Der Einfluss des Islam auf die Politik in Indonesien
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Jens Dierolf
- Abgabedatum: November 2002
- Umfang: 123 Seiten
- Dateigröße: 722,1 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7321-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7321-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7321-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Dierolf, Jens November 2002: Der Einfluss des Islam auf die Politik in Indonesien, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Südostasien, Fundamentalismus, Pars casila, Sukarno, Bali
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Magisterarbeit von Jens Dierolf
Einleitung:
Seit der Abspaltung Pakistans von Indien ist Indonesien der bevölkerungsreichste muslimische Staat der Erde. Von den fast 220 Millionen Indonesiern sind etwa 88% (über 180 Mio.) Moslems. Obwohl der Islam nicht die offizielle Staatsreligion ist und auch in der Verfassung keine ausdrückliche Erwähnung findet, spielt er für die politische und soziale Entwicklung des Landes doch eine zentrale Rolle. Seit der Gründung des ersten islamischen Königreichs auf dem heutigen Staatsgebiet im 13. Jahrhundert, hat der Islam die Kultur des Landes und die Identität seiner Einwohner entscheidend geprägt. Vor diesem Hintergrund gestaltet sich die Fragestellung der vorliegenden Arbeit – welchen Einfluss hat der Islam in Indonesien auf die Politik des Landes? – äußerst interessant.
Indonesien ist heute nicht nur der bevölkerungsreichste muslimische Staat der Erde, sondern auch die drittbevölkerungsreichste Demokratie. Mit einer Landfläche von 1,9 Mio. qkm ist es das größte Land in Südostasien; größer als alle EU-Staaten zusammen. Die enorme Heterogenität Indonesiens gründet sich nicht zuletzt auf seine geographische Zersplitterung. Verteilt auf tausenden Inseln leben Menschen unterschiedlichster Religionszugehörigkeiten. Anthropologen unterscheiden mehrere hundert Ethnien. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des administrativen und politischen Zentrums um die Hauptstadt Jakarta, im Westen der Hauptinsel Java, unterscheidet sich von den meisten Außenprovinzen beträchtlich. Der vielgerühmte, enorme wirtschaftliche Aufstieg Indonesiens bis zur Asienkrise 1997 beschränkte sich hauptsächlich auf den Westen Javas und auf einzelne verstreute Handelszentren. Auf der am dichtesten besiedelten Insel Java leben mehr als die Hälfte aller indonesischen Einwohner, obwohl die Fläche der Insel lediglich sieben Prozent des gesamten Territoriums ausmacht. Die Tatsache, dass es bislang gelungen ist, das Land als ehemaliges koloniales Konstrukt der Niederländer zusammenzuhalten, ist angesichts der beschriebenen Gegensätzlichkeiten erstaunlich. Dennoch kennzeichnet die aktuellere politische Situation nach der Amtsniederlegung des ehemaligen patriarchischen Herrschers Suharto im Jahre 1998 ein hohes Maß an Instabilität. Nach 32 Jahren autoritärer Führung ist es in den letzten gut vier Jahren noch nicht gelungen, eine stabile politische Ordnung aufzubauen. Ein potentielles Auseinanderbrechen des Landes stellt nach wie vor eine akute Gefahr dar. In der neuen Gesellschaftsordnung nach 1998 haben die politischen Grabenkämpfe der verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte zugenommen. Zu den einflussreichsten Interessensgruppen, die sich dabei gegenüberstehen, zählen die alte politische Elite sowie das Militär, pro-demokratische Kräfte, regionale Vereinigungen, die sich für eine (weitreichende) Loslösung von der noch immer zentralistischen Verwaltung bemühen, soziale Organisationen oder Menschenrechtsgruppen (darunter v.a. Nichtregierungsorganisationen) und nicht zuletzt islamische Kräfte.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Einfluss der letztgenannten Gruppe auf die Politik in Indonesien auseinander. Der Begriff „Islam“ im Titel dieser Arbeit – „Der Einfluss des Islam auf die Politik in Indonesien“ – meint die gesellschaftlichen Einzelpersonen und Gruppen, die aus einer religiösen, einer islamischen Handlungsmotivation heraus das politische und soziale Geschehen beeinflussen. Diese wichtige Unterscheidung muss deshalb vorgenommen werden, weil nicht jede Person mit dem Islam als Glaubensbekenntnis (wie erwähnt sind fast 90% der Bevölkerung Moslems), die politisch tätig ist, sich auf den Islam als Beweggrund ihres Wirkens beruft. Die islamischen Kräfte lassen sich jedoch nicht zwangsläufig von den weiteren, oben erwähnten gesellschaftlichen Interessensgruppen unterscheiden. Unter den islamischen Kräften gibt es viele Befürworter der Demokratie. Gleichzeitig sind auch Teile des Militärs und der politischen Elite dem islamischen Lager zuzuordnen. Die größten islamischen Vereinigungen verstehen sich vordergründig als soziale Organisationen, die sich für die sozialen Belange der (muslimischen) Bevölkerung gesellschaftlich und nur zum Teil politisch einsetzen.
