Die 'Arisierung' des Berliner Unternehmens M. Kempinski & Co. O.H. G. 1933 - 1941
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Jochen Kleining
- Abgabedatum: Januar 2007
- Umfang: 95 Seiten
- Dateigröße: 445,2 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 158
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0824-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kleining, Jochen Januar 2007: Die 'Arisierung' des Berliner Unternehmens M. Kempinski & Co. O.H. G. 1933 - 1941, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Nationalsozialismus, Kempinski, Arisierung, Nazis, Berlin
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Magisterarbeit von Jochen Kleining
Einleitung:
Die Vernichtung jüdischer Gewerbetätigkeit im nationalsozialistischen Deutschland ist einer der größten Besitzwechsel in der jüngeren deutschen Geschichte und in seinen Ausmaßen nur von den Enteignungen der SBZ/DDR übertroffen. In einem historisch einmaligen Vorgang wurde die Beraubung einer rassisch definierten Minderheit arbeitsteilig von einem modernen Staat und privaten Individuen durchgeführt. Im gewissen Gegensatz zur Ermordung der europäischen Juden in den Vernichtungslagern des Ostens fand die „Arisierung“ in der Mitte der Gesellschaft, für jeden sichtbar, statt. Eine Unzahl von Menschen war daran beteiligt oder profitierte davon. Deshalb zeigen gerade diese „Arisierungen“, in welchem Ausmaß breite Teile der deutschen Gesellschaft an der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten teilhatten.
Die vorliegende Magisterarbeit soll einen Beitrag zur Regionalforschung über die Vernichtung jüdischer Gewerbetätigkeit im nationalsozialistischen Berlin leisten. Dies soll geschehen anhand einer Analyse der „Arisierung“ des Berliner Unternehmens „M. Kempinski & Co.“. Zunächst eine Weingroßhandlung, wurde der Name „Kempinski“ schnell zum Markenzeichen für gehobene Gastronomie in Berlin. Die beiden Restaurants in der Leipziger Straße und am Kurfürstendamm entwickelten sich zu einer Bühne für das gesellschaftliche Leben der Reichshauptstadt. Das von Kempinski betriebene und 1929 eröffnete „Haus Vaterland“ schließlich galt als größter Gastronomiebetrieb der Stadt, war mit seiner Kombination aus Varieté, Bar und Restaurant und den zehn Themensälen einzigartig und begründete den Begriff der „Erlebnisgastronomie“. Kempinski war eines der prominentesten jüdischen Unternehmen der Stadt, mit einem Bekanntheitsgrad weit über ihre Grenzen hinaus. Die Vorgänge die zur „Arisierung“ Kempinskis führten, sind somit ein wichtiger Beitrag für das Verständnis der Ausschaltung jüdischer Gewerbetätigkeit in Berlin insgesamt.
Diese Stadt Berlin wiederum ist von besonderer Bedeutung sowohl für die deutsche Wirtschaft als auch für das deutsche Judentum. Berlin war nicht nur kulturelles Zentrum sondern auch die bedeutendste Industriemetropole Europas und mit der Berliner Börse einer der wichtigsten Finanzplätze des Kontinents. Zugleich war Berlin der unumstrittene Mittelpunkt jüdischen Lebens in Deutschland. Hier lebten mit 170.000 etwa ein Drittel aller Juden des Reiches. Die Vernichtung jüdischer Gewerbetätigkeit in der Reichshauptstadt ist somit ein zentraler Aspekt der „Arisierung“ insgesamt, seine fast gänzlich ausgebliebene Untersuchung ein großes Desiderat sowohl der NS-Forschung als auch der Regionalgeschichte.
Problemstellung:
Die Magisterarbeit ist als Fallstudie im Kontext des Forschungsprojektes „Ausgrenzungsprozesse und Überlebensstrategien 'Mittlere und kleine jüdische Gewerbe-Unternehmen in Berlin 1929/30 bis 1945' entstanden. Mit einer detaillierten Rekonstruktion der Vorgänge bei einem der bekanntesten jüdischen Unternehmen Berlins soll dargelegt werden, welche Verlaufsformen „Arisierungen“ in Berlin annehmen konnten, in welchem zeitlichem Rahmen diese stattfanden, sowie welche Akteure an den Vorgängen beteiligt waren. Darüber hinaus wird die dem Projekt eigene Forschungshypothese und –perspektive adaptiert: Die Beendigung ihrer Wirtschaftstätigkeit wird einem längeren Prozess zugeordnet, dessen Rekonstruktion den jüdischen Unternehmer nicht nur als Opfer, sondern auch als aktiv handelnden Unternehmer zeigt. Welche Handlungsspielräume boten sich den jüdischen Inhabern Kempinskis angesichts einer sich zunehmend verschärfenden antijüdischen Politik der Nationalsozialisten? Welche Strategien verfolgten sie, um diesem Umfeld zu begegnen?
Die vorliegende Arbeit versucht, die Handlungsstrategien der jüdischen Inhaber zu rekonstruieren und aufzuzeigen, wie diese auf die zunehmend feindlicher werdende Umwelt reagierten.
