"Es ist, außer Gott, gar nichts wahrhaftig": Fichtes Anweisung zum seligen Leben vor dem Hintergrund von Kants praktischer Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Postulatenlehre
- Art: MA-Thesis / Master
- Autor: Sigrid Eckold
- Abgabedatum: November 1995
- Umfang: 157 Seiten
- Dateigröße: 540,1 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
- Bibliografie: ca. 67
- ISBN (eBook): 978-3-8428-2198-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Eckold, Sigrid November 1995: "Es ist, außer Gott, gar nichts wahrhaftig": Fichtes Anweisung zum seligen Leben vor dem Hintergrund von Kants praktischer Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Postulatenlehre, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Postulatenlehre, Das höchste Gut, Praktische Philosophie Kant, Theoretische Philosophie Kant, Wissenschaftslehre Fichte
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MA-Thesis / Master von Sigrid Eckold
Einleitung:
Das Studium von Kants Kritik der praktischen Vernunft spielte für Fichtes philosophische Entwicklung eine entscheidende Rolle, wie seine Aussage darüber belegt: ‘Ich lebe in einer neuen Welt, seitdem ich die Kritik der praktischen Vernunft gelesen habe’. Die Kritik der reinen Vernunft dürfte gleichermaßen zu Fichtes Sinneswandel beigetragen haben, da sie Voraussetzung zum Verständnis der zweiten Kritik ist. Kants philosophischer Einfluß auf Fichte war so entscheidend, daß dieser sich vom Determinismus abwandte. Hatte Fichte zuvor die Ansicht vertreten, jede menschliche Handlung erfolge mit Notwendigkeit aus einem Ursache-Wirkungs-Prinzip, so überzeugte ihn das Studium der Kantischen Kritiken von der Freiheit der Vernunft. Die Konzeption eines unbedingten Sollens in der Formulierung des kategorischen Imperativs sowie die der Korrelation von Freiheit und Sittengesetz bewirkten eine ‘kopernikanische Wende’ in Fichtes Denken hin zur selbstbestimmenden Vernunft. Dies ließ ihn in einem Brief schreiben, er sei jetzt ‘gänzlich überzeugt, daß der menschliche Wille frei sei, und daß Glückseligkeit nicht der Zweck unseres Daseins sei, sondern Glückswürdigkeit.’ Dennoch kritisierte Fichte die Grundlagen der Kantischen Ethik in der Anweisung zum seligen Leben scharf, und grenzte sich in seiner mit der Religionsphilosophie einhergehenden ethischen Konzeption expressis verbis von Kant ab.
Da Philosophieren immer in einem Verhältnis von Philosophen zueinander geschieht, das Gemeinsamkeiten bestätigt oder Unterschiede und konkrete Gegensätze herausarbeitet, ist die Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit, sich nicht von einer Interpretation Fichte gegen Kant oder vice versa leiten zu lassen, sondern die Aufmerksamkeit auf strukturelle Gemeinsamkeiten im vermeintlichen oder behaupteten Unterschied zu richten. Die Kritik Fichtes an den Grundlagen der Moraltheorie Kants gab den Anstoß, die Leitbegriffe der praktischen Philosophie Kants textnah und im Zusammenhang darzustellen, so daß es möglich ist, im Anschluß seine Kritik zu relativieren.
Die Arbeitsgrundlage ist der Anspruch, zwei großen Philosophen gerecht zu werden. Deshalb bemüht sich die Darstellung von Kants ethischer Theorie und Fichtes Religionsphilosophie um die Nähe zum Text und versucht doch, in kritischer Distanz zu einem eigenen Standpunkt zu kommen.
