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'Mein ganzes Leben lang habe ich dem Naturgesetz gedient und deshalb betrachte ich mich als Märtyrer dieses göttlichen Gesetzes'

Vergleichende Analyse der kontroversen slowakischen, exilslowakischen und deutschen Literatur (1960-2005) über Dr. Jozef Tiso

'Mein ganzes Leben lang habe ich dem Naturgesetz gedient und deshalb betrachte ich mich als Märtyrer dieses göttlichen Gesetzes'
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Jozef Pavol
  • Abgabedatum: Juni 2007
  • Umfang: 80 Seiten
  • Dateigröße: 528,8 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Philosophisch-Theologische Hochschule Münster Deutschland
  • Bibliografie: ca. 34
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1249-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Pavol, Jozef Juni 2007: 'Mein ganzes Leben lang habe ich dem Naturgesetz gedient und deshalb betrachte ich mich als Märtyrer dieses göttlichen Gesetzes', Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Tiso Jozef, Slowakei, Nationalismus, 2 Weltkrieg, Kirchengeschichte

Diplomarbeit von Jozef Pavol

Einleitung:

In Deutschland ist heutzutage die Person Jozef Tiso nahezu unbekannt. Wenn man aber bestimmte Medien wie die Prager Zeitung oder Süddeutsche Zeitung verfolgt, findet man, dass über ihn zurzeit häufiger berichtet wird. Diese Medien reagieren nämlich auf die in der Slowakei heute existierende Kontroverse über Jozef Tiso, die zwischen den Historikern ganz brisant ist und die auch zur Polarisierung der slowakischen Gesellschaft geführt hat. Zu dieser Spaltung in der Slowakei haben nicht nur die Exilautoren wie Milan Durica mit seinem neusten Buch beigetragen, sondern auch manche Amtsträger der katholischen Kirche, die sich demonstrativ auf die Seite Tiso stellen und damit sich als stark konservativ erweisen. Daneben gibt es die nationalistisch denkenden Kreise, wo Politiker und Rechtsextremisten von Tiso einen Kult machen, der beim Rest der Gesellschaft nur auf totale Ablehnung stoßt. Die Ironie dabei ist, dass die Person Tiso gerade von solchen radikalen Kreisen vergöttert und dabei ausgenutzt wird, gegen die Tiso damals selbst einen innenpolitischen Machtkampf geführt hat.

Nie zuvor wurden so viele Publikationen in der Slowakei über Tiso veröffentlicht als jetzt nach der Wende. Wenn man sich diese Publikationen anschaut, sieht man, dass es sich meistens um zwei verschiedene Ansichten über Tiso handelt. Eine (die Konservativen, Nationalisten und Rechtsextremisten) wollen Tiso gerne als Märtyrer und Heiligen sehen, und die zweiten (Liberalen aber auch Altkommunisten) als einen kalten Diktator und Antisemiten, der mit Hitler kooperiert und aktiv an der Zerstörung der Tschechoslowakei mitgewirkt hat. Zur Verschärfung dieser Kontroverse trägt vor allem der Umstand bei, dass Tiso auch katholische Priester war. Die Anhänger der konservativen Linie der slowakischen Kirche, deren Denkweise im Klerus immer noch heute stark neuscholastisch geprägt ist, stellen sich hartnäckig auf die Seite Tisos. Demgegenüber nutzen dies, die in der Slowakei sich immer mehr ausbreitenden Kritiker aufgeklärter Kreise aus, um die katholische Kirche allgemein noch mehr zu kritisieren und diskreditieren. Erst in diesem Zusammenhang merkt man, dass die Person Jozef Tiso in der Slowakei nicht in die Vergessenheit geraten ist, sondern aktuell als neu aufgegriffenes Thema behandelt wird.

Wenn man also annimmt, dass diese Polarisierung der Gesellschaft schon während des Kommunismus in der Kontroverse zwischen den Exilautoren und marxistischen Autoren ihren Ursprung hat, kann man sich fragen, worin sie besteht? Welche Elemente, welche unterschiedlichen Einblicke bewirken, dass es zu Auseinandersetzungen gekommen ist? Dies kann man nur dann beantworten, wenn man herausfindet, wie die verfeindeten Positionen Tiso sehen und ihn darstellen. Dabei muss man sehr auf ihre Methode achten, die uns viel sagt.

