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„Sich mit bestimmten Menschen zu unterhalten, ist wie bei einem Computerspiel ein Level höher zu kommen“

Entwicklungsfördernde Einflüsse von Gesprächen mit Erwachsenen in der frühen Adoleszenz, untersucht am Beispiel des Romans „Der dreizehnte Monat“ von David Mitchell

„Sich mit bestimmten Menschen zu unterhalten, ist wie bei einem Computerspiel ein Level höher zu kommen“
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Maximilian Geyer
  • Abgabedatum: Juli 2010
  • Umfang: 35 Seiten
  • Dateigröße: 250,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 15
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-2021-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Geyer, Maximilian Juli 2010: „Sich mit bestimmten Menschen zu unterhalten, ist wie bei einem Computerspiel ein Level höher zu kommen“, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Mentoring, Adoleszenz, Entwicklungsroman, Bildungsroman, Generativität

Bachelorarbeit von Maximilian Geyer

Einleitung:

‘Jungs in meinem Alter dürfen keine alten Damen besuchen, außer es sind ihre Großmütter oder Tanten’, lässt Autor David Mitchell seinen 13-jährigen Protagonisten Jason im Roman ‘Der dreizehnte Monat’ sagen. Weil er fürchtet, seine Eltern würden ihm den Umgang untersagen, verschweigt er ihnen die faszinierenden Treffen mit der seltsamen älteren Frau – der einzigen Person, die sein Alter Ego als heimlicher Poet kennt und mit der er über seine Gedichte und damit über sein Innerstes sprechen kann. Der junge Dichter, auf halbem Weg zwischen Kindheit und Adoleszenz, erlebt die den Individuierungsprozess strukturell kennzeichnende Einsamkeit, wie ihn die Adoleszenztheoretikerin Vera King beschreibt. Unverstanden von den klassischen Sozialisationsinstanzen in der Familie, unter Gleichaltrigen und an der Institution Schule, ist es ausgerechnet eine fremde, außerfamiliale und erwachsene Bezugsperson, der es gelingt, das schmerzhafte ‚Anerkennungsvakuum‘ des Jungen zu durchbrechen.

Ein solcher Kontakt zwischen einem Heranwachsenden auf der einen und einem Erwachsenen auf der anderen Seite ist außerhalb der Familie oder professionellen pädagogischen Settings auch in modernisierten, liberalen Gesellschaften strukturell nicht vorgesehen, ja sogar eher problematisch konnotiert, wie das Zitat zu Beginn zeigt. Auch in der Erziehungswissenschaft ist die Beschäftigung mit derartigen Begegnungen eher ein randständiges Thema. Die vorliegende Arbeit ist daher der Versuch, auf Grundlage der Adoleszenztheorie Vera Kings (2. Kapitel) und mithilfe der Betrachtung eines Romanbeispiels (3. Kapitel) darzulegen, dass ein intergenerationeller Austausch durchaus zuträglich für die adoleszente Entwicklung sein kann. Es sollen zudem Konzepte vorgestellt und methodische Überlegungen angestellt werden, die geeignet sind, eine stärkere pädagogische und damit auch gesellschaftliche Verankerung solcher Beziehungen zu ermöglichen – darunter vor allem die Idee des Mentoring für Kinder und Jugendliche (4. Kapitel).

Dabei dürfen jedoch auch die Risiken, die solchen Zusammenkünften innewohnen, nicht außer Acht gelassen werden (5. Kapitel) – beispielsweise die noch größere Skepsis, die Eltern entwickeln würden, wenn es sich bei der erwachsenen außerfamilialen Bezugsperson nicht um eine ‘alte Dame’, sondern um einen Mann handeln würde. Mit dem Fazit, dass trotz Risiken und eingeschränkter Verallgemeinerbarkeit, vieles für Gespräche zwischen Adoleszenten und außerfamilialen Erwachsenen spricht, schließt die Arbeit (6. Kapitel).

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 2
2. Theoretische Grundlagen 3
2.1 Adoleszenz, Jugend und Kindheit 3
2.2 Adoleszenz nach Vera King 4
2.3 Außerfamiliale Generativität 7
2.4 Fiktion als wissenschaftliche Quelle? 8
3. Romananalyse 9
3.1 Begründung der Romanauswahl 9
3.2 Generative Struktur und Bildungsprozesse in ‘Der dreizehnte Monat’ 11
3.3 Die Rolle der Erwachsenen im Roman 13
3.4 Die Figur der Madame Crommelynck 15
3.5 Madame Crommelyncks adoleszenztheoretische Funktion 17
4. Pädagogische Implikationen 20
4.1 Übertragungsmöglichkeiten in die (sozial)pädagogische Praxis 20
4.2 Mentoring: Konzept und Konsequenzen 23
5. Kritik und Risiken 26
5.1 Herausforderungen und Grenzen 26
5.2 Kein garantierter Schutz vor Grenzverletzungen 28
6. Fazit und Ausblick 30
Literaturverzeichnis 31

Textprobe:

Kapitel 2.3, Außerfamiliale Generativität:

King beschäftigt sich neben den Dimensionen Familie und Geschlecht ebenso ausführlich mit der Rolle der Peerbeziehungen in der Adoleszenz, weist jedoch sowohl Konzepte der reinen Selbstsozialisation, also der Vergesellschaftung von Adoleszenten hauptsächlich durch die Beziehung zu anderen Adoleszenten, als auch die klassische, theoretische Betrachtung von Sozialisationsinstanzen der älteren Generationen als unzureichend zurück. Der jugendkulturelle Raum sei vielfältig intergenerationell strukturiert und müsse auch empirisch differenzierter untersucht werden. ‘Adoleszente Inszenierungen sind nicht nur an Gleichaltrige, sondern vielfach auch an die Angehörigen der Erwachsenengeneration gerichtet, selbst dort, wo der erste Augenschein den reinen Selbstbezug nahelegt’. Solche Räume wiesen dann eine entwicklungsfördernde Struktur von Generativität auf, wenn sie ‘nicht im Übermaß von außen okkupiert, bedrängt oder projektiv aufgeladen und dadurch enteignet werden’.