In dieser Arbeit wird der Einfluss islamischer Kräfte auf die verschiedenen Dimensionen des Politischen beschrieben, d.h. auf die inhaltliche Dimension (policy), auf die Auseinandersetzung um Machtanteile und Einfluss (politics) und auf den Handlungsrahmen (polity), den Bedingungen unter denen politisches Handeln stattfindet. Eine konsequente Untergliederung der Analyse in die verschiedenen Bereiche ist dabei nicht möglich, weil sich die verschiedenen Politik-Dimensionen gegenseitig beeinflussen und verändern. Regierungsentscheidungen (policy) sind beispielsweise abhängig vom politischen Handlungsrahmen (polity). Dieser Handlungsrahmen wiederum entsteht indes idealtypisch durch eine Auseinandersetzung (politics) der verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte um Inhalte (policy). Weil sich die handelnden Akteure oftmals gegenseitig beeinflussen, wird konsequenterweise der Einfluss des Islam nicht in Abhängigkeit vom allgemeinen politischen Geschehen beschrieben. Thema dieser Arbeit sind deshalb Politik und Islam in Indonesien.
Der geographische Arbeitsschwerpunkt der „westlichen“ Politikwissenschaften liegt unbestreitbar in Westeuropa und Nordamerika. Die meisten Fachstudien über Südostasien setzen sich mit der beeindruckenden wirtschaftlichen Entwicklung der Region oder mit der Systemtransformation einzelner Länder auseinander. Die kulturelle oder religiöse Komponente findet in vielen Fällen nur dann Beachtung, wenn es darum geht, Gründe zu finden, die die besondere Dynamik des wirtschaftlichen Wachstums erklären sollen. Nur wenige Politikwissenschaftler setzen sich mit dem Einfluss der lokalen Kultur bzw. der Religion auf die Politik auseinander. Sozialanthropolgen haben neben den genuin anthropologischen Studien über die lokalen religiösen Bräuche auch zahlreiche Abhandlungen über die kulturellen und religiösen Auswirkungen auf die nationale Politik verfasst. Zu den renommiertesten Experten auf diesem Gebiet, in Bezug auf Indonesien, zählen die US-Amerikaner Robert W. Hefner und Howard M. Federspiel. Einigen der rein politikwissenschaftlichen Arbeiten über die Thematik mangelt es an der – nach Meinung des Autors – geradezu essentiellen, umfassenden Berücksichtigung der kulturellen und religiösen Zusammenhänge. Vor diesem Hintergrund stellt die vorliegende Untersuchung die Politik Indonesiens unter ausführlicher Berücksichtigung des Islam dar und beschreibt seinen Einfluss als einen der wichtigsten kulturellen Bestimmungsfaktoren.