Wie man schon bemerken kann, wird das Ziel dieser Diplomarbeit eine Analyse der kontroversen Werke slowakischer, exilslowakischer und deutscher Literatur sein; eine Analyse dessen, wie die Vertreter verschiedenen Richtungen Tiso sehen und wie sie ihn aus der eigenen Blickrichtung beurteilen. Aus jeder Richtung werden drei verschiedene Autoren ausgewählt. Da es sich um ein breites Zeitspektrum handelt, wird sich diese Analyse nur auf die Periode ab 1960 bis 2006 / 2007 beschränken. In den 70 er Jahren hat nämlich die Linie der Exilautoren schon feste Konturen gewonnen, und kann man sie als eigene, in sich selbst zusammengeschlossene Richtung charakterisieren.

Insgesamt werden in dieser Diplomarbeit neun Werke dargestellt und analysiert. Hierbei gehe ich folgendermaßen vor: Nach der Darstellung dessen, wie die slowakischen Autoren Tiso charakterisieren, mit dem Interessenschwerpunkt bei Kamenec, der als slowakischer Historiker den Gegenpol der scharfen Kontroverse gegenüber Exilautor Durica bildet, widme ich mich in dem zweiten Abschnitt der Darstellung Tisos bei den Exilautoren. Dabei werde ich die größte Aufmerksamkeit dem Autor Milan Durica schenken, weil er mit seinem neusten Buch einen Wirbel der Diskussionen verursacht hat und weil das Denken dieses Autors uns viel über den Denkstil Tisos verraten kann. Anschließend gehe ich auf die Analyse der deutschen Literatur ein. Sie bildet eine eigene Linie, die die beiden kontroversen Linien berücksichtigt und einen Prozesszusammenhang bildet. Nach der Darstellung dessen, wie jeder Autor Tiso sieht, setzte ich mich mit jedem Autor und seinem Werk im Abschnitt Analyse auseinander. Im Fazit werden alle drei literarische Richtungen vergleichend analysiert.

Da aber in meinem Blickfeld auch die Frage liegt, wie man zum Ausgleich dieser Kontroverse beitragen kann, werde ich diese Analyse auch unter einem spezifischen Blickwinkel zu durchleuchten versuchen: Inwiefern berücksichtigen die Historiker und Autoren bei ihren eigenen Beurteilungen und Stellungnahmen Tisos theologisch-philosophisch neuscholastisches Wissen, seine Soziallehre, die er bei seinem Studium in Wien erworben hat und das ihn stark während seiner politischen und priesterlichen Karriere mitgeprägt hat? Eine kritische Auseinandersetzung mit der neuscholastischen Soziallehre der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, das Hinweisen auf ihre schwachen Stellen, kann nämlich ermöglichen, besser zu verstehen, wieso Tiso in manchen Situationen so gehandelt hat, wie er gehandelt hat und dass er dabei fest von der Richtigkeit seiner Taten überzeugt war. Das kann zur Milderung der allzu scharfen Urteile mancher slowakischen postmarxistischen Historiker führen. Gleichzeitig kann die kritische Auseinandersetzung mit Tisos Sozialehre bei den konservativen katholischen Kreisen in der Slowakei, aber auch bei den Exilhistorikern wie z.B. Durica und Vnuk zum Abweichen von der ausschließlich positiven und glorifizierenden Darstellung Tisos führen und zur Anerkennung mancher Fehler in seiner Tätigkeit, die ihn zu seiner persönlich-priesterlichen Tragödie geführt haben.

Inhaltsverzeichnis:

1. INHALTSVERZEICHNIS 2
2. EINLEITUNG 5
3. ANALYSE DER SLOWAKISCHEN LITERATUR 8
3.1 Jan Rychlík: Ideové základy a myšlení Jozefa Tisa a jejich politický dopad. (Ideelle Grundlagen der Denkweise Jozef Tisos und ihre politische Wirkung) 8
3.1.1 Totalitäre Züge in Tisos Theorie der Nation und Soziallehre 9
3.1.2 Analyse 11
3.2 Ivan Kamenec: Tragédia politika, knaza a cloveka (Die Tragödie des Politikers, Priesters und Menschen) 12
3.2.1 Tiso als Problem der heutiger Historienwissenschaft, des Autors Kritik an Tisos Mythologisierung durch Exilautoren 14
3.2.2. Die Politik des kleineren Übels, Tisos persönliche und politische Tragödie 14
3.2.3 Analyse 16
3.3 Letz Róbert: Vývin slovenského národného povedomia u Jozefa Tisu do roku 1918 18
3.3.1 Tisos Nationalbewusstsein 20
3.3.2 Analyse 23
4. ANALYSE DER SLOWAKISCHEN EXILLITERATUR 24
4.1. Franz M. Schneider: Josef Tiso. Katholischer Priester und Staatsoberhaupt der Slowakei, Cleveland - Rom 1970 24
4.1.1 Tiso als Priester, Politiker und Staatspräsident 26
4.1.2 Tisos Prozess als ein Schauprozess mit persönlichen Rachenmotiven Benešs und Daxners 28
4.1.3 Analyse 30
4.2 Pavol G. Dobiš: Staatspräsident Dr. Jozef Tiso in Oberösterreich, Linz 1987 31
4.2.1 Tisos Grundsätze der Slowakischen Republik im Kontrast zum Nationalsozialismus 32
4.2.2 Die „Lösung der Judenfrage“ als ein gerechter sozialer Ausgleich 33
4.2.3 Tisos Gerichtsverfahren als Schauprozess, Tiso als Märtyrer 35
4.2.4 Analyse 35
4.3 Milan Durica: Dr. Jozef Tiso (1887 - 1947), Bratislava 2006 37
4.3.1 Studium in Wien, Tisos Nation, Sozial- und Staatslehre 39
4.3.2 Judenproblematik als Notwendige Übel, das auf gerechte und soziale Weise verlaufen ist 42
4.3.3 Analyse: 45
5. ANALYSE DER DEUTSCHEN LITERATUR 48
5.1 Jörg K. Hoensch: „Slowakei und Hitlers Ostpolitik“, Köln 1965 48
5.1.1 Tisos Naturrechtverständnis, Ständestaatslehre, Staatskonzeption 49
5.1.2 Charakterzüge bei Tiso 50
5.1.3 Judenproblematik 52
5.1.4 Analyse 52
5.2 Walter Brandmüller: Holocaust in der Slowakei und katholische Kirche, Neustadt an der Aisch 2003. 53
5.2.1 Tiso und die Judenproblematik 55
5.2.2 Wie sah man in Rom die Person und die Rolle des Priesters und Staatspräsidenten Tiso 55
5.2.3 Analyse: 57
5.3 Tatjana Tönsmeyer: Das dritte Reich und die Slowakei, Paderborn 2003 59
5.3.1 Tiso im innerpolitischen Machtkampf 60
5.3.2 Tisos Staatslehre, Nationalismus, Ständeordnung, Personalpolitik 62
5.3.3 Haltung von Tiso gegenüber den Beratern 64
5.3.4 Tiso und die Judenproblematik 64
5.3.5 Analyse 65
6. FAZIT 67
6.1 Ergebnis der Analyse kontroverser slowakischer, exilslowakischer und deutscher Literatur über Tiso 67
6.2 Die eigene Darstellung Tiso 73
7. BIBLIOGRAPHIE ÜBER TISO 77
8. LITERATURVERZEICHNIS 80

Textprobe:

Kapitel 3.3.1, Tisos Nationalbewusstsein:

Damit sich Letz überhaupt mit Tisos Nationalbewusstsein beschäftigen kann, versucht er zu definieren, was man unter Nationalbewusstsein versteht. Letz sieht es als eine persönliche Überzeugung jedes Individuums an, das auf Grund eigener Erwägung und unter dem Einfluss verschiedener äußerer Faktoren zu der Erkenntnis gelangt, dass es ein Bestandteil eines höheren Ganzen – Nation - sei, das ihm persönlich nahe ist. Mit dem Nationalbewusstsein entsteht eine neue Motivation für das Individuum, das durch ihn und seine Familie zu einer nationalen Einheit führt, mit dem Ziel, seine soziale, kulturelle und politische Situation zu verbessern. Nach Letz geht es also bei dem Nationalbewusstsein um eine personale, innere Einstellung des Mitglieds einer Nationalgesellschaft. Nach dieser Einstellung kann man die Taten identifizieren und nach den Taten kann man diese innere Stellung identifizieren. Eine religiös-christliche Basis soll dabei helfen, dass das Nationalbewusstsein nicht in den Nationalismus der Übergeordneten einmündet. Unter solchem Blickwinkel und Verständnis des Nationalbewusstseins sieht Letz auch Tisos Nationalbewusstsein bis zum Jahre 1918 und versucht ihn so in seiner Studie darzustellen.

Allgemein stellt Letz fest, dass die Umgebung der Familie und das gesellschaftliche Milieu in seinem Dorf positiv auf Tisos slowakisches Fundament gewirkt haben, in dem alle kulturellen Werte – Sprache, Religion und Tradition - beinhaltet waren und die Voraussetzung für ein Nationalbewusstsein gebildet haben.

