"Haiders Welt"
Rhetorische Hermeneutik
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Peter Zoltan
- Abgabedatum: September 1999
- Umfang: 132 Seiten
- Dateigröße: 701,0 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4740-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4740-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4740-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Zoltan, Peter September 1999: "Haiders Welt", Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Diskurs, Rhetorische Hermeneutik, Metapher, Hermeneutik, Theorie des Feldes
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Diplomarbeit von Peter Zoltan
Einleitung:
„Die historischen Paradigmen der Metaphorik verweisen nicht auf in Rede stehende Gegenstände, sondern in Texten überlieferte Kontexte, die im Bezug aufeinander Geschichte entwickeln und ihre historische Differenz in der Metapher symptomatisch machen.“ Dieses Zitat vermag einen Teil des beabsichtigten methodischen Vorgangs der Interpretation treffend vorzuzeichnen.
Die Annahme, daß gerade die Metapher diejenige Einheit der Sprache wäre, welche unter Umständen mehr als andere Sprachelemente über den „Sinn“ eines Textes, in der Folge sogar über die Denkweise seines Autors Auskunft gibt, spielt eine zentrale Rolle im Rahmen der Interpretation. Will man bei der Interpretation empirisch vorgehen, ist es selbstverständlich noch lange nicht damit abgetan, daß man diesen Sachverhalt einfach für wichtig hält, auch dann nicht, wenn tatsächlich viele Analytiker verschiedenster Disziplinen das Denken im Vergleich, mit dem die Metapherbildung unmittelbar verbunden ist, als eine der wesentlichsten Eigenschaften derselben ausmachen. Wie sagt schon Durkheim, um gleich einen Klassiker zu nennen, „die Analogie ist eine legitime Form des Vergleichs, und der Vergleich das einzig taugliche Mittel, über das wir bislang verfügen, um zum Verständnis der Dinge zu gelangen.“.
Vergleiche oder Analogien sind allerdings mit Metaphern nicht gleichzusetzen, da der Blickwinkel, den eine Metapher unter Umständen zu liefern imstande ist, beim Vergleich gänzlich fehlt. „Im diskursiven Vergleichen des einen Gegenstandes mit dem anderen opfert man die charakteristische Macht und Wirkung einer guten Metapher. Dem wörtlichen Vergleich fehlen Umgebung, Beziehungsreichtum und die ´Sicht` auf den Primärgegenstand, von denen die erhellende Kraft einer Metapher abhängt.“ Die Realität des Sozialen, wie in der Einleitung schon zitiert, hängt in großem Maß von den im Text angewandten Begriffen und rhetorischen Figuren ab. „Es gilt also zu erkennen, wie Metaphern und andere Strategien der Rhetorik die soziale Realität – oder was die Soziologen im Lichte ihrer Theorien dafür halten – nicht nur beeinflussen, sondern zum Teil sogar hervorbringen.“ Unser Erkenntnisvermögen hätte sozusagen eine Schwachstelle, an der die Postmoderne ansetzen will: sein rhetorischer Charakter. Die Aufgabe der Analyse soll die Aufdeckung und das Erkennen dieser rhetorischen Elemente sein. Sie bedient sich einer Theorie, die das Verhältnis zwischen Sprache und Realität ernst nimmt: „Indem sie sich über den sprachlichen, rhetorischen Charakter von Realitätserzeugungen klar wird, nährt sie auch den methodischen Zweifel und entwickelt kritisches Bewußtsein.“ Auch dieser Zugang zum empirischen Material liegt, mit dem Unterschied, daß der methodische Teil der Untersuchung nicht beiseite gelassen wird, in der Nähe meines Vorhabens. Ein Ziel dieses der Theorie der Metapher gewidmeten Teiles ist, eine Methode zur Interpretation von Texten zu fundieren. Dies soll im Folgenden in Anknüpfung an drei Autoren geschehen.
Zwei Vorstellungen in einem Wort.