Gang der Untersuchung:
Dem Anliegen, die kulturelle Komponente ausreichend zu berücksichtigen, soll insbesondere in einer umfangreichen Analyse der gegensätzlichen Vorstellungen über das Verhältnis zwischen Islam und Politik in einem einführenden Kapitel Rechnung getragen werden. Über die religiös begründeten Auflagen an eine politische Ordnung existiert ein breites Spektrum an unterschiedlichen Ansichten. Durch die Beschreibung dieser zum Teil konträren Positionen, die sich innerhalb der verschiedenen politischen Systeme muslimischer Länder und innerhalb der unterschiedlichen Denkrichtungen finden lassen, wird die später vorzunehmende Einordnung der Standpunkte indonesischer Muslime und die praktische Umsetzung islamischer Vorschriften in Bezug auf den Staatsaufbau ermöglicht. Die Debatten um die religiös begründeten Bedingungen an eine islamkonforme politische Ordnung – beispielsweise über die Streitfrage, ob der Islam einen demokratisch verfassten Staat einfordert, toleriert oder ablehnt – sind derart komplex, dass an Universitäten in muslimischen Ländern ganze Lehrstühle darüber existieren. Die diesbezüglichen Auseinandersetzungen können folglich an dieser Stelle nicht in ihrer ganzen Komplexität, sondern nur in ihren hauptsächlichen Zügen wiedergegeben werden.
Auch das darauf folgende Kapitel setzt sich mit den kulturellen Elementen ausführlich auseinander; es beschreibt die religiösen Besonderheiten des Islam in Indonesien. Abseits des islamischen Kernlandes hat sich in Indonesien eine besondere Form des Islam herausgebildet, die sich von der arabischen Variante in mancher Hinsicht unterscheidet. Um seinen individuellen Charakter verständlich zu machen, wird in diesem Kapitel besonders die historische Verbreitung des Islam näher erläutert. Die zentrale strategische Lage des Archipels hat entscheidend dazu beigetragen, dass äußere Einwirkungen die Wesensart der indigenen Kultur nachhaltig verändert haben. Es wird außerdem in knapper Form auf die vorkolonialen politischen Gebilde eingegangen, bevor im nächsten Kapitel die Kolonialzeit und die niederländische Islampolitik, sowie der Einfluss islamischer Kräfte während dieser Periode beschrieben werden.
Anhand der anschließend dargestellten Auseinandersetzungen um die Gestaltung der Verfassung lassen sich bereits die z.T. gegensätzlichen gesellschaftlichen Kräfte und ihre Ansprüche an ein politisches System genauer ausmachen. Die erste indonesische Verfassung (UUD 45) wurde noch während der japanischen Besatzung Ende des Zweiten Weltkrieges ausgearbeitet. Ursprünglich als Provisorium verabschiedet, blieb sie mit Ausnahmen und einzelnen Abänderungen bis heute bestehen. Besonders die in der Pancasila festgehaltenen Staatsprinzipien stellen in Indonesien den zentralen übergeordneten politischen Handlungsrahmen dar. Dieser wurde im Laufe der Jahre jedoch von den jeweiligen Machthabern unterschiedlich ausgelegt.
Im Hauptteil der Arbeit wird der Einfluss des Islam auf die Politik in Indonesien von der Unabhängigkeit im Jahr 1945 bis in die Gegenwart analysiert. Diese Analyse wird in Abhängigkeit von den Veränderungen im Verhältnis der politischen Rahmenbedingungen zum Islam in vier Kapitel untergliedert: In die Periode der Amtszeit Sukarnos, des ersten Präsidenten; in die Phase der ersten zwei Jahrzehnte der Herrschaft Suhartos; in die Phase seiner letzten zehn Amtsjahre, die vielfach als „honeymoon-period“ zwischen der Regierung und islamischen Kräften bezeichnet wird, und in die Phase nach dem erzwungenen Rücktritt Suhartos von 1998. Die mangelnde Aktualität der neuesten Literatur erschwert es, die jüngste Periode genauso detailliert zu analysieren wie die vorigen Zeitabschnitte. Die aktuellere politische Entwicklung ist noch zu wechselhaft und unübersichtlich, als dass eine abschließende Einordnung dieser Phase möglich wäre.
Ein daran anschließender Exkurs setzt sich mit den aktuelleren politischen Strömungen innerhalb der islamischen Kräfte genauer auseinander, mit dem militanten Islam in Indonesien und mit den verschiedenen Regionalkonflikten. Der Islam ist in den Krisenregionen meist eine von mehreren Ursachen für die Spannungen. Die im Exkurs behandelten Themenbereiche werden in der vorwiegend chronologischen Darstellung für die Zeit nach der Unabhängigkeit 1945 weitgehend ausgeklammert. Im abschließenden Kapitel wird die Arbeit ausgewertet und es werden mögliche Perspektiven für die zukünftige Entwicklung aufgezeigt.