Die Zeit, während der Tiso am Gymnasium war, dient für manche Tiso Kritiker als Beweis, dass Tiso aus pragmatischen und opportunistischen Gründen ein Magyar war. Da die Zeit am Gymnasium durch starke Magyarisierungstendenzen an den Schülern gekennzeichnet wurde, war der Druck ungarischer Lehrer in der Schule äußerst spürbar. Deshalb solle sich nach manchen marxistischen Kritikern Tiso in dieser Zeit loyal gegenüber dem Magyarisierungsgeist im Gymnasium verhalten haben und erst nach 1918 sich zum tschechoslowakischen Staat bekannt haben. Letz stellt sich ablehnend gegenüber solchen Behauptungen und antwortet auf dieses Problem mit einer offenen Frage: „Wie konnten sich 12 - bis 16 - jährige Kinder diesem Druck gegenüberstellen?“ Im Gegenteil, als Ausdruck des nationalen Gefühles sieht Letz Tisos Freundschaft mit dem überzeugten Slowaken Jozef Randík. Ihre gemeinsamen Ausflüge, das Singen slowakischer Lieder versteht Letz als eine elementare Antireaktion auf die magyarische Umgebung des Gymnasiums in Zilina.

Ein anderes Zeichen seines nationalen Gefühls sieht Letz in Tisos Bemühen, die Lücken in der slowakischen Sprache, die nach dem Lernen am ungarischen Gymnasium entstanden worden sind, privat durch intensives Erlernen der slowakischen Sprache während seines Theologiestudiums in Wien zu beheben. Daneben hat Tiso an der Wiener Universität als Muttersprache die slowakische Sprache angegeben.

In schwierigen Zeiten der Magyarisierung geht Tisos Nationalbewusstsein mehr in die Richtung der tieferen persönlichen Überzeugung, weil Tiso damals nicht für notwendig gehalten hat, sein Nationalbewusstsein nach außen zu zeigen. Das sieht Letz nicht kritisch an, sondern als Zeichen der Klugheit, was seinen Kopf vor der Entlassung aus dem Wiener Seminar gerettet hat.

Tisos soziales Denken sieht Letz als einen Bestandteil seines Nationalbewusstseins. Das in Wien durch Seipel und Schindler erworbene soziale Wissen sollte sich später in der Praxis durch die Liebe zu seinem Volk und in der Gründung verschiedener sozialer Vereine zeigen. Als Kaplan auf dem slowakischen Land widmete er sich dem einfachen slowakischen Volk. Deshalb waren auch seine Aktivitäten im slowakischen Geist und in slowakischer Sprache gehalten. Seine nationale Empfindung äußerte sich in der Gründung sozialer Vereine. Der Aufenthalt an der Front, das Kennenlernen der Situation anderer Völker und das Erleben ihres nationalen Bewusstseins (Polen oder Slowenien) haben Tiso zum stärkeren Engagement für die Wahrnehmung der slowakischen Nation motiviert.

Obwohl Tiso später zum Spiritual im Priesterseminar in Nitra ernannt wurde, hat auch dieses Amt ihm nicht erlaubt, im magyarischen Klima hier seine Meinungen offen zu äußern. Deshalb war nach Letz Tisos Nationalbewusstsein in dieser Zeit mehr indirekt präsent und wurde mehr durch seine religiösen, sozialen und kulturellen Aktivitäten ausgedrückt. Trotz dieser Situation ist es Tiso gelungen, zu den slowakischen Seminaristen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Eine stärkere Wahrnehmung des Nationalbewusstseins ist bei Tiso im Jahre 1918 zu merken. Während der Bildung der tschecho-slowakischen Legionen im Ausland, während der Besetzung der neue entstandenen Tschecho-slowakei durch diese Armee, bekennt sich Tiso offen zur slowakischen Nationalität, gründet eine slowakische Zeitung in Nitra, spricht in der Öffentlichkeit über die slowakische Nation und gründet den regionalen Slowakischen Nationalrat. Nach der Gründung der Tschecho-slowakei im Jahre 1918 riss er alle Verbindungen mit ungarischen Vereinen ab und fing an, sich ganz in der Slowakischen Volkspartei zu engagieren.

Arbeit zitieren:
Pavol, Jozef Juni 2007: 'Mein ganzes Leben lang habe ich dem Naturgesetz gedient und deshalb betrachte ich mich als Märtyrer dieses göttlichen Gesetzes', Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Tiso Jozef, Slowakei, Nationalismus, 2 Weltkrieg, Kirchengeschichte

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