Die praktische Philosophie Kants und seine Postulatenlehre ist Thema des ersten Kapitels. Sie bilden den Ausgangspunkt für Fichtes Moralbegründung in der Religionslehre. Weil Fichte darin einen anderen Weg als Kant einschlug, wird der Lehre von den Postulaten besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Zielsetzung ihrer Darstellung ist der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob das Kernstück in der ‘Dialektik’ der Kritik der praktischen Vernunft, nämlich der Begriff des ‘höchsten Gutes’ und die Postulate ‘Gott’, ‘Freiheit’ und ‘Unsterblichkeit der Seele’, nachweislich eine Inkonsequenz Kants im System der praktischen wie theoretischen Vernunft widerspiegelt.
Weil Fichtes Reflexionsniveau in der Anweisung den methodischen Ort seiner philosophischen Theorie impliziert und für diese die transzendentale Fragestellung Kants Bedingung ist, wird im zweiten Kapitel die Antwort Kants und Fichtes auf die Frage, ‘Was kann ich wissen?’ kurz beleuchtet. Eine Skizze ihrer Methodik in der theoretischen Philosophie soll gemeinsame Ansätze und unterschiedliche Weiterführungen andeuten, so daß die Struktur ihres transzendentalen Fragens in ihren konstitutiven Schwerpunkten ausgelotet wird.
Im Anschluß daran wird im Rekurs auf den zweiten Vortrag der Wissenschaftslehre von 1804 der methodische Weg Fichtes zum Absoluten skizziert, da Fichtes Religionslehre von 1806, Die Anweisung zum seligen Leben, die in der Wissenschaftslehre von 1804 systematisch erarbeitete höchste Einheit von Sein und Denken zum Ausgangspunkt hat. Dieses Vorgehen soll den Boden bereiten für die dann folgende systematische Darstellung von Fichtes Religionslehre. Der Exkurs zur Wissenschaftslehre erscheint angebracht, um aus ihrer Perspektive von 1804 die Anweisung in den Zusammenhang von Fichtes philosophischer Konzeption zu integrieren.
Die Aufgabe, die Anweisung in ihrer leitmotivischen Aussage ‘Es ist, außer Gott, gar nichts wahrhaftig’ aus dem Kontext der praktischen Philosophie Kants zu beleuchten, wird sich besonders Fichtes Antwort auf die Fragen ‘Was soll ich tun?’ und ‘Was darf ich hoffen?’ zuwenden, um seine Moralbegründung darzustellen.
Das vierte Kapitel betrachtet die Postulatenlehre im Spiegel der Religionslehre Fichtes. Eine Schlußbetrachtung faßt die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammen.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 1 | |
| 1. | Die praktische Philosophie Kants als Hintergrund für Fichtes Religionslehre | 4 |
| 1.1 | Kants Anspruch an eine Moralphilosophie | 4 |
| 1.2 | Kants Pflichtbegriff | 5 |
| 1.3 | Der Kategorische Imperativ | 10 |
| 1.4 | Die Korrelation von Freiheit und Sittlichkeit | 23 |
| 1.4.1 | Das Faktum der Vernunft | 25 |
| 1.4.2 | Der Mensch als Bürger zweier Welten: Die Begriffe ‘intelligibler’ und ‘empirischer’ Charakter | 28 |
| 1.5 | Die Postulatenlehre | 32 |
| 1.5.1 | Die Konzeption des höchsten Gutes: Ist die Einheit von Tugend und Glückseligkeit möglich? | 33 |
| 1.5.2 | Die Antinomie der praktischen Vernunft | 34 |
| 1.5.3 | Die Postulate der Unsterblichkeit der Seele und der Existenz Gottes: Garanten des höchsten Gutes? | 39 |
| 1.5.4 | Das Postulat der Freiheit | 47 |
| 1.5.5 | Schlußbetrachtung zur Postulatenlehre | 50 |
| 2. | Der transzendentale Fragehorizont bei Kant und Fichte | 58 |
| 2.1 | Kant und Fichte: Die Frage nach der Einheit der Erkenntnis | 58 |
| 2.1 | Synthesis und Transzendentalphilosophie | 62 |
| 2.3 | Die ‘Ding an sich’-Problematik | 65 |
| 2.4 | Fichtes Entwicklung der Transzendentalphilosophie | 70 |
| 2.4.1 | Fichte und Spinoza | 73 |
| 3. | Der transzendentale Aufbau der Religionslehre | 78 |