Wurde bislang in den westlichen Medien nur wenig über den Islam in Indonesien berichtet, so hat die Thematik in Folge der Bombenattentate von Bali im Oktober 2002 zumindest für kurze Zeit größere Aufmerksamkeit erfahren. Die aus den Anschlägen resultierenden politischen Konsequenzen sind bisher noch nicht absehbar. Da sich die Anschläge kurz vor dem Abgabetermin der Arbeit ereigneten, konnten diesbezüglich nur noch einige wenige Ergänzungen hinzugefügt werden.
Anschließend noch einige Vorbemerkungen zu den Definitionen der verwendeten Begriffe und zur Schreibweise: In der benutzten Literatur sind einige der für diese Arbeit relevanten Begriffe z.T. uneinheitlich definiert. Dies betrifft u.a. Termini wie „islamischer Staat“, „muslimischer Staat“, „islamistisch“, „fundamentalistisch“, etc.
In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe wie folgt verwendet:
„Muslimischer Staat“ meint einen Staat mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit, unabhängig von seiner formalen Ausgestaltung. „Islamischer Staat“ meint einen Staat, dessen politische Ordnung nach islamischen Prinzipien gestaltet ist. Folglich ist ein „Islamist“ ein Befürworter eines islamischen Staates, unabhängig welcher Mittel er sich zur Erreichung dieses Zieles bedient. Die in zahlreicher Literatur sorglos verwendeten Begriffe „Fundamentalist“ oder „Fundamentalismus“ werden in dieser Arbeit vermieden. Das Wort „Fundamentalismus“ bezeichnet streng genommen eine Rückkehr zu den Fundamenten des Islam. Darüber was genau diese Fundamente sind, gibt es unter Muslimen jedoch äußerst unterschiedliche Meinungen. Den Begriff tatsächlich sinngemäß zu verwenden ist deshalb nicht möglich.
Die ideologischen Positionen der islamischen Kräfte werden mit geeigneten Attributen konkretisiert. Spezifische Begriffe wie „modernistisch“, „traditionalistisch“, etc. werden im nachfolgenden Kapitel näher erläutert. Die Begriffe „Muslim“ oder „Moslem“ werden synonym verwendet. Sie bezeichnen Anhänger des Islam, unabhängig von dem Grad seiner Identifikation. Wenn dagegen von „islamischen“ oder „muslimischen Kräften“ oder dem „islamischen Lager“ die Rede ist, so sind die Einzelpersonen oder Gruppen gemeint, die ihre politische Handlungsmotivation über den Islam begründen. Dies sind somit nicht nur „Islamisten“.
Eine weitere Problematik stellt die Schreibweise dar. In dieser Arbeit kommen Fachtermini und Namen aus unterschiedlichen Sprachen vor – hauptsächlich aus dem Arabischen und dem Indonesischen. Die Schreibweisen sind in der verwendeten deutschen oder englischen Literatur vielfach uneinheitlich. Alle Namen und Begriffe sind daher in Anlehnung an gängige Transkriptionsweisen vereinheitlicht und vereinfacht (d.h. ohne diakritische Zeichen) übertragen. Mit Ausnahme der bibliographischen Angaben und der übernommenen Zitate werden alle indonesischen Namen und Wörter in dieser Arbeit gemäß der neueren indonesischen Rechtschreibung nach der Reform von 1972 verwendet. Dies betrifft insbesondere die Namen indonesischer Politiker. So lautet beispielsweise die neue Schreibweise für „Soekarno“: „Sukarno“.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Einige Bemerkungen zum Verhältnis von Islam und Politik | 8 |
