'Esto no es arte.' - Stencils als Spuren des Zeitgeschehens in Buenos Aires
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Heike Schwarze
- Abgabedatum: Mai 2008
- Umfang: 119 Seiten
- Dateigröße: 1,8 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Bremen Deutschland
- Bibliografie: ca. 80
- ISBN (eBook): 978-3-8366-2746-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schwarze, Heike Mai 2008: 'Esto no es arte.' - Stencils als Spuren des Zeitgeschehens in Buenos Aires, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Argentinien, Street Art, Graffiti, Stencil, Protest
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Magisterarbeit von Heike Schwarze
Einleitung:
Bei der Ankunft in Buenos Aires im April 2007 ahnte ich nicht, wenige Meter von meinem ersten Schlafplatz in dieser Stadt von etwa 200 km² Fläche die Ansätze meiner Feldforschung zu ‘Stencils’ auf den Maßen einer Tür vereint zu finden (ABB.1). Diese Tür eines scheinbar verlassenen Gebäudes in der zentralen Straße Hipólito Yrigoyen war nicht nur geradezu übersät von Motiven, die durch eine Schablone gesprüht wurden und als Form von Graffiti oder Street Art geläufig mit dem englischen Begriff des Stencils bezeichnet werden. Eines der Motive (ABB. 3) war mir von Abbildungen in dem deutschen Magazin Lateinamerika Nachrichten (LN 372) bekannt, die mich im Vorfeld vermuten ließen, dass Stencils in Buenos Aires politisch motiviert sind (s. auch ABB.60). Ferner wollte ich prüfen, ob Stencilmotive von den Straßen der argentinischen Hauptstadt in Galerien transferiert oder in Werbestrategien eingebunden werden. Wie ich erst später erfahren sollte, wurde jene Tür während einer staatlich geförderten Ausstellung gestaltet, die der Publikation des ersten und bis dato einzigen Bildbandes zur argentinischen Street Art im Jahr 2004 gewidmet war. Dieser ist - wie sein Titel Hasta la victoria, stencil verdeutlicht - auf Stencils konzentriert.
Unter dem Titel ‘Esto no es arte’, den ich von einem Stencil der Gruppe Vómito Attack entlehne, finden auf den folgenden Seiten die erhobenen qualitativen Daten zu eben jener Technik Auswertung. Der Behauptung ‘Dies ist keine Kunst’ entsprechend, werden nicht zwangsläufig kunstvoll gestaltete Motive fokussiert, sondern Stencils, die verbal oder visuell eine Thematik von lokaler Relevanz kommunizieren. Die argentinische Graffitiforscherin Claudia Kozak vertritt die Ansicht, dass Stencils in Buenos Aires vorrangig globalisierte, im Internet zirkulierende Bilder verbreiten und eher wenige dieser Motive Lokalpolitik zum Thema haben, obgleich Kozak die Zunahme von Stencils spezifischen Entwicklungen in Argentinien zuschreibt, die in Kapitel 2 skizziert werden. Wie die Fotodokumentation, die im Rahmen dieser Forschung erstellt wurde, mit einem Umfang von etwa 1000 Motiven erahnen lässt, stehen andere Straßen von Buenos Aires der Hipólito Yrigoyen hinsichtlich der Quantität und Varietät von Stencils in nichts nach. Entgegen der Auffassung Kozaks fanden sich darunter eine Vielzahl von Motiven, die aufgrund ihrer politischen, sozialen und kulturellen Bezüge meines Erachtens nicht (nur) als Kunst, sondern als ‘Spuren des Zeitgeschehens’ der Stadt verstanden werden könnten. Das Bild der ‘Spuren’, oder ‘huellas’, die in Argentinien in verschiedenen Kontexten angeführt werden, übernehme ich von Claudia Kozak, der zufolge dieser Ausdruck der grundlegenden Idee eines Stencils gerecht wird, eine Bedeutung auf der Straße zu hinterlassen. In diesem Sinne betitelt auch die Zeitschrift Rolling Stone Latinamerica eine Rezension des Hasta la victoria, stencil mit ‘Huellas de época’ und wertet im Weiteren das Stencil als ‘expresión estética de resistencia sagaz’.