| 3.1 | Der Aufstieg zum Absoluten: Die Anweisung zum seligen Leben aus der Perspektive der Wissenschaftslehre von 1804 | 78 |
| 3.2 | Das ‘in sich geschlossene Singulum’ | 81 |
| 3.3 | Die Differenz des Absolutem zum absoluten Wissen: Das Gesetz der Projektion | 86 |
| 3.3.1 | Der Begriff der absoluten Liebe als höchstes Einheits- und Spaltungsprinzip | 91 |
| 3.3.2 | Das Gesetz der Reflexion | 95 |
| 3.4 | Das Schema der Fünffachheit | 101 |
| 3.4.1 | Der Standpunkt der Sinnlichkeit | 103 |
| 3.4.2 | Die Stufe der Legalität | 106 |
| 3.4.3 | Der Standpunkt der Moralität | 114 |
| 3.4.4 | Der Standpunkt der Religion | 121 |
| 3.4.5 | Der Standpunkt der Wissenschaft | 128 |
| 4. | Die kantischen Postulate aus der Perspektive von Fichtes Religionslehre | 132 |
| 4.1 | Die Glückseligkeit ‘jenseits des Grabes’: Die Unsterblichkeit der Seele in der Religionslehre | 134 |
| 4.2 | Freiheit als unerläßliche Bedingung der Sittlichkeit - Kants Freiheitspostulat im Lichte der Anweisung | 136 |
| 4.3 | ’Es ist, außer Gott, gar nichts wahrhaftig’ | 140 |
| Schlussbetrachtung | 144 | |
| Literaturverzeichnis | 149 |
Textprobe:
Kapitel 2.3, Die ‘Ding an sich’-Problematik:
Die Synthesis Kants, welche die Einheit des Bewußtseins herstellt, überbrückt zwar den durch die Trennung in Verstandes- und Sinnenwelt entstandenen Dualismus, doch ist nach Fichtes Kant-Interpretation ‘alles Bewußtsein durch das Selbstbewußtsein nur bedingt, d. h. der Inhalt desselben kann durch irgend etwas außer dem Selbstbewußtsein begründet sein ...’. Dagegen hebt Fichte in seinem transzendentalen Ansatz die ‘Ding-ansich-Struktur’ auf der Subjekt- wie auf der Objektseite in einer Subjekt-Objekt-Identität auf, die sich produktiv, d. h. Sein und Denken aus dem Einheitsgrund des Wissens erzeugend, spaltet. Im Gegensatz zu Kants transzendentalem Standpunkt geht nun alles Bewußtsein aus dem Selbstbewußtsein hervor und bedingt es nicht nur.
Fichte selbst sieht in seinem philosophischen System keine völlig neuen Überlegungen gegenüber Kants Aussagen und erst recht keinen Widerspruch zu ihnen. Doch hat Fichte die philosophische Theorie Kants von Beginn an aus einer ‘epistemologischen’ Fragestellung rezipiert und den theoretischen Horizont seines eigenen Denkens von einem meta-epistemischen methodischen Ort aus erweitert. Das zeigt sich beispielsweise in der Diskussion über die von Kant-Interpreten erörterte Kernfrage, ob Dinge an sich außer uns befindlich sind, welche Fichte verneint. Denn der Grundstein für Kants Realismus liegt nach dem Verständnis Fichtes darin, daß ein Ding, ein Noumen nach den ‘von Kant nachgewiesenen Gesetzen des Denkens, zu der Erscheinung nur hinzugedacht wird ...’ etwas wird deshalb ‘als Ding an sich, d. i. unabhängig von mir, dem empirischen, Vorhandenen ...’ ausschließlich auf einem empirischen Standpunkt gedacht. Das Kantische Ding an sich, das Noumen, ist also das, was Erscheinungen hinzugedacht wird. Das bedeutet konkret, daß die Dinge an sich Konstrukte unseres Denkens sind. Diese unterliegen jedoch nicht einem freiem Denkakt, sondern werden aus der Perspektive des endlichen menschlichen Denkens aufgrund eines notwendigen Denkens, das die ‘Ichheit’ oder synonymisch, die reine Vernunft projiziert, wahrgenommen (ebd.). Der Gedanke des Dinges an sich kann aus diesem dargestellten Grund-Folge-Verhältnis nicht durch die Empfindung begründet sein, die auf das Ich einwirkt. Fichte bezeichnet eine in dieser Art und Weise interpretierte Theorie Kants, wie sie die Kantianer seiner Zeit vertreten, eine ‘abenteuerliche Zusammensetzung des gröbsten Dogmatismus, der Dinge an sich Eindrücke in uns machen läßt ...’.