| 3. | Islam und Politik in Indonesien bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1945 | 24 |
| 3.1 | Der besondere indonesische Islam | 24 |
| 3.2 | Die Kolonialzeit | 31 |
| 3.3 | Der Weg zur Unabhängigkeit und die Ausarbeitung der Verfassung | 36 |
| 4. | Der Einfluss des Islam auf die Politik seit der Unabhängigkeit | 43 |
| 4.1 | Die Amtszeit Sukarnos | 44 |
| 4.2 | Die ersten zwei Jahrzehnte der Amtszeit Suhartos | 53 |
| 4.3 | Politik und Islam unter Suharto seit Ende der 80er Jahre - eine Annäherung? | 65 |
| 4.4 | Die aktuelle Entwicklung seit dem Rücktritt Suhartos | 80 |
| Exkurs: Politische Konfliktlinien islamischer Kräfte, der radikale Islam und die regionalen Konflikte | 86 | |
| 5. | Konklusion | 100 |
| Anhang | 106 | |
| Literaturverzeichnis | 106 | |
| Monographien und Sammelbände | 106 | |
| Aufsätze aus Fachzeitschriften und Sammelbänden | 109 | |
| Schriftliche Versicherung | 119 |
geltend. Die immer prekärer werdende wirtschaftliche Situation Anfang der 60er Jahre, der schlechte Gesundheitszustand Sukarnos und Gerüchte um einen bevorstehenden Militärputsch trugen ebenfalls zu einer politischen Destabilisierung bei. Der Putschversuch einer Gruppe linksgerichteter Offiziere leitete im Oktober 1965 das endgültige Ende von Sukarnos Politik der nationalen Einheit und seiner Präsidentschaft ein. Bei einer Entführungsaktion wurden die ranghöchsten Generäle der Armee verschleppt und ermordet. Mit Unterstützung von Mitgliedern der Kommunistischen Partei bildeten sich in mehreren Städten Revolutionsräte. Obwohl bis heute ein endgültiger Beweis fehlt, dass tatsächlich Kommunisten die Fäden hinter dem Putschversuch gesponnen haben, wurde der Putschversuch in der Öffentlichkeit der PKI angelastet.137 In der ungeklärten Machtsituation begannen sich die über lange Jahre aufgestauten Aggressionen in der Bevölkerung zu entladen. Um die politische Ordnung wieder herzustellen übergab Präsident Sukarno im März 1966 alle Regierungsvollmachten dem Kommandeur der strategischen Reserve (KOSTRAD), General Suharto, obwohl Sukarno formal zunächst noch Präsident blieb. Suharto war nach der Entführungsaktion der ranghöchste verbliebene General. Ihm gelang es, den Widerstand der Putschisten zu brechen. Gleichzeitig nutzte er jedoch die unsichere politische Situation für seine eigenen strategischen Interessen aus. Um jegliche Gegenwehr der vom Militär verhassten Kommunisten auszuschalten, unterstützten viele Soldaten die antikommunistischen Aktionsgruppen. In diesen Aktionsgruppen waren auch Teile muslimischer Gruppen organisiert – u.a. Mitglieder der NUJugendorganisation Ansor, der modernistischen HMI (Vereinigung muslimischer Studenten) und der KAMI (Aktionskommando muslimischer Studenten). Diese Gruppierungen gingen mit ungeheurer Härte gegen alle tatsächlichen und vermeintlichen Kommunisten vor. Ideologisch weniger radikale Muslimgruppen, von denen das Militär selbst keine Gegenwehr fürchten musste, sowie andere antikommunistische Kräfte wurden dabei von der Armee gezielt mit Waffen versorgt und sogar militärisch ausgebildet. Mit gezielt gestreuten Gerüchten heizte das Militär [...]