Die zentrale Frage, welche spezifischen Themen durch diese augenscheinlich populäre Technik kommuniziert werden, wird um weitere Aspekte ergänzt: Da diese Forschung lokale Thematiken in einem begrenzten (Stadt)Raum untersucht, ist für die Analyse der Motive auch deren Ort der Anbringung entscheidend (Kap.3). In der Auswertung der drei Interviews mit Nicolás von Vómito Attack, Nicolás Mauro von Buenos Aires Stencil und Loreto Garín Gúzman der Gruppe Etcétera wird die Motivation fokussiert, Stencils anzufertigen (Kap.4). ‘Dies ist keine Kunst’ scheint ferner eine geeignete These, um die Situierung der ‘Stencileros’ zwischen illegaler Tätigkeit im öffentlichen Raum, institutionellen Ausstellungen und kommerzieller Nutzung ihrer ‘Kunst’ zu diskutieren (Kap. 5). Zur Ergänzung des erhobenen Bild- und Interviewmaterials wurden diverse Ausstellungen in Buenos Aires besucht, sowie stichprobenartig Meinungsbilder Außenstehender und Presseartikel gesammelt, um zu klären, wie Stencils von Rezipienten und Institutionen aufgefasst oder gar umfunktioniert werden. Die Analysekriterien dieser Arbeit lassen sich demnach in folgender Fragestellung zusammenfassen:
Welche Themen mit politischer, sozialer und kultureller Relevanz werden in Stencils wo, von wem, wie und weshalb thematisiert, und wie wird darauf reagiert?
Da es zu dem Thema Stencils in Buenos Aires, soweit ich die Forschungslage überblicke, an Fachliteratur mangelt, befragte ich neben Stencileros auch Experten der argentinischen Kunst und Stencils im Besonderen: Die bereits zitierte Claudia Kozak, Autorin des Buches Contra la Pared, in dem die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Street Art in Argentinien stattfindet, den Künstler Juan Carlos Romero, der als Dozent unter anderem an dem Instituto Universitario Nacional de Arte lehrt und auch selbst zur Schablone greift, sowie Miguel Martín, der sich im Rahmen seiner Abschlussarbeit im Fach Kommunikationswissenschaft mit ‘Esténciles artísticos urbanos’ befasste.
Die folgenden Bildanalysen orientieren sich an Kriterien semiotischer Untersuchungen, von denen insbesondere die Arbeiten der Linguistin Leila Gándara und der Literatur- und Sozialwissenschaftlerin Claudia Kozak entscheidend sind, da sie sich mit argentinischen Graffiti befassen. Beide berufen sich in ihren Arbeiten auf die Studie von Armando Tellez Silva ), die angesichts mangelnder Aktualität und ihrem Fokus auf kolumbianischen Graffiti im Rahmen dieser Arbeit nur punktuell Beachtung findet. Die Auseinandersetzung mit Stencils politischen Gehalts orientiert sich ferner an der Untersuchung politischer ‘pintadas’ in Spanien von Johannes Schnitzer. Die Betrachtung der Stenciltechnik in Argentinien wird durch wissenschaftliche Arbeiten über Street Art kontextualisiert. Den theoretischen Rahmen der Interviewauswertung bilden die Arbeitsschritte der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring. Hinsichtlich der rechtlichen Lage, der möglichen ‘politischen’ Dimension, sowie der Förderung und Vermarktung von Stencils werden Aufsätze einbezogen, die sich mit Rezeptionsverhalten und dem widerständigen Potential politischer und subkultureller Proteste auseinandersetzen. Da in dieser Arbeit insbesondere die spezifischen Thematiken der Stencils von lokaler Relevanz aufgeschlüsselt werden sollen, wurden für das Verständnis der Motive in Argentinien und Deutschland publizierte Fachbände und Zeitschriften zur Geschichte, Gesellschaft und Politik des Landes zur Hilfe genommen. Diese fokussieren insbesondere die letzte Militärdiktatur und den Staatsbankrott 2001, welche bestimmte soziale Bewegungen hervorgebracht haben. Diesen thematischen Spuren wird in der vorliegenden Arbeit nachgegangen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Zur Arbeit | 3 |
| 2. | Die Technik des Stencils in Argentinien | 6 |
| 2.1 | Begriffsklärung des ‘Stencils’ | 6 |
| 2.2 | Die Entfaltung auf der Straße | 8 |
| 2.3 | Der Transfer von Stencils in neue Kontexte | 12 |
| 3. | Referenzen ‘de la calle’ | 14 |
| 3.1 | Zur Analyse der Bildmotive aus ausgewählten Stadtteilen | 14 |
