„The Times They Are A-Changin" - Musik und Gesellschaft
Pop- und Rockmusik in den USA der fünfziger und sechziger Jahre
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Nikola Nowak
- Abgabedatum: Januar 2003
- Umfang: 108 Seiten
- Dateigröße: 697,8 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6937-5
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6937-5 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6937-5 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Nowak, Nikola Januar 2003: „The Times They Are A-Changin" - Musik und Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Rock'n Roll, Elvis Presley, Bob Dylan
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Magisterarbeit von Nikola Nowak
Einleitung:
Die vielleicht bedeutungsvollste Entdeckung der Menschen in der Geschichte der künstlerischen Darstellung ist die Musik. Keine andere Form der Kunst ist für alle Menschen gleichermaßen verstehbar und hat (dadurch) die Menschheit in ihrem Denken, Fühlen und Leben so geprägt – vor allem nicht im Amerika der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.
Gesellschaftlich-politische Realität einerseits und kulturelle Entwicklung andererseits verhalten sich auf vielfältige Weise zueinander. Für die fünfziger und sechziger Jahre in Amerika wird in meiner vorliegenden Arbeit die populäre Musik als Teil der allgemeinen kulturellen Entwicklung untersucht. Man kann vermuten, dass das Gesellschaftliche das Kulturelle, hier die Popmusik, dominiert und dass die kulturelle Entwicklung der gesellschaftlichen folgt. Doch allein das auf das Reagieren reduziert bliebe die Wirkung populärer Musik gerade in dieser Zeit unterschätzt. Denn besonders während dieser fünfziger und sechziger Jahre hat sie allem Anschein nach relativ stark auf das politische und soziale Leben des Landes eingewirkt. So wird man letztendlich von einer wechselweisen Beeinflussung und Abhängigkeit beider Bereiche ausgehen müssen.
Also soll mit dieser Arbeit beispielhaft untersucht werden, inwiefern populäre Musik und zeitgenössische gesellschaftliche und politische Entwicklungen der fünfziger und sechziger Jahre in den USA miteinander korrespondieren. Besonders für die „schnelllebige“ Popmusik gilt – wie für jede andere Modeerscheinung auch –, dass sie nicht für sich stehen und klassisch alle Zeiten überdauern kann, sondern vielmehr im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Bewegungen und Bedingungen gesehen werden muss: Dazu gehören die technischen Entwicklungen (z.B. die E-Gitarre) und die materiellen Möglichkeiten eines jeden Einzelnen (Plattenverkauf) ebenso wie die Entwicklung sozialer Konflikte und die ökonomischen Bedingungen, unter denen die Musik publiziert und vertrieben wird. Ein „musikalisches“ Verhalten, das nicht zugleich auch soziales, kulturelles, technisches und kommerzielles Verhalten ist, gibt es dabei ebenso wenig, wie umgekehrt soziale Konflikte (auch) über das Medium Popmusik ausgetragen werden.
Solche soziokulturellen Beziehungen lassen sich methodisch am erfolgreichsten verfolgen, wenn Brüche oder Übergänge bisherige Zustände und Beziehungen verändern. Deshalb konzentriert sich mein Untersuchungszeitraum im Kern auf die Jahre 1953 bis 1965. Während dieser Zeit sind nämlich zwei signifikante Umbrüche zu verzeichnen, die sich gezielt analysieren lassen: die Entwicklung des Rock’n’Roll (in den fünfziger Jahren) und der Übergang vom traditionellen Folksong zum Folk-Rock, der „ideale[n] Verschmelzung aus Folk und Rock“ (vor allem durch Bob Dylan in den Sechzigern). Eine ausführlichere Einbeziehung der Zeit nach 1965 würde die Arbeit überfrachten und die Konzentration auf die Umbrüche davor verhindern, da sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre die musikalische und die kulturelle Entwicklung gehörig ausweitet und differenziert. Also werden folgende, konkretere Fragen meine Untersuchungen leiten: Wie reagieren unterschiedliche Bereiche wie Rassenproblematik, „große“ Politik, Musikszene usw. aufeinander? Wie reagiert die Popmusik auf den allgemeinen politisch-sozialen Wandel? Reagiert auch die Gesellschaft auf Stilwechsel in der Musik?