Spricht Kant aber nicht selbst davon, daß ‘uns der Gegenstand gegeben wird’ und wir ‘Vorstellungen, durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, ... bekommen’? Indem der menschliche Verstand die Komplexität der Anschauung in einer synthetischen Einheit erfaßt und zu einem Begriff kommt, wird eine Vorstellung von einem Gegenstand erzeugt. Daraus folgt, daß dieser so erzeugte Gegenstand eine Konstruktion des Denkens ist, ‘das durch den Verstand der Erscheinung Hinzugetane, ein blosser Gedanke’. Inwiefern kann dann die Wahrnehmung durch diesen Gegenstand affiziert werden? Wenn der Gegenstand nur Gedanke ist, dann ist folglich auch die Affektion nur Gedanke: ‘Wenn du einen Gegenstand setzest mit dem Gedanken, daß er dich affiziert habe, so denkst du dich in diesem Falle affiziert ...’ Diese gedachte Affektion ist der Ausgangspunkt aller Erkenntnis. Im Fichteschen Sprachgebrauch bedeutet dies: ‘so gewiß ich mich setze, setze ich mich als ein Beschränktes; zufolge der Anschauung meines Selbstsetzens. Ich bin zufolge dieser Anschauung endlich.’ Das heißt, indem der Mensch sich bestimmt, grenzt er sich von der Bedingung seiner Existenz - der Ichheit – ab und verendlicht sich. Er erschafft sich durch die Anschauung eine ausgedehnte Materie, aus welcher er durch Synthesen und Analysen ein Weltsystem kreiert und in der Beobachtung und Erklärung dieses Systems zur philosophischen Wissenschaft kommt, worin der ‘Kantische empirische Realismus [liegt], welcher tatsächlich ein transzendentaler Idealismus ist.’ Fichte interpretiert Kants Philosophie also als transzendentalen Idealismus und bannt so die Gefahr, sie als einen empirischen Realismus oder sogar einen einseitigen Idealismus anzusehen, der ‘die Ganzheit der erkenntnismäßigen Erfahrung auf das Subjekt (Bewußtsein), d. i. auf einen von zwei Bestandteilen ebenderselben Erfahrung’ reduziert. Kants Aussage zu dieser Problematik in der Kritik der reinen Vernunft läßt keinen Zweifel darüber, wie er seine Konzeption verstanden wissen will: den reinen Anschauungsformen - Raum und Zeit - kommt ‘empirische Realität’ zu. Es folgt aber daraus nicht, ‘daß Raum und Zeit an sich und dann in der Form von Substanzen, Eigenschaften oder Verhältnissen bestehen’. Sie sind die Bedingungen, unter denen dem Menschen Gegenstände erscheinen können, deshalb haben sie nach Kant ‘transzendentale Idealität’. Mit dem Standpunkt des transzendentalen Idealismus nimmt Fichte eine andere theoretische Ebene ein und formuliert als Folge davon das konkret, was aus Kants Perspektive der theoretischen wie der praktischen Vernunft zwar angelegt war, aber letztlich unbesehen blieb.
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