| 3.2 | Tango, Bandwerbung und ‘Malos Aires’ | 15 |
| 3.3 | Von der Diktatur 1976 bis zur Bürgermeisterwahl 2007 | 23 |
| 3.4 | Die Straße ‘signieren’. Stencils spezifischer Gruppierungen | 34 |
| 3.5 | Zur Positionierung von Motiven | 40 |
| 4. | Von der Straße zur Galerie | 47 |
| 4.1 | Zur Durchführung und Auswertung der Interviews | 47 |
| 4.2 | Vómito Attack | 50 |
| 4.3 | Buenos Aires Stencil | 54 |
| 4.4 | Etcétera | 59 |
| 4.5 | Ergänzungen zum Außenraum: Zur rechtlichen Lage von Stencils | 65 |
| 5. | Abschließende Betrachtungen | 67 |
| 5.1 | Die ‘politische’ Dimension von Stencils | 67 |
| 5.2 | Dies ist keine Kunst? | 69 |
| 6. | Fazit | 72 |
| 7. | Ausblick | 81 |
| 8. | Literaturverzeichnis | 84 |
| 9. | Anhang | 91 |
| 9.1 | Im Text verwendete Abkürzungen | 91 |
| 9.2 | Transkription des Interviews mit Claudia Kozak (Contra la Pared) | 92 |
| 9.3 | Transkription des Interviews mit Nicolás (Vómito Attack) | 96 |
| 9.4 | Transkription des Interviews mit Nicolás Mauro (BsAsStncl) | 103 |
| 9.5 | Transkription des Interviews mit Loreto Garín (Etcétera) | 106 |
| 9.6 | Abbildungsverzeichnis | 112 |
Textprobe:
Kapitel 3.4, Die Straße ‘signieren’. Stencils spezifischer Gruppierungen Wie in Kapitel 2 erläutert, werden Stencils auch als eine Art politischer Pintada von Parteien oder parteinahen Organisationen genutzt. Auf der Avenida de Mayo wurde ein Textmotiv beispielsweise von der Juventud Peronista, kurz JP, unterzeichnet. Laut Claudia Kozak verbreitet diese seit der Gründung Ende der 1950er Jahre ihr Namenskürzel auf diese Weise. Die Referenzen des Stencils setzen einen zeitlichen Rahmen bis in die 1970er, mit dem die linksgerichtete JP – in diesem Fall speziell die Vereinigung der JP 26 de Julio, deren Namen auf den Todestag Evitas 1952 zurückgeht - ihre Kontinuität trotz der erfahrenen Repression unter rechtspolitischen Regierungen unter Beweis stellt. Wie der Name andeutet, zählt diese Gruppierung der Peronistischen Jugend zu der übergreifenden Vereinigung des Movimiento Evita, das wiederum Mitglied des Wahlbündnisses Frente para la Victoria der Kirchners ist. Wahlwerbung für deren Kandidaten für die Bürgermeisterwahlen 2007, Daniel Filmus, wurde ebenfalls per Stencil im Microcentro verbreitet.
Gleich mehrfach fand sich ein weiteres Textmotiv auf der Avenida de Mayo, das mit den Kürzeln des Partido Comunista und seiner Jugendorganisation Federación Juvenil Comunista de la Argentina (inklusive Hammer-Sichel-Ikon) unterzeichnet wurde. Die ungleichmäßige Schrift lässt im Gegensatz zu den vorherigen Motiven eine von Hand gezeichnete Vorlage vermuten, so dass anscheined weniger die grafische Gestaltung des Motivs, denn die Übermittlung der linguistischen Botschaft entscheidend ist: ‘A 30 AÑOS LOS LAPICES SIGUEN ESCRIBIENDO’. Die auffällige Formulierung erinnert an die so genannte Noche de los lapices. Unter diesem Namen wurde die Folterung und Tötung mehrerer Studenten am 17. September 1976 in der Stadt La Plata bekannt. Sie steht seither symbolisch für die militärische Repression gegen Studenten, was die Referenz im Namen der FJC erklären könnte. Diese nahm laut Wikipedia ihre politische Arbeit in studentischen und proletarischen Kreisen auf. Interessanterweise wird der Kommunistischen Partei, kurz PC, jedoch an gleicher Stelle die Unterstützung des Staatsstreichs 1976 angekreidet, was von eben jener später als Fehler eingestanden worden sein soll. Die Formulierung des Motivs, das in Anbetracht der ‘30 Jahre’ vermutlich im Jahr 2006 entstand, kann als Erinnerung an die damaligen Opfer verstanden werden. Das konstatierte ‘Weiterschreiben’ lässt vermuten, dass PC und FJC nach eigener Auffassung heutzutage nach dem Vorbild der studentischen Regimegegner für Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse einstehen. In diesem Sinne scheint sich das Motiv gut mit umliegenden Stencils zu ergänzen, die auf derselben Hauswand soziale Missstände anprangern. So werden die ökonomisch und sozial Ausgegrenzten im heutigen Argentinien als historisches Äquivalent zu den Verschwundenen der Diktatur gesetzt.