Welche sozialen Gruppen sind an diesen kulturellen und sozialen Prozessen in welcher Weise beteiligt? Letztendlich ist es dann natürlich das Ziel der Untersuchungen, zumindest Ansätze einer Erklärung für spezifische Entwicklungen im Bereich der Popmusik zu jener Zeit in den USA zu finden: Warum, zum Beispiel, entwickelte sich der Rock’n’Roll so erfolgreich? Warum verliert er dann wieder abrupt an Bedeutung? Warum erlebt der Folksong einen Niedergang? Warum ändern sich Liedtexte und ihre Bedeutung in der Popmusik? Um sich dabei nicht in Allgemeinheiten zu verlieren, erscheint es notwenig, sich auf konkrete Erscheinungen zu konzentrieren. Dazu wähle ich als maßgebliche Musikrichtungen der damaligen Popmusik neben Rhythm & Blues und Blues vor allem den Rock’n’Roll sowie den Folk- und Protestsong und den (Folk-)Rock. Als Vertreter dieser Musikstile dienen ihre beiden herausragenden Interpreten: Elvis Presley und Bob Dylan. Schließlich erklärt sich gerade die Popmusik nicht allein aufgrund ihres Klanges und Gesanges, sondern sie ist entscheidend durch ihre Stars geprägt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 1.1 | Die fünfziger Jahre | 9 |
| 1.2 | Die sechziger Jahre | 11 |
| 2. | “Rock around the Clock“ – Zur Geschichte des Rock’n’Roll | 14 |
| 2.1 | “Sh-Boom“ – Die Vorläufer des Rock’n’Roll | 14 |
| 2.1.1 | Blues | 14 |
| 2.1.2 | Country | 17 |
| 2.1.3 | Rhythm & Blues | 19 |
| 2.2 | “Roll Over Beethoven“ – Zur Entwicklung des Rock’n’Roll | 21 |
| 2.2.1 | Die Anfänge des Rock’n’Roll | 21 |
| 2.2.1.1 | Verbreitung von Musik und Lifestyle | 23 |
| 2.2.1.2 | Rock’n’Roll-Gegner | 24 |
| 2.1.2.3 | Rock’n’Roll-Helden | 26 |
| 2.2.2 | Elvis Presley – „The King of Rock’n’Roll“ | 26 |
| 2.2.2.1 | “Jailhouse Rock“ (1957) | 32 |
| 2.2.2.2 | “In The Ghetto“ (1969) | 35 |
| 2.2.3 | Das Ende des wahren Rock’n’Roll | 37 |
| 3. | “The Times They Are A-Changin'„ – Bob Dylan 1961-1966 | 39 |
| 3.1 | Zu den Anfängen Bob Dylans | 39 |
| 3.2 | Bob Dylan als Protestsänger | 42 |
| 3.2.1 | Die Bürgerrechtsbewegung | 42 |
| 3.2.2 | “The Death of Emmett Till“ (1962) | 44 |
| 3.2.3 | “Blowin’ in The Wind“ (1962) | 49 |
| 3.2.4 | “The Times They Are A-Changin’“ (1963) | 51 |
| 3.3 | Der neue Bob Dylan | 53 |
| 3.3.1 | Krise im Herbst 1963 | 54 |
| 3.3.2 | “Another Side of Bob Dylan“ | 58 |
| 3.3.2.1 | Abschied von der Politik? | 58 |
| 3.3.2.2 | Newport Festival 1964 und 1965 | 60 |
| 3.4 | Bob Dylans Wandel | 63 |
| 3.4.1 | Ablehnung durch die Folkszene | 63 |
| 3.4.2 | Dylan war nie ein Folkie | 66 |
| 3.4.3 | Bob Dylans Selbstinterpretation | 66 |
| 3.4.4 | Nicht Bruch, sondern künstlerischer Wandel | 67 |
| 3.5 | So klingt der neue Bob Dylan | 69 |
| 3.5.1 | “Mr. Tambourine Man“ (1964) | 69 |
| 3.5.2 | “Like a Rolling Stone“ (1965) | 72 |
