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"Schoepferische Zerstörung"

Gesellschaftliche Individualisierung und soziale Arbeit

"Schoepferische Zerstörung"
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Matthias Weiß
  • Abgabedatum: September 1998
  • Umfang: 103 Seiten
  • Dateigröße: 559,0 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Münster Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5052-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5052-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5052-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Weiß, Matthias September 1998: "Schoepferische Zerstörung", Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Individualisierung, Werte, Soziologie, Pluralität, Postmoderne

Diplomarbeit von Matthias Weiß

Gang der Untersuchung:

Grundlage meiner Betrachtung ist der Prozeß der Individualisierung. Im Zentrum dieser Arbeit steht der Mensch - Mittelpunkt meiner angehenden beruflichen Arbeit. Da es nicht möglich ist, alle Facetten des Individualisierungsprozesses in einer Diplomarbeit auszuleuchten, spezifiziere ich mich auf die Grundlagen und Folgen, die sich mir am wichtigsten und weitreichendsten darstellen. In Kapitel 1.1 gebe ich einen ersten Überblick über Tendenzen einer individualisierten Gesellschaft. Außerdem grenze ich Individualisierung vom Modernisierungsprozeß anhand eines idealtypischen Dreiecksmodell, in Anlehnung an Talcott Parsons idealtypischen Vierecksmodell, ab. Dieser Schritt wird nötig, da ich nicht den ganzen Modernisierungsprozeß bearbeiten will, sondern mich auf Individualisierung beschränke. Ich stellte fest, daß die anderen beiden Dimensionen von Parsons Modell, Rationalisierung und Differenzierung, zugleich Grundlage vom Individualisierungsprozeß sind, die sich gegenseitig bedingen. Dementsprechend gehe ich auf diese beiden Dimensionen gesondert ein und forme daraus das idealtypische Dreiecksmodell mit den Dimensionen Rationalisierung, Differenzierung und Individualisierung, als Grundlage meiner Arbeit.

Der durch den Modernisierungsprozeß eingeleitete Umbruch der Werte ist die wichtigste Grundlage für den modernen Pluralismus, der seinerseits ein wichtiges Element moderner Individualisierung ist. Kapitel 1.2 beschäftigt sich mit der Pluralisierung der Werte, subjektiver und intersubjektiver Sinnkrise, intermediären Institutionen und der postmodernen Theorie. Daneben stelle ich noch die Wertesynthese von Helmut Klages, als positives Beispiel gelungener Wertintegration vor. Da der Pluralismus nicht nur Werte beeinflußt, die ihrerseits den Menschen maßgeblich prägen, sondern auch das Individuum selbst, war es für mich unmöglich, Pluralismus aus der Auswahl möglicher Individualisierungsthemen zu streichen.

Nachdem die wichtigsten Grundlagen bearbeitet sind, wende ich mich dem Menschen zu und betrachte in Kapitel 2 individuelle Folgen für individualisierte Bürger. Zuerst beschäftige ich mich mit der kontroversen Freiheit, die durch Individualisierung entstanden ist. Auf der einen Seite steht eine neue Unabhängigkeit durch Enttraditionalisierung, auf der anderen Seite eine neue Abhängigkeit von vielfältigen Organisationen. Danach betrachte ich die Diskussion um den Tod des Subjektes, die in letzter Zeit immer deutlicher zu hören ist. Wird das Individuum durch Pluralität und Individualisierung in sich selbst brüchig oder bietet sich gerade durch den zerbrochenen Persönlichkeitskern eine neue Chance der Befreiung ? Ebenso verhält es sich mit der Diskussion um die Atomisierung und Egozentrierung des Menschen. Die einen beklagen den Verfall von Solidarität und traditionellen Beziehungsmustern, die anderen sehen im Entstehen neuer Beziehungsformen eine Chance für Befreiung und Autonomie. Zuletzt stelle ich noch die Bedingungen für ein sinnvolles, produktives Leben vor, daß sich trotz (oder gerade wegen) Individualisierung offenbart. Die oben angesprochenen Chancen sind das eine, die notwendigen Ressourcen um sie zu nutzen, das andere. Meine Betrachtung ist durchaus positiv gefärbt, wenngleich ich nicht glaube, Gefahren nicht ernst genug zu diskutieren.