Sowohl die kommunistischen PC und FJC, als auch weitere der folgend betrachteten Gruppierungen setzen sich öffentlich für die Klärung von López’ Verschwinden ein, so auch die Gewerkschaft Central de Trabajadores de la Argentina, die eine nationale Kampagne zum Fall initiierte. Ferner beteiligte sich die CTA, die seit 1992 unabhängig von Staat und Parteien agiert, an Demonstrationen, die rechtliche und politische Konsequenzen der Tötung Fuentealbas verlangten. Auf der Avenida de Mayo wurde per Stencil darüber hinaus auf die alljährliche Kampagne diverser Organisationen gegen die Verarmung von Kindern ‘El hambre es un CRIMEN’ aufmerksam gemacht, an dem die Vereinigung ihrer Homepage zufolge mit landesweiten Protestmärschen im Mai 2007 beteiligt war. Laut Claudia Kozak äußerte die CTA außerdem bereits 2002 durch signierte Stencils den Unmut an einem Projekt von überregionalem Belang, der Ausweitung der NAFTA zu einer gesamtamerikanischen Freihandelszone, die im Spanischen als ALCA abgekürzt wird. In der Nähe des Parque Centenario wird das Projekt mit dem Schriftzug ‘ALCA rajo’ - durch die implizite Lesart ‘al carajo’ - wörtlich übersetzt ‘zum Teufel gejagt’. Unterzeichnet wurde es von einer so genannten Asamblea Popular. Diese Stadtteilversammlungen erlangten im Kontext der chaotischen Versorgungssituationen nach 2001 als Organisationsform an Wichtigkeit. Sie haben zwar, wie ein ‘Kleines Glossar der Krise’ der Zeitschrift KultuRRevolution zusammenfasst, an Einfluss eingebüßt, sind aber immer noch in vielen Stadtteilen von Buenos Aires präsent. So nutzen die Asambleas, wie auch Kozak bezeugt, ebenfalls Stencils, Plakate und großflächige Wandmalereien, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Auf einer Homepage haben sich ferner verschiedene Gegner der ALCA landesweit formiert, darunter neben diversen Asambleas populares, CTA, studentischen Gruppen und Ortsverbänden der Piqueteros auch PC und FJC. Letztere legen George W. Bush in einem Stencil auf der Straße Thames in Villa Crespo unmissverständlich nahe, aus Argentinien fernzubleiben (ABB.76). Dieses Motiv könnte im Vorfeld des Gipfeltreffens im November 2005 entstanden sein, bei dem die Regierungen von Venezuela und der Mercosur-Länder, so auch Argentinien, aufgrund ihrer wirtschaftspolitischen Bedenken an dem ALCA-Entwurf zu keiner Einigung mit den USA gelangten, ob und wann die Freihandelszone auf ganz Amerika ausgeweitet werden könnte. Das Wortspiel eines anonym angebrachten Stencils in Palermo kritisiert in humorvoller Weise die ehrgeizigen Bestrebungen der USA, das Projekt voranzutreiben: Es tituliert den amerikanischen Präsidenten als ‘ALCAhuete’, was wörtlich übersetzt ‘Kuppler’ bedeutet.
Andere Stencils anonymer Autorschaft können trotz fehlender Signatur bestimmten Gruppierungen in Buenos Aires zugeschrieben werden. Mitte der 1990er Jahre entstand im Landesinneren Argentiniens die bereits erwähnte Bewegung der arbeitslosen Piqueteros, die durch Straßenblockaden, so genannte ‘piquetes’, Aufmerksamkeit für ihre wirtschaftliche Misslage und deren Verbesserung durch staatliche Hilfe erzielen wollen. Neben Asambleas und Escraches gelten ihre Streiks als eine der nach 2001 vermehrt sichtbaren Praktiken eines ‘neuen sozialen Protagonismus’ in Argentinien, der durch die Verknüpfung von Kunst und politischem Aktivismus Proteste ‘außerhalb der klassischen Formen’ anstrebt.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836627467
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Schwarze, Heike Mai 2008: 'Esto no es arte.' - Stencils als Spuren des Zeitgeschehens in Buenos Aires, Hamburg: Diplomica Verlag
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Argentinien, Street Art, Graffiti, Stencil, Protest