| 4. | “American Pie“ – Eine Zeitreise durch die fünfziger und sechziger Jahre | 76 |
| 4.1 | Don McLean | 76 |
| 4.2 | “American Pie“ (1971) | 77 |
| 5. | Schluss | 84 |
| 6. | Anhang | 89 |
| 6.1 | Glossar | 89 |
| 6.2 | Songtexte | 91 |
| 6.2.1 | “Jailhouse Rock“ von Elvis Presley (1956) | 91 |
| 6.2.2 | “In The Ghetto“ von Elvis Presley (1969) | 92 |
| 6.2.3 | “The Death of Emmett Till“ von Bob Dylan (1962) | 93 |
| 6.2.4 | “Blowin’ in The Wind“ von Bob Dylan (1962) | 93 |
| 6.2.5 | “The Times They Are A-Changin’“ von Bob Dylan (1963) | 94 |
| 6.2.6 | “Mr. Tambourine Man“ von Bob Dylan (1964) | 95 |
| 6.2.7 | “Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan (1965) | 96 |
| 6.2.8 | “American Pie“ von Don McLean (1971) | 98 |
| 6.3 | Soundtrack | 101 |
| 7. | Literatur | 102 |
kommt es Dylan über den konkreten Fall hinaus am Ende auf die verallgemeinernde Gesellschaftskritik an: Concerning all the boys that come Down a road like me, Are they enemies or victims Of your society? 112 Auch „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ (1963) entstand unter Bedingungen, die zeigen, wie eng das aktuelle politische Geschehen und Dylans künstlerisches Schaffen in dieser Zeit aufeinander bezogen waren. Bob Dylan erklärte zur Entstehung von „Hard Rain“:113 „Ich schrieb es während der Kubakrise im Oktober 1962 mit der Konfrontation Kennedy-Chruschtschow. Jede Zeile in dem Lied ist in Wirklichkeit der Kern eines weiteren Songs. Aber als ich es schrieb, dachte ich, nicht mehr Zeit genug zu haben für all diese Lieder, also hab’ ich sie alle in dieses eine reingepackt“.114 Die Menschheit richtet sich selber zugrunde – das ist der Tenor der apokalyptischen Schreckensbilder dieses Songs „Hard Rain“. Dylans Popularität, aber auch die Reaktion der Betroffenen zeigt, wie wirkungsvoll er Tendenzen der Wirklichkeit seiner Zeit zum Ausdruck brachte. Einer seiner beliebtesten Songs war eine bissige Satire auf den „Kommunisten-Jäger“ John Birch („Talkin’ John Birch Paranoid Blues“; 1962)115 – eine Reminiszenz an die McCarthyÄra. Bob Dylan darf diesen „Talkin’ Blues“ bei seinem Auftritt in der „Ed Sullivan Show“ nicht vortragen – und einen anderen Titel zu singen lehnt er ab. Auch das Album („The Freewheelin’ Bob Dylan“), auf dem der Song erscheinen sollte (im April 1963), wird zensiert: CBS, die mächtige Plattenfirma, zieht das Lied zurück; ein paar Platten mit dem Titel wurden verkauft, dann aber war Schluss – alles aus Rücksicht auf die mächtige „John-Birch-Society“.116 In dem Lied sucht ein fanatisches Mitglied dieses Vereins ständig und überall nach Kommunisten, die für ihn schlimmer sind als Hitler und die Faschisten: It don’t matter too much that he [Hitler] was a Fascist, At least you can’t say he was a Communist!117 [...]