Der intergenerationelle, außerfamiliale Bezug manifestiere sich dann, wenn Adoleszente sich mit Erwachsenen identifizierten oder diese idealisierten. In erster Linie seien diese Erwachsenen prominente Persönlichkeiten ‘im Bereich der Musik, der kulturellen Praktiken, Ideologien, Glaubenssysteme oder wissenschaftlichen Theorien’, es könnten aber mitunter auch Lehrer oder andere Erwachsene aus dem außerfamilialen Kontext eine bedeutsame Rolle für Adoleszenten einnehmen – besonders dann, wenn Kinder sich von ihren Eltern nicht nur ablösten, sondern sich darüber hinaus auch noch gegen diese richteten. Als Beispiel führt King die Idealisierung einiger Theoretiker der Frankfurter Schule durch Adoleszente in der 1968er-Studentenbewegung an. Die Hinwendung zu ihren Vorbildern sei eine Konsequenz der zerstörten Generativität in Folge der NS-Zeit und eine Kompensation für die prekäre Anknüpfung der Kinder an die tradierte Welt der Eltern gewesen.

In solchen Beispielen kommen die außerfamilialen Erwachsenen über einen eher abstrakten Objektstatus nicht hinaus. Wie das im Anschluss zu analysierende Romanbeispiel jedoch zeigen soll, sind auch ganz konkrete Beziehungen zwischen Adoleszenten und außerfamilialen Erwachsenen denkbar. Bevor allerdings geklärt wird, inwiefern die Auswirkungen solcher intergenerationellen Konstellationen mit Kings Theorie erfasst und in ihrem Sinne als generativ bezeichnet werden können, soll zunächst der Roman als Methode sowie seine Relevanz für die Fragestellung erörtert werden.

2.4, Fiktion als wissenschaftliche Quelle?

Hans-Christoph Koller und Markus Rieger-Ladich haben bereits zwei Sammelbände zur pädagogischen Lektüre zeitgenössischer Romane herausgegeben, derzeit bereitet Koller eine weitere Fachtagung zum Thema mit anschließender Publikation der Beiträge vor. Die beiden Wissenschaftler attestieren fiktionalen, literarischen Texten einen Nutzen für die erziehungswissenschaftliche Forschung in zweierlei Hinsicht: Zum einen ermögliche die Anschaulichkeit von Erzähltexten einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, zum anderen böten die – im Unterschied zur wissenschaftlichen Theorie – meist nicht auf einen positiven Ausgang festgelegten literarischen Darstellungen ein Kritik- und Irritationspotenzial. Beide Begründungen sollen nun kurz näher erläutert werden: 1. Literarische Schilderungen pädagogisch relevanter Sachverhalte seien gekennzeichnet von ‘Konkretheit, Anschaulichkeit und Differenziertheit, mit der darin je individuelle Erfahrungen beschrieben werden’, was sie besonders geeignet dafür mache, ‘bereits vorliegende pädagogische Einsichten zu illustrieren oder abstrakte Theorien zu veranschaulichen’. Entsprechende fiktionale Texte hätten jedoch auch die Eigenschaft, ‘über (…) eine illustrative Funktion hinaus neue Erkenntnisse zu erschließen, indem sie Dimensionen und Aspekte der Erziehungswirklichkeit erhellen, die anders nicht oder nur schwer zugänglich zu sein scheinen’. Dazu sei nicht nur die Analyse des Inhalts der Texte, also wovon die Rede ist, sondern auch das Wie der Erzählung von Bedeutung.

2. Während pädagogische Theorien klassischerweise so formuliert seien, dass ihre Anwendung oder Beachtung positive Einwirkungen und Entwicklungen hervorrufe und dem Ziel der ‘Hervorbringung und Optimierung von Subjektivität’ dienten, beschreibe ‘moderne Literatur eher die Zurichtung oder Beschädigung von Subjektivität’. So vermöge Literatur nicht nur, wie unter 1. hervorgehoben, Theorien zu bestätigen, sondern sie auch ins Wanken zu bringen – als Quelle der Skepsis und Entzauberung hehrer pädagogischer Ambitionen.

Koller und Rieger-Ladich konzentrieren sich auf die Betrachtung zeitgenössischer Romane, da diese, anders als ältere, klassischere Werke, bislang nur sehr vereinzelt zum Gegenstand wissenschaftlicher Lektüre gemacht worden seien. Dieser Linie folgt die Auswahl des in dieser Arbeit noch zu betrachtenden Romans, die im Anschluss begründet werden soll.

Arbeit zitieren:
Geyer, Maximilian Juli 2010: „Sich mit bestimmten Menschen zu unterhalten, ist wie bei einem Computerspiel ein Level höher zu kommen“, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Mentoring, Adoleszenz, Entwicklungsroman, Bildungsroman, Generativität

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