Erst am Ende der Erzählung heißt es: „ Przestanie być Natanem. Pozostawi Natana nad Ługą, rzeką, której nie ma. Odtąd będzie Januszem B. Ukończy medycynę.“202 Wir haben es hierbei wiederum mit einer „aufbauenden Rückwendung“ zu tun, weil nachgereicht wird, was in der Basiserzählung vorausgesetzt wurde. Hanna Krall setzt ihre Pro- und Analepsen innerhalb dieser und anderer Erzählungen bewußt ein und durchbricht somit das Zeitkontinuum. Eine kurze, knappe Erzählzeit umfaßt eine große Spanne der erzählten Zeit. Dieses Stilmittel hängt direkt mit der „Erzählerposition“ und dem „Zeitpunkt des Erzählens“ zusammen, die wir in Kapitel 2.4 gesondert besprechen. In diesem Kapitel sollte lediglich auf die Diskrepanz zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit hingewiesen und die Zeitraffung bzw. Zeitaussparung erwähnt werden, denen der nächste Abschnitt gewidmet ist. als „przyszły profesor medycyny” [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832445744
Arbeit zitieren:
Beutner, Monika Juni 2000: Die Literarisierung des Grauens bei Hanna Krall, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Krall, Hanna, Da ist kein Fluß mehr, Grauen, Literarisierung