Demokratie. Eine von ihm gebildete Koalition der Nationalen Einheit, Nasakom,133 bestehend aus islamischen Kräften, der PNI und der PKI sollte einen Politik zum Wohle der Allgemeinheit festlegen. So hielten die gesellschaftlichen Konflikte jedoch auch Einzug in die höchste politische Ebene. Immer klarer kristallisierte sich der Konflikt zwischen Kommunisten auf der einen Seite und dem Militär und islamischen Gruppen auf der anderen heraus. Die Bedeutung des Militärs in der Politik hatte spätestens seit der Ausrufung des Notstandes 1957 dramatisch zugenommen.134 Dieser Konflikt zwischen den beiden Lagern, der bereits lange vor Sukarnos Gelenkter Demokratie entstanden war,135 verschärfte sich. Zugeständnisse an das kommunistische Lager in der Politik Sukarnos trugen zu einer Verhärtung der Fronten in der Nasakom-Koalition bei. Seit Ende der 50er Jahre riefen Forderungen der kommunistischen PKI nach einer Landreform, die zum Teil von der PNI Sukarnos unterstützt wurden, hartnäckigen Widerstand bei Santri-muslimischen Landbesitzern hervor. Nicht zuletzt weil viele Koranschulen auf Spenden von reichen Landbesitzern angewiesen waren, entwickelte sich aus dem sozialen Konflikt mehr und mehr ein religiöser, zwischen den konservativen Muslimen der NU und der verbotenen Masyumi (insbesondere ihrer Jugendorganisationen) einerseits und den multireligiösen Anhängern der PKI andererseits. Der PKI wurde dabei unterstellt, anti-islamisch zu sein.136 Dieser Konflikt führte auch zu immer größeren Spannungen innerhalb Sukarnos Nasakom-Koalition. Die Kommunisten machten verstärkt einen politischen Führungsanspruch im Bündnis [...]
würde. Die Argumente für und wider einen islamischen Staat entsprachen im wesentlichen denen, die bereits bei der Ausarbeitung der Verfassung von 1945 vorgebracht worden waren.131 Vielfach konkretisierten sich die Vorstellungen darüber noch, wie der neue islamische Staat aufgebaut sein solle, was die Verhandlungsposition des islamischen Lagers weiter schwächte. Interne Spannungen bei der NU und Masyumi behinderten darüber hinaus ein einheitliches Agieren noch zusätzlich. Die Ausrufung des Notstandes 1957 hatte ihre Ursache in einer zunehmenden Ablehnung der parlamentarischen Demokratie in der Bevölkerung. Unzufriedenheit gegenüber dem Java-Zentrismus auf den Außeninseln, eine schlechte Wirtschaftslage, die Instabilität der Kabinette, sowie verstärkte Einmischungen in die Politik von Seiten der indonesischen Streitkräfte (ABRI) sorgten für Spannungen. Immer mehr Islamisten, darunter auch einige Masjumi-Politiker, schlossen sich militanten Aufständen u.a. in Westjava, auf Sumatra und Celebes an. Ihnen fehlte die Perspektive, in absehbarer Zeit, auf politischem Wege ihr Ziel eines islamischen Staates verwirklichen zu können. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Masyumi, deren vordergründigstes Ziel die Schaffung eines islamischen Staates war, bei der Wahl 1955 außerhalb Javas mit Abstand die meisten Stimmen erhielt. Das Anliegen, einen islamischen Staat zu schaffen, fand somit bei weiten Teilen der Bevölkerung auf den Außeninseln Zustimmung, wenngleich nur wenige bereit waren, dafür zu kämpfen. Der Widerstand gegenüber der Zentralregierung nahm in den Außenprovinzen gegen Ende der 50er Jahre zu. Es gelang jedoch nur der Region Aceh, im Norden Sumatras, 1959 einen Sonderstatus mit der Regierung auszuhandeln. Seitdem ist dort die Scharia offiziell anerkannt.132 1959 löste Sukarno das ihm unliebsam gewordene Parlament auf. Dasselbe Schicksal ereilte die Konstitunante. Wegen seiner notorischen Zerstrittenheit war das Parlament ohnehin weitgehend handlungsunfähig. Die Konstitunante war weit davon entfernt, eine für alle Seiten akzeptable Verfassung auszuhandeln. Wegen der Teilnahme einiger führender Parteimitglieder an regionalen Aufständen verbot Sukarno 1960 die Masyumi-Partei. Führende Politiker der Partei, darunter der Vorsitzende Mohammed Natsir, wurden verhaftet. Sukarno ließ ebenfalls die Sozialistische Partei Indonesiens (PSI) verbieten. Sein neues Politikkonzept bezeichnete er Gelenkte [...]
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Arbeit zitieren:
Dierolf, Jens November 2002: Der Einfluss des Islam auf die Politik in Indonesien, Hamburg: Diplomica Verlag
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Südostasien, Fundamentalismus, Pars casila, Sukarno, Bali