Textprobe:
Kapitel 2.1.2.2, Die Praxis der Arisierungen:
Insgesamt sagt die Gesetzgebung, die bis 1938 die selbstständige unternehmerische Tätigkeit von „Nichtariern“ in keiner Weise einschränkte, wenig über die eigentliche „Arisierungspraxis“ aus. Das Reich konzentrierte sich auf fiskalische und monetäre Rahmenbedingungen und überließ die konkrete „Arisierungspolitik“ lokalen Entscheidungsträgern. Von „freiwilligen Arisierungen“ konnte auch vor 1938 keine Rede sein. Entscheidungsspielräume jüdischer Unternehmer standen nur noch auf dem Papier. „Arisierungen“ und Liquidationen gingen häufig auf geschäftliche Manöver und Ausgrenzungsmaßnahmen von Konkurrenten zurück oder wären nicht denkbar gewesen ohne die Aktionen von Parteigliederungen und regionalen „Hoheitsträgern“ der NSDAP. Vor allem die Kreis- und Gauwirtschaftsberater der NSDAP übernahmen bei der Verdrängung jüdischer Gewerbetreibende eine zentrale Funktion. Hier wurden umfangreiche Akten zu allen jüdischen Betrieben im Verwaltungsbezirk angelegt und deren Entwicklung aufmerksam verfolgt. Die Wirtschaftsberater waren die entscheidende Schnittstelle zwischen Partei- und Verwaltungsinstanzen. Hier liefen die Informationen über jüdische Gewerbetätigkeit zusammen, von hier gingen die Impulse für antijüdische Maßnahmen der Behörden aus.
Auch wenn es sich bei diesen lokalen Instanzen um politische Institutionen handelte darf dies nicht den Blick darauf verstellten, dass sich hinter diesen Institutionen auf lokaler Ebene Akteure verbargen. Frank Bajohr hat gezeigt, dass Herrschaft im NS ganz entscheidend auf personalen Bindungen, der Zugehörigkeit zu Seilschaften, Cliquen und personellen Netzwerken beruhte. Die konsequente Regionalisierung der Entscheidungskompetenzen bei der „Arisierung“ förderte diese Tendenz und hatte zudem zur Folge, dass lokale und regionale Parteikader und Staatsbeamte vielfach in Eigenregie agierten. Die Beteiligten brachten dabei vor allem ihre eigenen spezifischen Interessen in das Geschehen ein. Betrachtet man also nicht nur die Institutionen als solche, sondern vielmehr die Beziehungsstrukturen zwischen den Verantwortlichen, so erscheinen „Cliquen, Seilschaften und Kameraderie“ dieser lokalen und regionalen Machteliten als die eigentlichen Entscheidungszentren. Dieses Kartell, so Bajohr, „… war das hervorstechendste Kennzeichen der ‚Arisierung’“.
Darüber hinaus war an den „Arisierungen“ eine Vielzahl gesellschaftlicher Vermittler beteiligt, die Verkaufskontakte anbahnten, Kontakte in die Politik herstellten oder die Eigentümer von der Notwendigkeit des Verkaufs überzeugten. Dieses „Vermittlungsgewerbe“ wies dabei fließende Übergänge zu einem kriminellen Milieu auf. Jüdische Unternehmer wurden mit falschen Versprechungen geködert oder etwa mit angeblichen „Kontakten“ zu wichtigen Parteistellen getäuscht. Oftmals waren Vermittler auch im Vorfeld von den Eigentümern als „arische“ Teilhaber aufgenommen oder als Berater engagiert worden. Diese verfolgten, wie jüngere Studien gezeigt haben, oftmals in erster Linie ihre persönlichen Interessen und spielten gleichsam ein „doppeltes Spiel“. Eine wichtige Funktion kam auch den Banken zu. Sie traten als Vermittler und Finanzier von „Arisierungskrediten“ auf. Vermittlungsprovisionen, Kreditvergabe an Käufer, partiell auch Eigenbeteiligungen machten „Arisierungen“ zu einem lukrativen Geschäft. Hier fand ebenfalls eine „Radikalisierung von unten“ statt. Es spielten also nicht nur rational-wirtschaftliche Gründe, sondern auch ideologisch motivierte oder in lokalen Netzwerken involvierte Filialleiter eine nicht unerhebliche Rolle.
Die forcierten „Arisierungen“ ab 1938 erweiterten den Kreis der Beteiligten. Die Industrie- und Handelskammern stellten nun Sachverständige, die bei einer Schätzung den Unternehmenswert massiv nach unten korrigierten. Bei den Kammern waren auch die „Arisierungskommissionen“ angesiedelt, bestehend aus nichtjüdischen Unternehmern, die über Liquidation oder Verkauf eines jüdischen Unternehmens entschieden. Nach der „Ausschaltungsverordnung“ vom 12. November 1938 waren tausende von Treuhändern und Abwicklern in jüdischen Unternehmen tätig. Zudem entstand ein regelrechter Bereicherungswettlauf von Erwerbern, die Bajohr in drei Gruppen klassifiziert hat: „skrupellose Profiteure“, „stille Teilhaber“ und „gutwillige Erwerber“. In einem Sample von 300 „Arisierungen“ in Hamburg kam er zu dem Ergebnis, dass das Verhältnis dieser drei Gruppen zueinander ungefähr 40, 40 und 20 Prozent betragen hat.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836608244
Arbeit zitieren:
Kleining, Jochen Januar 2007: Die 'Arisierung' des Berliner Unternehmens M. Kempinski & Co. O.H. G. 1933 - 1941, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Nationalsozialismus, Kempinski, Arisierung, Nazis, Berlin