„Es ist aber beim weitem am wichtigsten,“ führt Aristoteles in seiner Poetik aus, „daß man Metaphern zu finden weiß. (...) Denn gute Metaphern zu bilden bedeutet, daß man Ähnlichkeiten zu erkennen vermag.“ Die Rhetorik des 18. und 19. Jahrhunderts wies jedoch Aristoteles zum Trotz der Figur der Metapher geringen epistemologischen Wert bei. Sie hält Metaphern bloß für „fröhliche Wortspielerei“. Wie neuere Untersuchungen zeigen, ist der Metapher wohl weit mehr Gewicht zuzumessen als man früher annahm. Richards bezeichnet sie als das „allgegenwärtigste Prinzip der Sprache“ , gleich, ob es dabei um Alltags, Wissenschaftssprache oder um die Sprache der Poesie geht. Die Ausklammerung der Aspekte dieses Sprachprinzips, sei es, daß ein Wort je nach seiner sprachlichen Umgebung Verschiedenes bedeuten kann, sei es, daß der Bedeutung eines Wortes nicht immer eine gegenständlich fixierbare Entsprechung zukommt, führt oft zu fehlerhaften Erkenntnissen. Als Beispiel dafür kann man durchaus auch den Freud´schen Bewußtseinsbegriff in Erinnerung rufen. Hier haben wir es mit einem Begriff zu tun, der seit langem schon als sogenannte tote Metapher fungiert. Damit wird jener Umgang mit dem Ausdruck beschrieben, der die von seinem „Schöpfer“ gemeinten Implikationen des zur Metapher mutierten Begriffs gar nicht mehr mitreflektiert. Eine der Aufgaben der Metapheranalyse besteht gerade in der der Dekonstruktion, der Entschleierung toter Metaphern. Diese könnten mit Hilfe der Analyse wieder lebendig gemacht werden.
Man müsse sich immer vor Augen halten, führt Richard aus, „daß ein Wort normalerweise keinen Ersatz (substitute), sondern eine Kombination allgemeiner Aspekte“ darstellt. „Wir bringen beim Gebrauch einer Metapher zwei unterschiedliche Vorstellungen in einen gegenseitigen aktiven Zusammenhang, unterstützt von einem einzelnen Wort oder einer einzelnen Wendung, deren Bedeutung das Resultat der Interaktion beider ist.“ Frühere Theorien, die sich mit der Metapher auseinandergesetzt haben, hatten die Metapher für eine auf Verschiebung und Verdrängung von Wörtern beschränkte Angelegenheit gehalten, „wogegen sie doch in allererster Linie Austausch und Verkehr von Gedanken, eine Transaktion zwischen Kontexten ist. Denken ist metaphorisch und verfährt vergleichend; daraus leiten sich die Metaphern der Sprache her.“ Bis jetzt habe ich mich Richards angeschlossen, der die Wichtigkeit der Metaphern nicht nur für eine Theorie der Diskursanalyse, sondern auch für andere sprachliche Praktiken des Lebens betont. Folgendes Zitat sei einer kurzen Beschreibung seiner theoretischanalytischen Position vorangestellt:
Unsere Fähigkeit im Umgang mit Metaphern, mit gedanklichen Prozessen ist eine Sache – unerklärlich und wunderbar; unser reflexives Bewußtsein von jener Fähigkeit ist etwas ganz anderes – sehr unvollständig, verzerrt, trügerisch und übermäßig vereinfachend. Seine Aufgabe besteht nicht darin, die Praxis zu ersetzen oder uns anzuweisen, wie wir tun sollen, was wir ohnehin schon können; vielmehr soll dieses Bewußtsein unsere natürliche Fähigkeit vor Beeinträchtigungen durch unnötig abwegige Auffassungen über sie schützen; und vor allem soll es zur Weitergabe dieser Fähigkeit – der Beherrschung der Metapher – von Kopf zu Kopf beitragen.