Er selbst bekannte damals: „Ich glaube, das ist das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe.“109 Und auch die öffentliche Resonanz war beachtlich. Bob Dylan war zu einem bekannten Protestsänger geworden, nicht zuletzt deshalb, weil er nun auch in den damaligen Massenmedien präsent war: Seine ersten Platten erschienen, er gab Interviews in namhaften Zeitungen und (Musik-)Zeitschriften, und vor allem wurde er in den Rundfunk eingeladen. Als Bob Dylan im März 1962 bei einem solchen Rundfunkauftritt elf Protestsongs vorstellte, war Cynthia Gooding am Mikrophon besonders von „The Death of Emmett Till“ begeistert, wie im folgenden Ausschnitt aus dem Interview deutlich zu spüren ist: Bob Dylan: You like that one? Cynthia Gooding: It’s one of the greatest contemporary ballads I’ve ever heard. It’s tremendous. BD: You think so? CG: Oh yes! BD: Thanks! CG: It’s got some lines that are just make you stop breathing, great. [...] BD: I just wrote that one about last week, I think. CG: Pine song. It makes me very proud. It’s uh, what’s so magnificent about it to me, is that it doesn’t have any sense of being written, you know. It sounds as if it just came out of ... . It doesn’t have any of those little poetic contortions that mess up so many contemporary ballads, you know. BD: Oh yeah, I try to keep it working.110 In dieser Phase schrieb Bob Dylan eine ganze Reihe von Liedern, die sich konkret und sehr sozialkritisch auf reale aktuelle Ereignisse bezogen. So entstand „Donald White“ (1962) sogar unmittelbar im Zusammenhang mit dem Tagesgeschehen: Im Fernsehen hatte es einen Bericht über einen 24jährigen Schwarzen gegeben, der in der Todeszelle saß. Nach der Sendung stand Bob Dylan auf, setzte sich in eine ruhige Ecke und schrieb die Ballade „Donald White“:111 Donald White hat keine gute Erziehung genossen und keine Schulbildung, so dass er nach kleineren Delikten im Gefängnis landet. Dort will er dann aber gar nicht mehr raus, weil er weiß, dass er wieder straffällig werden würde. Doch er wird wieder in die ihm feindlich gesinnte Gesellschaft entlassen – mit dem Ergebnis, dass er am Heiligen Abend des Jahres 1959 – im Affekt – jemanden umbringt und nun in der Todeszelle sitzt: Wieder [...]
Then they rolled his body down a gulf amidst a blood red rain And they threw him in the waters wide to cease his screamin’ pain. The reason that they killed him there, and I’m sure it was no lie, Was just for the fun of killing him and to watch him slowly die. Der 14jährige Afroamerikaner Emmett Till aus Chicago – er hatte seinen Onkel im berüchtigten Süden (Mississippi-Delta) besucht und unvorsichtigerweise hinter einer weißen Frau hergepfiffen – wird von zwei weißen Brüdern in einem Schuppen zu Tode geprügelt; seine Leiche werfen sie dann achtlos in den Fluss. Die Mörder werden gefasst, gestehen ihre Tat, doch der anschließende Prozess wird zur Farce: Richter und Geschworene machen gemeinsame Sache und erklären die beiden Täter für unschuldig: For the jury found them innocent and the brothers they went free, While Emmett’s body floats the foam of a Jim Crow southern sea. So schrecklich und brutal die Mordtat auch beschrieben wird, letztendlich kommt es Bob Dylan auf die letzten beiden der sieben Strophen an: If you can’t speak out against this kind of thing, a crime that’s so unjust, Your eyes are filled with dead men’ dirt, your mind is filled with dust. Your arms and legs they must be in shackles and chains, and your blood it must refuse to flow, For you let this human race fall down so God-awful low! This song is just a reminder to remind your fellow man That this kind of thing still lives today in that ghost-robed Ku Klux Klan. But if all of us folks that thinks alike, if we give all we could give, We could make this great land of ours a greater place to live. Hier folgt also verallgemeinernd seine appellative Botschaft: Dylan mahnt, dass dieses Verbrechen niemanden unberührt lassen dürfe und dass die Vereinigten Staaten erst ein wirklich großes Land sein könnten, wenn sich alle gemeinsam vor allem gegen die fanatische Lynchjustiz des „ghost-robed“ Ku-Klux-Klan erheben würden. Dylan wählt für dieses Lied erstmals die Tonart Moll, wodurch die Dramatik des Geschehens deutlich hervorgehoben wird.108 Im Übrigen erinnert die Melodie auffallend an das bekannte „The House of The Rising Sun“. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832469375
Arbeit zitieren:
Nowak, Nikola Januar 2003: „The Times They Are A-Changin" - Musik und Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Rock'n Roll, Elvis Presley, Bob Dylan