Schließlich wende ich mich in Kapitel 3 den neuen Anforderungen an die Soziale Arbeit zu. Aufgrund der Aktualität dieser Diskussion kann ich nur ein paar Optionen anbieten. Perspektiven einer neuen Kultur der Sozialen Arbeit zeichnen sich ab, sind aber noch keineswegs gründlich durchdacht oder konzeptionelle festgehalten. Ideen, Vorstellungen und Tendenzen stehen im Raum und ‘warten darauf’ diskutiert zu werden. Einmal mehr ist Lehre und Praxis der Sozialen Arbeit nicht ‘up to date’ und hat einen Nachholbedarf sowohl in theoretischer, als auch konzeptioneller Hinsicht. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und inszenierte Solidarität sind die ersten Vorschläge auf die veränderte Lebenswirklichkeit der Menschen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Gesellschaft im Übergang. Oder: Grundzüge der Individualisierung 11
1.1 Individualisierung - Ein erster Überblick 11
1.1.1 Tendenzen einer individualisierten Gesellschaft 14
1.1.2 Idealtypisches Dreiecksmodell 17
1.1.2.1 Strukturelle Dimension - Differenzierung 19
1.1.2.2 Kulturelle Dimension - Rationalisierung 26
1.2 Die Werte verändern sich 33
1.2.1 Beispiele postindustrieller Wertkonstellationen 35
1.2.2 Wertesynthese als positives Beispiel gelungener Wertintegration 37
1.2.3 Individualisierung und Wertpluralismus 46
1.2.4 Pluralisierung der Werte - Moderner Pluralismus 48
1.2.4.1 Subjektive und intersubjektive Sinnkrise 49
1.2.4.2 Intermediäre Institutionen und quasi - autonome Sinngemeinschaften 52
1.2.4.3 Pluralismus als Programm - Die Postmoderne 57
1.2.4.3.1 Ursprung und Inhalt der Postmoderne 58
1.2.4.3.2 Moderne und postmoderne Kritik 62
2. Der Mensch im Mittelpunkt. Oder: Individuelle Folgen für individualisierte Bürger 66
2.1 Kontroverse Freiheit 66
2.1.1 Die neuen Abhängigkeiten 68
2.1.2 Ästhetische Sinnkonstrukte von Bastlern und Konstrukteuren 70
2.2 Tod des Subjektes oder Auferstehung durch Selbstverlust? 72
2.2.1 These vom Tod des Subjektes 73
2.2.2 Chancen einer kernlosen Identität 74
2.3 Atomisierung - Kleine, sich fremde Partikel 77
2.3.1 Entsolidarisierung und Ego-Gesellschaft 77
2.3.2 Neue soziale Beziehungen 79
2.4 Bedingungen für ein sinnvoller, produktives Leben 82
2.4.1 Materielle Ressourcen 82
2.4.2 Soziale Ressourcen 83
2.4.3 Psychische Ressourcen 84
3. Individualisierung und Soziale Arbeit Oder : Perspektiven für (post)moderne Handlungskonzepte 87
3.1 Soziale Arbeit im Aufbruch 87
3.1.1 Antiindividualistischer Standpunkt eines führenden Mitglieds der Evangelischen Kirche und Bestandsaufnahme sozialer Risiken der modernen Gesellschaft 88
3.1.2 Kritische Stimme zum antiindividualistischen Standpunkt, ebenfalls von einem Mitglied der Evangelischen Kirche 93
3.2 Lebensweltorientierte Soziale Arbeit 95
3.2.1 Inszenierte Solidarität 96
3.2.2 Offene Fragen 98

Automatisiert erstellter Textauszug:

Eine andere, von Berger/Luckmann beschriebene Folge des Verlustes von Selbstverständlichkeit, ist die Erschütterung des unbefragt sicheren Wissens: „Ich weiß immer weniger, dafür habe ich verschiedene Meinungen“ 86 (s. Kap. 1.2.3.3.2). Wo früher feste Deutungen der Wirklichkeit das Leben bestimmten, wird es im Zeitalter der Relativierung von Weltbildern zunehmend schwieriger, eine feste Überzeugung zu vertreten. Meistens sind es Hypothesen, eine Frage des Geschmacks oder Angebote, die ein nebeneinander von verschiedenen Deutungssystemen zulassen. Nach Berger/Luckmann deutet dies auf eine gewissen Verflachung des Bewußtseins hin: Wenn man sich das Bewußtsein des einzelnen als ein Übereinander von Ebenen vorstellt, wird die tiefe Ebene des Bewußtseins (unbefragt sicheres Wissen), durch die oberste Ebene des Bewußtseins (Meinungen und Hypothesen) verdrängt. „Noch anschaulicher kann man Bewußtsein als eine riesige Kaffeemaschine beschreiben : Bewußtseinsinhalte jeder Art verdampfen nach oben, der feste ‘Satz’ ist bedenklich geschrumpft, der Kaffee ist ziemlich dünn geworden“ 87. [...]

andererseits eine unzumutbare Belastung sein kann. Die einen (wenigen) sind für sie Virtuosen des Pluralismus, doch „...die meisten Menschen fühlen sich [...] in einer unübersichtlichen Welt voller Deutungsmöglichkeiten unsicher und [...] ratlos“ 85. Erschwerend kommt hinzu, daß der moderne Pluralismus nicht nur mehr Wahlmöglichkeiten bietet, sondern schon zur Wahl zwingt : Ich kann mich nicht mehr nicht entscheiden, da es niemand anderes für mich tut. Genau dies ist der Habitus des Pluralismus : Die Zahnpastamarke muß aus einer Vielzahl von vorgegebenen Angeboten ebenso ausgewählt werden, wie die richtige Automarke oder das richtige Waschmittel. Die angebliche Freiheit ist zwiespältig. Zwar kann (und muß) mehr ausgewählt werden, aber die Wirtschaft, das politische System oder Moden, Trends und der Zeitgeist geben mir eine bestimmte Angebotspalette vor. Unter normalen Umständen fällt die Wahl dann auf einen der angebotenen Artikel, sei es bei den Zahnpastatuben Blendax Anti-Belag, Colgate-Gel oder Perlweis oder bei den Waschmitteln Ariel, Persil oder Omo. Meine Wahlfreiheit wird von etablierten Institutionen bestimmt. Alternative Angebote, wie z.B. Zahnpasta aus Wasser und Salz oder Solarenergie, muß ich mir mit einem gewissen Aufwand suchen. Diese stehen zwar zur Verfügung, erreichen den normalen Konsumenten aber nicht. Ihnen haftet das Siegel des Aussteigers an, des Alternativen oder des Protestes. Der paradoxe Charakter verdeutlicht sich hier : Auf der einen Seite entstehen neue Wahlmöglichkeiten, aber auf der anderen Seite sind diese Optionen von übergeordneten Institutionen (Wirtschaft, Industrie, Staat) gelenkt und verwandeln die Wahlmöglichkeiten in gelenkte Optionszwänge. [...]

Die oben erwähnten Wertkonstellationen der Generationen hat zur Folge, daß die Gesellschaft nicht mehr auf ein einheitliches Wertverständnis aufbauen kann. Verschiedene Gruppen leben in unterschiedlichen Sinnbezügen und Werthierachien : Wo die eine Gruppe Spaß und puren Lebensgenuß anbietet (z.B. Techno-Szene) verspricht sich die andere der politischen Bewegung (z.B. Castor-Gegner). Unterschiedliche Gemeinschaften leben in derselben Gesellschaft, die in einzelne Subkulturen zersplittert. Jedes dieser Systeme hat seine eigene Wertordnung und ist in sich abgeschlossen. Das übergreifende Wertesystem der Gesellschaft wird dadurch immer allgemeiner, so das nur noch Restbestände differenzierter Wertstrukturen anzutreffen sind. Werte wie Toleranz, Menschlichkeit oder Freiheit sind die kleinste Basis aller Subkulturen [...]

Arbeit zitieren:
Weiß, Matthias September 1998: "Schoepferische Zerstörung", Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Individualisierung, Werte, Soziologie, Pluralität, Postmoderne

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