Inhaltsverzeichnis:
| Einführung in das Problem | 5 | |
| 1. Teil | Theoretischer Hintergrund der Textanalyse | |
| Metapher als Grundprinzip der Sprache? | 12 | |
| Zwei Vorstellungen in einem Wort | 13 | |
| Zwei Gegenstände: Vehikel und Tenor | 15 | |
| Metapheranalyse | 18 | |
| Fokus und Rahmen | 18 | |
| Drei Arten des Metapherngebrauches | 19 | |
| Interaktionstheorie | 20 | |
| Erweiterung des Begriffs | 21 | |
| Die lebendigen Metaphern | 25 | |
| Wie findet man eine Metapher? | 26 | |
| Hermeneutik und Metapheranalyse | 27 | |
| Das „Problem“ | 27 | |
| Die Grundeinheit von Text und Metapher | 28 | |
| Vom Verstehen der Metapher zum Sinn des Textes | 30 | |
| Die Interaktion | 30 | |
| Das Interaktionsnetz | 32 | |
| Das „Wie“ der (Re)Konstruktion | 34 | |
| Interpretation des Textes und der Metapher | 35 | |
| Die Bedeutung des Textes | 35 | |
| Die Bedeutung der Metapher | 37 | |
| 2. Teil | Zur Methode der Textinterpretation Vorgangsweise | 40 |
| Metapheranalyse | 43 | |
| Interpretation | 46 | |
| 3. (Praktischer) Teil | Rhetorische Hermeneutik Erklärung der Bedeutung der Metapher (1. Ebene) | 47 |
| In Namen der Großfamilie | 48 | |
| Die Natur | 50 | |
| Organismus | 55 | |
| Der Kampf | 59 | |
| Nieder mit dem Leviathan | 65 | |
| Appell | 67 | |
| Übermaß | 68 | |
| Die Zeit der Prämoderne | 69 | |
| Das Andere | 70 | |
| Fremd im eigenen Land | 71 | |
| Entwicklung | 71 | |
| Mahnung | 74 | |
| Schluß der Ebene | 76 | |
| Die latenten und manifesten Sinnstrukturen (2. Ebene) | ||
| Auslegung des latenten Sinns | 79 | |
| Der äußere Rahmen | 80 | |
| Der innere Rahmen | 83 | |
| Schluß der zweiten Ebene | 93 | |
| Interpretation (3. Ebene) | ||
| Konturen des Horizonts der „offenen Gesellschaft“ | 96 | |
| Die Welt des Werkes | 97 | |
| Das Werk, das Feld und der Autor (Postskriptum) Der Autor im sozialen Raum | 103 | |
| Stellung des Autors im Feld | 105 | |
| Anhang | 108 | |
| Literaturverzeichnis | 116 |
64 M.i.3. vor allem im Lob seiner Taten beziehungsweise dem Verschweigen seiner Untaten, kurz in Loyalität ihm gegenüber ausdrücken läßt. Das ist eine der möglichen Erkenntnisse, die der Sekundärgegenstand (Hund) über den Hauptgegenstand (Staat) vermitteln konnte. Da der Sekundärgegenstand aber mehr als einen bloßen Hund bedeutet, eben den Zerberus, müssen zusätzlich auch dessen Implikationen herangezogen werden. Was ist nun das Bedeutungsfeld des im Zerberus implizierten Totenreiches an diesem Punkt in der Lektüre des Textes? Was schützt diese Regierung? Die Welt der „Anarchisten“, der „Verbrecher“, der „Ausländer“, der „Linken“ ? Die Welt der „Rechten“ wohl eher kaum. Die Welt der etablierten Kulturen, Institutionen, der Wirtschaft? Auf jeden Fall liefert die nächste Sequenz einige werkspezifische Hinweise bezüglich der Zusammensetzung der je nach Standpunkt entweder als schützenswert oder als befreienswert dargestellten Welt. Der Autor gibt uns einige Zeilen später seine Deutung: [...]
63 Das bedeutet: wie man sieht, bin ich, der Autor als kultivierter Mensch mit der griechischen Mythologie vertraut. Klarerweise kann die Anspielung auf Zerberus eine große rhetorische Wirkung entfalten. Sie kann etwa den Feind, das Ungeheuer, hier also die Koalition, die man gleichsam als Herkules besiegen will, ohne weitere Schilderung treffend präsentieren. Diese Figur, eine Hyperbel, kann auch weitere Konnotationen initiieren, wie etwa die Dialektik des Kampfes zwischen Oberwelt und Unterwelt, Leben und Tod, Licht und Dunkel, Gut und Böse und so weiter – als Schwarzweißmalerei bekannt. Wichtig ist für die weitere Interpretation in diesem Zusammenhang vor allem, auf das Vorkommen derartiger mythischer Figuren zu achten und über ihre distinktive Rolle hinaus den Sinn ihres Einsatzes zu hinterfragen. Schließlich kann eine Anspielung auch ein Stück Identifikation bedeuten, Identifikation des Autors mit der Welt, aus der er einen bestimmten Ausdruck oder Namen entlehnt. Eine solche Identifikation kann in verschiedensten Formen zur Darstellung kommen, wie zum Beispiel in einem ausgeliehenen Stilmittel oder einem bestimmten Inhalt. Haiders Schreibweise zeigt, zumindest was die Häufungen von Kampfszenen anbelangt, Gemeinsamkeit mit der Schreibweise der Sagen des griechischen Altertums. [...]
62 Der zu befreiende Gegenstand scheint wie ein Gral irgendwo verborgen zu ruhen. Ich fixiere den Primärgegenstand des Fokus, im vorliegenden Fall einer allusio, in der „rotschwarzen Koalition“ und den Sekundärgegenstand im „rotschwarzen Zerberus“. Ohne an dieser Stelle bereits eine Liste der den jeweiligen Gegenständen zugehörigen Implikationssysteme aufstellen zu wollen, läßt sich der Prozeß der metaphorischen Verdrehung wie folgt ausmachen: Die rotschwarze Koalition wird als ein durch eine „Brille“ betrachtetes Objekt gezeigt. Dieser Brille ist eine spezielle Anfertigung des Autors, durch die er das Objekt seiner Betrachtung auf eine bestimmte Weise sieht. Wie dieses Objekt im Bewußtsein des Autors genau erscheint, läßt sich, trotz der an den Leser ausgeliehene Brille, nicht vollständig (re)konstruieren. Dem Leser stehen lediglich die Wörter des Satzes zu Verfügung, die ihm die Anschauungen, die Gedanken des Schreibers vermitteln sollen. Der Leser seinerseits hat die Wahl, den Satz oder seine Elemente, die einzelnen Wörter wörtlich und/oder figurativ zu verstehen. Der Versuch, anhand der Brillen-Metapher die mögliche Bedeutung eines Satzes zu erläutern, bringt den Nachteil mit sich, daß eine derartige Erklärung selbst wiederum metaphorisch ausfällt, daß man, anstatt das zu untersuchende Phänomen besser zu erklären, unter Umständen eine größere Verwirrung der Bedeutungen herbeiführt. Es kann durchaus behauptet werden, daß der Versuch, ein metaphorisch gebrauchtes Wort in dem zu interpretierenden Satz mit einer zusätzlich eingeführten Metapher zu erklären, in der Regel zu einer Regression der Bedeutungen führt. Um dieses Problem zu vermeiden, schlägt Max Black die Aufstellung eines Kataloges von Implikationen der zu interpretierenden Metaphern vor. Im vorliegenden Fall soll hier auf die explizite Darlegung des Implikationskataloges des Hauptgegenstandes verzichtet werden, ich beschränke mich daher auf eine kurze Zusammenstellung der Implikationen des Sekundärgegenstandes. Diesem Gegenstand, der eher einem System als einem Ding entspricht, lassen sich folgende Implikationsarten zuweisen: i) Implikation des Hundes im allgemeinen und I) jene des mythischen Zerberus, wobei der Verwendung des Zerberus vorerst eine rein dekorative Rolle mit dem (gewollten oder ungewollten) Ziel der Distinktion beigemessen wird. [...]
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